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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/balzac/bauern/bauern.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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IV

Das Triumvirat von Ville-aux-Fayes

Der kluge Wucherer hatte sein Weib und Jean gezwungen, sich mit dem Tage schlafen zu legen und aufzustehn. Er hatte ihnen bewiesen, daß das Haus niemals angegriffen werden würde, wenn er dann bis Mitternacht wache und spät aufstehe. So hatte er nicht nur seine Ruhe von sieben Uhr abends bis fünf Uhr früh gewonnen, sondern auch sein Weib und Jean daran gewöhnt, seinen Schlaf und den der Hagar, deren Kammer hinter seiner lag, zu achten.

So klopfte denn am folgenden Morgen gegen sechseinhalb Uhr Madame Rigou, die selber die Versorgung des Wirtschaftshofs zusammen mit Jean überwachte, furchtsam an ihres Gatten Zimmertüre.

»Monsieur Rigou,« sagte sie, »du hast mir befohlen, dich zu wecken!«

Der Ton dieser Stimme, die Haltung der Frau, ihre furchtsame Miene beim Befolgen eines Befehls, dessen Ausführung übel aufgenommen werden konnte, offenbarten die tiefe Selbstverleugnung, in der das arme Geschöpf lebte, und die Liebe, die sie für diesen geschickten Tyrannen empfand.

»'s ist gut!« rief Rigou.

»Soll ich Annette wecken?« fragte sie.

»Nein, laß sie schlafen; sie ist die ganze Nacht über auf den Füßen gewesen,« erwiderte er ernst.

Der Mann war immer ernst, selbst, wenn er sich einen Scherz erlaubte. Tatsächlich hatte Annette für Sibilet, Fourchon und Cathérine Tonsard, die alle zu verschiedenen Stunden zwischen elf und ein Uhr gekommen waren, heimlich die Tür aufgemacht.

Zehn Minuten später kam Rigou, sorgfältiger gekleidet als gewöhnlich, herunter und sagte zu seiner Frau: »Guten Tag, Alte!« was sie glücklicher machte, als wenn sie den General von Montcornet zu ihren Füßen gesehen hätte.

»Jean,« sagte er zu dem Exlaienbruder, »geh nicht aus dem Hause, laß mir nichts stehlen, du würdest mehr dabei verlieren als ich.«

Durch eine Mischung von Freundlichkeit und harter Abweisung, Hoffnungen und Rippenstößen hatte der kluge Egoist seine drei Sklaven so treu und so anhänglich wie Hunde gemacht.

Rigou, der immer den Höhenweg einschlug, um den Kreuzberg zu meiden, kam gegen acht Uhr auf dem Soulanger Marktplatz an.

Im Moment, wo er die Zügel am nächsten Wirbel der kleinen Tür über den drei Stufen festband, öffnete sich das Fenster. Soudry zeigte sein pockennarbiges Gesicht, welches der Ausdruck zweier kleiner schwarzer Augen sehr pfiffig machte.

»Beginnen wir mit einem Imbiß; denn in Ville-aux-Fayes werden wir nicht vor Eins frühstücken.«

Ganz leise rief er eine Magd. Diese war jung und hübsch wie die Rigous; sie kam geräuschlos herunter und er sagte zu ihr, sie solle ein Stück Schinken und Brot auftragen; dann ging er selber zum Weinholen in den Keller.

Rigou betrachtete zum tausendsten Male dieses Eßzimmer mit seinen Eichendielen und seiner verzierten Decke, das mit schön gemalten Schränken versehen, in Brusthöhe getäfelt, mit einem hübschen Ofen und einer prachtvollen Wanduhr geschmückt war, die von Mademoiselle Laguerre herrührten. Die Rückenlehnen der Stühle zeigten Lyraform, der Sitz bestand aus grünem Maroquinleder mit vergoldeten Nägeln. Der massive Mahagonitisch war mit grünem Wachstuch mit großen dunklen Schraffierungen und grünem Randstreifen bedeckt. Der Parkettboden, der von Urbain aufs peinlichste gebohnert wurde, zeigte die Sorgfalt an, mit der ehemalige Kammerfrauen sich bedienen lassen.

»Bah, das kostet zu viel,« sagte Rigou sich wiederum. »Man ißt in meinem Speisezimmer ebenso gut, und ich hab' die Rente von dem Gelde, das ich brauchte, um mich mit solch unnützem Prunk zu umgeben.«

»Wo ist denn Madame Soudry?« fragte er den Bürgermeister von Soulanges, der, mit einer ehrwürdigen Flasche bewaffnet, erschien.

