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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/balzac/bauern/bauern.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XI

Die Oaristys, die achtzehnte Ekloge des Theokrit, für die das Schwurgericht wenig Verständnis hat

Der Scharfsinn des Wilden, den sein neuer Beruf bei Michaud entwickelt hatte, verbunden mit der Kenntnis der Leidenschaften und Interessen der Gemeinde Blangy, hatte eben teilweise ein drittes Idyll im griechischen Sinne enträtselt, das die armen Dorfleute wie die Tonsard und die reichen Vierziger wie Rigou hinten im Lande mit »harmlos« übersetzen.

Nicolas, Tonsards zweiter Sohn, hatte bei der Auslosung eine schlechte Nummer gezogen. Zwei Jahre vorher war Nicolas Tonsards älterer Bruder durch Soudrys, Gaubertins und der reichen Sarcus Vermittlung auf Grund einer angeblichen Muskelkrankheit im rechten Arm für untauglich zum Militärdienst erklärt worden. Da Jean-Louis aber seitdem die schwersten Ackerbaugeräte mit einer Leichtigkeit handhabte, die sehr bemerkt wurde, entstand deswegen in der Gegend eine ziemliche Aufregung.

Soudry, Rigou, Gaubertin, die Beschützer der Familie, benachrichtigten den Schenkwirt daher, daß er nicht versuchen dürfe, den großen und kräftigen Nicolas der Rekrutierung zu entziehen. Nichtsdestoweniger fühlten der Bürgermeister von Ville-aux-Fayes und Rigou so lebhaft, wie nötig es sei, sich kühne Leute zu verpflichten, die fähig waren, Böses zu tun, wenn sie von ihnen geschickt gegen Les Aigues gehetzt wurden, daß Rigou Tonsard und seinem Sohne einige Hoffnungen machte.

Dieser aus dem Orden getretene Mönch, bei dem Cathérine, die für ihren Bruder durch Dick und Dünn ging, sich von Zeit zu Zeit sehen ließ, riet, sich an die Gräfin und den General zu wenden.

»Er wird vielleicht nicht ärgerlich sein, Euch diesen Dienst zu erweisen, um Euch zu ködern; und dabei wird dem Feinde doch immer was abgewonnen,« sagte des Staatsanwalts furchtbarer Schwiegervater zu Cathérine. »Wenn der Tapezier es Euch verweigert, nun, dann wollen wir weiter sehen.«

Wie Rigou voraussah, mußte des Generals Weigerung das Unrecht des Großgrundbesitzers gegen die Bauern durch einen neuen Fall vermehren und den Verbündeten einen neuen Grund zur Dankbarkeit seitens Tonsards für den Fall einbringen, daß der alte Bürgermeister in seiner Durchtriebenheit ein Mittel ausfindig machte, Nicolas frei zu bekommen.

Nicolas, der in wenigen Tagen vor der Musterungskommission erscheinen mußte, hatte auf Grund der Beschwerden von Les Aigues gegen die Familie Tonsard wenig Hoffnung auf des Generals Protektion. Seine Liebe oder, besser gesagt, seine Versessenheit, seine Laune für die Péchina wurden dermaßen aufgestachelt durch das Fortmüssen, das ihm keine Zeit mehr ließ, sie zu verführen, daß er Gewalt gebrauchen wollte.

Die Verachtung, die das Kind seinem Verfolger kundtat und außerdem ein Widerstand voller Hartnäckigkeit hatten in dem Wüstling des Grand-I-Vert einen Haß entfacht, dessen Wut der seines Verlangens glich. Seit drei Tagen paßte er der Péchina auf; die arme Kleine war sich dessen wohl bewußt. Es herrschte zwischen Nicolas und seiner Beute die nämliche Witterung wie zwischen dem Jäger und dem Wilde. Wenn die Péchina einige Schritte über das Gatter hinausging, bemerkte sie Nicolas' Kopf in einer der mit den Parkmauern parallel laufenden Alleen oder auf der Avonnebrücke. Sie hätte sich dieser verhaßten Verfolgung wohl entziehen können, indem sie sich an ihren Großvater wandte, aber alle, selbst die harmlosesten Mädchen zittern aus einer seltsamen, vielleicht instinktiven Furcht heraus, bei derartigen Abenteuern sich ihren natürlichen Beschützern anzuvertrauen. Geneviève hatte Vater Niseron den Schwur tun hören, einen Mann, wer er auch sei, zu töten, der seine Enkelin »anrühre«, so lautete sein Wort. Der Greis wähnte das Kind durch die helle Aureole, welche eine sechzigjährige Rechtschaffenheit ihm eintrug, behütet. Die Aussicht auf furchtbare Dramen erschreckt die glühende Einbildungskraft junger Mädchen hinreichend genug, so daß es nicht nötig ist, in der Tiefe ihrer Herzen nachzuforschen, um dort die zahlreichen und seltsamen Gründe zu finden, die ihnen in solchen Fällen das Siegel des Schweigens auf die Lippen drücken.

Im Augenblick, wo sie die Milch forttragen sollte, die Madame Michaud der Tochter Gaillards, des Wächters des Conchestors, dessen Kuh gekalbt hatte, sandte, wagte die Péchina sich nicht fort, ohne wie eine Katze, die außerhalb des Hauses herumstreift, eine Untersuchung angestellt zu haben. Sie sah keine Spur von Nicolas, hörte das Schweigen, wie der Dichter sagt, und da sie nichts hörte, dachte sie, daß der Bösewicht zurzeit bei der Arbeit wäre. Die Bauern begannen den Roggen zu mähen; denn sie ernten zuerst ihre Parzellen ab, um dann die hohen Tagelöhne, die man den Schnittern gibt, verdienen zu können. Nicolas aber war nicht der Mensch, dem Verluste zweier Tagelöhne nachzuweinen, und das um so weniger, als er das Land nach dem Jahrmarkt von Soulanges verließ und Soldat wurde, was für den Bauer ein neues Leben anfangen heißt.

