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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/balzac/bauern/bauern.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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IX

Mediokratie

Nun, Michaud, was gibt's neues?« fragte der General, als die Gräfin den Speisesaal verlassen hatte.

»Wenn Sie mir Glauben schenken, mein General, sprechen wir hier nicht über Geschäfte; die Wände haben Ohren, und ich will die Gewißheit haben, daß das, was wir sagen, nur in unsere dringt!«

»Schön,« erwiderte der General, »gehen wir spazieren bis zum Verwaltungsgebäude, den Pfad entlang, der die Wiese durchschneidet, dort sind wir sicher, von niemandem belauscht zu werden . . .«

Einige Augenblicke nachher durchquerte der General in Sibilets und Michauds Begleitung die Wiese, während die Gräfin zwischen dem Abbé Brossette und Blondet dem Avonnetor zuschritt. Michaud erzählte die Szene, die im Grand-I-Vert vorgefallen war.

»Vatel hat unrecht gehabt,« sagte Sibilet.

»Das hat man ihm ja auch bewiesen, indem man ihn blendete,« erwiderte Michaud; »doch das hat nichts zu bedeuten. Sie kennen, mein General, unseren Plan, die Tiere aller unserer verurteilten Delinquenten zu pfänden; nun, wir werden nie damit zum Ziele kommen. Brunet, ebenso sein Amtsbruder Plissoud, wird uns niemals eine ehrliche Hilfe leisten; stets werden sie die Leute von der geplanten Beschlagnahme benachrichtigen. Vermichel, Brunets Sachwalter, holte den Vater Fourchon aus dem Grand-I-Vert ab, und Marie Tonsard, Bonnébaults liebe Freundin, hat dann Conches alarmiert. Kurz, die Schäden fangen wieder an.«

»Die Statuierung eines Exempels wird von Tag zu Tag notwendiger,« sagte Sibilet.

»Was sagte ich Ihnen?« rief der General. »Man muß die Inkraftsetzung der Urteile reklamieren, die Gefängnisstrafen aussprechen, die Schuldhaft für Schadenersatz nebst Zinsen und für die Kosten, die man mir schuldet, verkünden.«

»Die Leute halten das Gesetz für ohnmächtig und sagen einander, daß man nicht wagen würde, sie zu verhaften,« erwiderte Sibilet. »Sie bilden sich ein, Ihnen Furcht einzuflößen! Sie haben in Ville-aux-Fayes Helfershelfer; denn der Staatsanwalt scheint die Strafen vergessen zu haben.«

»Ich glaube,« sagte Michaud, als er den General nachdenklich sah, »daß Sie, wenn Sie viel Geld ausgeben, Ihre Besitzungen noch retten können.«

»Besser ist's, Geld auszugeben, als streng zu verfahren,« erwiderte Sibilet.

»Und worin besteht Ihr Mittel?« fragte der General seinen Hauptwächter.

»Es ist sehr einfach,« sagte Michaud; »es handelt sich darum, Ihren Wald mit Mauern zu umgeben wie Ihren Park; und dann werden wir Ruhe haben. Die geringste Straftat wird dann ein Verbrechen und kommt vors Schwurgericht.«

»Neun Franken kostet der Klafter auf der Oberfläche, bloß das Material gerechnet; der Herr Graf würde ein Drittel des Kapitals von Les Aigues ausgeben!« warf Sibilet lachend ein.

»Auf,« sagte Montcornet, »ich breche sogleich auf, ich will den Generalprokurator besuchen.«

»Der Generalprokurator«, erwiderte Sibilet leise, »wird vielleicht der Meinung seines Staatsanwaltes sein; denn eine derartige Nachlässigkeit zeigt an, daß sie unter einer Decke stecken.«

»Nun, das muß man herausbringen!« rief Montcornet. »Wenn es sich darum handelt, Richter, Staatsanwalt, alles bis zum Generalprokurator zu stürzen, dann werd' ich mich an den Großsiegelbewahrer und an den König selber wenden.«

Auf ein energisches Zeichen hin, das Michaud ihm machte, sagte der General, indem er umkehrte: »Adieu, mein Lieber« zu Sibilet, und der Verwalter verstand.

»Hält der Herr Graf als Bürgermeister es für ratsam,« fragte der Verwalter grüßend, »die nötigen Maßnahmen zu treffen, um den Mißbrauch des Stoppelns zu unterdrücken? Die Ernte steht vor der Tür, und wenn wir die Beschlüsse über die Armutszeugnisse und über das Verbot des Stoppelns bei den Nachbargemeinden veröffentlichen wollen, so haben wir keine Zeit zu verlieren!«

»Tun Sie es, verständigen Sie sich mit Groison,« sagte der Graf. »Mit solchen Leuten«, fügte er hinzu, »muß man strikte nach dem Gesetz verfahren.«

So gab Montcornet in einem Augenblicke dem System gewonnenes Spiel, das Sibilet ihm seit vierzehn Tagen vorschlug und gegen das er sich gesträubt hatte, das er aber im Feuer seines Zorns, den Vatels Unfall hervorgerufen hatte, für gut befand.

