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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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created20070612
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XXVII.

Zu derselben Stunde, da des Cerialis Schicksal entschieden worden und der Triumphzug nur noch des Imperators und seiner Söhne harrte, nahte den Bädern des Nero, unfern der fabricischen Brücke, am linken Tiberufer, wo Weleda gefangen gehalten wurde, ein Zug römischer Legionäre, geführt von einem Tribun.

Die breite mit weißen Marmorplatten bedeckte Krone der Mauer hart oberhalb des tiefen Stromes schmückten zahlreiche Bildsäulen von Göttern, Imperatoren, Helden. Lorbeer, Oleander und andere immergrüne hochragende Büsche, in mächtigen und kostbaren Vasen hier aufgereiht, warfen ihre dunkeln Schatten, ob auch die heiße Sonne des Südens unbewölkt von dem tiefblauen Himmel hernieder brannte.

Hier oben wandelte, das Antlitz der kühlenden Luft, die vom Tiber wehte, zugekehrt, Weleda in weißem Gewand; die beiden Hände waren durch eine lange, dünne, goldene Fessel aneinander gekettet: mehr zur Schau für die Römer als zur wirklichen Bindung der Gefangenen; willig hatte sie sich die Kette anlegen, willig auch – wie ein Opfer – das lichte Haar durch einen vollen Eichenkranz umwinden lassen.

Neben ihr schritt bedächtig ein ernster, bleicher Jüngling mit tiefliegenden schwermütigen Augen; er barg Wachstafel und Griffel in den Falten seiner Toga. – »Ich danke dir, Jungfrau,« sprach er bedachtsam. »Vieles hab' ich von dir erforscht und erfahren über deines Volkes Sitte und Eigenart. Viel verstand ich: – anderes ahne ich: – aber noch mehr, viel mehr muß ich davon aus dir schöpfen.«

Ein seltsam Lächeln spielte um die Lippen der Gefangenen.

»Nein, Weleda!« rief der Jüngling. »Bange nicht um dein Leben, nicht um deine – um dein Los.«

»Ich bange nicht.«

»Es hat mich, seit ich dich unter den Gefangenen entdeckt, – seit ich dich sprechen durfte – hohe Bewunderung für dich erfaßt. Ich habe nur durch des Imperators Sohn erbeten –«

»Meine Freiheit?«

»Unmöglich! Aber . . .«

»Unmöglich! Und das sagt von allen Römern, die ich sah und sprach, der edelste und beste! Ein Knabe noch und schon so tief durchtränkt von römischer Niedertracht! Aber es ist gut so! Je fauler der Apfel, desto früher sein Fall.«

»Völker knospen,« sprach der Jüngling sinnend, »Völker blühen, reifen: – müssen alle faulen? – Jedenfalls – ihr in euern Wäldern seid noch fern der Fäulnis; ihr knospet erst. Herb, aber, mir ist, zukunftvoll. Ich will an den Rhein: – ich muß noch mehr von euch erkunden. Du aber, – deine rührende Gestalt erbarmt mich.«

»Spare dein Mitleid für Rom. Es wird dessen brauchen, wann der Tag der Vergeltung anbricht. – Und doch,« – milder sah nun das graue Auge auf ihn – »habe Dank! Dein Wesen, deine scheue Zurückhaltung haben mir wohlgethan, und daß du so eifrig, so klug mich fragtest, nicht mit Verachtung gegen die Meinen. Ach! bin ich denn noch Weleda? Ich, die mit Göttern Zwiesprach tauschte, die ich im Rauschen der heiligen Wipfel hohe Weissagung vernahm, der die Wirbel des Stroms Siegverheißung zugeflüstert? Wehe, ausgerissen aus dem Boden der Heimat neig' ich hoffnungslos das Haupt, welkend, wie die ausgerissene Blume unter diesem heißen Sonnenbrand! Wo bist du, mein dunkelkühler, morgenfrischer Buchenwald? Dort – dort im fernen Norden suchen dich Auge und Sehnsucht!«

Da tönte draußen vor der Gartenmauer ein Tubaruf! der kleine Zug hielt vor der Pforte, der Tribun schritt waffenklirrend in den Hain der Bäder und stieg die Marmorstufen hinan, die auf die Mauerkrone führten. Er begrüßte ehrerbietig den Jüngling, den er als Günstling des Imperators kannte, und begann: »Komm, Barbarin! Es ist Zeit.«

Sie antwortete nicht; sie hatte, sobald die Legionäre nahten, ihnen den Rücken zugewendet; verträumt sah sie gen Norden.