Als die Péchina mit ihrem Krug auf dem Kopfe den halben Weg zurückgelegt hatte, purzelte Nicolas wie eine Wildkatze von einer hohen Ulme, in deren Blattwerk er sich verborgen hatte, herunter und schlug wie ein Blitz zu der Péchina Füßen ein, die ihren Krug fortwarf und sich, um den Pavillon zu erreichen, auf ihre Behendigkeit verließ. Hundert Schritte von dort sprang Cathérine Tonsard, die Spähe stand, aus dem Walde und prallte so heftig auf die Péchina, daß sie sie zu Boden warf. Die Wucht des Stoßes betäubte das Kind, Cathérine hob sie auf, nahm sie in ihre Arme und führte sie in die Waldesmitte auf eine kleine Wiese, wo die Silberquelle sprudelt.

Die große und kräftige Cathérine glich in allen Punkten jenen Mädchen, die Bildhauer und Maler wie ehedem für die Republik, zum Modell für die Freiheit nehmen. Sie entzückte die Jugend des Avonnetals durch den nämlichen üppigen Busen, die nämlichen muskulösen Beine, die nämliche zugleich kräftige und biegsame Figur, die vollen Arme, das sprühende Auge, durch die stolze Miene, die in dicken Strähnen geflochtenen Haare, die männliche Stirn, den roten Mund, die durch ein fast wildes Lächeln aufgeworfenen Lippen, die Eugène Delacroix und David (von Angers) beide wundervoll erfaßt und dargestellt haben. Abbild des Volkes, sprühte die hitzige und braune Cathérine Aufruhr aus ihren hellgelben Augen, die durchdringend und mit soldatischer Unverschämtheit um sich blickten. Sie hatte von ihrem Vater ein solches Ungestüm mitbekommen, daß die ganze Familie außer Tonsard sie in der Schenke fürchtete.

»Nun, wie fühlst du dich, Mädel?« sagte Cathérine zur Péchina.

Cathérine hatte ihr Opfer absichtlich auf eine schwach gewölbte Stelle des Bodens bei dem Quell gesetzt, wo sie es mit einem Strahl kalten Wassers wieder zur Besinnung brachte.

»Wo bin ich?« fragte die Kleine, als sie ihre schönen schwarzen Augen wieder auftat, aus denen, hätte man sagen können, ein Sonnenstrahl aufblitzte.

»Ah! Ohne mich«, antwortete Cathérine, »würdest du tot sein.«

»Danke,« sagte die Kleine noch ganz betäubt. »Was ist mir denn zugestoßen?«

»Du bist gegen eine Wurzel gerannt und hast, wie von einer Kugel getroffen, alle viere von dir gestreckt. Ach, wie du liefest! . . . stürmtest wie eine Besessene dahin!«

»Dein Bruder ist schuld an diesem Sturz,« sagte die Péchina, die sich erinnerte, Nicolas gesehen zu haben.

»Mein Bruder? Ich hab' ihn nicht gesehen,« sagte Cathérine. »Und was hat dir denn mein armer Nicolas getan, daß du Angst wie vor einem Werwolf vor ihm hast? Ist er nicht schöner als dein Monsieur Michaud?«

»Oh!« sagte die Péchina stolz.

»Geh, meine Kleine, du reitest dich ins Unglück, wenn du die Leute liebst, die uns verfolgen! Warum bist du denn nicht auf unserer Seite?«

»Warum setzt ihr niemals einen Fuß in die Kirche? Und warum stehlt ihr Tag und Nacht?« fragte das Kind.

»Du willst dich also von dem Geschwätz der Bourgeois betören lassen?« antwortete Cathérine verächtlich und ohne der Péchina Anhänglichkeit zu ahnen. »Die Bourgeois lieben uns, wie sie die Küche lieben, alle Tage müssen sie neue Gerichte haben. Wo hast du denn Bourgeois gesehen, die uns, uns Bauernmädchen heiraten? Sieh doch, ob Sarcus le Riche seinem Sohne gestattet, sich mit der schönen Gatienne Giboulard aus Auxerre zu verheiraten, die immerhin noch eines reichen Tischlermeisters Tochter ist! . . . Nie bist du ins Soulanger Tivoli zu Socquard gegangen; komm hin, da sollst du sie sehen, die Bourgeois! Dann wirst du begreifen, daß sie kaum das Geld wert sind, das man ihnen abzapft, wenn man sie reinlegt! Komm doch dies Jahr auf den Jahrmarkt!«

»Man sagt, er wäre sehr schön, der Jahrmarkt von Soulanges,« rief harmlos die Péchina.

»In zwei Worten will ich dir sagen, was da los ist,« fuhr Cathérine fort. »Man wird da angeblinzelt, wenn man schön ist. Wozu dient es denn, hübsch zu sein, wie du es bist, wenn nicht, um von den Männern bewundert zu werden? Ach, als ich zum ersten Male sagen hörte: ›Welch ein hübsches Stück Mädchen!‹ ist all mein Blut zu Feuer geworden. Es war bei Socquard, mitten im Tanzen, mein Großvater, der die Klarinette spielte, schmunzelte darüber. Groß und schön wie der Himmel ist mir das Tivoli vorgekommen; doch das kommt daher, mein Mädchen, daß alles mit Glaslampen erleuchtet ist, man möchte meinen, man wäre im Paradies . . . Die Herren von Soulanges, Auxerre und Ville-aux-Fayes sind alle da. Seit jenem Abend hab' ich den Ort, wo mir diese Worte wie Militärmusik in den Ohren getönt, ins Herz geschlossen. Man würde sein ewiges Leben dafür hingeben, um das von dem Manne, den man liebt, von sich sagen zu hören.«

»Aber ja, vielleicht,« antwortete die Péchina mit nachdenklicher Miene.

