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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
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XV.

Einstweilen nahm oben in der Burg das Opfer für Teutates seinen ruhigen Verlauf.

In dem Innenhof der Feste stand das Sacrarium: ein runder turmähnlicher, aber nur einstöckiger Bau aus Lehm, oben geöffnet, bloß durch darüber gespannte Tücher gegen Schnee, Regen oder Sonnenbrand zu decken: jedoch in dieser klaren Herbstnacht blieben jene Decken unbenutzt und der behelmte Kopf des riesigen, über zwölf Schuh langen Bronzebildes, das auf einem hohen Altar sich erhob, ragte bis hart an den obersten Mauerrand. Es war ein grauenhaft Götzenbild!

Schönheit hatte der keltische Künstler verschollner Jahrhunderte gar nicht angestrebt: nur das Entsetzliche: und das war ihm gelungen.

Die ungeheueren Glieder, die in Tierfüße auslaufenden Beine, das lange kupferne Schwert in der Rechten, das stets von Blut benetzt sein mußte, das abgeschlagene Menschenhaupt aus Kupfer, verzerrt von den Schmerzen des Todes, das die Linke dem Beschauer entgegenreckte, waren schon grauenhaft; noch mehr aber das scheußliche Antlitz! Statt der Haare ringelten sich dicke Schlangen aus dem Helm um Wangen und Nacken: und das Siegeslachen des klaffenden weiten Mundes mit den blutrot angestrichenen spitzen Eisenzähnen war dem Bildner zu einem Grinsen satanischer Mordlust geraten.

In der Mischung der Bronze überwog das Kupfer so stark, daß die Farbe des Gottes nicht erzfarben, sondern kupferrot war. Und das war gewollt: denn nun leuchtete die Gestalt, wann sie, wie bei jedem Opfer geschah, von allen Seiten von Flammen umzüngelt ward, so grell, daß sie in fürchterlicher Lohe zu glühen schien.

Die rot und gelb mit Mennig und Ocker übertünchten Wände des Rundbaues zeigten sich zumal oben vielfach geschwärzt von dem Rauch, der seit Jahrhunderten hier zu Ehren des Götzen gedampft hatte, während die zum Opfer bestimmten unglücklichen Verbrecher, Gefangenen oder Sklaven ein grausiges Ende fanden.

Schon seit dem Einbruch der Dunkelheit waren Gutruat und seine untergebenen Druiden eifrig beschäftigt gewesen, das Fest vorzubereiten.

Von den Drachenfüßen bis zu den offen klaffenden Augen war der Götze von allen Seiten dicht mit getrocknetem Reisig, von besonders heiligen Sträuchern und Bäumen gebrochen, und mit Stroh, Flachs und Werg umschichtet und umwunden: Weihrauch in Unmenge, aber auch das rasch aufflammende Bärlappenmehl, war darüber hingestreut.

Als es völlig dunkel geworden, erschien auf das eherne Zeichen eines wuchtigen Hammers, der dröhnend auf einen Opferkessel schlug, Gutruat in blutrotem, von Goldstickerei strotzendem Gewand in dem Eingang des Tempels: die heilige Mistel kränzte, frisch geschnitten, sein unbedecktes Haupt; in der Rechten trug er ein haarscharf geschliffenes, sichelähnlich gekrümmtes Opfermesser; hinter ihm in feierlichem Zuge, je drei, barfüßig, wie er, folgten einundzwanzig Druiden in ähnlicher, nur minder reicher Tracht. Manche trugen Fackeln, andere aber eherne Schlägel, Handpauken – »Tympana« – in den Händen; hinter ihnen drängten sich von der Besatzung der Burg so viele Krieger in den Tempel, als der Raum fassen konnte.

Nach feierlichem Umzug stellten sich die Priester, unter ehrfürchtigen Verneigungen, dem Bilde des Gottes gegenüber.

Es befremdete, daß Gutruat, bevor er die Feier begann, hinter das Standbild trat: er tastete durch das auch hier aufgeschichtete Reisig hindurch, sah scharf hinein, dann griff er mit der Hand an den breiten Rücken des Gottes und schob einen starken Querriegel, der die hier angebrachte thürähnliche Öffnung in diesem Rücken von außen sperrte, aber jetzt zurückgezogen gewesen war, sorgfältig zu.

