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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/balzac/bauern/bauern.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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III

Das Café de la Paix

Es war gegen sieben Uhr, als Rigou am ›Café de la Paix‹ vorbeikam. Die untergehende Sonne, die schräg auf die hübsche Stadt fiel, goß dort jetzt ihre schönen roten Tinten aus, und der klare Spiegel der Gewässer des Sees bildete einen Kontrast zu dem Lichtjubel der flammenden Fensterscheiben, von welchen die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Farben ausgingen.

Nachdenklich geworden, ließ der gewiegte Politiker, ganz in seine Komplotte versunken, sein Pferd so langsam gehen, daß er, am ›Café de la Paix‹ entlang fahrend, seinen Namen hineinwerfen hörte in einen jener Dispute, die nach Abbé Taupins Bemerkung den Namen des Etablissements mit seiner üblichen Physiognomie in den schärfsten Widerspruch setzten.

Zum besseren Verständnis der Szene ist es notwendig, die Topographie dieses Schlaraffenlandes zu erläutern, das nach dem Platze hin vom Café eingesäumt wird und auf der Kantonalstraße mit dem berühmten Tivoli endigt, das die Drahtzieher zum Schauplatz einer der Szenen jener Verschwörung bestimmten, welche sie seit langem gegen den General von Montcornet anzettelten.

Durch seine Lage an der Ecke der Straße und des Platzes zeigte das Erdgeschoß des Hauses, das in der Art des Rigouschen gebaut war, drei Fenster nach der Straße und zwei Fenster nach dem Platze hin, zwischen denen sich die Glastür befindet, durch die man eintritt. Das ›Café de la Paix‹ hat überdies eine mittelgroße Tür, die nach einer Allee hin geht, die es vom Nachbarhause trennt, dem Hause des Soulanger Krämers Vallet. Man gelangt durch sie in einen inneren Hof.

Das Haus – es ist außer den Fensterläden, die grün sind, ganz goldgelb angestrichen – gehört zu den wenigen Häusern der kleinen Stadt, die zwei Stockwerke und Mansarden haben. Und zwar aus folgendem Grunde:

Vor dem erstaunlichen Aufschwung von Ville-aux-Fayes vermietete man den ersten Stock des Hauses, der vier Zimmer enthält, deren jedes mit einem Bett und dem spärlichen Hausrat versehen ist, der notwendigerweise da sein muß, um das Wort »möbliert« zu rechtfertigen, an Leute, die gezwungen waren, wegen Amtsgerichtsverhandlungen nach Soulanges zu kommen, oder an Besucher, die man nicht im Schlosse unterbrachte. Seit fünfundzwanzig Jahren aber sahen diese möblierten Zimmer nur mehr Seiltänzer, Jahrmarktshändler, Heilmittelverkäufer und Handlungsreisende als Mieter. Im Augenblick des Soulanger Festes vermietete man die Zimmer zu vier Franken pro Tag. Die vier Zimmer brachten Socquard ungefähr hundert Taler ein, ungerechnet den Betrag der außergewöhnlichen Zeche, die seine Mieter dann in seinem Café machten.

Die Fassade der Platzseite war mit besonderen Malereien geschmückt. Auf dem Gemälde, das jedes der beiden Fenster von der Türe trennte, sah man Billardqueues, um die sich schmeichelnd Bänder schlangen, und über den Knoten waren griechische Schalen voll dampfenden Punsches gemalt.

Die Worte ›Café de la Paix‹ strahlten gelb gemalt auf einem grünen Felde, an dessen Enden Pyramiden von dreifarbigen Billardkugeln zu sehen waren. Die grün gestrichenen Fenster hatten kleine Scheiben von gewöhnlichem Glas.

