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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XII.

Einstweilen hatte Civilis nicht nur das Land der Bataver und Kannenefaten von den letzten versprengten römischen Truppen gesäubert, er war weit nach Südwesten, die Maas aufwärts, in Gallien vorgedrungen, hier das Gleiche zu vollenden und zum Schutze der Heimat auch die nächst gelegenen Gebiete zu besetzen.

Er lag mit einem Teil seiner Streitkräfte im Lande der Aduátŭker auf dem linken Ufer der Maas vor einem kleinen römischen Kastell, in welches ein paar Kohorten aus ihren Sommerlagern in dem flachen Lande sich geflüchtet hatten. Nach zäher Verteidigung wurden sie zur Ergebung gezwungen: die Bataver, in allen Künsten des Wasserbaues geschickt und altgeübt, hatten ihnen Fluß und Quellen abgegraben. Civilis hatte den tapfern Männern nach Abgabe der Waffen freien Abzug mit Gepäck und Habe nach Italien gewährt; am frühen Morgen waren sie nach Süden aufgebrochen, Worte des Dankes gegenüber Civilis auf den Lippen.

Dieser saß nun um Mittag in seinem Zelt, vertieft in eine erbeutete römische Straßenkarte Galliens, die auf dem Tisch ausgebreitet lag. Er hatte Befehl gegeben, das Lager abzubrechen; er wollte nun noch weiter westlich ziehen, mit den Führern der Gallier die längst von diesen gesuchte Zusammenkunft zu halten und hier die künftigen Verhältnisse zwischen den Germanen des linken Rheinufers und dem Reiche Gallien, zumal auch die Absteckung der Grenze, festzustellen.

Er ward aus seinen Gedanken aufgestört durch seinen Knaben, der hastig den Zeltvorhang zurückschlug und hereinsprang; zugleich scholl verworrener Lärm, Geschrei, auch Waffengetöse in dem kleinen Lager.

»Vater, Vater!« rief er erhitzt, »das ist schändlich! Das geht dir an Wort und Ehre! Das darfst du nicht leiden.« – »Was ist geschehen? Ich ließ dich auf dein Bitten mit Welo reiten, die Römer zu geleiten. Weshalb bist du schon zurück? Wo ist Welo?« Da eilte dieser in das Zelt: »Schlimme Nachricht bring' ich, Feldherr.« – »Was bedeutet der Lärm im Lager? Ich höre viele römische Stimmen.« – »Arges ist geschehen. Und ich konnt's nicht wehren. Ich geleitete, deinem Befehl gemäß, die abziehenden Römer eine Strecke weit aus dem Lager, zu sorgen, daß sie den Vertrag genau einhielten, keine Waffen mit führten. Sie haben ihn eingehalten. Aber nicht deine Leute.« – »Wie? Was? Wer?« brauste Civilis auf.

»Die Chauken!« antwortete der Knabe.

»Auf der Straße nach Gemblours,« ergänzte Welo, »stießen wir auf deren wilde Scharen, die du heranbefohlen, dir nach Tournay zu folgen. Kaum wurden sie der Römer ansichtig, die, ohne Waffen, aber mit Gepäck auf den Schultern und auf ihrem Wagen einherzogen, als sie über sie herfielen, sie beraubten und erschlugen.« – »Und du, Welo? Du littest das?« – »Ich warf mich ihnen entgegen, ich schrie: »Haltet Vertrag und Treue! Sie dürfen frei abziehen. Civilis hat sein Wort gegeben! Hört ihr? Civilis!« – »Aber nicht wir!« brüllten sie entgegen. »Wir sind freie Chauken. Wir sind nur hier, schlagen und rauben zu helfen. Civilis hat uns nichts zu befehlen. Wir sind freie Männer, nicht römische Kriegsknechte, die vor ihrem Centurio zittern.« Und sie fuhren fort, zu töten und zu plündern.«

»Und du littest es?« wiederholte Civilis drohend.