Als Sibilet hundert Schritte fort war, sagte der General ganz leise zu seinem Wächter:

»Nun, mein lieber Michaud, was gibt's?«

»Sie haben einen Feind bei sich, General, und vertrauen ihm Pläne an, die Sie Ihrer Polizeimütze nicht sagen dürften.«

»Ich teile deinen Verdacht, mein lieber Freund,« erwiderte Montcornet, »will aber nicht zweimal denselben Fehler begehen. Um Sibilet zu ersetzen, warte ich nur, bis du mit der Verwaltung auf dem Laufenden bist und Vatel dein Nachfolger sein kann. Was kann ich Sibilet indessen zum Vorwurf machen? Er ist pünktlich, rechtschaffen und hat in fünf Jahren noch keine hundert Franken beiseitegeschafft. Er hat den abscheulichsten Charakter der Welt und das ist alles; was sollte er übrigens planen?«

»General,« sagte Michaud ernst, »das werde ich erfahren; denn sicherlich hat er einen Plan; und wenn Sie's erlauben, wird ein Beutel mit tausend Frankstücken den Schelm Fourchon zum Sprechen bringen, obwohl ich seit heute früh argwöhne, daß Vater Fourchon aus allen Raufen frißt. Man will Sie zwingen, Les Aigues zu verkaufen; der alte Schuft von Seiler hat's mir gesagt. Hören Sie: von Conches bis Ville-aux-Fayes gibt es keinen Bauern, Kleinbürger, Pächter, Wirt, der nicht sein Geld für den Tag der Beuteteilung bereit hält. Fourchon hat mir anvertraut, daß Tonsard, sein Schwiegersohn, sein Auge schon auf was geworfen hat . . . Die Meinung, daß Sie Les Aigues verkaufen wollen, grassiert im Tale wie ein Gift in der Luft. Vielleicht sind der Verwalterpavillon und einige herumliegende Ländereien der Preis, mit welchem Sibilets Spionage bezahlt werden soll! Nichts reden wir untereinander, was man in Ville-aux-Fayes nicht weiß. Sibilet ist mit Ihrem Feinde Gaubertin verwandt. Was Ihnen über den Generalprokurator herausgefahren ist, wird dem vielleicht berichtet worden sein, ehe Sie in der Präfektur sind. Sie kennen ja die Leute hierzulande nicht!«

»Ich sie nicht kennen? . . . Kanaillen sind sie! Und vor solchem Pack davonlaufen? . . .« schrie der General, »ach, hundertmal lieber Les Aigues selber niederbrennen!«

»Stecken wir's nicht an und fassen wir einen Verhaltungsplan, der die Ränke dieser Liliputaner vereitelt. Wenn man nach ihren Drohungen geht, ist man gegen Sie zu allem entschlossen. Uebrigens, da Sie gerade von Niederbrennen reden, mein General: versichern Sie alle Ihre Gebäude und alle Ihre Pachthöfe.«

»Ach, weißt du, Michaud, was sie mit ihrem Tapezier sagen wollen? Als ich gestern die Thune entlang ging, hörte ich die kleinen Jungen rufen: ›Da ist der Tapezier‹ und dann liefen sie davon!«

»Darauf müßte Sibilet Ihnen antworten; das würde seiner Rolle entsprechen; denn er sieht Sie gern in Zorn,« antwortete Michaud mit einer tief betrübten Miene, »doch da Sie mich danach fragen . . . nun, es ist ein Spitzname, den Ihnen diese Räuberbande hier gegeben hat, Herr General.«

»Weswegen? . . .«

»Aber, mein General, wegen . . . Ihres Vaters . . .«

»Ach, die Hunde,« rief der Graf, der blaß geworden war. »Ja, Michaud, mein Vater war Möbelhändler, Kunsttischler; die Gräfin weiß nichts davon . . . Oh, wenn je! . . . Ei, schließlich habe ich Königinnen und Kaiserinnen auf den Trab gebracht! Ich will es ihr heute abend sagen,« rief er nach einer Pause.

»Sie behaupten, Sie wären ein Feigling!«

»Ah!«

»Sie fragen, wie Sie bei Eßling sich hätten retten können, dort, wo beinahe alle Kameraden umgekommen sind! . . .«

Diese Anklage nötigte dem General ein Lächeln ab.

»Michaud, ich gehe nach der Präfektur,« rief er in einer Art Wut, »und wäre es auch nur, um dort die Versicherungspolice aufnehmen zu lassen. Melde meine Abreise der Frau Gräfin. Ah, sie wollen den Krieg, sie sollen ihn haben. Und es soll mir eine Freude sein, mir, sie zu quälen, die Bürger von Soulanges und ihre Bauern . . . Wir sind in Feindesland, also Vorsicht! Befiehl den Wächtern, sich in den Grenzen des Gesetzes zu halten. Der arme Vatel, sorge für ihn. Die Gräfin ist erschreckt, man muß ihr alles verheimlichen, sonst würde sie nicht wieder herkommen! . . .«

Der Graf, und selbst Michaud ahnten nicht, in welcher Gefahr sie schwebten. Michaud, der ja eben erst in dies burgundische Tal gekommen war, kannte die Macht des Feindes nicht, obwohl er ihn in voller Tätigkeit sah. Der General aber glaubte an die Macht des Gesetzes.

Das Gesetz, so wie es der Gesetzgeber heute macht, entbehrt der Kraft, die man ihm beimißt. Es trifft das Land nicht gleichmäßig; es modifiziert sich in seinen Anwendungen so sehr, daß es sein Prinzip verleugnet. Diese Tatsache äußert sich mehr oder minder offenkundig in allen Epochen. Welcher Historiker wäre so unwissend, zu behaupten, daß die Entscheidungen der kraftvollsten Macht in ganz Frankreich Kurs gehabt haben? Daß die Requisitionen an Menschen, Lebensmitteln und Geld, die vom Konvent auferlegt wurden, in der Provence, im Herzen der Normandie, und am Rande der Bretagne so vorgenommen worden sind, wie sie in den großen Zentren des sozialen Lebens ausgeführt wurden? Welcher Philosoph würde es abzuleugnen wagen, daß heute in dem und dem Bezirke ein Kopf fällt, während im Nachbarbezirk ein anderer Kopf verschont bleibt, obwohl er eines durchaus gleich schweren und oft noch schrecklicheren Verbrechens schuldig ist? Man will die Gleichheit im Leben, und Ungleichheit herrscht im Gesetze und in der Todesstrafe!