»Komm doch hin, diesen Segen des Mannes zu hören, es wird dir nicht daran fehlen!« rief Cathérine. »Donnerwetter, man hat doch Aussichten, wenn man so brav ist wie du, eine gute Heirat zu machen! Monsieur Lupins Sohn, Amaury, der Anzüge mit goldenen Knöpfen trägt, wäre imstande, dich zur Ehe zu begehren! Das ist noch nicht alles, geh! Wenn du wüßtest, was man dort gegen den Kummer findet! Socquards gekochter Wein würde dich das größte Unglück vergessen machen. Stell' dir doch vor, daß man danach wie im Traum ist! Man fühlt sich viel leichter! Hast du niemals gekochten Wein getrunken? . . . Nun, dann kennst du das Leben nicht!«

Das von den Erwachsenen erlangte Privileg, sich von Zeit zu Zeit die Kehle mit einem Glas gekochten Weines auszuspülen, reizt in so hohem Maße die Neugierde der Kinder über zwölf Jahre, daß Geneviève einmal ihre Lippen in ein kleines Glas gekochten Weines getaucht hatte, das ihrem kranken Großvater vom Arzt verordnet worden war. Dies Probieren hatte in der Erinnerung des armen Kindes eine Art von Zauber zurückgelassen, der die Aufmerksamkeit erklären kann, die Cathèrine zuteil ward und auf die das wilde Mädchen baute, um den Plan zu verwirklichen, den sie zum Teil schon ausgeführt hatte. Zweifelsohne wollte sie das durch seinen Fall betäubte Opfer zu jener moralischen Trunkenheit bringen, die so gefährlich ist für Mädchen, die auf dem Lande wohnen, und deren der Nahrung beraubte Einbildungskraft dadurch nur um so glühender auflodert, sobald sie sich gereizt sieht. Der gekochte Wein, den sie in Reserve hielt, sollte ihr Opfer vollends um seine Vernunft bringen.

»Was ist denn drin?« fragte die Péchina.

»Alle möglichen Sachen,« antwortete Cathèrine, indem sie nach der Seite blickte, um zu sehen, ob ihr Bruder käme: »Zuerst Gewürze, die aus Indien kommen, Zimt und Kräuter, die einen durch Zauber verwandeln . . . Endlich glaubt man den zu halten, den man lieb hat! Das macht einen glücklich! Man fürchtet sich vor nichts mehr!«

»Ich würde Angst haben, gekochten Wein beim Tanzen zu trinken!« sagte die Péchina.

»Wieso?« entgegnete Cathèrine. »Es ist ja nicht die mindeste Gefahr dabei; denk' doch an all die Leute, die da sind. Alle die Bourgeois sehen uns an! Ach, solche Tage machen einem viel Elend erträglich! Das sehen und sterben, man würde es zufrieden sein!«

»Wenn Monsieur und Madame Michaud hingehen wollten!« antwortete die Péchina, Feuer in den Augen.

»Aber du hast deinen Großvater Niseron, den armen guten Mann, doch nicht verlassen, und ihm würde es doch sehr schmeicheln, dich wie eine Königin angebetet zu sehen! Ziehst du denn wirklich diese Arminacs von Michaud und so weiter deinem Großvater und den Burgundern vor? Es tut nicht gut, sein Land zu verleugnen. Und schließlich, was würden Michauds denn zu sagen haben, wenn dein Großvater dich auf das Fest in Soulanges führte? . . . Oh, wenn du wüßtest, was es heißt, einen Mann regieren, sein Schwarm zu sein und zu ihm sagen zu können: ›Geh dahin,‹ wie ich's zu Godain sage, und er geht hin! . . . ›Tu das!‹ und er tut's! Und du bist so herausgeputzt, siehst du, meine Kleine, daß du einem Bourgeois, wie Monsieur Lupins Sohn, den Kopf verdrehen kannst. Wenn man bedenkt, daß Monsieur Amaury in meine Schwester Marie vergafft ist, weil sie blond ist, und daß er beinahe Angst vor mir hat . . . Du aber hast, seitdem diese Leute aus dem Pavillon dich aufgedonnert haben, das Aussehen einer Kaiserin!«