»Sie schläft.«

»Und Sie stören ihren Schlummer wohl kaum mehr,« sagte Rigou.

Der Exgendarm kniff mit spöttischer Miene die Augen zu und wies auf den Schinken hin, den Jeannette, seine hübsche Magd, brachte.

»Der wird Sie aufmöbeln, so'n hübscher Brocken wie der da,« sagte der Bürgermeister; »hausschlachten, gestern angeschnitten . . .«

»Die hab' ich bei Ihnen ja noch gar nicht gesehen, Gevatter. Wo haben Sie die aufgegabelt?« flüsterte der alte Benediktiner Soudry ins Ohr.

»Sie ist wie der Schinken,« antwortete der Gendarm und blinzelte abermals; »ich hab' sie seit acht Tagen.«

Jeannette, noch in der Nachthaube, in kurzem Rock, die nackten Füße in Pantoffeln, hatte das wie ein Mieder gemachte Jäckchen nach der Mode der bäuerlichen Klasse angelegt, über das sie kreuzweise ein Seidentüchlein gebunden hatte, welches ihre jugendlichen und frischen Reize nicht gänzlich verbarg, und schien nicht minder appetitlich als der von Soudry gerühmte Schinken. Klein, drall wie sie war, ließ sie ihre nackten, rosigen Arme sehen, an deren Enden große Hände mit Grübchen, mit kurzen und an den Spitzen gut geformten Fingern volle Gesundheit anzeigten. Es war das echte rote, aber an Schläfen, Hals und Ohren weiße burgundische Gesicht. Kastanienbraune Haare, die Augenwinkel nach dem oberen Ohrende hin hochgezogen, offene Nasenlöcher, ein sinnlicher Mund, längs den Wangen ein bißchen Flaumhaar, dann ein lebhafter Ausdruck, der durch eine bescheidene und scheinheilige Haltung gemäßigt wurde, all das machte aus ihr das Vorbild einer schelmischen Magd.

»Auf Ehre, Jeannette gleicht dem Schinken,« sagte Rigou. »Wenn ich nicht eine Annette hätte, möcht' ich eine Jeannette haben!«

»Die eine ist die andere wert,« sagte der Exgendarm, »denn Ihre Annette ist sanft, blond, zart . . . Wie geht's Madame Rigou? . . . Schläft sie? . . .« fuhr Soudry plötzlich fort, um Rigou merken zu lassen, daß er seinen Spaß verstanden habe.

»Sie ist mit unserm Hahn aufgewacht,« antwortete Rigou, »legt sich aber mit den Hühnern zu Bett. Ich, ich bleibe auf und lese den ›Constitutionnel‹. Abends und morgens läßt meine Frau mich schlafen, nicht um eine Welt würde sie zu mir hereinkommen . . .«

»Hier ist alles ganz das Gegenteil,« antwortete Jeannette; »Madame bleibt mit den Herrn aus der Stadt beim Spiel sitzen; manchmal sind sie zu fünfzehn im Salon; Monsieur geht um acht Uhr zu Bett, und wir stehen mit dem Tage auf . . .«

»Das scheint euch verschieden,« sagte Rigou, »im Grunde aber ist's dasselbe. Nun, mein schönes Kind, kommt zu mir, ich werd' Annette hierherschicken, das wird das gleiche und doch wieder anders sein.«

»Alter Schelm,« sagte Soudry, »du machst sie schamrot . . .«

»Wie, Gendarm! willst du nur ein Pferd in deinem Stalle haben? . . . Nun wohl, jeder nimmt sein Glück, wo er's findet.«

Auf Befehl ihres Herrn ging Jeannette, um seine Toilette vorzubereiten.

»Du hast ihr wohl versprochen, sie nach deines Weibes Tode zu heiraten?« fragte Rigou.

»In unserem Alter,« antwortete der Gendarm, »bleibt uns nur noch dieses Mittel übrig . . .«

»Bei ehrgeizigen Mädchen würde das ein Mittel sein, prompt Witwer zu werden . . .« erwiderte Rigou, »besonders, wenn Madame Soudry vor Jeannette von ihrer Methode, die Treppen einzuseifen, spräche!«

Dies Wort stimmte die beiden Ehemänner nachdenklich. Als Jeannette kam und meldete, daß alles bereit sei, sagte Soudry zu ihr ein: »Komm, hilf mir,« das dem ehemaligen Benediktiner ein Lächeln ablockte.