Sobald die Bevölkerung einer Stadt unter einer bestimmten Ziffer ist, sind die administrativen Mittel nicht mehr die gleichen. Es gibt etwa hundert Städte in Frankreich, wo die Gesetze in ihrer ganzen Kraft wirksam sind, wo die Intelligenz der Bürger sich bis zum Problem des allgemeinen oder zukünftigen Nutzens aufschwingt, welches das Gesetz lösen will; im übrigen Frankreich aber, wo man nur unmittelbaren Nutzen begreift, entzieht man sich allem, was ihn beeinträchtigen kann. So begegnet man in annähernd halb Frankreich einem passiven Widerstande, der jede legale Verwaltungs- und Regierungshandlung vereitelt. Natürlich betrifft dieser Widerstand nicht die für das politische Leben wesentlichen Dinge. Einkassierung der Steuern, Rekrutierung, Bestrafung schwerer Verbrechen finden sicherlich statt; doch über bestimmte anerkannte Notwendigkeiten hinaus sind alle gesetzlichen Verfügungen, welche die Moral, die Interessen und gewisse Mißbräuche betreffen, durch eine allgemeine Böswilligkeit vollkommen außer Gebrauch gesetzt. Und im Augenblicke, da diese Szene veröffentlicht wird, läßt sich jener Widerstand, auf den Ludwig XIV. einst in der Bretagne gestoßen war, leicht wiedererkennen. Obwohl man die beklagenswerten Geschehnisse sieht, die das Jagdrecht hervorruft, wird man jährlich weiter das Leben von etwa zwanzig oder dreißig Menschen opfern, um das einiger Tiere zu retten.

Für zwanzig Millionen Menschen ist das Gesetz in Frankreich lediglich ein an der Kirchentüre oder der Bürgermeisterei angeschlagenes weißes Papier. Daher das Wort »die Papiere«, das von Mouche als Bezeichnung der Autorität angewandt wurde. Viele Bezirksbürgermeister (es handelt sich nicht einmal um Bürgermeister simpler Gemeinden) machen Trauben- oder Samentüten aus den Nummern des Gesetzblattes. Was die einfachen Gemeindebürgermeister anlangt, so würde man entsetzt sein über die Zahl derer, die weder zu lesen noch zu schreiben verstehen, und über die Art und Weise, wie die standesamtlichen Akten geführt sind. Die Bedenklichkeit dieser Lage, die ernsthaften Verwaltungsbeamten durchaus bekannt ist, wird sich zweifelsohne vermindern. Was die Zentralisation, gegen die man so sehr loszieht, wie man in Frankreich überhaupt gegen alles Große, Nützliche und Starke loszieht, niemals treffen wird, die Macht, an der sie stets scheitern wird, ist die, mit welcher der General zusammenstieß, und die man die Mediokratie nennen muß.

Man hat laut gegen die Tyrannei der Adligen geschrien; man schreit heute gegen die der Finanzleute, gegen die Mißbräuche der Macht, die vielleicht nur die unvermeidlichen blauen Flecken des sozialen Joches sind, welches von Rousseau Gesellschaftsvertrag, Konstitution von diesen, Charte von jenen, hier Zar, dort König und in England Parlament genannt wird. Doch die 1789 begonnene und 1830 wieder aufgenommene Gleichmachung hat die scheelsüchtige Herrschaft der Bourgeoisie begründet und ihr Frankreich ausgeliefert. Eine unglücklicherweise heute allzu allgemeine Tatsache, die Unterjochung eines Bezirkes, einer kleinen Stadt, einer Unterpräfektur durch eine Familie, kurz, das Bild der Macht, die ein Gaubertin mitten in der Restauration zu erobern gewußt hat, wird dies soziale Uebel besser anzeigen als alle dogmatischen Versicherungen. Viele bedrückte Ortschaften, viele in aller Stille zugrunde gerichtete Leute werden hier das kleine öffentliche »Hier ruht« finden, das zuweilen über ein großes privates Unglück tröstet.

In dem Augenblicke, da der General sich einbildete, einen Kampf von neuem zu beginnen, der niemals geruht hatte, hatte sein ehemaliger Verwalter die Maschen des Netzes fertiggeknüpft, in welchem er den ganzen Bezirk von Ville-aux-Fayes hielt. Um Weitschweifigkeiten zu vermeiden, ist es nötig, die genealogischen Zweige in Kürze aufzuzeigen, durch welche Gaubertin das Land wie eine Boa umschlang, die sich mit solcher Kunst um einen riesenhaften Baum windet, daß ein Reisender eine natürliche Wirkung der asiatischen Vegetation darin zu sehen vermeint.

Im Jahre 1793 gab es drei Brüder des Namens Mouchon im Avonnetal. Seit 1793 begann man aus Haß gegen die alte Lehensherrlichkeit statt Tal von Les Aigues Avonnetal zu sagen.

Der älteste, Güterverwalter der Familie von Ronquerolles, wurde Bezirksdeputierter im Konvent. Nach dem Muster seines Freundes Gaubertin, des Staatsanwaltes, der die Soulanges rettete, rettete er die Güter und das Leben der Ronquerolles. Er hatte zwei Töchter, eine war mit dem Advokaten Gendrin, die andere mit Gaubertin, dem Sohne, verheiratet, und starb 1804.