Indem sie es listig darauf anlegte, Nicolas vergessen zu machen, um das Mißtrauen in diesem harmlosen Gemüte zu zerstreuen, träufelte Cathérine in überschlauer Weise die Ambrosia der Schmeicheleien hinein. Ahnungslos hatte sie die heimliche Wunde dieses Herzens berührt. Ohne etwas anderes als ein armes Bauernmädchen zu sein, bot die Péchina das Bild einer erschreckenden Frühreife dar, wie viele Naturen, die bestimmt sind, eben erblüht, vor der Zeit zu sterben. Als ein seltsames Produkt montenegrinischen und burgundischen Bluts, das empfangen und durch die Mühsale des Kriegs im Mutterleibe getragen worden war, verspürte sie zweifelsohne die Nachwehen dieser Umstände. Dünn, schmächtig, braun wie ein Tabaksblatt und klein wie sie war, besaß sie eine unglaubliche Kraft, die aber den Augen der Bauern, welchen die Geheimnisse nervöser Konstitutionen unbekannt sind, verborgen war. Im medizinischen System des flachen Landes läßt man keine Nerven gelten. Mit dreizehn Jahren war Geneviève, obwohl sie kaum die Figur eines Kindes ihres Alters besaß, ausgewachsen. Verdankte ihr Gesicht ihrem Ursprung oder der burgundischen Sonne jenen zugleich dunklen und leuchtenden Goldtopasteint, der, dunkel durch die Farbe, leuchtend durch das Hautgewebe, einem kleinen Mädchen ein altes Aussehen gibt? Die medizinische Wissenschaft würde es vielleicht rügen, wenn man es bejahte. Dies vorzeitige Altaussehen der Gesichtszüge wurde durch die Lebhaftigkeit, den Glanz und die Lichtfülle wieder ausgeglichen, die aus der Péchina Augen zwei Sterne machten. Wie bei all jenen sonnedurchglühten Augen, die vielleicht nach starkem Schutz verlangen, waren die Lider mit Wimpern von fast übermäßiger Länge versehen. Die feinen, langen und vollen blauschwarzen Haare krönten mit ihren schweren Flechten eine Stirn, die modelliert war wie die der antiken Juno. Das prachtvolle Haardiadem, die großen armenischen Augen und die himmlische Stirn erdrückten das Gesicht. Obwohl die Nase in ihrem Ansatz von reiner Form und zierlich gebogen war, endigte sie etwas in der Art der Pferdenüstern. Die Leidenschaft blähte diese Nasenflügel manchmal auf, und die Physiognomie erhielt dann einen zornigen Ausdruck. Ebenso wie die Nase erschien die ganze untere Gesichtshälfte unvollendet, wie wenn den Fingern des göttlichen Bildhauers der Meißel entglitten wäre. Zwischen Unterlippe und Kinn war der Zwischenraum so kurz, daß man, wenn man die Péchina ans Kinn faßte, ihre Lippen berühren mußte. Die Zähne aber erlaubten nicht, diesem Mangel Beachtung zu schenken: man hätte diesen schimmernden, blanken, schön geschnittenen und durchscheinenden kleinen Knochen Seele zugesprochen. Ein zu großer Mund, der durch die geschwungenen Linien betont wurde, welche den Lippen Aehnlichkeit mit den krausen Windungen der Koralle gaben, ließ sie jeden Augenblick sehen. Das Licht drang so hell durch die Ohrmuscheln, daß sie in der vollen Sonne rosig erschienen. Der obschon rotbraune Teint offenbarte eine wunderbare Feinheit der Haut. Wenn, wie Buffon lehrt, die Liebe in der Berührung beruht, mußte die Weichheit dieser Haut aktiv und durchdringend wirken wie der Geruch des Stechapfels. Die Brust erschreckte ebenso wie der Leib durch ihre Magerkeit. Hände und Füße aber, die von herausfordernder Kleinheit waren, deuteten auf eine nervöse, überlegene Kraft, eine lebhafte Organisation.

Diese Mischung von diabolischen Unvollkommenheiten und göttlichen Schönheiten, die trotz so vieler Dissonanzen harmonisch war, denn sie verschmolz durch einen wilden Stolz zur Einheit; dann diese in den Augen zu lesende Herausforderung eines schwachen Körpers durch eine starke Seele, all das machte dies Kind unvergeßlich. Die Natur hatte in diesem kleinen Wesen ein Weib schaffen wollen, die Umstände der Empfängnis verliehen ihr Gesicht und Körper eines Knaben. Wenn ein Dichter das seltsame Mädchen gesehen hätte, würde er ihr Yemen als Vaterland gegeben haben; sie hatte etwas von den Afriten und Genien arabischer Erzählungen.

Die Physiognomie der Péchina log nicht. Sie hatte die Seele ihres Feuerblicks, den Geist ihrer durch ihre blendenden Zähne glänzenden Lippen, den Gedanken ihrer erhabenen Stirn und die Wut ihrer stets zum Wiehern bereiten Nüstern. Auch bewegte die Liebe, wie man sie in den heißen Sandgegenden, in den Einöden empfindet, das trotz der dreizehn Jahre zwanzigjährige Herz des montenegrinischen Kindes, das jenem schneeigen Gipfel gleich sich nie mit Frühlingsblumen schmücken sollte. Die Beobachter werden daher begreifen, daß die Péchina, bei der die Leidenschaft aus allen Poren drang, in verderbten Gemütern die durch Mißbrauch eingeschlummerte Phantasie erweckte, genau wie einem bei Tisch das Wasser im Munde zusammenläuft beim Anblick jener schwarz angefaulten Früchte voller Löcher, welche die Feinschmecker aus Erfahrung kennen und unter deren Haut die Natur erlesenen Geschmack und Duft zu bergen liebt. Warum jagte Nicolas, jener gewöhnliche Tagelöhner, dieser eines Dichters würdigen Kreatur nach, wenn alle Augen des Tales mit ihr Mitleid hatten, wie mit einer kränklichen Häßlichkeit? Warum empfand der alte Rigou die Leidenschaft eines jungen Mannes für sie? Wer von den beiden war jung oder alt? War der junge Bauer ebenso abgestumpft wie der alte Wucherer? Wie trafen die beiden Lebensextreme sich in einer gemeinsamen und verhängnisvollen Laune? Gleicht die Kraft, die zu Ende geht, der beginnenden Kraft? Die Ausschweifungen des Mannes sind Abgründe, welche von Sphinxen bewacht werden: sie beginnen und endigen fast alle mit Fragen, die man nicht beantworten kann.

Nun muß man jenen Ausruf: Piccina! . . . verstehen, welcher der Gräfin entfuhr, als sie im vorhergehenden Jahre Geneviève am Wege sah, die verblüfft war über den Anblick einer Kalesche und einer wie Madame de Montcornet gekleideten Dame. Das fast verkümmerte Mädchen mit der Energie einer Montenegrinerin liebte den großen, schönen, vornehmen Hauptwächter, aber wie Kinder dieses Alters lieben, wenn sie lieben, das heißt mit der Wut kindlichen Verlangens, mit den Kräften der Jugend, mit der Ergebenheit, die bei wirklichen Jungfrauen göttliche Poesien erzeugen. Cathérine hatte also eben ihre plumpen Hände auf die empfindlichsten Saiten dieser Harfe gelegt, die alle zum Zerreißen angespannt waren. Unter Michauds Augen tanzen, aufs Fest in Soulanges gehen, dort glänzen und sich der Erinnerung dieses angebeteten Gebieters einprägen! . . . Welche Gedanken! Hieß nicht, sie in diesen vulkanischen Kopf pflanzen, glühende Kohlen auf das der Augustsonne ausgesetzte Stroh legen?

