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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
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secondcorrectorThomas Stur
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IX.

Alsbald ließen sich nun auch Welo und der Markomanne neben den andern nieder auf einer der schlichten Holzbänke, die nahe der Esche im Halbkreis gezimmert standen um einen mächtigen runden Tisch: das war ein Eichenstamm, wagerecht durchsägt und bedeckt mit einer schwarzen Schieferplatte, die mit einigen alten Schildnägeln in dem Holz befestigt war.

»Dies ist er, von dem ich dir gesagt,« sprach Civilis, »Sido, der Sohn Garibrands, des Markomannenkönigs, in dem fernen Bajuhemum.«

»Willkommen, Kampfgenoß!« nickte die Jungfrau.

Er errötete; dann strich er rasch über die heiße Stirn und sprach: »Oh Jungfrau, wie gerne würd' ich's werden! – Allein . . .«

»Du weißt noch nicht, ob dein Vater, dein Volk, bisher mit Rom in Frieden, wann du nun zurückkehrst in König Garibrands Halle, dir beipflichten, dir folgen werden? Nicht wahr, das wolltest du einwenden? Ich aber sage dir Jüngling: sie werden dir willfahren! Neben Batavern und Brukterern werden die Sueben kämpfen. Schon seh' ich dich: an des Civilis Schildseite stehst du: – du hebst den Speer zum Wurf: – er fliegt, er trifft – und der Centurio fällt.«

Sie sprach, ohne einen der Anwesenden zu beachten: zwischen ihnen durch in weite Ferne schien sie zu blicken. Erschauernd schwieg der Jüngling: das Herz schlug ihm gewaltig.

»Wahrlich,« sprach Civilis, »der Geist der Weissagung spricht aus der wunderbaren Maid. Sie schaut das Künftige, ja, sie hört, was geschieht in der Ferne. Ich wollte ihr berichten, was wir in Brinnos Halle beschlossen: – sie aber unterbrach mich gleich und sie – Sie! – erzählte mir, was dort geschehen!«

»Ja, sie weiß alles!« rief mit leisem Grauen Weledamarka.

»Nicht Wodan selbst weiß Alles!« erwiderte sie kopfschüttelnd. »Wer alles wüßte – alles! – der müßte wohl dran sterben« sprach sie langsam und traurig vor sich hin. »Nur Einzelnes – Stückhaftes – Trümmerhaftes ahn' ich, errat' ich,« fuhr sie nun wieder lebhafter fort. »Ist wahrlich nichts Wunderbares daran! Ich meine, alle Menschen müssen also erraten können, steigen sie nur – wie ich – in der Stille der Einsamkeit nieder in die Tiefe der Seele!« Sie verstummte nachdenklich.

»So war sie schon als Kind,« bestätigte Welo. »Oft hat's mein Vater erzählt. Abseit der andern spielte sie, wanderte weit im Wald umher oder saß allein am rauschenden Fluß auf dem schaukelnden Nachen, im nickenden Schilf: – sah und sann.«

»Ja. Und gar Manches erriet ich und errate ich so, was die andern nicht finden in dem Lärm des Geredes um sie her, oder auch in der Hast und Hitze der eignen Seele, die so Vielerlei begehrt. Ich – ich begehre – für mich – nichts. Ich lege, soll ich ein Kommendes erraten, mir still zusammen in meinen Gedanken, was ich von dem Gewesenen weiß, von den Ursachen: dann schließ' ich die Augen und frage mich scharf: »Welch' Bild von dem Kommenden schaust du? Was wird nun werden?« Ach! Oft und oft versagt mir die Antwort! Aus wogenden, ziehenden Nebeln, aus grauen Schatten will kein Bild aufsteigen, faßbar dem Blicke. Zuweilen aber schießt mir die Glut aus dem Herzen in die Stirn, mir pochen die Schläfe, es ergreift mich, dieweil ich erbebe, der Gott, und ich schaue ganz klar, was in der Ferne geschieht, was in der Zukunft geschehen wird.«

Alle hatten mit Ehrfurcht zugehört.