Der zweite erhielt durch Protektion seines älteren Bruders die Post von Conches gratis. Er besaß als einzige und Universalerbin eine Tochter, die mit einem reichen Pächter des Landes namens Guerbet verheiratet war. Er starb 1817.

Der letzte der Mouchon, der Geistlicher geworden war, war vor der Revolution Pfarrer von Ville-aux-Fayes, ebenso nach der Wiederherstellung des katholischen Kultes, und befand sich immer noch als Pfarrer in dieser kleinen Hauptstadt. Er wollte den Eid nicht leisten, verbarg sich lange Zeit über in Les Aigues in der Kartause unter dem heimlichen Schutze des alten und jungen Gaubertin. Damals war er siebenundsechzig Jahre alt und erfreute sich dank der Uebereinstimmung seines Charakters mit dem der Einwohner allgemeiner Schätzung und Zuneigung. Knickerig bis zum Geiz wie er war, galt er für sehr reich, und sein mutmaßliches Vermögen vertiefte den Respekt, mit dem er umgeben war. Hochwürden der Bischof hielt die größten Stücke auf den Abbé Mouchon, den man den ehrwürdigen Pfarrer von Ville-aux-Fayes nannte. Was den Einwohnern den Pfarrer Mouchon nicht weniger teuer als sein Vermögen machte, war die Gewißheit, die man wiederholt erhalten hatte, daß er sich weigerte, eine glänzende Pfarrei in der Präfektur zu übernehmen, die Hochwürden gerne von ihm verwaltet gesehen hätte.

In diesem Augenblick fand Gaubertin, der Bürgermeister von Ville-aux-Fayes, in seinem Schwager Monsieur Gendrin, dem Präsidenten des Gerichts erster Instanz, ganz unerwartet eine starke Stütze. Gaubertin Sohn, der beschäftigtste Sachwalter des Gerichts, der ein sprichwörtliches Renommee im Kreise besaß, sprach bereits davon, seine Kundschaft nach fünfjähriger Praxis zu verkaufen. Er wollte seinem Onkel Gendrin im Advokatenberufe nachfolgen, wenn der sich zurückzog. Der einzige Sohn des Präsidenten Gendrin war Hypothekeninspektor.

Der junge Soudry, der seit zwei Jahren den Hauptsitz der Staatsanwaltschaft innehatte, war Gaubertins Getreuer. Die schlaue Madame Soudry hatte es nicht unterlassen, die Position des Sohnes ihres Gatten durch ein ungeheures zukünftiges Vermögen zu befestigen, indem sie ihn mit Rigous einziger Tochter verheiratete. Das doppelte Vermögen des alten Mönchs und das Soudrys, das dem Staatsanwalt zufallen mußte, machten aus dem jungen Manne eine der reichsten und angesehensten Persönlichkeiten des Bezirks.

Der Unterpräfekt von Ville-aux-Fayes, Monsieur des Lupeaulx, ein Neffe des Generalsekretärs eines der wichtigsten Ministerien, war der zukünftige Ehemann von Mademoiselle Elise Gaubertin, der jüngeren Tochter des Bürgermeisters, deren Mitgift wie die der älteren sich auf zweimalhunderttausend Franken belief, ungerechnet was sie noch zu erhoffen hatte. Dieser Beamte bewies, ohne es zu wissen, Scharfsinn, indem er sich bei seiner Ankunft in Ville-aux-Fayes 1819 in Elise verliebte. Ohne seine Prätentionen, die angemessen erschienen, würde man ihn schon lange gezwungen haben, um seine Versetzung einzukommen; aber er gehörte ja sozusagen schon zur Familie Gaubertin, deren Haupt in diesem Bunde sehr viel weniger den Neffen als den Onkel sah. Auch stellte der Onkel im Interesse seines Neffen seinen ganzen Einfluß in Gaubertins Dienst.

So tanzten die Kirche, das Richteramt unter seiner Doppelform, der absetzbaren und der unabsetzbaren, die Gemeindeverwaltung, die Regierung, die vier Füße der Macht nach des Bürgermeisters Willen.

In folgender Weise hatte sich diese Macht über und unter der Sphäre, in der sie wirkte, befestigt:

Der Bezirk, zu dem Ville-aux-Fayes gehört, ist einer von jenen, deren Bevölkerungszahl ihm das Recht gibt, sechs Deputierte zu ernennen. Der Kreis Ville-aux-Fayes hat seit Schaffung eines linken Kammerzentrums Leclercq zu seinem Deputierten erwählt, den Bankier der Weinniederlage, Gaubertins Schwiegersohn, der Bankvorstand geworden war. Die Zahl der Wähler, mit der dies reiche Tal zum Hauptkollegium beitrug, war beträchtlich genug, um immer, und wäre es auch nur durch Transaktion, die Wahl Monsieurs de Ronquerolles, des Protektors, den die Familie Mouchon sich verschafft hatte, zu sichern. Die Wähler von Ville-aux-Fayes unterstützten den Präfekten unter der Bedingung, daß er den Marquis von Ronquerolles als Deputierten ins Hauptkollegium brächte. So war Gaubertin, der als erster den Gedanken dieser Wahlmaßnahmen gehabt hatte, in der Präfektur, der er vielen Verdruß ersparte, gut angeschrieben. Der Präfekt ließ drei reine Ministerielle mit zwei Deputierten vom linken Zentrum wählen. Diese beiden Deputierten – es waren der Marquis von Ronquerolles, ein Schwager des Grafen von Sérizy, und ein Bankvorstand – erschreckten das Kabinett wenig. Auch hielt man die Wahlen dieses Bezirks im Ministerium des Inneren für ausgezeichnet.