Ein Dutzend rechts und links in Kästen gepflanzter Lebensbäume, die man Kaffeehausbäume nennen sollte, zeigten ihre ebenso kränkliche wie pretentiöse Vegetation. Die Planen, mit welchen die Kaufleute in Paris und einigen wohlhabenden Städten ihre Läden gegen Sonnenbrand schützen, waren damals ein unbekannter Luxus in Soulanges. Die auf Brettern hinter den Fensterscheiben aufgestellten Phiolen verdienten um so mehr ihren Namen, als die gesegnete Flüssigkeit dort periodischem Kochen ausgesetzt war. Indem sie ihre Strahlen durch die linsenförmigen Ausbuchtungen der Fensterscheiben ansammelte, brachte die Sonne die Madeiraflaschen, die Sirups, die Likörweine, die dickbäuchigen Gefäße mit Pflaumen und Kirschen in Branntwein, die in die Schaufenster gestellt worden waren, zum Kochen; denn die Hitze war so groß, daß sie Aglaé, ihren Vater und den Kellner zwang, sich auf zwei Bänke zu setzen, die beiderseits der Türe aufgestellt waren und von den armseligen Sträuchern, die Mademoiselle Socquard mit beinahe heißem Wasser begoß, schlecht beschattet wurden. An bestimmten Tagen sah man alle drei: Vater, Tochter und Kellner dort wie Haustiere hingestreckt schlafen.

1804, zur Zeit der Beliebtheit von Paul und Virginie, wurde das Innere mit einem Lackpapier geschmückt, auf dem die Hauptszenen dieses Romans dargestellt waren. Man sah dort Neger den Kaffee ernten, der sich wenigstens auf diese Art irgendwo im Etablissement vorfand, in dem man keine zwanzig Tassen Kaffee im Monat trank. An Kolonialprodukte war man in Soulanges so wenig gewöhnt, daß ein Fremder, der eine Tasse Schokolade bestellt hätte, Vater Socquard in die größte Verlegenheit gebracht haben würde. Nichtsdestoweniger hätte man ihm das ekelhafte braune Gebräu vorgesetzt, das jene, mehr aus Mehl, gestoßenen Mandeln und Rohzucker, als aus Zucker und Kakao bestehenden Tabletten erzeugen, die für zwei Sous von den Dorfkrämern verkauft werden und in der Absicht hergestellt worden sind, den Handel mit diesem spanischen Produkte zu ruinieren.

Was den Kaffee anlangt, so ließ ihn Vater Socquard ganz einfach in einem, in allen Haushalten unter dem Namen »großer brauner Topf« bekannten, Küchengerät kochen; auf den Boden desselben ließ er das mit Zichorien vermischte Pulver fallen und servierte dies Gebräu mit einer eines Pariser Kaffeehauskellners würdigen Kaltblütigkeit in einer Porzellantasse, die nicht in Stücke gegangen wäre, wenn man sie auf die Erde geworfen hätte.

In diesem Augenblicke hatte sich der heilige Respekt, den der Zucker unter dem Kaiser einflößte, in der Stadt Soulanges noch nicht gelegt, und Aglaé Socquard brachte dem Meßkaufmann, der sich dies literarische Getränk bestellte, zu einer Tasse Kaffee beherzt vier haselnußgroße Stücke Zucker, die eigens berechnet wurden.

Die innere Ausschmückung, die durch Spiegel in vergoldeten Rahmen und durch Haken zum Aufhängen der Hüte gehoben wurde, war seit jener Epoche nicht verändert worden, wo ganz Soulanges die zauberhafte Tapete und einen mahagonifarben gestrichenen Schenktisch bewunderte, auf dessen Platte aus Sankt-Annen-Marmor plattierte Vasen und Lampen mit doppelter Luftzufuhr glänzten, die der schönen Madame Socquard, wie es hieß, von Gaubertin geschenkt worden waren. Eine klebrige Schicht, nur vergleichbar mit jener, mit der alte, auf Speichern vergessene Gemälde bedeckt sind, machte alles trübe.

Die marmorierten Tische, die mit Utrechter Sammet bezogenen Stühle, die Lampe mit einem zwei Brenner speisenden vollen Oelbassin, die mit einer Kette an der Decke befestigt und mit Kristallbehang verziert war, legten den Grund zur Berühmtheit des ›Café de la guerre.‹

Dorthin kamen von 1802–1804 alle Bürger von Soulanges zum Domino- und Krimpelspiel und tranken Liköre und gekochten Wein aus kleinen Gläsern, und aßen dazu Branntweinfrüchte und Bisquits; denn der hohe Preis der Kolonialwaren hatte Kaffee, Schokolade und Zucker ausgeschaltet. Punsch war eine große Leckerei, ebenso Mandelmilch und Fruchtsaftgetränke. Diese Präparate wurden aus einer zuckerigen, sirupartigen, melasseähnlichen Materie hergestellt, deren Name verloren gegangen ist, die ihrem Erfinder aber damals ein Vermögen einbrachte.