»Ja,« sprach Civilis, »etwas Heiliges, etwas Weissagerisches wohnet im Weibe. Näher als der Mann steht ihr zarter, reiner Sinn dem Himmel: ahnungsvoll erfassen sie der Götter Willen und des Schicksals Weben. Welche aber von allen Mädchen oder Weibern, die ich kenne, gliche Weleda an Reinheit und Hoheit der Seele, ihr, der nie irdischer Wunsch das Herz bewegt hat? Deshalb nicht wie Mann dem Weibe nahe ich dir mit meinen Gedanken, wann du mir fern, oder mit den Augen, wann du vor mir stehst. Nein, wie wir aufschau'n zu den Sternen, die, wunderklar, doch kühl und fühllos, auf uns hernieder leuchten.«

Die Jungfrau senkte die langen blonden Wimpern. Nach einer Weile begann sie mit kaum merklichem Lächeln: »Nun, diesmal war es nicht schwer, zu erraten, was in Vrinnos Halle geschehen. Ich kenne dich seit vielen Jahren, Claudius Civilis. Viel tiefer kenn' ich dich als du dich selbst. Denn stets nur in deines Volkes Heil versenkt, hast du dir nie Zeit gegönnt, dich selber zu erforschen. Ich aber hatte Zeit genug dazu, viele Winter, in deinem Haus, in langen Nächten, am Lager der Kranken, als deines armen Weibes Pflegerin. Und später manchen langen Sommertag hier in der Einsamkeit meiner grünen, leise rauschenden Wipfel, Ich kenne dich wie – wie nur die Götter noch dich kennen! Und auch den einzigen, den großen Irrthum deines Lebens: deinen Glauben an Rom! Viele Stunden, wache Nächte lang habe ich dir diesen Wahn bekämpft . . .«

Verwundert sah Civilis auf.

»Nicht laut! Nicht in Worten mit dir streitend – ich mit dir! wie könnte das geschehn! – Aber unablässig in meinen stillen Gedanken. Und ich wußte lange, wie alles kommen mußte. Denn ich wußte ja: dein Höchstes – ja dein alles – auch schon bevor Imma starb! – was allein dich erfüllt, ist dein Volk. Und ich wußte auch: einst erkennst du der Römer wahres Wesen. Denn Rom zu erraten und zu hassen« – hier blitzte ihr graues Auge zornig, drohend auf – »das haben mir die Götter als Angebinde in die Wiege gelegt.«

Staunend fragte der Fremdling: »Aber erkläre mir! Wie kommt es, daß du, die Jungfrau, die fern von den Kämpfen, auch von dem Rate der Völker lebt, so tiefen, ahnungsvollen Haß gegen Rom hegst, so alldurchschauendes Mißtrauen auch in die Freundesworte Roms, während andere – Männer, des Krieges und des Rates, Männer, welche die Stadt am Tiber selbst kennen gelernt . . .«

Er stockte.

»Sag' es nur, Freund,« sprach Civilis, »während Claudius Civilis sich jahrzehntelang verblenden ließ. Sie ist überlegenen, männlichen Geistes!«

»O wahrlich nicht!« rief Weleda schmerzlich. »Ich, männlichen Geistes – dir überlegen? Welch unmöglich Wort! – Nein, der Haß, der Argwohn, die böse Ahnung haben sehr einfachen Grund. Ich war ein Kind von sieben Wintern – das sind nun achtzehn Jahre. – Mein Vater hatte kurz vor dem Feste der Göttin Ostara mit den Römerfeldherren zu Asburg nach langen Kämpfen als Richter seines Gaues – des Lippe-Gaues – Friede geschlossen: feierlich, bei ihren Göttern Jupiter und Mars, vor ihren Adlern, hatten die Legaten ihn beschworen, wie die Unsrigen bei Wodan und Tius auf ihre Waffen. Ein fröhlich Fest vereinte zum erstenmal nach vielen Jahren banger Kriegszeit in der Ostaranacht die Edelinge und die Richter unseres Gaus und der Nachbargaue in des Vaters Halle. Da plötzlich – nach Mitternacht – wir Kinder schliefen längst – furchtbarer Waffenlärm, die Tuba schmettert, Schreie der Wut, bald der Schmerzen gellen in unser Ohr, schon schlägt Flammenschein in unser Schlafgemach, die Mutter, meine ältere schöne Schwester und meine beiden Brüder, noch nicht waffenreif, und ich fliehen aus der Tennenthüre in den Wald; aber weithin leuchtet die Lohe unseres brennenden Hauses; es ist von Reitern umstellt, rasch haben zwei davon uns eingeholt: nach der Schwester, nach der Mutter greifen sie zuerst, bei den Haaren wollen sie die Schreienden mit fortschleppen, die beiden Knaben fallen den Gäulen in die Zügel, – ach! vor unseren Augen werden sie erstochen, die Schwester wird fortgeschleppt, der Mutter gelingt es, sich loszureißen, sie faßt mich am Arm und wir entkommen in den Wald. Den Vater hat der Legat – ein treuer Knecht, der schwerwund, für tot, neben ihm niederfiel, hat's uns berichtet! – mit der eignen eidbrüchigen Hand auf unserer Schwelle erschlagen. Die Mutter flüchtete hierher, zu ihren Gesippen, den Welingen. Hier zog sie mich auf: – und in welchen Gedanken, in welchem Gedenken! Im Haß gegen Rom. Öfter als alles andere hörte ich sie die Geschichte jener Nacht voll Flammen und Mord mir und den andern erzählen. Sie ließ mich Haß und Rache schwören gegen Rom. Es war von Überfluß! Im Traum und Wachen sehe ich die Flammen aus unserem First schlagen, die Knaben blutend stürzen, die Schwester am Haar neben dem Rosse dahingeschleift, ich höre ihr jammerndes Wehegeschrei mitten durch das dumpfe Siegesgeschmetter der Tuba. Ah, ich seh' und hör' es jetzt und ich erbebe: nicht vor Schmerz mehr, nein, vor Zorn.« Sie schwieg, heftig atmend, und ihr stolzer Busen wogte.