»Nein, Cathérine,« antwortete die Péchina, »ich bin häßlich und dürftig; mein Los ists, in einem Winkel leben, Mädchen und allein auf der Welt bleiben!«

»Die Männer lieben die Spirrigen,« erwiderte Cathérine. »Da schau mich an,« sagte sie auf ihre beiden Arme weisend, »ich gefalle Godain, der ein kleiner Stöpsel ist; ich gefalle dem kleinen Charles, der den Grafen begleitet, der junge Lupin aber hat Bange vor mir. Ich wiederhole dir, die kleinen Männer lieben mich und erklären in Ville-aux-Fayes oder Soulanges: »ein schönes Stück Mädchen,« wenn sie mich vorübergegehen sehen. Nun wohl, du wirst den schönen Männern gefallen . . .«

»Ach, Cathérine, wenn das wahr ist, das!« . . . rief die Péchina entzückt.

»Aber gewiß, das ist so wahr, daß Nicolas, der schönste Mann des Bezirks, verrückt nach dir ist; er träumt von dir, wird irrsinnig darüber und dabei wird er von allen Mädchen geliebt! Das ist ein stolzer Bursche!  . . . Wenn du ein weißes Kleid anziehst mit gelben Bändern, wirst du am Marientage angesichts all der vornehmen Welt von Ville-aux-Fayes die Schönste bei Socquard sein. Nun, willst du . . . Halt, ich schnitt Gras da für unsere Kühe: ich hab hier in meiner Kürbisflasche ein bischen gekochten Wein, den mir Socquard heut morgen geschenkt hat,« sagte sie, indem sie in der Péchina Augen jenen fiebernden Ausdruck sah, den alle Weiber kennen; »ich bin ein gutes Mädchen, wir wollen ihn teilen . . . du wirst dich geliebt fühlen . . .«

Während dieser Unterhaltung war Nicolas, indem er sich die Grasbüschel aussuchte, um seine Füße darauf zu setzen, geräuschlos bis zu einem dicken Eichenstumpf in geringer Entfernung von dem Erdhaufen, wo seine Schwester die Péchina niedergesetzt hatte, herangeschlichen. Cathérine, die von Augenblick zu Augenblick um sich sah, bemerkte schließlich ihren Bruder, als sie nach ihrer Feldflasche mit gekochtem Weine langte.

»Hier, fang an,« sagte sie zu der Kleinen.

»Das brennt mich!« rief Genèvieve, Cathérine die Flasche zurückgebend, nachdem sie zwei Schlucke daraus getan hatte.

»Dummes Ding! schau,« antwortete Cathérine, die ländliche Flasche mit einem Zuge leerend, »sieh, wie das runtergeht, das ist ein Sonnenstrahl, der einem in den Magen leuchtet!«

»Und ich hätte meine Milch zu Mademoiselle Gaillard tragen sollen!« . . . rief die Péchina. »Nicolas hat mir Bange gemacht! . . .«

»Du liebst Nicolas also nicht?«

»Nein,« erwiderte die Péchina. »Was hat er mir denn nachzustellen? Ihm fehlt's doch nicht an willfährigen Geschöpfen!«

»Wenn er dich aber allen Mädchen des Tales vorzieht, Kleine?«

»Das tut mir seinetwegen leid,« sagte sie.

»Man sieht wohl, daß du ihn noch nicht kennst,« erwiderte Cathérine.

Indem sie diese schrecklichen Worte sagte, packte Cathérine Tonsard die Péchina mit blitzartiger Geschwindigkeit bei der Taille, warf sie ins Gras, raubte ihr, sie platt auf den Boden drückend, all ihre Kraft und hielt sie in dieser gefährlichen Lage fest. Als das Kind seinen verhaßten Verfolger bemerkte, hub es aus voller Kehle zu schreien an, versetzte Nicolas einen Fußtritt in den Bauch und schleuderte ihn damit fünf Schritte zurück, dann überschlug sie sich wie ein Akrobat mit einer Gewandtheit, die Cathérines Berechnungen täuschte, und erhob sich, um zu entfliehen. Cathérine war auf dem Boden sitzen geblieben, streckte die Hand aus, packte die Péchina beim Fuße und ließ sie der Länge nach, mit dem Gesicht gegen die Erde, hinfallen. Dieser furchtbare Fall gebot den unaufhörlichen Schreien der mutigen Montenegrinerin Einhalt. Nicolas, der sich trotz der Wucht des Trittes wieder erholt hatte, sprang wütend herzu und wollte sein Opfer fassen. In dieser Gefahr packte das wennschon vom Weine betäubte Kind doch Nicolas an der Kehle und preßte sie ihm mit ehernem Druck zusammen.

»Sie erdrosselt mich! . . . Zu Hilfe, Cathérine,« schrie Nicolas mit einer Stimme, die mühsam durch den Kehlkopf drang.

Die Péchina stieß ebenfalls durchdringende Schreie aus; Cathérine versuchte sie zu ersticken, indem sie eine Hand auf des Kindes Mund legte, das sie blutig biß. In dem Augenblicke zeigten Blondet, die Gräfin und der Pfarrer sich am Waldessaume.

»Da sind die Bourgeois von Les Aigues!« sagte Cathérine und half Geneviève sich zu erheben.

»Willst du dein Leben behalten?« fragte Nicolas Tonsard das Kind mit einer rauhen Stimme.

»Und?« sagte die Péchina.

»Sag ihnen, daß wir spielten, und ich verzeihe dir,« antwortete Nicolas mit finsterer Miene. »Wirst du's sagen? verdammter Racker! . . .« wiederholte Cathérine, deren Blick noch schrecklicher war als Nicolas' Morddrohung.

»Ja, wenn ihr mich in Frieden laßt,« entgegnete das Kind. »Uebrigens werde ich nicht mehr ohne meine Schere ausgehen.«

»Du wirst still sein, oder ich werde dich in die Avonne schmeißen,« drohte die wilde Cathérine.