»Da ist noch ein Unterschied,« sagte er, »ich würd' dich ohne Sorge mit Annette allein lassen, Gevatter . . .«

Eine Viertelstunde später stieg Soudry in Gala in den Korbwagen, und die beiden Freunde umfuhren den Soulanger See, um nach Ville-aux-Fayes zu gelangen.

»Und das Schloß dort? . . .« fragte Rigou, als man die Stelle erreichte, von wo aus man das Schloß in Seitenansicht sah.

Der alte Revolutionär legte auf dies Wort eine Betonung, aus welcher der Haß sprach, den die ländlichen Bourgeois gegen die großen Schlösser und grossen Güter hegen.

»Solange ich lebe, hoffe ich aber sehr, es aufrecht zu sehen,« erwiderte der alte Gendarm. »Der Graf von Soulanges ist mein General gewesen; er hat mir einen Dienst geleistet, hat mir meine Pension sehr gut geregelt; und dann läßt er sein Land von Lupin verwalten, dessen Vater dort sein Vermögen erworben hat. Nach Lupin wird's ein anderer sein, und so lange es dort Soulanges gibt, wird man das respektieren . . . Das sind brave Leute, sie gönnen jedem seine Ernte und befinden sich wohl dabei . . .«

»Ach, der General hat drei Kinder, die bei seinem Tode vielleicht nicht fertig miteinander werden; der Gatte seiner Tochter und seine Söhne werden es eines schönen Tages versteigern und verdienen tüchtig am Verkaufe der Blei- und Eisengrube an reiche Gütermakler, und die werden wir dann wieder tüchtig zwicken.«

Das Schloß von Soulanges erschien wie um den entkutteten Mönch herauszufordern.

»Ach ja, in jener Zeit, da baute man gut!« rief Soudry. »Aber der Herr Graf spart in diesem Augenblick seine Einkünfte, um aus Soulanges das Majorat seiner Pairschaft machen zu können!«

»Gevatter,« erwiderte Rigou, »die Majorate werden fallen.«

Als das Kapitel ihrer Interessen einmal erschöpft war, begannen die beiden Bürger, über die Meriten ihrer beiderseitigen Kammerkätzchen in einem Platt zu sprechen, das allzu burgundisch war, als daß es gedruckt werden könnte. Dieser unerschöpfliche Gesprächsstoff beschäftigte sie solange, bis sie den Bezirkshauptort erblickten, wo Gaubertin herrschte, und der die Neugier vielleicht genugsam reizt, daß selbst die eiligsten Leser eine kleine Abschweifung gutheißen.

Der etwas seltsame Name Ville-aux-Fayes erklärt sich leicht durch die sprachliche Entartung dieses Namens (in späterem Latein villa in fago, die Waldburg). Dieser Name sagt deutlich, daß ehemals ein Wald das von der Avonne gebildete Delta bei ihrer Vereinigung mit dem Fluß bedeckte, der fünf Meilen oberhalb in die Avonne mündet. Zweifelsohne baute sich ein Franke eine Burg auf dem Hügel, der sich dort zur Seite wendet und sich mit sanften Hängen in die langgestreckte Ebene verliert, wo Leclerq, der Deputierte sich seinen Besitz gekauft hatte.

Indem er durch einen großen und langen Graben das Delta absonderte, schuf der Eroberer sich eine furchtbare Stellung, einen recht eigentlich lehnsherrlichen Platz, bequem, um Wegegeld auf den für die Straßen notwendigen Brücken zu erheben und um über die Mahlrechte, mit denen die Mühlen belegt waren, zu wachen.