»Vater, wir waren fünfzig gegen fünftausend. Welo erhielt einen Keulenschlag, er sank vom Roß.«

»Auch deinen Knaben traf ein Steinwurf: – sieh, er blutet. Wir wichen mit den noch übrigen Römern – viele hundert sind ermordet! – ins Lager zurück. Die Chauken machten auf der blutigen Stätte Halt und freuten sich ihrer Beute.«

»Nicht lange mehr sollen sie sich freuen!« rief Civilis. »Merovech, mein Pferd! – Ihr bleibt, alle bleibt ihr im Lager.« – »Du allein willst . . . ?« warnte Welo. – »Vater, was willst du thun?« – »Entlassen will ich sie, sofort. Sie nach Hause schicken, die meine und der Bataver Ehre schändeten. Strafen kann ich sie nicht, wie sie's verdienten, mit dem Tode: – das wäre der Bruderkrieg, zur Lust der Feinde. Aber fort müssen sie – sogleich!« – »Feldherr, es sind fünftausend. Wir werden sie schwer missen. Sie zählen zu deinen allergrimmigsten Scharen.« – »Aber sie gehorchen nicht! So schaden sie mehr als sie nützen. Zudem – von Köln her sind viertausend Tenchterer im Anzug, erlesene Leute, also Ersatz für . . .«

Da eilte Brinno herein: »O Civilis! Was bist du meinem, unser aller Rate nicht gefolgt! Wir warnten so treu! Nun ist das Unglück geschehen! Nun hast du den Lohn für deine Güte!«

»Was hast du zu berichten?«

»Köln, die falsche Stadt der Ubier! Wie dringend forderten die Überrheiner: Tenchterer, Usipier, Tubanten, die solang und soviel zu leiden hatten von jener mächtigen Zwingburg römischer Gewalt, seit sie drohend übern Strom blickt, nachdem sie sich ihnen ergeben mußte, ihre Zerstörung, die Niederreißung ihrer Wälle, die Verstreuung ihrer Einwohner über ganz Gallien.«

»Die Ubier sind Germanen!«

»Abtrünnige sind sie! Abgefallen und verrömert, römisch geworden bis ins falsche Herz hinein! Als sie dir die Versöhnung abbettelten, wie schwuren sie doch mit heiligen Eiden Treue der Sache der Freiheit! Und nun . . .« – »Rede! Vollende!« – »Die viertausend Tenchterer –« – »Nun?« – »Sie sind von den Ubiern ermordet!« – »Unmöglich!« rief Civilis. – »Die verräterischen Bürger hatten die von dem weiten Weg Ermüdeten sämtlich zu einem großen Fest vor den Thoren geladen, sie alle versammelt in einem gewaltigen Cirkus von Holz, den die Römer für ihre Spiele gebaut. Reichliches Essen, noch schwereres Trinken versetzte die Wegmüden bald in Schlaf und Rausch. Da sperrten die Ubier die Thüren, zündeten die Holzringe auf allen Seiten an und verbrannten alle viertausend oder erschlugen, wer von den hohen Wänden herabsprang. Nur zehn Mann sind entkommen; ich traf sie eben vor dem Lager.«

Civilis war bleich geworden, aber nicht vor Furcht. »Darf man denn nie vertrauen, ohne gestraft zu werden durch Verrat?« sprach er schmerzlich. Der Knabe suchte nach seiner Hand: – er verstand es, tiefste Bewegung in dem Antlitz des Vaters zu lesen.