Der Graf von Soulanges, Pair von Frankreich, war, als getreuer Anhänger der Bourbonen, designiert, Marschall zu werden, und wußte seine Wälder und Besitzungen von dem Notar Lupin und von Soudry gut verwaltet und behütet. Er konnte als ein Beschützer von Gendrin angesehen werden, den er nach und nach, hierin übrigens von Monsieur Ronquerolles unterstützt, zum Richter und Präsidenten hatte ernennen lassen. Die Herren Leclercq und von Ronquerolles saßen im linken Zentrum, näher bei der Linken als beim Zentrum, eine politische Situation, die voller Vorteile für Leute ist, welche das politische Gewissen für ein Kleidungsstück ansehen.

Monsieur Leclercqs Bruder hatte das Einkommensteueramt von Ville-aux-Fayes bekommen.

Jenseits der Hauptstadt des Avonnetals hatte der Bankier und Deputierte des Bezirks eben eine prachtvolle Besitzung von dreißigtausend Franken Rente mit Park und Schloß erstanden, eine Position, die ihm einen ganzen Gau zu beeinflussen erlaubte.

So rechnete Gaubertin in den oberen Staatsregionen, in den beiden Kammern und im Hauptministerium auf eine ebenso mächtige wie aktive Protektion, und er hatte sie noch nicht für Kleinigkeiten in Anspruch genommen, noch durch zu viele ernsthafte Bitten ermüdet.

Der Rat Gendrin, der von der Kammer zum Präsidenten ernannt worden, war der Hauptmacher des königlichen Gerichtshofs. Der erste Präsident, einer der drei ministeriellen Deputierten, ein im Zentrum nötiger Redner, überließ während der Hälfte des Jahres dem Präsidenten Gendrin die Leitung seines Gerichts. Der Präfekturrat endlich, ein Vetter von Sarcus namens Sarcus le Riche, war die rechte Hand des Präfekten und selber Deputierter. Ohne die Familienrücksichten, die Gaubertin und den jungen des Lupeaulx verknüpften, hätte man einen Bruder von Madame Sarcus als Unterpräfekt für den Kreis Ville-aux-Fayes »gewünscht.« Madame Sarcus, die Frau des Präfekturrats, war eine Vallat aus Soulanges, aus einer mit den Gaubertin verbündeten Familie; es hieß, sie habe den Notar Lupin in ihrer Jugend »ausgezeichnet.« Obwohl sie fünfundvierzig Jahre alt war und einen Ingenieurschüler als Sohn hatte, kam Lupin niemals in die Präfektur, ohne ihr seine Aufwartung zu machen oder mit ihr zu Mittag zu speisen.

Guerbets Neffe, der Postmeister, dessen Vater, wie man gesehen hat, Steuereinnehmer in Soulanges war, hatte die wichtige Stellung eines Untersuchungsrichters beim Gericht in Ville-aux-Fayes inne. Der dritte Richter, ein Sohn des Notars Corbinet, gehörte notgedrungenerweise dem allmächtigen Bürgermeister mit Leib und Seele an; der junge Vigor endlich, ein Sohn des Gendarmerieleutnants, war stellvertretender Richter.

Der Vater Sibilets, von Anfang an Schreiber am Gericht, hatte seine Schwester an Monsieur Vigor, den Gendarmerieleutnant von Ville-aux-Fayes, verheiratet. Dieser Biedermann, Vater von sechs Kindern, war der Vetter von Gaubertins Vater durch seine Frau, eine Gaubertin-Vallat.

Vor achtzehn Monaten hatten die vereinten Bemühungen der beiden Deputierten, Monsieurs de Soulanges und des Präsidenten Gaubertin, eine Polizeikommissarstelle zugunsten des zweiten Sohnes des Gerichtschreibers in Ville-aux-Fayes geschaffen.

Sibilets älteste Tochter hatte Monsieur Hervé, einen Institutinhaber, geheiratet, dessen Anstalt auf Grund dieser Heirat gerade in ein Gymnasium umgewandelt worden war, und seit einem Jahre erfreute sich Ville-aux-Fayes eines Gymnasialdirektors.

Sibilet, Herrn Gorbinets Hauptschreiber, erwartete von den Gaubertin, Soudry, Leclercq die notwendigen Garantien zur Erwerbung des Notariats seines Vorgesetzten.

Der letzte Sohn des Gerichtsschreibers war bei den Domänen angestellt, mit dem Versprechen, dem Einnehmer der indirekten Steuern in seinem Amte nachzufolgen, sobald der Beamte die nötigen Dienstjahre erreicht haben würde, um pensionsberechtigt in den Ruhestand zu treten.

Die sechzehnjährige jüngste Tochter Sibilets endlich war mit dem Hauptmann Corbinet, dem Bruder des Notars, verlobt, für den man die Stelle des Briefpostdirektors erlangt hatte.

Die Fahrpost von Ville-aux-Fayes gehörte Monsieur Vigor, dem Aelteren, des Bankiers Leclercq Schwager, er befehligte auch die Nationalgarde.

Ein altes Fräulein Gaubertin-Vallat, eine Schwester der Gerichtsschreiberin, hatte das Bureau für Stempelpapier inne.

So begegnete man, nach welcher Seite man sich in Ville-aux-Fayes auch wendete, einem Mitgliede dieser unsichtbaren Koalition, deren von allen, von groß und klein anerkanntes und wahres Haupt der Bürgermeister der Stadt, der Generalagent des Holzhandels, Gaubertin war! . . .