Das ist die Geschichte von den Anfängen von Ville-aux-Fayes. Ueberall wo sich eine lehnsherrliche oder kirchliche Herrschaft festsetzt, hat sie Interessen, Bewohner und später Städte erzeugt, wenn die Oertlichkeiten in der Lage waren, Industrien anzulocken, zu entwickeln oder zu gründen. Das von Jean Rouvet entdeckte Verfahren, Hölzer zu flößen, welches günstige Plätze erheischte, um sie aufzufangen, brachte Ville-aux-Fayes, das bis dahin, mit Soulanges verglichen, nur ein Dorf war, in die Höhe. Ville-aux-Fayes wurde der Holzstapelplatz der Wälder, die in einer Ausdehnung von zwölf Meilen die beiden Flüsse einsäumten. Die Arbeiten, die das Wiederauffischen, die Eigentumsfeststellung der »verlorenen« Hölzer, die Zusammenstellung der Züge Floßholz, welche die Avonne in die Seine trägt, erforderten, brachten einen lebhaften Zuzug von Arbeitern mit sich. Die Bevölkerung regte den Verbrauch an und ließ den Handel entstehen. So zählte Ville-aux-Fayes, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts keine sechshundert Einwohner hatte, 1790 deren zweitausend, und Gaubertin hatte sie auf viertausend gebracht. Und zwar auf folgende Weise: Als die Gesetzgebende Versammlung die neue Gebietseinteilung dekretierte, wurde Ville-aux-Fayes, das in dem Abstande gelegen war, der geographisch eine Unterpräfektur verlangte, Soulanges als Bezirkshauptstadt vorgezogen. Die Unterpräfektur zog das Gericht erster Instanz und alle Beamten einer Bezirkshauptstadt nach sich. Das Anwachsen der Pariser Bevölkerung vermehrte durch die Werterhöhung des Brennholzes und den größeren Bedarf daran notwendigerweise die Wichtigkeit des Handels von Ville-aux-Fayes. Gaubertin hatte sein junges Glück auf dieser Voraussicht aufgebaut, indem er den Einfluß des Friedens auf die Pariser Bevölkerung erriet, die von 1815 bis 1825 tatsächlich um mehr als ein Drittel gewachsen ist.

Die äußere Gestalt von Ville-aux-Fayes ist durch das Gelände bestimmt. Die beiden Linien des Gebirgsvorsprungs waren durch Häfen eingefaßt.

Das Wehr zum Auffangen der Hölzer befand sich am Fuße des Hügels, der von dem Soulanger Wald eingenommen wird. Zwischen Wehr und Stadt lag eine Vorstadt. Die untere Stadt, in dem breitesten Teile des Deltas liegend, senkt sich nach der großen, ruhigen Wasserfläche des Avonnesees.

Ueber der Unterstadt umgeben fünfhundert Häuser mit Gärten auf der seit dreihundert Jahren urbargemachten Höhe den Gebirgsvorsprung auf drei Seiten und erfreuen sich all der vielfältigen Ansichten, welche die diamantklare ruhige Fläche des Avonnesees darbietet, der durch in Bau befindliche Flöße an seinen Ufern und durch Holzstapel abgesperrt wird. Die mit Floßholz bedeckten Gewässer und die hübschen Kaskaden der Avonne, die, höher fließend als der Strom, in den sie sich ergießt, die Schützen der Mühlen und die Schleusen einiger Fabriken speisen, bilden ein sehr belebtes Gemälde, das umso anziehender ist, als es durch grüne Waldmassen eingerahmt wird und das lange Tal von Les Aigues einen prachtvollen Gegensatz bildet zu den dunklen Massen, die Ville-aux-Fayes beherrschen.

Dieser weiten Wand gegenüber macht die Staatsstraße, die das Wasser eine Viertelmeile oberhalb von Ville-aux-Fayes auf einer Brücke überschreitet, am Anfange einer Pappelallee einen Einschnitt. Dort befindet sich eine kleine Vorstadt, die sich um die zu einem großen Pachtgut gehörige Pferdepost gruppiert. Die Bezirksstraße macht ebenfalls einen Umweg, um die Brücke zu gewinnen, wo sie sich mit der Hauptstraße vereinigt.

Gaubertin hatte sich ein Haus auf einem Grundstück des Deltas gebaut mit der Absicht, dort einen Platz anzulegen, der die Unterstadt ebenso schön machen sollte wie die obere Stadt. Es war das moderne Steinhaus mit gußeisernen Balkons, Jalousien, schön gestrichenen Fenstern, ohne einen anderen Schmuck als einen Mäander unter dem Gesims, mit Schieferdach, einem schönen Hof und, nach hinten hinaus, einem englischen Garten, den die Gewässer der Avonne benetzten. Die Eleganz dieses Hauses zwang die Unterpräfektur, die provisorisch in einem Hundezwinger untergebracht worden war, sich gegenüber zu installieren in einem Hause, das der Bezirk auf Betreiben der Deputierten Leclerq und Ronquerolles zu bauen genötigt wurde. Dort baute die Stadt auch ihr Bürgermeisteramt. Das gleichfalls in einem Mietshause untergebrachte Gericht bekam einen kürzlich vollendeten Justizpalast, so daß Ville-aux-Fayes dem rührigen Geiste seines Bürgermeisters eine Reihe sehr imposanter moderner Bauwerke verdankte. Die Gendarmerie baute sich eine Kaserne, um das durch den Platz gebildete Viereck zu schließen.