»Und so überragte,« klagte Civilis, »das Mädchen jahrelang den reifen Mann!«

»Daß aber in der Stunde solcher Erkenntnis in dir aufwachen werde der schlummernde Wodan: – das wußte ich auch. Und als mir nun von seiner Fähre her Welo die Nachricht brachte, – er hatte einen Amsivaren übergesetzt, der aus römischem Solddienst in die Heimat zurückkehrte – was am Tiber geschehen war, wie sie die Verträge zerrissen, – da wußte ich auch, was in Vrinnos Halle Civilis thun werde, sobald er das vernahm.«

»Ja,« sprach dieser nachdenklich vor sich hin, »du kennst mich gut.« – »Wen sollte Weleda kennen, wenn nicht dich? Wer sollte dich kennen, wenn nicht Weleda?« – »Und du billigst alles, was ich that?« – »Du mußtest thun, wie du gethan.«

»Und nicht wahr,« rief Welo lebhaft dazwischen, »wir werden siegen?«

Mit großen Augen, unwillig fast, sah die Jungfrau ihn an. »Unnütze Frage!« – »Warum unnütz?« – »Weil ihr doch thun müßt, wie ihr thatet, thut, thun werdet, auch wenn's euch vorbestimmt ist, darüber unterzugehen.«

»Das ist ein dunkel, ja ein düster Wort!« erwiderte Welo, die dunkelblonden Locken schüttelnd.

»Die Zukunft ist dunkel, Vetter. Nur einzelne Blitze – zuweilen – erhellen davon der Seherin ein Stück. Kämpft, weil ihr müßt, – siegt, wenn ihr könnt.« Sie stand erregt auf; alle erhoben sich.

Civilis trat mit dem Mädchen ein paar Schritte zur Seite. »Mir genügen diese deine Worte,« sprach er. »Aber den andern? Der Menge? Soll dieser Suebe daheim nicht Helleres, Siegfreudigeres aus Weledas Mund berichten? Willst du nicht die Runenlose werfen? Es wäre gut, der Markomannen Speere zu gewinnen.«

Sie nickte. »Dazu bedarf's der Runen nicht. Sparen wir die Fragen an die Götter für die Not. Nicht oft wollen sie ausgeforscht sein. Am rechten Ort, zur rechten Stunde werde ich damit nicht zögern. Die Sueben aber . . .« Sie brach ab und schritt, Civilis winkend, ihr zu folgen, zu den übrigen.

»Du hast alles gehört,« sprach sie laut, »Sido. Du bist, rühmt man, ein Harfner, bist ein Sänger. Der aber ist kein Sänger, der kein Held.«

»Dank, Jungfrau, für dies Wort!« mit leuchtenden Augen rief er's.

»Wohlan, wollen die starken Markomannen uns allein ringen lassen wider Rom? Glaubt nicht, ihr seid sicher, weil ihr ferne wohnt. Das fressende römische Feuer, – wie Waldbrand in dürrem Holz wird es auch euch ergreifen, sind die vordersten Stämme den tötenden Flammen erlegen. Austreten muß man sie, bevor sie Raum gewinnen.«

»Das sind nicht Mädchenworte,« sprach Civilis, »das ist Königsweisheit.«

»Euch ruft die eigne Gefahr,« fuhr Weleda lebhafter fort, »und lauter noch die Ehre, die Heldenpflicht! Wollt ihr müßig unseren Kämpfen zusehen, weil ihr – noch eine Weile! – sicher seid? Du hast's gehört: ich sah auch dich in dem Bilde, das Wodan mir enthüllte: neben Civilis standest du – es flog dein Speer – er traf. Sprich, Harfner, Königssohn, – willst du Weleda Lügen strafen?« Flammen blitzten ihre Augen auf den Jüngling.

Da warf sich der leidenschaftlich, hingerissen, vor ihr nieder auf ein Knie, riß das Schwert aus dem Wehrgurt, reckte es hoch gen Himmel und rief: »Dein ist mein Volk, wie dieses Schwert! Ich schwöre: ich bringe dir die Markomannen.«

 


 

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