Diese kurzen Einzelheiten werden im Gedächtnis der Reisenden ihre Analogien wach rufen; und wer Paris nie verlassen hat, wird sich auch die rauchgeschwärzte Decke des ›Café de la Paix‹ ungefähr vorstellen können und seine durch Milliarden brauner Punkte beschmutzten Spiegel, die beweisen, in welcher Unabhängigkeit die Klasse der Zweiflügler dort lebt.

Die schöne Madame Socquard, deren galante Abenteuer die der Tonsard vom ›Grand-I-Vert‹ noch übertrafen, hatte dort, nach der neuesten Mode gekleidet, gethront; sie hatte eine leidenschaftliche Vorliebe für den Sultaninnenturban. Die ›Sultanin‹ hat sich in der Kaiserzeit der Beliebtheit erfreut, die man heute dem ›Engel‹ zollt.

Das ganze Tal strömte ehedem herbei, um sich dort die Turbane, die Schirmhüte, die Pelzhauben, die chinesischen Frisuren der schönen Kaffeehausbesitzerin zum Muster zu nehmen, zu deren Luxus die Haupthähne von Soulanges beitrugen. Madame Socquard, die ihren Gürtel auf dem Sonnenplexus trug, wie ihn unsere, auf ihre majestätische Anmut so stolzen Mütter getragen haben, war die Schöpferin des Hauses Socquard; ihr Gatte verdankte ihr den Besitz eines eingezäunten Weinberges, des Hauses, das er bewohnte, und des Tivoli. Monsieur Lupins Vater, hieß es, hatte der schönen Junie (sie nannte sich Junie!) Socquard wegen dumme Streiche begangen; Gaubertin, der sie ihm ausgespannt hatte, verdankte ihr sicherlich den kleinen Bournier.

Diese Einzelheiten und das geheime Verfahren, nach dem Socquard seinen gekochten Wein fabrizierte, machen schon begreiflich, warum sein Name und das »Café de la Paix« volkstümlich geworden war; doch vermehrten dies Renommee noch viele andere Gründe. Bei Tonsard und in allen anderen Kneipen des Tales bekam man nur Wein, während Socquards Café von Conches bis Ville-aux-Fayes in einem Umkreise von sechs Meilen das einzige war, wo man Billard spielen und jenen Punsch trinken konnte, den der Bourgeois des Orts so wunderbar zubereitete. Dort allein sah man fremde Weine, feine Liköre und Früchte in Branntwein ausgestellt.

Dieser Name hallte daher fast tagtäglich im Tale wider, begleitet von Vorstellungen von erlesener Wonne, wie sie Leute sich machen, deren Magen gefühlvoller ist als das Herz. Zu diesen Gründen kam noch das Privilegium, ein wesentlicher Bestandteil des Soulanger Festes zu sein. Im Range unmittelbar überlegen, bedeutete das »Café de la Paix« endlich für die Stadt, was die Schenke zum »Grand-I-Vert« fürs Land bedeutete. Ein Giftspeicher war es, der als Durchgangsstation des Klatsches zwischen Ville-aux-Fayes und dem Tale diente. Das »Grand-I-Vert« lieferte dem »Café de la Paix« Milch und Sahne, und Tonsards beide Töchter standen in täglicher Verbindung mit dem Etablissement.

Für Socquard bildete der Marktplatz von Soulanges ein Anhängsel an sein Café. Der Herkules ging, mit jedem schwatzend, von Tür zu Tür und trug im Sommer nach dem Brauche der Kaffeehausbesitzer kleiner Städte nur ein Beinkleid und eine kaum zugeknöpfte Weste. Von den Leuten, mit denen er plauderte, wurde er benachrichtigt, wenn jemand in sein Etablissement ging, wohin er dann langsam und wie mit Bedauern zurückschritt.

Diese Einzelheiten müssen die Pariser, die ihren Stadtteil nie verlassen haben, von der Schwierigkeit, sagen wir lieber Unmöglichkeit, überzeugen, im Tale der Avonne von Conches bis Ville-aux-Fayes das Allergeringste zu verheimlichen. Auf dem Lande gibt es keine Unterbrechung des Zusammenhanges; es finden sich dort in gewissen Abständen Schenken zum »Grand-I-Vert«, »Café de la Paix«, die als Echo dienen, und wo die gleichgültigsten Handlungen, die in der größtmöglichen Heimlichkeit vor sich gegangen sind, durch eine Art Zauberei Widerhall finden. Der von Mund zu Mund getragene Klatsch erfüllt den Dienst der elektrischen Telegraphie; so vollzieht sich das Wunder der über ungeheure Strecken in einem Augenblick übermittelten Nachrichten von Unglücksfällen.