»Ihr seid Ungeheuer! . . .« rief der Pfarrer, »Ihr verdient verhaftet und vor Gericht gestellt zu werden!«

»Ei, was tut ihr denn in euren Salons,« fragte Nicolas, die Gräfin und Blondet, welche innerlich bebten, ansehend. »Ihr spielt, nicht wahr? Nun, die Felder gehören uns, immer kann man nicht arbeiten, wir spielen! . . . Fragt meine Schwester und die Péchina.«

»Wie, ihr prügelt euch also, wenn ihr spielt?« rief Blondet.

Nicolas warf Blondet einen Blick zu, als wollte er ihn ermorden.

»Red' doch!« sagte Cathérine, die Péchina beim Vorderarm packend und ihn so pressend, daß ein blauer Ring zurück blieb, »haben wir nicht Spaß miteinander gemacht? . . .«

»Ja, Madame, wir machten Spaß,« sagte das durch seine Kraftanspannung erschöpfte Kind, indem es in sich selber zusammensank, wie wenn es ohnmächtig werden wollte.

»Da hören Sie's, Madame,« sagte Cathérine unverschämt, indem sie die Gräfin mit einem jener Blicke maß, die Frauen Frauen zuwerfen und die Dolchstössen gleich sind.

Sie nahm ihren Bruder beim Arm und beide gingen sie fort, ohne sich über die Gedanken, welche sie den drei Personen eingeflößt hatten, im Unklaren zu sein. Nicolas drehte sich zweimal um und zweimal begegnete er Blondets Blick. Dieser maß den fünf Fuß acht Zoll hohen, breitschultrigen, dunkelbraunen Bengel mit seinen schwarzen, krausen Haaren, dessen ziemlich hübsches Gesicht um Mund und Lippen Züge zeigte, welche die den Lüstlingen und Nichtstuern eigentümliche Grausamkeit erraten ließen. Cathérine schlenkerte ihren weißen, blaugestreiften Rock mit einer gewissen perversen Koketterie.

»Kain und sein Weib!« sagte Blondet zum Pfarrer.

»Sie wissen nicht, bis zu welchem Grade Sie den Nagel auf den Kopf treffen,« erwiderte Abbé Brossette.

»Ach, Herr Pfarrer, was werden die mit mir anstellen,« sagte die Péchina, als Bruder und Schwester in einer Entfernung waren, wo sie ihre Stimme nicht mehr hören konnten.

Die Gräfin war weiß wie ihr Taschentuch geworden und verspürte einen solchen Schauer, daß sie weder Blondet, noch den Pfarrer, noch die Péchina hörte. »Das kann einen aus einem irdischen Paradiese vertreiben  . . .« sagte sie schließlich. »Vor allem aber retten wir dies Kind aus ihren Fingern.«

»Sie hatten recht, dies Kind ist ein ganzes Gedicht, ein lebendiges Gedicht,« sagte Blondet ganz leise zur Gräfin.

In diesem Momente befand sich die Montenegrinerin in dem Zustande, wo Körper und Seele sozusagen dampfen nach dem Brande eines Zorns, der alle intellektuellen und physischen Fähigkeiten ihre höchste Kraft hat verausgaben lassen. Das ist ein unerhörter, außerordentlicher Glanz, der nur unter dem Drucke eines Fanatismus den Widerstand oder den Sieg der Liebe oder des Märtyrertums hervorsprudeln läßt. In einem braun- und gelbgestreiftem Kleide, mit einer Halskrause, die es selber faltete, indem es frühzeitig aufstand, von Hause weggegangen, hatte das Kind noch nicht die Unordnung seines von Erde beschmutzten Kleides und seiner zerrissenen Halskrause gemerkt. Als es sein Haar sich auflösen fühlte, suchte es seinen Kamm. Während dieser ersten Bewegung der Verwirrung erschien der gleichfalls durch die Schreie herbeigelockte Michaud am Orte der Szene. Als sie ihren Abgott sah, fand die Péchina ihre ganze Energie wieder.

»Er hat mich nicht einmal angerührt, Monsieur Michaud!« rief sie.

Dieser Ruf, der Blick und die Bewegung, die einen beredten Kommentar dazu bildeten, sagten Blondet und dem Pfarrer in einem Augenblick mehr als Frau Michaud der Gräfin von der Liebe des seltsamen Mädchens zu dem Hauptwächter, der nichts davon merkte, erzählt hatte.

»Der Elende!« rief Michaud.

Und mit jener unwillkürlichen, ohnmächtigen Geste, die den Narren wie den Weisen entfährt, drohte er Nicolas mit der Faust, dessen hohe Gestalt im Walde, in den er mit seiner Schwester trat, verschwand.

»Ihr habt also nicht gespielt?« fragte Abbé Brossette, indem er der Péchina einen bedeutsamen Blick zuwarf.

»Quälen Sie sie nicht,« sagte die Gräfin, »gehen wir nach Hause!«

Obwohl sie sich wie zerschlagen fühlte, schöpfte die Péchina aus ihrer Liebe genugsam Kraft, um zu gehen: ihr angebeteter Meister blickte sie ja an! Die Gräfin folgte Michaud auf einem jener nur Wilddieben und Flurwächtern bekannten Pfade, wo man nur zu zweit nebeneinander hergehen kann, der aber geradewegs nach dem Avonnetore führte.

