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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
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secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Wo im grünen Lande der Brukterer die Lippe unter tiefsten Urwaldschatten murmelnd dahinrauscht, da stieg, nahe dem linken, dem südlichen Ufer in schwindelnde Höhe eine uralte, riesige Esche.

Die trug, im Kreis um den Stamm gefügt, ein gar seltsam, ein geheimnisvoll Gezimmer. Erst fünfzehn Fuß von der Erde – bis dahinauf waren die Äste beseitigt, – begann der luftige Verschlag, in zwei Stockwerke gegliedert. Wagrecht über die Seitenäste hin in dieser Bodenhöhe waren rings um den mächtigen Stamm, den fünf Männer nicht umklaftern mochten, dünne Bretter gelegt und gefestigt: sie bildeten den Fußboden des ersten geräumigeren Geschosses.

Fünfzehn Fuß über dem Boden dieses untersten Stockwerks war in gleicher Weise ein zweites, schmaleres, nicht so weit von dem Stamm herausragend angebracht, in das man von dem ersten auf einer leichten Leiter hinaufstieg: die Öffnung in dem Boden des zweiten, auf der Ostseite des Stammes, durch eine Drehscheibe schließbar, verstattete das Hindurchschlüpfen nur einer schlanken Gestalt.

Fünfzehn Fuß über dem Boden des zweiten Geschosses senkte sich das Dach, dicht an den Stamm gezimmert, nach Nord, Süd und West steil schräg ab, über das untere Stockwerk vorspringend, den Regen außerhalb desselben ablaufen zu lassen.

Noch weit über das Dach ragte der Wipfel des mächtigen Baumes in die Wolkenhöhe: unsichtbar verlor er sich hier: denn die Gipfeläste der niedrigeren Nachbarn schlossen ihn von dem Blicke des am Fuße Stehenden ab: nur der Adler, die ziehenden Wolken und die wandernden Sterne schauten des Baumes geheimnisumrauschtes Haupt.

Aber auch in die beiden Stockwerke drang – unverstattet – kein Blick. Dichtes Segeltuch, dunkelgelb und dunkelrot in dem ersten, lichtgrün und dunkelgrün in dem zweiten Geschoß, an Schnüren an den Ästen hinlaufend und leicht zu- oder aufzuziehen, verhüllte das Innere oder ließ, nach Wunsch zurückgeschlagen, Luft und Licht einfluten.

Der Aufstieg zu dem unteren Gezimmer mochte auch nur durch die von oben herabgelassene Leiter geschehen: war diese aufgezogen, konnte der nicht zu umklafternde und ästelose Stamm nicht erklettert werden.

So bildete der mächtige Baum nicht nur eine luftige Wohnstätte, auch eine Burg, deren Bewohner wider deren Willen nicht zugänglich waren.

Die weitausgreifenden Wurzeln tränkte die Esche in einem schmalen Quell, der, hier ganz nah ihrem Fuß, aus dem dichten samtweichen Waldmoose quoll und eilfertig und leise raunend unter nickendem hohem Farrnkraut seinen Weg suchte gen Südwesten nach dem nahen Fluß, der von dem Baum aus deutlich zu überschauen war.

Hier, an der Lippe, lag auch die einzige menschliche Siedelung weit und breit. Freundlich lugte unter breitkronigen Linden ein stattlich Gehöft hervor, zu dem offenbar auch die Kähne gehörten, die, an dem linken Ufer an Weidenstümpfen festgebunden, auf dem ziehenden Wasser schaukelten.

In einem kreisrunden Abstand von dreißig Schritten war der Raum um die Esche umgürtet, umfriedet: eine weiße, fingerdicke, zierlich aus Hanf geflochtene Schnur, in Brusthöhe um die Stämme der Bäume oder, wo diese fehlten, um schlanke, in die Erde gestoßene Speerschäfte geknotet, hegte dies Gebiet als ein geweihtes ein: freilich war dadurch der Zutritt nur demjenigen gesperrt, der diese Abwarnung in frommer Ehrfurcht heilig hielt.

Aber solche Scheu schien in der That alles Störende fern zu halten von der Stätte des Weihtums. Tiefer Friede, heiliges Schweigen waltete ringsherum. Kein Schall menschlichen Lebens drang hierher.