Diese Veränderungen, auf welche die Bewohner stolz sind, waren Gaubertins Einfluß zu danken, der vor einigen Tagen anläßlich des nahen Königsgeburtstages das Kreuz der Ehrenlegion erhalten hatte. In einer so beschaffenen Stadt moderner Schöpfung findet man weder Aristokratie noch Adel. Auch betrachteten die Bürger von Ville-aux-Fayes, die stolz auf ihre Unabhängigkeit sind, den überlieferten Streit zwischen den Bauern und einem Grafen des Kaiserreichs, der Partei für die Restauration nahm, alle als ihre eigene Angelegenheit. Für sie waren die Unterdrücker die Unterdrückten. Der Geist dieser Handelsstadt war der Regierung so wohl bekannt, daß man als Unterpräfekten dort einen Mann von verträglicher Gemütsart, den Schüler seines Onkels, den berühmten Lupeaulx, hingesetzt hatte, einen jener an Vergleiche gewöhnten Leute, die mit den Erfordernissen aller Regierungen vertraut sind und von den politischen Puritanern, die noch mehr Schaden anrichten, der Bestechlichkeit geziehen werden.

Das Innere des Gaubertinschen Hauses war mit den ziemlich flachen Erzeugnissen des modernen Luxus ausgestattet. Da gab's reiche Papiertapeten mit vergoldeten Rändern, Bronzekronleuchter, Mahagonimöbel, Astrallampen, runde Tische mit Marmorplatten, weißes Porzellan mit Goldrand für den Nachtisch, Stühle mit roten Maroquinsitzen und Aquatintagravüren im Eßzimmer, ein blaues Kaschmirmobiliar im Salon, lauter frostige Details von außerordentlicher Flachheit, die Ville-aux-Fayes aber als die letzten Meisterwerke einer Sardanapalischen Ueppigkeit erschienen. Madame Gaubertin spielte darin die Rolle einer eleganten Dame von großem Vermögen, sie zierte sich mit ihren fünfundvierzig Jahren als eine Bürgermeisterin, die ihrer Sache sicher war und ihren Hof hatte.

Stellen Rigous, Soudrys und Gaubertins Haus für den Kenner Frankreichs nicht auf das vollkommenste das Dorf, die kleine Stadt und die Unterpräfektur dar?

Ohne ein Mann von Geist noch ein talentvoller Mann zu sein, war Gaubertin dem Anschein nach beides; die Sicherheit seines Blicks und seine Bosheit verdankte er einer übermäßigen Gewinngier. Er wollte sein Vermögen weder für seine Frau, noch für seine beiden Töchter, noch für seinen Sohn, noch für sich selber, noch aus Familiensinn, noch um der Hochachtung willen haben, die einem das Geld einbringt. Abgesehen von seinem Rachegefühl, das ihm Leben gab, liebte er das Klingen des Geldes wie Nucingen, der, wie es hieß, das Gold in seinen beiden Taschen immer zugleich befühlte. Der Gang der Geschäfte war das Leben dieses Mannes; und obwohl er den Bauch voll hatte, entwickelte er stets die Aktivität eines Menschen mit leerem Magen. Aehnlich den Theaterdienern machten ihn die Intrigen, die zu spielenden Streiche, die zu organisierenden Kämpfe, die Betrügereien, die kommerziellen Kniffe, die Rechnungslegung, die Interessenstreitigkeiten und Auftritte dabei aufgeräumt und lustig, hielten sein Blut in Zirkulation und verteilten ihm gleicherweise Galle im Leibe. Und er ging und kam hoch zu Roß, im Wagen und auf dem Wasserwege, in die Holzschläge zu Verdingungen und nach Paris, immer an alles denkend, tausend Fäden in seinen Händen haltend und sie nicht verwirrend. Lebhaft, entschieden in seinen Bewegungen wie in seinen Ideen, klein, kurz, untersetzt, mit feiner Nase, lebendigem Auge, gespitztem Ohre ähnelte er einem Jagdhunde. Sein sonnenverbranntes, braunes und ganz rundes Gesicht, von dem brandrote Ohren abstanden, denn er trug gewöhnlich eine Mütze, stand mit diesem Charakter in Einklang. Seine Nase war aufgeworfen, seine zusammengekniffenen Lippen durften sich niemals für ein wohlwollendes Wort auftun. Sein dichter Backenbart bildete unter starkgefärbten Wangen zwei schwarze schimmernde Büsche und verlor sich in der Krawatte. Seine Physiognomie vervollständigten sehr gut schwarz und weiße gekräuselte Haare, die sich natürlich wie die einer alten Magistratsbeamtenperücke stuften und sich ringelten wie durch die Gewalt des Feuers, das seinen braunen Schädel heizte und in seinen grauen Augen brannte, die, zweifelsohne dank der Gewohnheit, beim Sehen im Freien in vollem Sonnenscheine immer zu blinzeln, von kreisförmigen Falten umgeben waren. Dürr, mager, nervig, hatte er die haarigen, gekrümmten, beuligen Hände der Leute, die ihr Leben in die Schanze schlagen. Sein Benehmen gefiel denen, mit denen er zu tun hatte; denn er hüllte sich in einen trügerischen Frohsinn; er verstand viel zu reden, ohne zu sagen, was er verschweigen wollte; er schrieb wenig, um das, was ihm an übereilten Abmachungen ungünstig erschien, ableugnen zu können. Seine Schreibereien wurden von einem Kassierer erledigt, einem rechtschaffenen Manne, wie ihn Leute von Gaubertins Charakter immer aufzutreiben wissen, und den sie in ihrem Interesse zuerst betrügen.