»Michaud,« sagte sie mitten im Walde, »man muß ein Mittel finden, die Gegend von diesem üblen Burschen zu befreien; denn das Kind ist vielleicht mit dem Tode bedroht.«

»Zunächst«, erwiderte Michaud, »wird Geneviève den Pavillon nicht verlassen; meine Frau soll Vatels Neffen, der die Parkalleen in Stand hält, zu sich nehmen; wir werden ihn durch einen Jungen aus meiner Frau Heimat ersetzen, denn man darf nach Les Aigues nur noch Leute bringen, derer wir sicher sind. Wenn Gounod und Cornevin, der alte Nährvater, bei uns sind, werden die Kühe in guter Hut sein und die Péchina wird nur noch in Begleitung ausgehen.«

»Ich werd's Monsieur sagen, daß er Sie für diesen Zuwachs von Ausgaben entschädigt,« erwiderte die Gräfin, »doch das befreit uns immer noch nicht von Nicolas. Wie können wir das durchsetzen?«

»Das Mittel ist ganz einfach und schon gefunden,« antwortete Michaud. »Nicolas muß in einigen Tagen vor die Musterungskommission; anstatt seine Freilassung zu betreiben, braucht der General, auf dessen Protektion die Tonsard rechnen, ihn zur Strafe nur besonders anzuempfehlen . . .«

»Ich werde, wenn's nötig ist«, sagte die Gräfin, »selber meinen Vetter de Castéran, unseren Präfekten, aufsuchen; doch bis dahin zittere ich . . .« Diese Worte wurden am Ende des Fußpfades, der am Rondell mündete, gewechselt. Als man am Grabendamm anlangte, konnte die Gräfin nicht an sich halten, einen Schrei auszustoßen; Michaud sprang herzu, um sie zu stützen, da er glaubte, sie habe sich an irgendeinem trockenen Dorn verletzt; aber er zitterte bei dem Schauspiel, das sich seinen Augen darbot.

Marie und Bonnébault saßen auf der Grabenböschung und schienen zu plaudern, hatten sich dort aber zweifelsohne verborgen, um zu lauschen. Offenbar hatten sie ihren Platz im Walde verlassen, als sie Leute kommen hörten und Bourgeois-Stimmen vernahmen.

Nach sechsjähriger Dienstzeit bei der Kavallerie war Bonnébault, ein großer magerer Bursche, vor einigen Monaten nach Conches zurückgekommen. Seine endgültige Dienstentlassung verdankte er seiner schlechten Aufführung; durch sein Beispiel würde er die besten Soldaten verdorben haben. Er trug einen Schnurrbart und eine Fliege, eine Eigentümlichkeit, die Bonnébault, verbunden mit dem Einfluß der Haltung, die Soldaten im Kasernenleben annehmen, zum Hahn im Korbe bei den Mädchen des Tales gemacht hatte.

Seine Haare waren am Hinterkopf nach militärischer Sitte kurz geschoren, vorn trug er sie frisiert, kämmte sie an den Schläfen in koketter Weise zurück und trug seine Feldmütze verwegen schief. Kurz, verglichen mit den Bauern, die wie Mouche und Fourchon fast alle zerlumpt umherliefen, war er in seiner Leinenhose, in Stiefeln und kurzem Wams herrlich angezogen. Diese nach seinem Freikommen angeschafften Sachen trugen das Gepränge der Entlassung und des Landlebens, doch der Haupthahn des Tales besaß ihrer noch bessere für die Festtage. Er lebte, sagen wir's nur, von den Geschenken seiner guten Freundinnen, die kaum für die Verschwendungen, die Kneipereien und Verluste aller Art, welche der häufige Besuch des Café de la Paix mit sich brachten, ausreichten.

Trotz seines runden, flachen, beim ersten Anblick ziemlich hübschen Gesichts hatte der Bursche etwas Unheimliches. Er sah nach einwärts, das heißt, eins seiner Augen folgte der Bewegung des andern nicht; er schielte nicht, doch seine Augen waren, um einen in der Malerei gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden, nicht immer beisammen. Dieser wiewohl leichte Fehler gab seinem Blicke einen düsteren, beunruhigenden Ausdruck, dadurch daß er mit einer Bewegung auf der Stirn und in den Augenbrauen übereinstimmte, die eine Art Charakterfeigheit, eine Anlage zur Herabwürdigung seiner selbst offenbarte.

Mit der Feigheit verhält's sich wie mit dem Mute: es gibt davon verschiedene Arten. Bonnébault, der sich wie der tapferste Soldat geschlagen haben würde, war seinen Lastern und Launen gegenüber schwach. Faul wie eine Eidechse, tätig nur für das, was ihm behagte, ohne das geringste Zartgefühl, gleichzeitig stolz und unterwürfig, zu allem fähig und nachlässig, bestand das Glück dieses Teller- und Herzenbrechers, um uns eines Soldatenausdrucks zu bedienen, im Bösestun und Verwüsten. Auf dem flachen Land gibt solch ein Charakter ein ebenso übles Beispiel wie im Regiment. Wie Tonsard und wie Fourchon wollte Bonnébault gut leben und nichts tun. Auch trug er, um ein Wort aus Vermichels und Fourchons Sprachschatze zu gebrauchen, seinen Plan in der Tasche. Indem er seine Strammheit mit wachsendem Erfolge und seine Geschicklichkeit am Billard mit wechselndem Glücke ausbeutete, schmeichelte er sich in seiner Eigenschaft als Stammgast des Café de la Paix, eines schönen Tages Mademoiselle Aglaé Socquard, die einzige Tochter Vater Socquards, des Besitzers dieses Etablissements, zu heiraten, der in Soulanges, im entsprechenden Abstande, das war, was Ranelagh im Bois de Boulogne ist.

Den Beruf eines Caféwirts ausüben, Veranstalter öffentlicher Bälle zu werden, dies schöne Los schien in der Tat der Marschallstab eines Nichtstuers zu sein. Diese Sitten, dies Leben und dieser Charakter standen so gemein auf dem Gesichte dieses Lebemannes aus dem untersten Stande zu lesen, daß die Gräfin sich beim Anblick des Pärchens, das einen ebenso lebhaften Eindruck auf sie machte, wie wenn sie Schlangen gesehen hätte, zu einem Aufschrei hinreißen ließ.

