Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070612
modified20160412
projectid57b338a8
Schließen

Navigation:

XX.

Als die Nachrichten von all diesen Erfolgen des Civilis in dem Lager der Gallier eintrafen, geriet Classicus in große Aufregung.

»Unsere Leute müssen ja jede Selbstachtung verlieren,« sprach er grollend zu Tutor.

Aber dieser zuckte die Achseln. »Den Witz wenigstens haben sie noch nicht verloren. Er verläßt sie nicht, mitten in der Not der Flucht. Höre nur! Jüngst, vor Trier, sehe ich einen Fahnenträger eilfertig davonlaufen. Ich springe hinzu, greife ihn an der Schulter, drehe ihn um und rufe ihm das cäsarische Wort zu: »Mann, dort steht der Feind!«

»Ebendeswegen!« gab der zur Antwort, riß sich los und lief noch eiliger als zuvor. »Das nenn' ich geistreich.«

»Aber schmählich! Sollen die Barbaren allein den Ruhm dieses Krieges davontragen?« grollte er.

»Nun, wir haben ja auch unsern Teil davongetragen,« meinte Tutor, »nämlich Schläge.«

»Unerträglich! Ich greife an! – Wie sollen wir nach dem Sieg, nach der Austreibung der Römer, vor unsere Landsleute hintreten?«

Tutor pfiff leise vor sich hin. »Wir sind noch nicht ganz so weit! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, wie du dann treten wirst! Und vor allem: vergiß nicht: du hast Civilis feierlich versprochen, nichts zu thun ohne seine Erlaubnis,«

»Der Blitz verzehre ihn! Ja, leider! Du hast mich dazu beredet. Ohne das . . .«

»Wärst du schon in Rom! – Merke dir, ich halte mein ihm gegebenes Wort. Ich bleibe hier, ziehst du zum Angriff aus!«

Aber am andern Morgen stürmte Classicus noch mehr erregt in des Tutor Zelt, der mit großem Behagen an der Tafel saß.

»Wie? Du kannst jetzt schlemmen?«

»Bitte, schlemme mit. Hier – im Goldkrug – ausgezeichnetes Rheinwasser! Und dort – auf der Silberschüssel – Wasserkresse und gebratne Frösche. Alles ist wässerig in diesem Wasserkrieg! – Ich fing sie selbst mit eigner Hand: – hüpfend, gleich ihnen, im Rheinschilf: – den Römerpfeilen trotzend, welche die Vorposten der Feinde mißgünstig auf mich schossen. Der Hunger macht kühn! O wo sind die Feigendrosseln Gutruats!«

»Gutruat! Eben komme ich von ihm.«

»Wie?« rief Tutor und sprang auf, den letzten Frosch noch im Munde. »Wo . . . ?«

»Diese Nacht traf er – nach vielen Gefahren – in meinem Zelt ein. Er sendet dir seinen Gruß und –«

»Er soll ihn behalten! Gruß und alles! Ich mag nichts mehr mit ihm zu thun haben. Selbst nicht mit seinem Koch! Das mit seiner Frau, was von ihrem Ende verlautet, – das ist mir zu – zu kulinarisch! Ich war nie ihr besonderer Freund: sie war mir immer unheimlich; sie aß fast nicht und war doch so üppig dabei. Ich sagte ihm – in ihrer Gegenwart – im Scherz und später unter vier Augen im Ernst, – mich dauerte die arme Epponina! – daß mir seines Weibes Freundschaft mit Sabinus – wohin mag er sich verflüchtigt haben, dieser Julius Cäsar ohne Sieg? – etwas zu heiß gepfeffert schmecke. Was antwortete er? »Man sinkt nicht von Gottähnlichem zu Gewöhnlichem herab.« Jetzt hat er's. Jetzt ist sie gar bis zu diesem Dämon des Tartarus, diesem Unhold der Wollust und Mordlust, hinabgesunken: oder hinaufgesunken: denn der schlug uns alle. Hätte der Gottähnliche ihr den schönen falschen Kopf abgeschlagen: – gut! Aber seine Frau braten wie ein Haselhuhn – pfui!«

»Gleichviel! Er bestärkt mich in meinem Entschluß. Er hat den Willen der Götter erforscht . . .«