Als Rigous kleiner Korbwagen sich gegen acht Uhr in der Allee zeigte, die hinter der Post den Fluß entlang führte, kam Gaubertin bereits in Mütze, Stiefeln und Rock von den Häfen zurück und beschleunigte seinen Schritt, da er wohl erriet, daß Rigou nur »der großen Sache« wegen sein Haus verließe.

»Guten Tag, Vater Raufbold, guten Tag, lieber braver Mann voll Galle und Weisheit,« sagte er, den beiden Besuchern der Reihe nach einen leichten Klaps auf den Bauch versetzend. »Wir haben von Geschäften zu reden, und werden darüber mit dem Glase in der Hand reden, potztausend! Das ist die wahre Manier.«

»Bei dem Leben müßten Sie fett sein,« sagte Rigou.

»Ich rackere mich zu sehr ab; ich bin nicht wie Ihr an mein Haus gebannt und dort festgeklebt wie ein alter Soldat . . . Ach, Ihr habt's gut, meiner Treu! Ihr könnt, das Feuer im Buckel, den Tisch vorm Bauch in einem Sessel sitzend Geschäfte machen, die Kundschaft sucht Euch auf. Aber, Himmelsapperment, treten Sie doch ein! Das Haus steht Ihnen für die Zeit, die Sie drinnen sind, ganz zur Verfügung.«

Ein Diener in blauer, rot eingefaßter Livree nahm das Pferd am Zügel und führte es in den Hof, wo sich die Nebengebäude und die Ställe befanden.

Gaubertin ließ seine beiden Gäste sich im Garten ergehen und suchte sie nach einem Augenblick, der nötig war, um seine Befehle zu erteilen und ein Frühstück vorzubereiten, wieder auf.

»Nun, meine kleinen Wölfe,« sagte er, sich die Hände reibend, »man hat die Gendarmerie von Soulanges sich bei Tagesanbruch nach Conches hin wenden sehen; zweifelsohne wollen sie die wegen Forstfrevels Verurteilten verhaften . . . Potztausend, das macht heißes Blut, das macht heißes Blut . . . Zu dieser Stunde«, fuhr er, auf die Uhr sehend, fort, »dürften die Burschen gut und sicher verhaftet sein.«

»Wahrscheinlich,« sagte Rigou.

»Nun, was sagt man im Dorf? Was hat man beschlossen?«

»Aber was gibt's da zu beschließen?« fragte Rigou. »Wir haben gar nichts damit zu tun,« fügte er hinzu und blickte Soudry an.