Marie war wie verrückt nach Bonnébault und würde für ihn gestohlen haben. Dieser Schnurrbart, diese militärische Ungezwungenheit, diese geckenhafte Miene gingen ihr zu Herzen wie das Benehmen, das Wesen und die Sitten eines de Marsay einer hübschen Pariserin gefallen. Jede soziale Schicht hat ihre Vornehmheit! Marie wies Amaury, jenen anderen Kleinstadtgecken, zurück, sie wollte Madame Bonnébault werden!

»Heda, ihr anderen! Heda, kommt ihr? . . .« riefen Cathérine und Nicolas von weitem, als sie Marie und Bonnébault erblickten.

Dieses überscharfe Geschrei tönte in den Wäldern wie ein Kriegsruf der Wilden wieder.

Als Michaud die beiden Wesen sah, bebte er; denn er bereute lebhaft, gesprochen zu haben. Wenn Bonnébault und Marie Tonsard die Unterhaltung gehört hatten, konnte sie nur Unheil nach sich ziehen. Diese anscheinend geringfügige Tatsache mußte bei der aufregenden Lage, in welcher Les Aigues sich den Bauern gegenüber befand, einen entscheidenden Einfluß haben, wie in der Schlacht Sieg oder Niederlage von einem Bache abhängt, den ein Hirte mit geschlossenen Füßen überspringt, welcher aber die Artillerie aufhält.

Nachdem er die Gräfin wie ein feiner Mann gegrüßt hatte, nahm Bonnébault mit Eroberermiene Maries Arm und ging triumphierend fort.

»Das ist der Herzensschlüssel des Tales,« sagte Michaud ganz leise zur Gräfin, indem er sich eines Wachtstubenworts bediente, das soviel wie Don Juan bedeutet, »'s ist ein sehr gefährlicher Mensch. Wenn er zwanzig Franken beim Billardspiel verloren hat, könnte man ihn Rigou umbringen lassen! . . . Sein Auge richtet sich ebenso gern auf ein Verbrechen, wie auf eine Freude.«

»Ich habe für heute allzuviel gesehen,« erwiderte die Gräfin, Emils Arm nehmend; »gehen wir zurück, meine Herren.«

Melancholisch grüßte sie Frau Michaud, als sie die Péchina in den Pavillon zurückgekehrt sah. Olympes Traurigkeit hatte die Gräfin angesteckt.

»Wie, gnädige Frau,« sagte Abbé Brossette, »sollte die Schwierigkeit, hier Gutes zu wirken, Sie davon abbringen, es zu versuchen? Fünf Jahre schlafe ich nun schon auf einem Strohsack, hause ich in einem des Hausrats baren Pfarrhofe, lese ich die Messe, ohne daß Gläubige da sind, sie zu hören, predige ich vor leeren Bänken, bin ich Vikar ohne Nebeneinkünfte noch Besoldungsbeihilfe, lebe ich von den sechshundert Franken des Staats, ohne von Monseigneur etwas zu erbitten, und gebe ein Drittel davon für Almosen hin . . . Doch, ich verzweifle nicht! Wenn Sie wüßten, wie meine Winter hier sind, würden Sie den ganzen Wert dieses Wortes begreifen! Ich wärme mich nur an dem Gedanken, dies Tal zu erretten und Gott wieder zu erobern! Es handelt sich nicht um uns, gnädige Frau, sondern um die Zukunft. Wenn wir eingesetzt sind, um den Armen zu sagen: ›Wisset arm zu sein!‹ das heißt: ›Duldet, bescheidet euch und arbeitet!‹ müssen wir den Reichen sagen: ›Wisset reich zu sein!‹ das heißt: ›Seid weise im Wohltun, fromm und des Platzes wert, den Gott euch zuweist!‹ Nun wohl, gnädige Frau, Sie sind nur Verwahrer der Macht, die Ihnen das Vermögen gibt, und wenn Sie Ihren Pflichten nicht nachkommen, werden Sie es Ihren Kindern nicht überliefern, wie Sie es empfangen haben! Sie berauben Ihre Nachfahren. Wenn Sie in dem Egoismus der Sängerin verharren, die durch ihre Gleichgiltigkeit sicherlich das Uebel, dessen Ausdehnung Sie erschreckt, verursacht hat, werden Sie die Schafotte wiedersehen, auf denen Ihre Vorfahren um ihrer Väter Fehler willen gestorben sind. Gutes tun, heimlich, in einem Erdenwinkel wie Rigou zum Beispiel dort Böses tut . . . ach, das sind tätige Gebete, die Gott gefallen! . . . Wenn drei Wesen in jeder Gemeinde das Gute wollten, würde Frankreich, unser schönes Land, vor dem Abgrunde bewahrt bleiben, in den wir rasen und in welchen eine Gleichgültigkeit gegen alles hinreißt, was nicht wir sind! Aendern Sie zuerst, ändern Sie Ihre Sitten, und Sie werden dann Ihre Gesetze ändern . . .«

Obwohl die Gräfin tief bewegt war beim Anhören dieses wahrhaft katholischen Feuers der Nächstenliebe, antwortete sie mit jenem fatalen: »wir wollen sehen« der Reichen, das genug Versprechungen enthält, um sich einem Appell an ihre Börse entziehen zu können, und das ihnen später erlaubt, gegenüber allem Unglück unter dem Vorwande, daß es nun einmal geschehen sei, mit verschränkten Armen zu verharren.

Als Abbé Brossette dies Wort hörte, grüßte er Madame de Montcornet und schlug eine Allee ein, die geradeswegs nach dem Blangytore führte.

»Belsazars Fest soll also das ewige Symbol der letzten Tage einer Kaste, einer Oligarchie, einer Herrschaft sein!« sagte er sich, als er zehn Schritte entfernt war. »Mein Gott, wenn es dein heiliger Wille ist, die Armen wie einen Wildbach zu entfesseln, um die Gesellschaft umzugestalten, dann begreife ich, daß du die Reichen ihrer Blindheit überläßt!«

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