Wo man von der Unterpräfektur aus ins Avonnetal hinunterging, dort herrschte Gaubertin, in Soulanges durch die Soudry, durch Lupin, den Bürgermeisterstellvertreter und Verwalter der Besitzung Soulanges, der immer mit dem Grafen in Briefwechsel stand; durch den Friedensrichter Sarcus, durch den Steuereinnehmer Guerbet, und durch den Doktor Gourdon, der eine Gendrin-Vattebled geheiratet hatte. Blangy beherrschte er durch Rigou, Conches durch den Postmeister, der absoluter Herr in seiner Gemeinde war. Aus der Art, wie der ehrgeizige Bürgermeister von Ville-aux-Fayes seine Macht über das Avonnetal ausdehnte, kann man schließen, in welcher Weise er den Rest des Bezirkes beeinflußte.

Der Chef des Hauses Leclercq war ein der Deputation aufgestülpter Hut. Der Bankier hatte gleich von Anfang an eingewilligt, daß Gaubertin an seiner Statt ernannt werde, sobald er die Generaleinnehmerstelle des Bezirkes erhalten haben würde. Der Staatsanwalt Soudry sollte Hauptadvokat am königlichen Gericht werden, und der reiche Untersuchungsrichter Guerbet wartet auf seinen Ratssitz. So garantierte die Besetzung dieser Stellen, ohne drückend zu werden, dem stellvertretenden Richter Vigor, dem Substitut François Vallat, einem Vetter der Madame Sarcus le Riche, endlich den ehrgeizigen jungen Männern der Stadt die Beförderung und verschaffte der Koalition die Freundschaft der sich bewerbenden Familien.

Gaubertins Einfluß war so schwerwiegend, so groß, daß die Fonds, die Ersparnisse und das verborgene Geld der Rigou, der Soudry, der Gendrin, der Guerbet, der Lupin und selbst das von Sarcus le Riche seinen Vorschriften gehorchten. Ville-aux-Fayes glaubte überdies an seinen Bürgermeister. Gaubertins Tüchtigkeit wurde nicht minder gerühmt als seine Rechtlichkeit und seine Verbindlichkeit; er gehörte ganz und gar seinen Verwandten, seinen Untergebenen, doch auf Gegenleistung. Sein Gemeinderat betete ihn an. So tadelte denn auch die ganze Provinz Monsieur Mariotte aus Auxerre, weil er den braven Monsieur Gaubertin geärgert hatte.

Ohne ihre Macht zu ahnen, da noch nie ein Fall eingetreten war, wo sie sie hätten beweisen können, rühmten sich die Bürger von Ville-aux-Fayes nur, keine Fremden unter sich zu haben und hielten sich für ausgezeichnete Patrioten . . . Nichts also entging dieser intelligenten, übrigens unbemerkten Tyrannei, die jedem der Triumph des Ortes zu sein schien. Als die liberale Opposition den Bourbonen der älteren Linie den Krieg erklärte, ließ Gaubertin, der nicht wußte, wo er einen unehelichen Sohn namens Bournier unterbringen sollte, von dem seine Frau nichts ahnte, und der seit langem in Paris unter Leclercqs Obhut gestanden hatte, als er sah, daß er Faktor in einer Buchdruckerei geworden war, zu dessen Gunsten eine Druckerkonzession in Ville-aux-Fayes erwirken. Auf Antrieb seines Beschützers gab der Bursche eine Zeitung, die er den »Kurier der Avonne« nannte und dreimal wöchentlich erscheinen ließ, heraus; sie debütierte damit, daß sie dem Blatte der Präfektur den Vorteil der gesetzlichen Anzeigen abjagte. Dieses im allgemeinen ganz vom Ministerium beeinflußte Bezirksblatt, das im besonderen aber dem linken Zentrum diente und für den Handel durch die Veröffentlichungen der Marktberichte von Burgund wertvoll wurde, widmete sich gänzlich den Interessen des Triumvirats: Rigou, Gaubertin und Soudry. An der Spitze eines recht schönen Geschäfts stehend, wo er bereits Gewinne einstrich, machte Bournier, der vom Bürgermeister begünstigt wurde, der Tochter des Sachwalters Maréchal den Hof. Ihre Heirat schien wahrscheinlich zu sein.

Der einzige Fremde in dieser großen avonnesischen Familie war der Wegebauinspektor; doch forderte man hartnäckig seine Versetzung zu Gunsten von Monsieur Sarcus, dem Sohn von Sarcus le Riche, und alles deutete darauf hin, daß dieser Fehler im Netze in kurzer Zeit ausgebessert sein würde.

Diese furchtbare Liga, die alle staatlichen und privaten Dienstwege monopolisierte, die das Land aussog, die sich an die Macht heftete wie ein Hindernis unter ein Schiff, entging den Augen der Allgemeinheit; der General von Montcornet ahnte nichts von ihr. Die Präfektur beglückwünschte sich zu dem Gedeihen des Bezirks Ville-aux-Fayes, von dem der Minister des Innern sagte: »Das ist eine musterhafte Unterpräfektur, alles geht dort wie am Schnürchen! Wir würden sehr glücklich sein, wenn alle Bezirke dem glichen!« Der Familiensinn verstärkte sich dort so wohl mit dem Lokalgeist, daß dort, wie in vielen kleinen Städten und selbst Präfekturen, ein landfremder höherer Beamter gezwungen worden wäre, den Bezirk binnen Jahresfrist zu verlassen.