»Wie? nichts damit zu tun? Und wenn man unseren Kombinationen zufolge Les Aigues verkauft, wer wird fünf- oder sechsmalhunderttausend Franken dabei gewinnen? Bin ich's allein? Meine Nieren sind nicht stark genug, um zwei Millionen auszuspucken, ich hab' drei Kinder auszustatten und eine Frau, die in punkto Ausgaben keine Vernunft annimmt; ich brauche Teilnehmer. Hat Vater Raufbold seine Gelder nicht verfügbar? Er hat keine Hypothek, die nicht auf Ziel geliehen ist, er leiht beim Spiel nur noch gegen Schein, dafür stehe ich ein. Ich beteilige mich für achtmalhunderttausend Franken dabei, mein Sohn, der Richter, mit zweimalhunderttausend; wir rechnen beim Raufbold auf zweimalhunderttausend; mit wieviel wollen Sie sich beteiligen, Vater Plattmütze?«

»Mit dem Rest,« sagte Rigou kalt.

»Potzblitz! ich möchte die Hand haben, wo Sie's Herz haben!« sagte Gaubertin. »Und was werden Sie tun?«

»Nun, ich werde tun, was Sie tun; sagen Sie Ihren Plan.«

»Mein Plan ist,« antwortete Gaubertin, »doppelt zu nehmen, um zur Hälfte an die zu verkaufen, welche in Blangy, Cerneux und Conches davon haben wollen. Der Vater Soudry wird seine Kunden in Soulanges haben und Sie Ihre hier. Da gibt's keine Schwierigkeit; wie aber einigen wir uns untereinander; wie wollen wir die großen Lose verteilen?«

»Mein Gott, nichts ist einfacher,« sagte Rigou. »Jeder mag nehmen, was ihm am besten paßt. Ich, um mit mir anzufangen, ich werde niemanden genieren, ich werde die Wälder nehmen, gemeinsam mit meinem Schwiegersohn und dem Vater Soudry, den Rest werden wir Ihnen überlassen; der ist, meiner Treu, Ihr Geld wert.«

»Wollen Sie uns das unterschreiben?« sagte Soudry.

»Die Urkunde würde nichts wert sein,« antwortete Gaubertin. »Uebrigens sehen Sie, daß ich offenes Spiel spiele; ich verlasse mich ganz auf Rigou, er soll der Käufer sein.«

»Das genügt mir,« sagte Rigou.

»Nur eine Bedingung stelle ich: ich möchte den Jagdpavillon, seine Nebengebäude und fünfzig Arpent im Umkreise haben; die Arpents werde ich bezahlen. Der Pavillon soll mein Landhaus sein, es wird bei meinen Wäldern liegen. Madame Gaubertin . . . Madame Isaure, wie sie genannt zu werden wünscht, will ihre Sommerfrische dort halten, sagt sie!«

»Darauf geh ich gern ein,« antwortete Rigou.

»Heh, unter uns,« fuhr Gaubertin mit leiser Stimme fort, nachdem er nach allen Seiten um sich geschaut und sich genau vergewissert hatte, daß niemand ihn hören könnte, »halten Sie sie für fähig, irgendeinen bösen Streich auszuführen?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Rigou, der Andeutungen niemals verstehen wollte.

»Nun, wenn der wütendste der Bande, eine in solchen Dingen geschickte Hand, dem Grafen eine Kugel um den Kopf pfeifen ließe . . . einfach um ihm Trotz zu bieten?«

»Er ist Manns genug, ihm nachzusetzen und ihn zu packen.«

»Dann Michaud . . .«

»Michaud würde damit nicht herumprahlen, würde List anwenden, herumspionieren und den Mann und die ihn bewaffnet haben, herauskriegen.«

»Sie haben recht,« erwiderte Gaubertin. »Dreißig müssen sich zusammen empören, man wird einige auf die Galeeren schicken . . . kurz, man wird die Lumpen erwischen, derer wir uns entledigen wollen, nachdem sie uns dabei gedient haben. Sie haben da zwei oder drei Schnapphähne wie Tonsard und Bonnébault . . .«

»Tonsard wird irgendeinen bösen Streich begehen,« sagte Soudry, »ich kenne ihn; . . . und wir werden ihn von Vaudoyer und Courte-Cuisse noch aufhetzen lassen.«

»Courte-Cuisse hab' ich in der Hand,« erklärte Rigou.

