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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
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secondcorrectorThomas Stur
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XVI.

Als Cerialis in rasendem Ritt die Stadt erreicht hatte – fast eine volle Stunde brauchte er trotz aller Anspornung des edeln Tieres, – da schienen Fluß und Schiffe, beide Lager und die Brücke, Stadt und Schlacht und Heer, alles schien verloren.

Civilis hatte sich mit den Galliern vereinigt unterhalb Neuß, die hier aufgestellte römische Abteilung umgangen und vom Rücken her in der Nacht überfallen. Er ließ die Stricke der Zelte an den Pflöcken abschneiden: sie stürzten über den Schlafenden zusammen und begruben sie. Ausnahmslos wurden die Überraschten erschlagen oder gefangen, so daß auch nicht Ein Mann flußaufwärts entrinnen und die Hauptmacht warnen konnte.

In Eilmärschen war er dann mit den Galliern über Düren, Markmagen, Neumagen auf das linke, das westliche Moselufer und auf Trier gezogen mit der Hoffnung, den ihm als ebenso unvorsichtig wie tapfer bekannten Gegner zu überraschen.

Die Stellung der Römer – gallische Überläufer aus Trier hatten das genau gemeldet – war von dem kundigen Führer ausgezeichnet gewählt. Den Hauptstützpunkt bildete selbstverständlich die Stadt auf dem rechten Moselufer, damals zwar noch lange nicht die gewaltige Feste, zu welcher sie durch römische Kunst später – im IV. Jahrhundert – erhoben ward, aber doch auch damals schon geschirmt durch Graben und Steinmauer: anders als die sonst meist nur aus Lehm hergestellten Wälle der westgallischen Städte: die Fülle des prächtigen Sandsteins drängte sich hier von selbst auf.

Vor der stark besetzten inneren Stadt hatte Cerialis zwei Lager geschlagen: auf dem rechten Flußufer ein größeres in der offenen Vorstadt, an der östlichen Mündung der hölzernen, aber fahrbreiten Moselbrücke, ein kleineres an deren westlichem Eingang auf dem linken Ufer; die so von beiden Seiten gehütete Brücke war auch vom Flusse selbst von den römischen Schiffen aus zu verteidigen, welche hier oberhalb und unterhalb der Brücke, wohl bemannt, lagerten. Durch das kleine westliche Lager hindurch zog auf dem linken Moselufer, diesem gleichlaufend, die schöne Legionenstraße, die von Trier dem Rheine zu nach Koblenz führte.

Dieser vortrefflichen, reich gegliederten Stellung mit ihren mehrfachen hintereinander liegenden Verteidigungslinien gegenüber einen Angriffsplan zu entwerfen, hatte Civilis nun die schwere Aufgabe.

Der Oberbefehl über die vereinigten Streitkräfte war ihm von Classicus zwar ungern, aber auf Andringen Tutors schließlich doch, freilich nur für diesen Angriff, eingeräumt worden.

Er hatte seine Kräfte in drei Heersäulen gegliedert. In die Mitte nahm er die durch ihre bisherigen Niederlagen entmutigten Gallier: ihnen war der bequemste Weg zum Angriff: die breite Legionenstraße, zugeteilt. Auf der linken Flanke sollten die Friesen und die Brukterer unter Ulemer und Welo, verstärkt durch die andern Überrheiner unter Sido, zwischen der Legionenstraße und dem Fluß heranrückend, sich auf die in demselben ankernden Schiffe werfen, während Civilis sich selbst mit seinen Batavern und den Kannenefaten unter Brinno die schwierigste Aufgabe gestellt hatte, das kleine Lager, die Brücke und das große Lager zu erobern: in der Vorstadt sollten die drei Abteilungen zusammentreffen und dann mit vereinten Kräften den letzten Stützpunkt der Feinde, die Stadt selbst, stürmen.

Der Plan gelang über alles Erwarten hinaus. Denn der Feldherr, der auch nach Überrumpelung der vorgeschobenen Stellungen die Seinen hätte zum Stehen bringen können, der bisher immer siegreiche Führer, – er fehlte im entscheidenden Augenblick.

Kurz vor Mitternacht erhielt Civilis, der seinen Anmarsch über die Höhen von Nordost gen Südwest, wohl gedeckt durch Nacht und Waldesdunkel, in aller Stille vollzogen hatte, durch Brinnobrand die Nachricht, daß die Gallier und daß auch der linke Flügel heran seien: auch dieser Anmarsch war bisher noch nicht vermerkt worden. Nun gab Civilis durch das verabredete Zeichen: – eine auf dem Wipfel einer hohen Tanne aufgesteckte Fackel – den Befehl zum allgemeinen Angriff.