Wenn die despotische bürgerliche Vetternwirtschaft jemanden aufopfert, wird er so gut umgarnt und geknebelt, daß er sich nicht zu beklagen wagt. Wie eine in einen Bienenkorb geratene Schnecke wird er in Vogelleim und Wachs eingehüllt. Dieser unsichtbaren, unfaßbaren Tyrannei kommen mächtige Gründe zu Hilfe: der Wunsch, im Kreise seiner Familie zu leben, seine Besitzungen zu überwachen, die Unterstützung, die man sich gegenseitig leistet, und die Garantien, welche die Verwaltung findet, wenn sie ihren Agenten unter den Augen seiner Mitbürger und seiner Verwandten sieht. Wie in der kleinen Provinzstadt wird der Nepotismus auch in der oberen Sphäre des Departements geübt. Was geschieht? Landschaft und Lokalität triumphieren über Fragen des Allgemeininteresses; der Wille der Pariser Zentralisation wird häufig vereitelt, die Wahrheit der Geschehnisse entstellt, und die Provinz spottet der Gewalt. Kurz, sind die großen öffentlichen Belange einmal befriedigt, so ist es klar, daß die Gesetze, anstatt auf die Massen zu wirken, von ihnen das Gepräge erhalten; die Bevölkerungen passen sie sich an, anstatt sich ihnen anzupassen.

Wer immer nach dem Süden, nach dem Westen Frankreichs und nach dem Elsaß gereist ist, um nicht nur dort in der Herberge zu schlafen und die Denkmäler oder die Landschaft zu besichtigen, muß die Wahrheit dieser Beobachtungen anerkennen. Solche Wirkungen des bürgerlichen Nepotismus stehen heute vereinzelt da, doch der Geist der gegenwärtigen Gesetze bestrebt sich, sie zu vermehren. Solche platte Herrschaft kann großes Unheil anrichten, wie es einige Ereignisse des Dramas, das sich damals im Tale von Les Aigues abspielte, beweisen werden. Das unbesonnener als man glaubt umgestürzte System, das monarchische System und das kaiserliche System, heilten diesen Mißbrauch durch geweihte Existenzen, durch Klassifikationen und durch Gegengewichte, die man so töricht mit Privilegien definiert hat. In dem Augenblick, wo es aller Welt freisteht, den Klettermast der Macht hinaufzuklimmen, gibt es keine Privilegien mehr. Wären übrigens eingestandene, bekannte Privilegien nicht besser als so erschlichene Privilegien, die auf List sich gründen, zum Schaden des Geistes, den man allgemein machen will, Privilegien, die das Werk des Despotismus nach abgeändertem Plane wiederholen und ein niedrigeres Visier als ehedem nehmen? Hätte man edle Tyrannen, die an ihrem Lande hingen, nur gestürzt, um sich egoistische Tyrännlein zu schaffen? Soll die Macht in den Kellern stecken, anstatt an ihrem natürlichen Platze zu strahlen? Man muß darüber nachdenken. Der Lokalgeist, so wie er eben geschildert worden ist, wird die Kammer erobern.

Montcornets Freund, der Graf de la Roche-Hugon, war kurze Zeit vor dem letzten Besuche des Grafen abgesetzt worden. Diese Amtsentsetzung warf den Staatsmann der liberalen Opposition in die Arme, wo er eine der Koryphäen der Linken wurde, von welcher er prompt einer Gesandtschaft halber abfiel. Zum Glück für Montcornet war sein Nachfolger ein Schwager des Marquis von Troisville, des Onkels der Gräfin, der Graf de Castéran. Der Präfekt empfing Montcornet ganz verwandtschaftlich und bat ihn liebenswürdig, sich in der Präfektur wie zu Hause zu fühlen. Nachdem der Graf von Castéran des Generals Klagen angehört hatte, bat er den Bischof, den Oberstaatsanwalt, den Obersten der Gendarmerie, den Rat Sarcus und den kommandierenden Divisionsgeneral für den folgenden Tag zum Frühstück zu sich.

Der Oberstaatsanwalt, der Baron Bourlac, der durch die Prozesse la Chanterie und Rifaël so berühmt geworden ist, war einer jener Männer, die Einfluß auf alle Regierungen haben und die ihre treue Anhänglichkeit, an welche Macht es auch sei, so schätzbar macht. Nachdem er sein Emporkommen seinem Fanatismus für den Kaiser verdankt hatte, schuldete er die Erhaltung seines richterlichen Grades seinem unbeugsamen Charakter und dem Pflichtbewußtsein, mit dem er seinem Berufe nachkam. Der Oberstaatsanwalt, der ehedem die Ueberbleibsel der Chouannerie mit Erbitterung verfolgt hatte, verfolgte die Bonapartisten mit gleicher Erbitterung. Doch Jahre und Stürme hatten seine Härte gemildert; er war, wie alle alten Teufel, bezaubernd in seinen Manieren und Formen geworden.

Der Graf von Montcornet setzte seine Lage und seines Oberwächters Befürchtungen auseinander, sprach von der Notwendigkeit, Exempel zu statuieren und die Sache der Besitzenden zu verteidigen.

Die hohen Beamten hörten ernsthaft zu, ohne mit etwas anderem wie mit Banalitäten zu antworten, wie etwa: »Gewiß, das Gesetz muß die Macht behalten.« »Ihre Sache ist die aller Besitzenden!« »Wir werden darüber wachen, doch in den Umständen, in denen wir uns befinden, ist Klugheit vonnöten.« »Eine Monarchie muß mehr fürs Volk tun, als das Volk, wenn es wie 1793 die Herrschaft hätte, für sich selbst tun würde.« »Das Volk leidet, wir sind ihm unsere Hilfe ebenso schuldig wie Ihnen.«

Der unversöhnliche Oberstaatsanwalt entwickelte ganz ruhig ernsthafte und wohlwollende Betrachtungen über die Lage der niederen Klassen, die unseren zukünftigen Utopisten bewiesen haben würden, daß die Beamten höheren Grades die Schwierigkeiten der von der modernen Gesellschaft zu lösenden Probleme bereits kannten.