Darauf wandte er sich zu einem der Druiden und fragte ihn leise: »hast du gethan, Ancalix, wie ich befohlen?«

»Gewiß, Herr: sobald die Sonne gesunken war; ging ich mit dem von dir erhaltnen Schlüssel in den Gott hinein und schloß die Eisenplatte, die unter seinen Füßen den Gang durch den Altar in die Tiefe deckt.«

»Gieb mir den Schlüssel.«

»Hier, o Gebieter!«

»So! – Nun ist alles in Ordnung.«

Er trat nun vor die erste Reihe der Druiden und sprach: »Heute will ich – zur besonderen Feier des Opfers – den heiligen Brand selbst entzünden.« Und er nahm einem der Priester die Pechfackel aus der Hand und berührte nur leicht die nächste Schicht des ungeheuren Reisighaufens: sofort stieg prasselnd die rote Flamme auf und entzündete die um die Glieder des Gottes geflochtenen Brennstoffe: Werg, Flachs und Stroh. Zugleich stiegen Qualm, Dampf und Weihrauchdunst von allen Seiten in die Höhe.

Jetzt rührten die Druiden ihre rasselnden und dröhnenden Werkzeuge: – das gab in dem rings wiederhallenden Raum einen ohrenzerreißenden Lärm. Auf einen Wink Gutruats verstummten sie plötzlich: er wollte nun sprechen.

Aber Ancalix, der dem Götzen zunächst stand, flüsterte ihm zu, erschauernd und bleich: »Vergieb, o Herr! Ein Wunder! Mir ist, aus dem Gotte heraus hör' ich wimmern und ächzen.« – »Jawohl,« bestätigte ein zweiter, ein sehr alter Mann. »Wie uns aus den Tagen der Väter geschildert wird, bevor noch die römischen Zwingherrn das heiligste aller Opfer – den Menschenbrand! – verboten hatten. Horch! Man hört von innen an die Thüre im Rücken des Bildes schlagen. Der Gott mahnt uns der alten Zeiten: – wir sollen sie erneuen.« Und Grauen ergriff alle, Priester und Laien.

Aber Gutruat winkte, noch einmal dröhnten die Erzkessel und die Pauken, rasselten die Schellen an Cymbel und Tamburin.

»Lauter, lauter!« gebot der Priester.

Man hörte immer noch ächzen da drinnen.

Da steigerte sich der Lärm aufs höchste: die Priester, von heiligem Wahnsinn ergriffen, schlugen wie rasend auf die Tongeräte: sie wollten das Schaudern betäuben, mit welchem das Wunder des Gottes sie durchzitterte: ihr Haar sträubte sich, die Augen starrten weit offen auf den Götzen, dessen kupferrote Glieder jetzt schon wie flüssig Feuer glühten. Die Hitze, der Weihrauchdunst, der rasselnde Lärm nahmen die Besinnung, erstickten den Gedanken.

Schwarzer, gelber und weißlicher Rauch umgab nun das ganze Rund, die Gestalten der Menschen wie in Nebelschleier hüllend, durch welche nur die Pechfackeln; dunkelrot, ohne Strahlenglanz, glühten wie die Augen von Ungeheuern.

Über all' dem Qualm und Dampf ragte hinaus das scheußliche, jetzt brandrote Gesicht des Götzen, das, von den zuckenden Flammen wechselnd beleuchtet, frohlockend zu grinsen schien.

Als die rasenden Druiden endlich vor Erschöpfung inne hielten in ihrem Toben, – der Schweiß troff ihnen von der Stirn – lauschte Gutruat, das Ohr dem Götzenbilde nähernd: da war alles still – kein Ächzen mehr.

Nun richtete er sich hoch auf und hob an: »Ja, der Altpriester sprach wahr. Der Gott wollte das größte Opfer erneut wissen und ich, – ich habe es erneut. Ein Frevel sondergleichen war geschehen. Ich habe ihn ausgetilgt aus dem Volk der Galen. Ein Weib hat sich vom gottähnlichen Gemahl zum Feind des Vaterlandes hinab verloren, hat Stadt und Tempel des Grannus zu Audematunum an ihn verraten, wollte ihm auch dieses Heiligtum erschließen. Mir hat der Gott ihre Frevel aufgedeckt. Ich ließ sie den Brief, der ihren Buhlen lud, ungestört hinterlegen, ich las ihn, ich legte ihn wohlweislich wieder an seinen Ort: den Römer hat in dieser Stunde die Rache schon erreicht. Das Weib aber –! Sprecht, Druiden, was hat solch Weib verschuldet?«

»Den Tod! Den Feuertod!« schrien alle tobend durcheinander.

»Wohlan, euer Urteil hat der Gott bereits vollstreckt: es war mein Weib. Dort im Leib des Teutates liegt es – verbrannt.«

 


 

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