»Zeit? Wozu?« fragte der Jüngling. – »Für den Triumph! Alle Straßen sind bekränzt, offen stehen die Thüren aller Tempel! Auch du eile, Cornelius Tacitus. Titus hat nach dir gefragt: du sollst ihn begleiten.« – »Aber die Jungfrau?« – »Das Barbarenweib wird die besiegte Germania darstellen: in goldnen Ketten wird sie vor des Vespasianus Wagen gehn.« – »Ich fürchte sehr, das ist zu früh. Wie oft schon, wie lange schon triumphieren wir über das unterworfne Germanien? Seit jenen Kimbrern! Und immer wieder müssen wir's besiegen.«

»Komm, Barbarin! Der Imperator wartet nicht.«

Und da sie ihn nicht zu hören schien, stieg er von der letzten Stufe auf die Mauerkrone hinauf, schritt an dem Jüngling vorbei und streckte die Hand nach ihr aus. Sie wich, rückwärts gehend, rasch ein paar Schritte.

»Horch! Von der Stadt, vom Theater des Marcellus her, dringt schon der Triumphsang der Legionen und der jauchzende Zuruf der Zuschauer: »Io triumphe!« – Folge! Hast du nicht verstanden?«

»Ich habe verstanden,« rief sie. »O diese Stunde – und auch ihren Abschluß – senden mir die Götter, die Götter der Heimat! Seit der scheußliche Verrat mich getroffen, ach! waren sie mir verstummt, waren sie von mir gewichen. Aber heute – in dieser Stunde: – ich fühl's: sie steigen auf mich nieder.«

»So weissage denn wieder!« lachte der Tribun. »Du hattest ja der Deinen Sieg verheißen. Heute erfüllt sich deine Weisheit!«

Da sprach die Jungfrau und ihr helles Auge blitzte: »Nie, so wenig wie Weleda, führt ihr Germania im Triumph ein!«

»Das Omen nehm' ich an! Komm, Germania! Wie schön von deinem weißen Arme sich die goldne Fessel hebt!«

Mit einem Ruck der kräftigen Arme riß sie die dünne Kette in der Mitte entzwei.

»Nicht in meinen Fesseln kehrten die Hohen bei mir ein, aber jetzt – aus freier Seele – darf ich wieder weissagen! In diesem Schauer, der mich zorneskalt durchrinnt, weht, wie daheim durch der Esche Wipfel, Wodans Atem.« Sie wandte sich abermals gen Norden: »Siehst du, Römer!« und sie warf das Haupt in den Nacken, daß das Haar wie eine Silberwoge um sie flutete, – »dort – – von den fernen Bergen steigt herab in euer Land, hell in Waffen, eine ganze Heldenwelt. Immer neue, neue Scharen! Namen, voll von Siegesklang! Adlerhelme seh' ich blinken! Horch! die Hörner! Horch! Der Schildgesang! Heil, ihr blonden Siegeskönige! Schwingt die Streitaxt! Seht, es birst das Thor! Es springt die rost'ge Völkerfessel, wie Weledas Kette sprang! Du räche mich' du wirst, du mußt mich rächen, Geist des Civilis!«

Staunend hatte der Tribun diese wilde Erregung angesehen: besorgt trat der Jüngling an ihm vorüber einen Schritt näher. Nun folgte ihm der Krieger, er wollte nach ihr greifen.

Aber sieh! Plötzlich schwang sich von der hohen Mauer hinab in die Tiefe eine leuchtende Gestalt, rasch und hell, wie ein Stern vom Himmel schießt: – schon trug der Fluß die schöne Tote fort ins freie Meer.

 


 

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