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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070612
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VIII.

Der vorderste der Ankömmlinge blieb gleichwohl ehrerbietig stehen, bevor er in das geweihte Gehege trat.

»Willkommen, Welo!« sprach die Jungfrau ermutigend. »Den Göttern und Weleda willkommen: du und« – sie zögerte, dann schloß sie mit leiserem Ton – »und alle, welche du bringst.«

Dem jungen Mann schoß Glut in die Wangen, als er nun, über das Seil hinschreitend, vor sie trat. »O Weleda, – du und die Götter, ihr seid eins,« sprach er. »Oft mein' ich, du bist aus Asgardh herniedergestiegen in Menschengestalt. Aber irgendwo an geheimem Ort – etwa auf deiner Esche da oben? – hast du dein Schwanenhemd geborgen und urplötzlich entschwebst du uns wieder mit rauschenden Schwingen. Bitte sie, daß sie uns bleibe, Civilis.«

Die Jungfrau richtete nun die großen stahlgrauen Augen voll auf den zweiten ihrer Gäste.

Civilis schritt vor und sprach, ihr ruhig die Rechte hinstreckend: »Ja, wir bedürfen dein.« Sie faßte schweigend seine Hand und schüttelte sie kräftig.

»Wie zwei wackre Kriegsgenossen,« dachte Welo, der den Blick nicht von ihr ließ. »Aber auch schon darum preis' ich ihn glücklich.«

Nun war auch das junge Mädchen herangekommen. »Weledamarka!« rief die Jungfrau erfreut. Sie legte beide Hände auf die Schultern der zierlichen Gestalt. »Wie selten zeigst du dich, mein heitrer Sonnenstrahl!«

Die Kleine, etwa sechzehn Jahre alt, reckte sich hoch in ihrem lichtblauen kurzen Leinenkittelchen, das oberhalb der Knöchel endete, griff mit beiden Händen in die Höhe, faßte so Weledas Kinn und streichelte es zärtlich. »O du! – Wer darf sich oft in deine Nähe wagen?«

Jetzt war auch der hinter dem Kinde Schreitende zur Stelle, er erschaute nun ganz nahe die Jungfrau. Da zuckte er: ohne ein Wort zu finden, beugte er ehrfurchtsvoll das behelmte Haupt und drückte die Rechte auf die Brust.

Weleda erwiderte seinen ehrerbietigen Gruß mit einer Handbewegung, welche auch ihn willkommen hieß, wandte sich und schritt mit Weledamarka voran in der Richtung auf die Esche.

Allein der Fremde zögerte: er vermochte nicht zu folgen. Welo bemerkte es, und die Mädchen mit Civilis vorausgehen lassend, trat er auf jenen zu. »Was ist dir, Sido? Traf dich Elbengeschoß?«

Aber der Suebe schüttelte den Kopf. »Das,« – sprach er langsam, mit dem Finger deutend – »diese dort! – ist kein irdisch Weib!«

»Doch! Meine Base! Meines eignen Vatersbruders Kind. Aber freilich – anders ist sie als alle andern. – Komm, du kannst nicht einwurzeln hier.«

Nur langsam folgte der Fremde. »Als ihr Auge mich traf,« – begann er leise – »wie ein blitzender Stern! – drang der Blick mir bis in den Grund der Seele. Wehe, wer vor dies Auge träte, Unreines in seinen Gedanken! Er müßte vor Scham vergehen. – Und jener Mund – so streng, so stolz wie Friggas Lippen und doch wie Freias Lippen so wonnig! Und schau' nur dies Haar! Wie es, von dem Wirbel frei herabflutend, über Nacken und Schultern und Rücken weit über den Gürtel bis an die Kniekehlen reicht! Nie sah ich solche Farbe. Gold vergleichen wir sonst das lichte Gelock unserer Frauen: aber dies ist ja fast weiß, so sonnenhell! Und welch' kräuselnd Geriesel in dem weichen Gewoge! Und die schlanke jungfräuliche, königliche Gestalt! Und der schwebende Schritt! Einer Welle vergleichbar rauscht sie heran und schwebt sie hinweg. Und –«

»Laß ab, Suebe! Du reizest mich, du ergrimmst mich mit deinen beredten Worten, ohne es zu ahnen. Ich, . . . auch ich sehe das alles, sah es, seit – seit ich kein Knabe mehr bin! All' meine Gedanken weilen ja bei ihr: – unablässig! – Bei diesem wunderbaren Mädchen, mir so nah an Blut, so nah an Wohnsitz auch und doch so unerreichbar fern wie Freias Stern!«