Es ist nicht überflüssig, hier zu erwähnen, daß in dieser Zeit der Restauration blutige Zusammenstöße an mehreren Punkten des Königreichs, eben auf Grund des Holzraubes und der mißbräuchlichen Rechte, welche sich die Bauern einiger Gemeinden angemaßt hatten, vorgekommen waren. Das Ministerium und der Hof sahen weder derartige Meutereien, noch das Blut gern, das bei der glücklichen oder unglücklichen Unterdrückung floß. Obwohl man die Notwendigkeit einsah, streng vorzugehen, tadelte man die Verwaltungsbeamten als ungeschickt, wenn sie die Bauern unterdrückt hatten; zeigten sie sich aber schwach, so wurden sie abgesetzt. So machten denn die Präfekten bei derartigen beklagenswerten Vorfällen Winkelzüge. Bei Beginn der Unterhaltung hatte Sarcus le Riche dem Oberstaatsanwalt und dem Präfekten ein Zeichen gegeben, das Montcornet nicht sah und das die Wendung der Unterhaltung bestimmte. Der Oberstaatsanwalt kannte die Verfassung der Gemüter im Tale von Les Aigues durch seinen Untergebenen Soudry.

»Ich sehe einen schrecklichen Kampf voraus,« hatte der Staatsanwalt von Ville-aux-Fayes zu seinem Vorgesetzten gesagt, den er eigens deswegen aufgesucht hatte. »Man wird uns die Gendarmen töten, ich weiß es durch meine Späher. Wir werden einen bösen Prozeß haben. Das Geschworenenkollegium wird uns nicht unterstützen, wenn es sich von dem Haß der Familien von zwanzig bis dreißig Angeklagten bedroht sieht, es wird uns weder den Kopf der Mörder noch die Bagnojahre zugestehen, die wir für die Komplizen fordern müssen. Kaum werden Sie, wenn Sie selber prozessieren, einige Jahre Gefängnis für die Schuldigsten durchsetzen. Es ist besser, die Augen zu schließen als sie aufzumachen, wenn wir, indem wir sie öffnen, sicher sind, einen Zusammenstoß heraufzubeschwören, der Blut kosten wird, und vielleicht noch sechstausend Franken Kosten für den Staat, ungerechnet den Unterhalt jener Leute im Bagno. Damit ist ein Triumph, der die Schwäche der Justiz allen Blicken aussetzt, zu teuer bezahlt.«

Da Montcornet unfähig war, den Einfluß der Mediokratie in seinem Tale zu ahnen, sprach er nicht von Gaubertin, dessen Hand die Glut der wiederentstehenden Schwierigkeiten schürte. Nach dem Frühstück nahm der Oberstaatsanwalt den Grafen von Montcornet beim Arm und führte ihn in das Kabinett des Präfekten. Als der General die Konferenz hinter sich hatte, schrieb er an die Gräfin, daß er nach Paris reise und erst in einer Woche zurückkommen werde. An der Ausführung der Maßnahmen, die der Baron von Bourlac diktierte, wird man sehen, wie weise seine Ratschläge waren; und wenn Les Aigues der Böswilligkeit entgehen konnte, so geschah es nur, indem es sich der Politik befleißigte, die dieser Beamte dem Grafen von Montcornet heimlich empfohlen hatte.

Manche Leser, die vor allem Interessantes hören wollen, werden diese Erklärungen als langweilig verurteilen, darum ist es von Nutzen, darauf hinzuweisen, daß erstens der Sittenschilderer härteren Gesetzen gehorcht als denen, die den Tatsachenschilderer leiten; er muß alles wahrscheinlich machen, selbst die Wahrheit, während in der Domäne der eigentlichen Geschichte das Unmögliche durch die Tatsache, daß es geschehen ist, gerechtfertigt wird. Die Wechselfälle des sozialen oder Privatlebens sind durch eine Welt von kleinen Ursachen erzeugt worden, von denen alles abhängt. Der Weise ist verpflichtet, die Lawinenmassen wegzuräumen, unter denen Dörfer zugrunde gegangen sind, um auch die von einem Berggipfel losgelösten Kiesel zu zeigen, welche zur Bildung dieses Schneegebirges geführt haben. Ja, wenn es sich hier nur um einen Selbstmord handelte! Ihrer geschehen jährlich fünfhundert in Paris; dieses Melodrama ist alltäglich geworden, und jeder kann die Gründe dafür aufs genaueste kennen lernen. Wen aber wird man glauben machen, daß der Selbstmord des Besitztums jemals in einer Zeit geschehen ist, wo das Vermögen kostbarer als das Leben zu sein scheint? De re vestra agitur, sagte ein Fabeldichter; es handelt sich hier um die Angelegenheit aller, die etwas besitzen. Denkt daran, daß diese Liga eines ganzen Kreises und einer kleinen Stadt gegen einen alten General, der trotz seines kühnen Mutes den Gefahren von tausend Kämpfen entronnen ist, sich in mehr als einem Landbezirk gegen Leute gerichtet hat, die dort Gutes tun wollten. Diese Koalition bedroht unaufhörlich den genialen Menschen, den großen Politiker, den großen Landwirt, kurz alle Neuerer!

Diese letzte, sozusagen politische Erklärung gibt nicht nur den Personen des Dramas ihre wahre Physiognomie, der kleinsten Einzelheit ihre Wichtigkeit, sondern wird auch noch scharfe Lichter auf diese Szene werfen, bei der alle sozialen Interessen auf dem Spiele stehen.

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