Aufgelöst in Schwärme, wie es das von der Höhenkrone bis zu dem Flußbett hinab vieldurchschnittene Gelände erheischte, hatte Civilis die Seinen die Hänge herabgeführt in tiefster Stille, bis sie – von Nordosten her – nahezu die Straße erreicht hatten. Hier von Reiterwachen der Römer bemerkt und angerufen, antworteten sie mit brausender Erhebung ihres Schlachtrufs: »Bátavo! Bátavo!« und stürmten über den Graben westlich der Straße auf deren Hochfläche. Allen voran schwang Brinno die wuchtige Steinaxt, die wie Donars Hammer durch stolzgeschweiften Römerhelm, durch Schild und Panzer schlug.

Aufgeschreckt durch den Kampflärm und die fliehenden Vorposten trat die Besatzung des ersten Lagers – es war die XXI. Legion – unter die Waffen und vor den Thoren ihres Lagerwalles den Angreifern im Westen entgegen. Alsbald ward sie aber genötigt, auch gegen Norden die Stirn zu bieten: die Gallier hatten auf der Straße selbst das Lager erreicht und griffen mit hitzigem Anlauf tapfer an: Classicus und Tutor brannten, ihre Niederlagen wett zu machen. Da nun aber aus dem zweiten Lager über die Brücke eine zweite Legion – die VI., spanische – im Laufschritt herbeieilte, kam das Gefecht zum Stehen.

Jedoch nicht auf lang.

Denn jetzt war auch der linke Flügel, der den weitesten Weg zurückzulegen gehabt, eingetroffen: Friesen und Brukterer sprangen ohne Besinnen in den Fluß und enterten, Beil in Hand, die römischen Schiffe, während Sido das erste Lager vom Rücken – von Osten – her angriff.

Bald flammte die Lohe auf mehreren der genommenen Schiffe empor und schon drangen gleichzeitig von drei Seiten Civilis, Tutor und Ulemer in das erste Lager.

Aber der Tribun Sextilius Felix war ein unerschrockener Mann: kaltblütig ordnete er den Rückzug auf die Brücke an: in guter Ordnung ward das ausgeführt: sowie er deren Westmündung glücklich erreicht hatte, ließ er sie, dicht gedrängt, Speer an Speer, besetzen.

»Haltet, sabinische Landsleute!« rief er den Seinen zu. »Auf dieser Brücke liegt unser Ruhm und unser Leben. Laßt die Barbaren nicht darauf. Schon gleich muß Cerialis da sein mit zwei Legionen. Ich bleibe bei euch auf dieser Brücke, lebend oder tot.« So sprechend ergriff er einen Speer und trat in die erste Reihe der Kämpfer auf der Brücke.

Das wirkte. Seine Leute, Römer aus der Sabina, standen wie die Mauern: die starre Reihe vorgestreckter Speere schien undurchdringbar.

Da war Brinno heran, hinter ihm Brinnobrand. »Was stockt ihr, Männer? Die Lanzen? Ei, was nicht wagrecht geht, muß senkrecht gehn. Von oben kommt Donar und sein Hammer. Gieb mir die Hand, Brüderlein, und spring!« Und die beiden riesenhaften Brüder sprangen in hohem Satz über die brusthoch gefällten Speere der vordersten Kohorte von oben auf die Schäfte: vier, fünf waren damit niedergedrückt, darunter der des Tribuns: im selben Augenblick schlug ihn Brinnos Hammer nieder und in die Lücke drangen im Keil mit lautem Siegesruf die Bataver den Kannenefaten nach.

Die Brücke war genommen. In wildem Drängen und Ringen Mann an Mann wurden die Römer zu deren Ostende hinaus und auf das zweite Lager zurückgeworfen.

Nachdem Feind und Freund vorübergebraust, erhob sich ein verwundeter Centurio, der neben dem sterbenden Tribun niedergestreckt lag: »ich kann stehen,« sprach er, »ich kann vielleicht gehen, ich trage dich, Tribun.«

»Nein,« sprach der, »kannst du entrinnen, suche Cerialis. O wo zögert er? Sag' ihm, ich habe die Brücke . . . nicht . . . verlassen.«

Und der Tapfre sank zurück auf seinen runden Erzschild, reckte sich und starb.

 


 

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