»Du hast ihr's nie gesagt?«

»Weleda – ein Mann von Liebe sprechen!«

»Nun, sie ist doch nicht Priesterin! Und wäre sie's – erst vorige Sunnwend hat die Priesterin der Tansana sich vermählt. Nichts steht im Wege.«

»Das freilich nicht! Allein – schau' sie nur an! Wer darf sich ihrer würdig achten? Ihr Auge – ich möchte es nicht sprühen sehen, spräche ihr einer von Kuß und Umarmung! – Sie! – Ich glaube der Götter einen trägt sie im Herzen: der mag ihr oft wohl nahen in ihrer Waldeseinsamkeit. Denn daß sie fühllos, – glaub' ich nicht! Zuweilen, wann sie sich unbeachtet glaubt, seh' ich ihr Auge, dies stolze kühle Auge so verträumt blicken, so sehnend, so –«

»Ich schlag' ihn tot, der sie gewinnt!« brach der Suebe los.

»Das wäre zunächst mein Recht, des Muntwalts der früh Verwaisten,« lachte Welo. »Aber ich sorge, uns beiden käme zuvor – ein dritter.«

»Wer? – Sie spricht so eifrig mit Civilis dort: – der etwa?«

»Behüte! Der denkt nur an sein Volk, und jetzt an Rom und Krieg. Er hätte ja längst werben können um sie. War sie doch die nächste Freundin seines Weibes, das sie getreu gar lange Zeit gepflegt in seiner Halle. Jahrelang ist er schon Witwer. Beide denken nicht daran.«

»Nun, wer sonst?« – »Brinnobrand!« – »Der Narr?« – »Nenn' ihn nicht so! Und darin vollends ist er kein Narr, der arme Junge. Er hat sie geliebt, bevor er das Gift trank. Und was alles auch sonst der Trank ihn vergessen machte, – nicht dies Gefühl. Und er hat eins – mit dir gemein! – was mir fehlt,« schloß er seufzend. – »Das ist?« – »Das Lied! Die Kunst des Sanges. Jawohl! Man weiß, Königssohn, daß du vor andern trefflich Liedstäbe findest: – das that, das thut auch jetzt noch – obzwar oft wirr und kraus, – Brinnobrand. Schau, als du vorhin so rasch von ihr geredet: – ich beneidete dich darum. Ich fühl's, ich seh's, ich trag' es umher – all' das! – bald fünfzehn Winter lang und kann's nicht sagen: und du siehst sie zum erstenmal und triffst die rechten Worte für sie!«

»Aber sprich – wie kann sie – hier – mitten im Walde – leben?« – »Ich sorge für sie. Ich und die Schwester. Wir tragen ihr – von Zeit zu Zeit – zu, was sie braucht,« – »Jedoch – dies unvergleichbar schöne Weib – einsam – in dieser Wildnis – ohne Schutz?«

»Kein Römer kann,« erwiderte Welo – »von Westen her – auf viele Meilen nahen, ohne daß unsere Späher an den Grenzhagen es merken und eilfertig nach rückwärts in die Gaue melden. Und der Mann – von Germanengeblüt! – lebt nicht, der an Weleda die Hand zu legen wagte! Nicht in die Umhegung tritt ein Fuß, ohne ihr Verstatten! Jeder würde fürchten, von den Göttern sofort niedergestreckt zu werden.«

»Aber die wilden Tiere? Bär und Auerstier und Wolf?«

»Noch nie ward sie bedroht. Sie scheuen die weiße Schnur. Die Götter fügen's wohl. Auch würden wir im nahen Welhof ihr Notzeichen hören: den Schlag der Axt an das Gezimmer auf dem Baum.«

»Jedoch im Winter –?«

Welo schüttelte den Kopf: »Erst, wann Paltar siegreich eingezogen in den Lippe-Gau, zieht auch sie zu Walde. Und mit den fallenden Blättern ihrer Esche steigt auch sie herab.«

»Und dann? Lebt sie einstweilen, du Glücklicher, unter dem Dache deiner Halle!«

»Daneben. Wenige Schritte davon ragt ein alter Turm, wohl als Spähwarte einst von den Ahnen gezimmert, den Fluß hinabzuschauen. In diesem Turme verbringt sie die rauhe Zeit, ebenso einsam, wie auf dem Baume die milde.

»Und that sie immer so?«

»Doch nicht. Erst seit sie sich ganz dem Dienst der Götter geweiht. Seit zwei, drei Jahren. – Aber schreite nun rascher aus: Civilis winkt: wir sollen hören, was das Ergebnis seiner Zwiesprach mit der Seherin.

 


 

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