Nachdem Rigou sein Pferd angehalten hatte, stieg er von seinem Wagen herab und knüpfte die Zügel an einen der Türpfosten des Tivoli. Dann fand er den natürlichsten Vorwand, um die Unterhaltung zu beherrschen, ohne daß es so aussah, indem er sich zwischen die beiden Fenster stellte; durch eins von ihnen konnte er, wenn er den Kopf vorbeugte, die Personen sehen, die Bewegungen studieren, und dabei die derben Worte auffangen, die an den Scheiben widerhallten und dank der Stille draußen vernehmlich wurden.

»Und wenn ich Vater Rigou sage, daß dein Bruder Nicolas der Péchina zu Leibe will,« rief eine scharfe Stimme, »daß er sie stündlich belauert, könnte er euch die Eingeweide in Brei verwandeln, euch allen, wie ihr da seid, ihr Lumpenpack aus dem ›Grand-I-Vert‹.«

»Wenn du uns solch einen Streich spielst, Aglaé,« antwortete Marie Tonsards kreischende Stimme, »solltest du den, den ich dir spielen würde, nur den Würmern deines Sarges erzählen können! Mische dich weder in Nicolas' Angelegenheiten noch in die meinigen mit Bonnébault!«

Die von ihrer Großmutter aufgereizte Marie war, wie man sieht, Bonnébault gefolgt, hatte, indem sie, ihn belauschend, durch das Fenster, wo in diesem Moment Rigou stand, gesehen, wie er seine Reize zur Schau stellte und Mademoiselle Socquard so angenehme Schmeicheleien sagte, daß sie sich verpflichtet fühlte, ihm zuzulächeln. Das Lächeln hatte die Szene hervorgerufen, in deren Verlauf die für Rigou recht wertvolle Enthüllung herausgeschmettert wurde.

»Nun, Vater Rigou, Sie setzen meine Besitzungen herab,« sagte Socquard, den Wucherer auf die Schulter schlagend.

Der Cafétier, der aus einem am Ende seines Gartens liegenden Schuppen kam, wo man mehrere Volksbelustigungsgeräte, wie Schlagbalken, Pferde zum Ringstechen, gefährliche Schaukeln usw. unterbrachte, die er auf den Plätzen aufstellen wollte, welche sie in seinem Tivoli inne hatten, hatte sich geräuschlos genähert; denn er trug jene gelbledernen Pantoffeln, die infolge ihres niedrigen Preises in der Provinz in beträchtlichen Mengen abgesetzt werden.

»Wenn Sie frische Zitronen hätten, würd' ich mir eine Limonade machen,« antwortete Rigou, »der Abend ist heiß.«

»Aber wer kreischt denn da so?« fragte Socquard, der durchs Fenster blickte und seine Tochter mit Marie sich herumzanken sah.

»Man macht sich Bonnébault streitig,« erwiderte Rigou mit sardonischer Miene.

Socquards väterlicher Zorn wurde durch das Interesse des Kaffeehausbesitzers niedergehalten. Der Cafétier hielt es für klug, draußen zu horchen, wie es Rigou tat, während der Vater hineingehen und erklären wollte, daß Bonnébault, der voll schätzbarer Eigenschaften in den Augen eines Kaffeehausbesitzers sei, als Schwiegersohn eines der angesehenen Soulanger Bürger keine Vorzüge besitze. Und doch erhielt Vater Socquard wenig Heiratsanträge. Mit zweiundzwanzig Jahren machte seine Tochter sowohl an Breite, Dicke und Gewicht Madame Vermichel Konkurrenz, deren Behendigkeit als ein Phänomen erschien. Die Gewohnheit, an der Kasse zu sitzen, kam der Anlage zum Starkwerden, die Aglaé dem väterlichen Blute verdankte, noch entgegen.

»Von welchem Teufel sind die Mädchen denn besessen?« fragte Vater Socquard Rigou.