»Und ich Vaudoyer.«

»Vorsicht,« sagte Rigou, »vor allem Vorsicht.«

»Halt, Papa Plattmütze, glauben Sie denn etwa, daß die Dinge, so wie sie laufen, uns irgendwie schaden können? Sind wir's, die protokollieren, zupacken, Holz stehlen und stoppeln? Wenn der Herr Graf schlau ist, wenn er sich über die Bewirtschaftung von Les Aigues mit einem Generalpächter akkordiert, in dem Falle ist's Essig mit dem schönen Plan, dann war alle Mühe umsonst; Sie verlören dabei vielleicht mehr als ich . . . Was wir reden, bleibt unter uns und ist nur für uns bestimmt; denn ich werde Vaudoyer gewiß kein Wort davon sagen, das ich nicht vor Gott und den Menschen wiederholen könnte. Aber es ist nicht verboten, die Ereignisse vorherzusehen und sie auszuschlachten, wenn sie eintreffen. Die Bauern des Bezirks hier sind kurz angebunden. Des Generals Forderungen, Michauds und seiner Untergebenen Strenge und Verfolgungen haben sie zum äußersten getrieben. Heute haben die Dinge eine schlimme Wendung genommen, und ich möchte wetten, es hat was mit der Gendarmerie gegeben . . . Nun, gehen wir frühstücken.«

Madame Gaubertin suchte ihre Gäste im Garten auf. Sie war eine ziemlich blasse Frau, mit langen Haarlocken, die nach englischer Mode an ihren Wangen herunterhingen; sie spielte die passioniert tugendhafte Frau, heuchelte, Liebe nie gekannt zu haben, brachte alle höheren Beamten auf die platonische Frage und hatte den Staatsanwalt, ihren Patito, wie sie sagte, als aufmerksamen Zuhörer. Sie war auf Flitterhauben versessen, machte sich aber gern kunstvolle Frisuren und gefiel sich in Blau und Zartrosa. Sie tanzte und hatte mit fünfundvierzig Jahren Jungemädchenmanieren; besaß aber große Füße und furchtbare Hände. Sie wünschte Isaure genannt zu werden; denn sie hatte bei all ihren Verschrobenheiten und Lächerlichkeiten den guten Geschmack, den Namen Gaubertin unvornehm zu finden. Ihre Augen waren wäßrig und ihre Haare von unbestimmter Farbe, von einer Art von schmutzigem Nanking. Aber sie wurde von vielen jungen Personen zum Vorbild genommen, die den Himmel mit ihren Blicken töteten und die Engel spielten.

»Nun, meine Herrn,« sagte sie, die Gäste begrüßend, »ich habe Ihnen merkwürdige Neuigkeiten zu melden! Die Gendarmerie ist zurückgekommen . . .«

»Hat sie Gefangene gemacht?«

»Durchaus nicht! Der General hatte im voraus um ihre Begnadigung gebeten . . . Sie ist in Ansehung der glücklichen Jahresfeier der Rückkehr des Königs gewährt worden.«

Die drei Verbündeten sahen sich an.

»Er ist gerissener als ich glaubte, der dicke Kürassier,« sagte Gaubertin. »Auf, gehn wir zu Tisch, man muß sich trösten. Schließlich ist das keine verlorene Partie, 's ist nur eine aufgeschobene; das geht Sie jetzt an, Rigou.«

Soudry und Rigou sahen sich in ihren Erwartungen getäuscht, da sie nichts hatten ersinnen können, was eine Katastrophe herbeiführte, die ihnen nützte, und sich, wie Gaubertin es ihnen gesagt hatte, auf den Zufall verlassen mußten. Wie manche Jakobiner, in den ersten Revolutionstagen, durch Ludwigs XVI. Güte in Verwirrung gebracht, die die Strenge des Hofes herausforderten in der Absicht, die Anarchie herbeizuführen, die für sie Glück und Macht bedeutete, setzten die furchtbaren Gegner des Grafen von Montcornet ihre letzte Hoffnung in die Strenge, mit welcher Michaud und seine Wächter bei neuen Verwüstungen vorgehen würden. Gaubertin versprach ihnen seine Beihilfe, ohne sich über seine Mitarbeiter auszulassen; denn er wünschte nicht, daß man seine Beziehungen zu Sibilet kennte. Nichts gleicht der Verschwiegenheit eines Mannes von Gaubertins Schlage, höchstens die eines Exgendarms und eines entkutteten Priesters. Dies Komplott konnte nur durch drei Männer dieser Art, die vom Haß und Eigennutz aufgepeitscht wurden, zu einem guten, oder besser gesagt, schlechten Ende geführt werden.

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