Trug der Baum in seinem Gezimmer einen Bewohner, mußte auch der sich wohl gar still verhalten: denn – das bezeugten die Spuren in dem weichen Moose und dem Sand an dem Quell – gar häufig wagten sich auch die scheuesten Tierlein des Urwalds in die Umhegung, die, von Menschen fast nie betreten, das köstlichste Waldgras nährte und die würzigsten Kräuter.

So auch an dem frühesten Morgen dieses aufdämmernden Sommertages.

Noch war der leuchtend helle Glanz des Morgensterns nicht überstrahlt von dem Tageslicht, noch überzog den ganzen Himmel ein nahezu farblos Helldunkel, ein unbestimmtes Grau: nur ganz leise zog sich im fernsten Osten ein noch kaum sichtbarer schmaler, aber langgestreckter Streif von fahlem Blaßgelb hin: – des Frühlichts erster Strahl. Allmählich, langsam stieg der Streif höher und höher.

Nichts schien sonst geändert.

Aber doch! Während in den letzten Stunden der lauen Nacht nicht die leisesten Lüftchen sich gerührt, die schwarzgrünen ernsten Wipfel der Baume regungslos emporgestarrt hatten, auch an deren äußersten Ästen, als ob sie den Schlaf der Menschen und der Tiere geteilt, weckte jetzt ganz sacht von Osten her ein kühler Windhauch die Schlummernden. Er küßte zuerst wach die kleinsten, die noch hellgrünen jungen Blätter der Buchen, daß sie, scheu lispelnd und wispernd, hin und her nickten: es kam jenes geheimnisvolle leise tönende Erzittern der Luft, welches, sanft schwingend, das erste Aufsteigen des Sonnenlichts begleitet.

Auch der schmale Waldquell am Fuße der Esche kräuselte unter diesem Hauch seine bis dahin spiegelglatte Fläche: schneller glitten und lauter die kleinen Wellen über die glatten Kiesel in seinem Rinnsal, über das dunkelgrüne Moos der Ufersäume.

Wärmer, kräftiger ward nun das zuerst so bleiche Gelb im Osten: schon ward es leise von einem zarten Rot durchglüht: – der Morgenstern erlosch darin.

Jetzt schoß der erste Lichtstrahl, einem leuchtenden Speere vergleichbar, durch das duftige Gelbrot und traf vergoldend von unten nach oben die höchsten Wipfel der Bäume des Urwalds.

Da erwachte, vom stärkern Wehen des Morgenwinds geschüttelt, auf dem schwanken Ast der höchsten Eiche an dem Strom, wo er für die Nacht aufgebäumt hatte, ein Adler: ein Flußadler war's: er schüttelte zuerst das braune Gefieder, hob dann die mächtigen Schwingen und strich ab mit langsamem, majestätischem Flügelschlag der aufsteigenden Sonne entgegen: wie Silber blitzten, von unten her von dem Lichte getroffen, die innen weißen Schwungfedern: mit lautem schrillem Ruf »Ka-i, ka-i« begrüßte er, die kühle Morgenluft einsaugend, das junge Licht und das eigne erneute Leben.

Das blieb der einzige Laut für lange Zeit. –

Denn erst, nachdem die Sonne so hoch gestiegen war, daß ihre Strahlen von oben her auf die Heide trafen, die den äußersten Saum des Waldes gegen den Fluß hin begrenzte, durchdrangen sie die hohen in starkem Tau glitzernden Halme, unter die sich bei dem Einfallen der ersten Abendschatten verstummend die schlanke Heidelerche geduckt hatte: jetzt stieg dies liebe Vöglein, der Frühwach, der Weckherold der ganzen beschwingten Sängerschar, sein helltöniges Lied feierlich orgelnd, freudig in die blauen Höhen.

Nun folgten sie bald nach, die andern alle: die Feldlerche, die Wachtel in dem wogenden Spelt jenes nahen Gehöftes, Waldrotschwanz und Zaunkönig, Laubvogel und Ringdrossel, Fittis, Fink und Häher: von der heiligen Esche selbst aber tönte das Gurren des wilden Taubers herab.