»Ach,« entgegnete der ehemalige Benediktiner, »von dem, den die Kirche von allen Teufeln am häufigsten gepackt hat.«

Statt jeder Antwort fing Socquard an auf den Malereien zwischen den Fenstern die Billardqueues zu mustern, deren Vereinigungsstelle infolge des durch die Hand der Zeit abgeblätterten Mörtels schwierig zu erkennen war.

In diesem Augenblick kam Bonnébault vom Billard, eine Queue in der Hand, versetzte Marie damit einen derben Stoß und sagte:

»Du bist schuld, daß ich einen Fehlstoß gemacht habe; dich aber werd' ich nicht verfehlen und solange fortfahren, bis du deiner Klappe einen Dämpfer aufgesetzt hast.«

Socquard und Rigou, die es für besser hielten, dazwischenzutreten, kamen vom Platz aus ins Café und machten eine so große Fliegenwolke aufschwirren, daß das Tageslicht dadurch verdunkelt wurde. Das Geräusch ähnelte den fernen Uebungen einer Trommlerschule. Nach ihrem anfänglichen Erschrecken nahmen diese dicken Fliegen mit bläulichem Leibe nebst den kleinen Stechfliegen und einigen Pferdebremsen ihren Platz an den Fensterscheiben wieder ein, wo auf drei Reihen eines Gestells, dessen Bemalung unter ihren schwarzen Punkten verschwunden war, klebrige Flaschen in Reih und Glied standen.

Marie weinte. Vor ihrer Rivalin von einem geliebten Manne geschlagen zu werden, ist eine jener Demütigungen, die kein Weib erträgt, auf welcher Stufe der sozialen Leiter sie auch stehen mag; und je tiefer diese ist, desto kräftiger ist der Ausdruck ihres Hasses. So sah denn Tonsards Tochter weder Rigou noch Socquard, sie fiel in einen Sessel, versunken in ein finsteres und wildes Schweigen, das der alte Mönch beobachtete.

»Such' ne frische Zitrone, Aglaé,« sagte Vater Socquard, »und spül' selber ein Stengelglas aus!«

»Sie taten klug daran, Ihre Tochter hinauszuschicken,« sagte Rigou ganz leise zu Socquard, »sie war drauf und dran vielleicht tödlich verletzt zu werden.«

Und er zeigte mit einem Augenwink auf die Hand, mit der Marie einen Schemel gepackt hielt, um ihn Aglaé, nach der sie zielte, an den Kopf zu werfen.

»He, Marie!« sagte Socquard, sich vor ihr aufpflanzend, »um Schemel zu werfen, kommt man nicht hierher . . . und wenn du mir meine Spiegel einschlägst, dann sollst du sie mir nicht mit der Milch deiner Kühe bezahlen!«

»Vater Socquard, Ihre Tochter ist eine giftige Schlange, ich bin ihr aber gewachsen, verstehen Sie! Wenn Sie Bonnébault nicht als Schwiegersohn wollen, so ist's Zeit, daß Sie ihm sagen, er solle wo anders als bei Ihnen Billard spielen! . . . Er verliert hier alle Augenblicke hundert Sous!«

Beim Beginn dieser Flut von mehr geschrienen als gesprochenen Worten nahm Socquard Marie um die Taille und warf sie trotz ihres Geschreis und Widerstandes hinaus. Es war Zeit für sie; denn Bonnébault verließ von neuem mit wutblitzenden Augen das Billard.

»Das wird so nicht ausgehen!« schrie Marie Tonsard.

»Empfiehl dich!« heulte Bonnébault, den Viollet mitten um den Leib festhielt, um ihn an einer Brutalität zu hindern; »scher' dich zum Teufel, oder ich spreche nie wieder mit dir und ich seh' dich nicht mehr an.«

»Du?« sagte Marie, Bonnébault einen wütenden Blick zuwerfend, »gib mir erst mein Geld wieder, und ich lasse dich Mademoiselle Socquard, wenn sie reich genug ist, um dich zu behalten.«

Dann rettete Marie sich, erschreckt, den Herkules Socquard Bonnébaults, der einen Tigersprung machte, kaum Herr werden zu sehen, auf die Straße.

Rigou ließ Marie in seinen Wagen steigen, um sie Bonnébaults Zorn zu entziehen, dessen Stimme bis nach Soudrys Hause schallte. Dann, nachdem er Marie geborgen hatte, kam er zurück, um seine Limonade zu trinken, wobei er die von Plissoud, Amaury, Viollet und dem Kaffeekellner gebildete Gruppe, die Bonnébault zu beruhigen suchten, musterte.