Da ward abermals der Vorhang des Zeltes zurückgeschlagen. Sido stürmte herein, einen Mann in friesischer Tracht mit hereinziehend. »Schwarze Kunde, Civilis, böse Nachricht! Rede, Sigiswalt!«

Der Bote neigte sich und sprach: »Mich sendet Ulemer, dein treuer Waffenbruder. Von Britannien her kam eine römische Flotte.« Civilis nickte ungeduldig: »Ich habe sie ja längst erwartet. Sie trägt die XIV. Legion. Deshalb befahl ich doch, Nacht wie Tag Strandwachen auszustellen. Man kann an euren Watten gegen Widerstand nicht landen. Hat Ulemer . . . ?«

»Er hat alles angeordnet, wie du befohlen. Aber in einer stürmischen Nacht haben die Kleinfriesen – gegen sein Gebot! – ihren Strand verlassen.« – »Sie können nicht gehorchen!« stöhnte Civilis. – »Weil bei solchem Seegang keine Gefahr drohe. Doch gerade in dieser Nacht sind die Römer auf flachen Booten gelandet, nahe dem Dorfe Dünvik.« – »Da sind Labeo und die Brigantiker in Haft!« rief Brinno. – »Die Römer haben sie befreit. Sofort führte Labeo ein paar Kohorten in das Land der Kannenefaten unter Mord und Brand.«

»Warte! ich komme!« schrie Brinno. »Mein Roß! Mein Roß! All' meine Scharen brechen auf!« Und er wollte hinausbrausen.

Aber eisern legte sich eine Hand auf seine Schulter: »Halt!« sprach Civilis ernst, »denkst auch du nur an dich selbst? Du bleibst, Brinno, und erwartest meinen Beschluß. Bisher hab' ich dir nie befohlen. Jetzt – jetzt wird es Zeit, daß man Gehorsam lernt.«

Und der Riese blieb ruhig stehen und senkte beschämt den zottigen Kopf.

»Die Brigantiker aber sind mit andern Römern in deinen eigenen Gau, o Civilis, eingebrochen. Sie rufen deine Bataver zum Abfall auf: – und viele, viele . . .« – »Ich kann mir's denken,« schloß Civilis, traurig nickend. »Die meisten folgen ihnen. Ich hatte immer Neider. Und unter fünf Parteien in einem Gau geht das nicht ab bei uns. Ich werde also . . .«

Er konnte nicht vollenden: Brinnobrand stürmte in das Zelt, er hielt einen verschlossenen Brief in der Hand: »Für dich, Wodan. Und jetzt, Retter und Rater, rett' und rat'! Ein gallischer Reiter, ein Bote des Classicus, jagte soeben in das Lager auf schaum- und blutbedecktem Gaul: er selbst ist wund: er konnte nur noch stammeln: »Für Civilis!« dann sank er bewußtlos aus dem Sattel.«

Civilis nahm die Wachstafel und las: »Die Römer über uns! Von allen Seiten! Mit fünf Legionen. Dazu noch die vier, die zu uns übergetreten waren: sie sind abgefallen. Ich bin bei Worms geschlagen und bei Bingen, Tutor bei Bauconia, Valentinus bei Ricol: – er ist gefangen und hingerichtet – Sabinus bei Besançon; – er ist verschwunden! – Alles Land von Worms bis Neuß, von Mainz bis zur Mündung der Garonne ist verloren. Komm! Rette! Hilf! Ich werde schon wieder angegriffen. Mit Mühe halte ich mich noch an der Maas bei Epoissum. Die Vorhut der Römer führt der Legat Mummius Lupercus.«

Da fuhr Civilis zusammen, er zerdrückte das Täflein in der Faust.

»Hörst du? Hast du den Namen vergessen? Den Namen Mummius Lupercus?« schrie Brinno. – »Vorwärts, Civilis! Führ' uns vorwärts, zur Rache!« mahnten alle.

»Nein,« sprach Civilis, »das wäre Wahnsinn! Soll ich den Feind in unserm Rücken lassen? Erst unser Volk: – alles andere dann! Wir brechen auf – sofort. – Zurück in unsere Gaue!«

»Wie? Zurück?« grollte Brinno. »Du weichst vor den verhaßten Adlern?«

»Glaubst du, mir wird es leicht? Erst die Pflicht: – und dann die Leidenschaft! O werdet ihr's denn niemals lernen?«

 


 

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