Jetzt fielen von der nächsten Buche die Schalen von etlichen Eckern dumpf aufschlagend auf das weiche Waldmoos: ein Fauchen, ein Kollern, ein Huschen und Jagen in dem heftig schwankenden Gezweig: ein brandrotes und ein schwarzbraunes Eichhorn stritten um den Morgenimbiß. Dann wieder: – alles still. – –

Nach geraumer Weile rauschte es in den dichten Büschen tief im Innern des Waldes: abgefallene dürre Zweiglein auf dem hier von harten Wurzeln überzogenen Boden knackten, zerbrachen unter festem Tritt: aus der Tiefe des noch dunkeln Gehölzes kam langsam ein Sprung Rehe gezogen: drei Ricken waren es mit je einem Rehkälblein: genau hielt der Zug den gewohnten schmalen Wechselsteg ein, den sich das Wild hier durch das Gebüsch von Hasel, Hartriegel und Hagebuche gebahnt hatte.

In zögerndem, bedächtigem Vorschreiten führte die älteste, stärkste Ricke: zierlich hob sie den linken Vorderlauf hoch auf vor jedem neuen, prüfenden Schritt: den schlanken Hals zurücklegend, reckte sie die Nase hoch und sog schnüffelnd die Luft ein, windete erst, dann äugte sie nach allen Seiten: zumal, bevor sie den Schutz des letzten Buschwerks verließ und in die sonnenbeschienene Lichtung austrat, sicherte sie nochmal: nichts entging ihr: nicht das hurtige Ziesel, das pfeilgeschwind über die Knorrwurzel der Esche dahinschoß, nicht das leise Auffallen jener Bucheckerschalen auf das Moos, ja nicht der dunkelbraune Käfer mit dem geweihartigen Gehörn, der surrend auf die Rinde einer morschen Eiche flog: erst nachdem sie die Harmlosigkeit des Gesehenen und Gehörten festgestellt, setzte die Leiterin den Fuß nieder und trat, die achtsam folgenden führend, wieder einen Schritt vor; nun standen sie alle im Sonnenschein: wie glänzte da das kurze rotbraune Sommerhaar!

Seltsam: die ausgespannte Schnur hatte sie nicht gescheucht: ohne Besinnen waren sie darunter hindurch geschritten. Und sie schreckten nun auch nicht, als auf der Esche ein Geräusch entstand: die Seitendecken des oberen Gezimmers wurden laut vernehmbar zurückgeschlagen.

Nur Einen Blick warf das Leitreh dorthin, dann schritt es getrost weiter an den Quell: denn hier pflegten sie sich morgens zu tränken.

Ruhig blieben sie an dem klaren Wasser stehen: – nur manchmal hob das eine oder andere Stück zutraulich den Kopf nach oben, dem Schalle zu, als nun hoch von dem Baume her, durch die Stille des Urwalds hin, durch die kühle, reine Morgenluft ein silbernes Klingen wohllautend erscholl: – Harfensaiten waren das. Und nach einigen Griffen sang eine jugendliche hellklingende Stimme: – feierlich, weihevoll schwebte der keusche Ton wie von Höhen des Himmels hernieder:

»Andacht und Ehrfurcht
Euch allen entbiet' ich,
    Gütige Götter!

Wieder mit Wonnen
Des labenden Lichtes
Habet ihr Hohen
Selig gesegnet
Alles, was atmet:
Dank euch in Demut!

Schützet und schirmet
Auch fürder in Frieden
Der breit-brünnigen Bruktrer
    Freudiges Volk!

Mir aber, euerer dienenden Maid,
Ihr Ew'gen, erhaltet,
Gehegt und gehütet
Im hehlenden Herzen,
In Weh und in Wonne,
Euer und mein heilig Geheimnis. –

Laßt mich noch länger,
Meinem Volk und den fernen
Freunden zum Frommen,
Erschauernd in Ehrfurcht,
Ahnend erraten
Euern ewig
Weise waltenden Willen
Und für die zögernde Zukunft
Richtenden, rächenden Ratschluß.
Willfährig euch Waltenden
Will sich Wélĕda weihn!«

Noch einmal ertönten hier in mächtigerem Anschwellen als zuvor, unter vollen starken Griffen, die Saiten der Harfe: – nun verstummten sie, leise nachzitternd: hoch auf horchten am Quell mit gereckten Häuptern die Rehe. – – –

 


 

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