»Los! Sie sind an der Reihe zu spielen, Husar,« sagte Amaury, ein kleiner blonder junger Mann mit trübem Blick.

»Uebrigens hat sie sich gedrückt,« sagte Viollet.

Wenn je einer Ueberraschung gezeigt hat, so war's Plissoud im Augenblick, wo er den Wucherer von Blangy an einem der Tische sitzen und mehr mit ihm, Plissoud, als mit dem Zank der beiden Mädchen beschäftigt sah. Wider seinen Willen ließ der Gerichtsdiener auf seinem Gesichte die Art des Erstaunens sehen, welche die Begegnung mit einem Menschen, dem man übel will, oder gegen den man ein Komplott anzettelt, verursacht; und er kehrte plötzlich zum Billard zurück.

»Leben Sie wohl, Vater Socquard,« sagte der Wucherer.

»Ich will Ihren Wagen vorfahren,« antwortete der Kaffeewirt, »lassen Sie sich Zeit.«

»Wie soll ich's anstellen, um zu erfahren, was die Leutchen da sich erzählen, wenn sie um einen Satz spielen?« fragte sich Rigou, der im Spiegel des Kellners Gesicht sah.

Dieser Kellner war ein Allerweltskerl: er setzte Socquards Weinberge instand, kehrte das Café und den Billardraum aus, hielt den Garten sauber und besprengte das Tivoli, alles für zwanzig Taler jährlich. Er war immer ohne Jacke, außer bei großen Gelegenheiten, und hatte als ganzen Anzug eine blauleinene Hose, derbe Stiefel und eine Weste aus gestreiftem Samt an, vor der er eine Hausleinwandschürze trug, wenn er im Billardsaal oder im Café bediente. Diese Bänderschürze war das Abzeichen seiner Funktionen. Der Bursche war auf dem letzten Jahrmarkt von dem Kaffeewirt gemietet worden; denn hier im Tale, wie in ganz Burgund, vermieten sich die Leute fürs Jahr auf dem Marktplatze, genau so wie man dort Pferde kauft.

»Wie heißest du?« fragte ihn Rigou.

»Michel, Ihnen zu dienen!« antwortete der Kellner.

»Siehst du den Vater Fourchon nicht manchmal hier?«

»Zwei- oder dreimal in der Woche mit Monsieur Vermichel, der mir einige Sous schenkt, damit ich ihn benachrichtige, wenn seine Frau ihm auf den Pelz rückt.«

»Das ist ein braver Mann, der Vater Fourchon, unterrichtet und voll gesunden Menschenverstandes,« sagte Rigou, der seine Limonade bezahlte und das ekelhafte Café verließ, als er seinen Wagen sah, den Vater Socquard vor die Tür gebracht hatte.

Als Vater Rigou sein Gespann besteigen wollte, erblickte er den Pharmazeuten und rief ihn mit einem »He, Monsieur Vermut!« an. Den reichen Kauz erkennend, beschleunigte Vermut seinen Schritt; Rigou kam auf ihn zu und sagte ihm ins Ohr:

»Glauben Sie, daß es Reagentia gibt, die das Hautgewebe so zerstören können, daß sie ein wirkliches Leiden wie ein Nagelgeschwür am Finger hervorrufen?«

»Wenn Monsieur Gourdon sich damit befassen will, ja,« antwortete der weise kleine Mann.

»Vermut, kein Wort davon, oder wir sind geschiedene Leute. Reden Sie aber mit Monsieur Gourdon darüber und sagen Sie ihm, er solle mich übermorgen besuchen; ich werd' ihm die ziemlich heikle Operation, einen Zeigefinger abzuschneiden, verschaffen.« Dann ließ der ehemalige Bürgermeister den kleinen Pharmazeuten verdutzt stehen und stieg in seinen Wagen an Marie Tonsards Seite.