»Du, damit hör' auf,« rief der Dicke unwillig. »Damit laß mich ungeschoren! Haben vielleicht seine verdammten heiligen Hennen wieder gut gegackert? Hast du vergessen, wie sie uns Sieg verheißen hatten durch ihr Fressen und ich glaube sogar, durch das, was darauf folgt? Diese verlogenen Freßbestien! Ich erwürge sie, komm' ich je wieder nach Langres! Zum Verspeisen sind sie mir zu zäh.«

»Er las meinen nahen Sieg heute Nacht aus dem Funkeln der Sterne.«

»Bleib' mir vom Leibe mit diesem Gefunkel! Noch einmal: greifst du ohne des Civilis Verstattung an, – ich bleibe mit den Meinen hier auf dem Walle des Lagers stehen: und zerhacken dich die Legionen so klein wie Wurstfüllsel, – ich schaue zu und reibe mir die Hände.«

»So werd' ich allein siegen: – wie ohne die Barbaren, so ohne dich!« erwiderte Classicus unwillig und verließ das Zelt, die erforderlichen Befehle zu erteilen.

Diese Vorbereitungen entgingen nicht den wachsamen Vorposten des Cerialis: sie meldeten ihm von drohenden Bewegungen im Lager der Gallier, als er gerade in seinem Zelt die Führer der soeben aus Norden her eingetroffenen Verstärkungen – von der XIV. Legion – begrüßte: es waren Labeo und Cajus Briganticus.

»Die Gallier?« rief er. »O wenn sie doch aus ihren Gräben und Pfützen, die ihnen die Bataver so meisterlich angelegt, heraus auf ein Schlachtfeld kommen wollten, da man festen Fußes stehen kann! Aber solange der gottverhaßte Damm von den Barbaren besetzt ist, hilft uns nicht einmal die Niederlage des Gallierkönigs. Auch wenn wir in seine Stellung dringen, sein Lager nehmen: – die drüben bleiben unangreifbar, solange der Damm nicht in unsrer Hand.«

»Wer befehligt dort?« fragte Labeo. »Civilis selbst?« – »Dann ist nichts zu machen,« fügte Cajus bei.

»Nein, jener rote Riese, dessen Steinaxt mir schon in den besten römischen Eisenhelmen meine besten römischen Köpfe zerschmettert hat.«

»Brinno?« sprach Labeo. »Laß sehen,« fuhr er nachsinnend fort. »Brinno müßte man hinweglocken,« meinte Cajus.

»Ja, womit? Soll ich ihm schöne Gallierinnen zeigen? Leider hab' ich gar keine im Lager, wenigstens keine, die ich entbehren kann. Oder säuft er? Soll ich ein paar Fässer Wein den Rhein hinab an dem Damme vorüber schwimmen lassen? Bei Trier hat uns Bacchus gerettet, nachdem uns Mars und Minerva verlassen.«

»Er trinkt zwar gern,« lachte Labeo, »wie wir alle. Aber das lockt ihn nicht von seinem Wachtposten. Nein! – Doch etwas anderes vielleicht.«

»Nun was? Rede! Alles, was du verlangst, sollst du als Köder haben!«

»Ich selbst schon bin ein ziemlich starker für seinen Haß. Sieht er mich und etwa noch diesen schlimmen Vetter seines Freundes, so zuckt ihm der Hammer von selbst in der Hand. Aber es reicht doch wohl nicht, wenn der Damm so wichtig.«

»Der Damm ist alles. Er ist der Fleck, auf dem die Siegesgöttin dieses Krieges schwebt.«

»Wirklich? So vertraue mir – als Köder – einen Adler. Den Adler einer Legion. Sieht Brinno den innerhalb der Denkbarkeit der Erbeutung . . . –« – »So stürmt er darauf los,« schloß Cajus, »wie der Stier auf das rote Tuch.«

Cerialis schüttelte bedächtig den Kopf. »Und wenn er ihn wirklich erbeutet?«

»Er soll nicht! Er wird nicht!« riefen beide. »Ich setze meinen Kopf zum Pfand: – ich locke ihn fort mit dem Adler.« – »Und ich bringe dir meinen Kopf, wenn ich den Adler nicht wieder bringe!«

»Ein Kopf genügt mir nicht. Merkt wohl, beide: – den Adler oder eure beiden Köpfe. – Soll's gelten? Ja? – Gut, ihr sollt den Adler der X. Legion erhalten.«

 


 

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.