»Nun, kleine Viper,« sagte er zu ihr, sie beim Arme greifend, als er die Zügel seines Tieres in einem Ringe auf der Vorderseite des Schutzleders, das seinen Wagen schloß, festgemacht hatte und sein Pferd seinen gewohnten Gang ging; »glaubst du denn, daß du dir Bonnébault erhalten wirst, wenn du dich zu solchen Gewalttätigkeiten hinreißen läßt? . . . Wenn du klug wärest, würdest du seine Heirat mit dieser dicken, dummen Tonne begünstigen, und dann könntest du dich rächen.«

Marie konnte nicht umhin, zu lächeln, als sie antwortete: »Ach, wie schlimm Sie sind. Sie sind wahrhaftig uns allen überlegen!«

»Hör', Marie, ich liebe die Bauern, niemand aber von euch darf sich zwischen meine Zähne und einen Bissen Wildpret stellen . . . Dein Bruder Nicolas stellt, wie Aglaé gesagt hat, der Péchina nach. Das tut nicht gut; denn ich beschütze das Kind; sie soll dreißigtausend Franken von mir erben und ich will sie gut verheiraten. Ich hab' erfahren; daß Nicolas, von deiner Schwester Cathérine unterstützt, die arme Kleine heute früh beinahe getötet hat. Du wirst ja deinen Bruder und deine Schwester sehen, sag' ihnen folgendes: ›Wenn ihr die Péchina in Frieden laßt, wird Vater Rigou Nicolas vor der Aushebung bewahren‹ . . .«

»Sie sind der Teufel in Person,« rief Marie; »man erzählt, Sie hätten einen Pakt mit ihm geschlossen . . . Ist das möglich?«

»Ja,« erwiderte Rigou ernst.

»Man erzählte es uns in den Spinnstuben, aber ich glaubt' es nicht!«

»Er hat mir gewährleistet, daß jedes gegen mich gerichtete Attentat mich nicht treffen, daß ich niemals bestohlen werden, daß ich hundert Jahre leben, daß ich in allem Erfolg haben und daß ich bis zu meiner Todesstunde jung wie ein zweijähriger Hahn bleiben soll.«

»Das sieht man ja,« sagte Marie. »Nun, da fällt's Ihnen ja ›verteufelt‹ leicht, meinen Bruder vor der Aushebung zu bewahren.«

»Wenn er es will; denn er muß dabei einen Finger lassen, das ist alles,« fuhr Rigou fort; »ich werd' ihm sagen wie!«

»Halt, Sie nehmen den Höhenweg?« fragte Marie.

»Nachts fahre ich hier unten nicht,« antwortete der alte Mönch.

»Des Kreuzes wegen?« fragte Marie naiv.

»Just deswegen, Schlaubergerin!« antwortete der Teuflische.

Sie waren an einer Stelle angelangt, wo die Kantonalstraße in eine schwache Bodenerhöhung eingeschnitten ist. Dieser Einschnitt hat zwei ziemlich steile Böschungen, wie man sie bei so vielen Wegen in Frankreich sieht.

Am Ende dieses Hohlwegs von hundert Schritt Länge bilden die Straßen nach Ronquerolles und Cerneux einen Hohlweg, wo ein Kreuz aufgerichtet ist. Von einer oder der anderen Böschung aus kann ein Mensch einem Vorübergehenden aufpassen und ihn beinahe aus nächster Nähe mit um so größerer Leichtigkeit töten, als ein Bösewicht, da die Höhe mit Weingärten bedeckt ist, sich ohne weiteres in den Brombeersträuchern, die zufällig dort vorhanden sind, in Hinterhalt legen kann. Man errät, warum der immer vorsichtige Wucherer niemals nachts dort vorbeifuhr; die Thune aber umfließt den kleinen, »Kreuzberg« genannten Hügel. Kein Platz war günstiger für einen Racheakt oder einen Mord; denn die Straße nach Ronquerolles trifft wieder auf die über die Avonne gebaute Brücke vor dem Jagdpavillon, und der Weg nach Cerneux führte jenseits der Regierungsstraße, so daß der Mörder zwischen den Wegen nach Les Aigues, Ville-aux-Fayes, Ronquerolles und Cerneux sich einen Rückzugsweg wählen und seine etwaigen Verfolger in Ungewißheit bringen kann.

»Ich werde dich beim Dorfeingang absetzen,« sagte Rigou, als er die ersten Häuser von Blangy erblickte.

»Annettes wegen, alter Feigling?« rief Marie. »Werden Sie die bald fortschicken? Drei Jahre haben Sie sie bereits! Daß es Ihrer Alten gut geht, freut mich innig! Der liebe Gott rächt sich!«

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