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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XI.

Eine Stunde darauf war die Stadt gefallen.

Aus dem Hause des Oberpriesters hervorbrechend hatten sich plötzlich die ehernen Scharen der Legionen über die unglücklichen Bewohner ergossen, unter gellendem Tubageschmetter, die Fackel in der Linken, den Mordstahl in der Rechten, überall hin Brand, Tod, Plünderung verbreitend. Bis nach Tagesanbruch wüteten diese Schrecken: dann gebot Cerialis Einhalt.

Er war doch nicht zufrieden mit seinem Erfolg. Er hatte das Haus Gutruats, den Tempel, das Haus des Sabinus durchsucht bis in die verborgensten Winkel: umsonst; weder der Kaiser Galliens noch der Oberpriester noch Claudia waren zu finden: spurlos war auch sie verschwunden. –

Mehrere Tage waren vergangen.

Die Römer hatten, eine kleine Besatzung in der halb verbrannten Stadt zurücklassend, Langres geräumt und sich gegen Norden gewendet. –

Da lag in einem Gehölz, ein paar tausend Schritte südlich der Stadt, in einem höhlenähnlichen Raum unter der Erde auf einer Schütte von Stroh ein bleicher Mann mit halbgeschlossenen Augen. Die Wurzeln der mächtigen Waldbäume da oben waren durch die Erde und durch das lockere Gestein bis in die nicht gar tiefe Höhlung gedrungen: sie reichten fast bis auf das Lager des Kranken. Auf dem nackten Gestein des Bodens kauerte eine zarte Frau; eine kleine Öllampe von gebranntem Thon drohte zu ersticken in der dumpfen Luft; sie beleuchtete nur matt die feuchten, triefenden Wände; kaum konnte man bei dem trüben Schein einige hier mit schwarzbrauner Farbe angemalte Bilder erkennen: es war ein Fisch, eine Taube, eine Palme.

Schwer atmete der Sieche. Er tastete mit den mageren blassen Fingern umher: sofort wurden sie von der weichen Hand der Frau ergriffen, festgehalten, beruhigt.

Er schlug nun die matten Augen auf: – tief lagen sie in ihren Höhlen. »Wo bin ich?« fragte er. – »In Sicherheit. Und bei mir.« – »Du bist's, Epponina? Also war es kein Traum! Aber sage, wo – wo – ist . . . ?« Er versuchte sich aufzurichten, aber er sank zurück auf das Stroh.

»Nimm erst die Arznei, Lieber. Und bleibe ganz ruhig, dann sollst du alles hören. Gelobt sei der Herr!« schloß sie, die Hand loslassend. »Das Wundfieber ist fast ganz vorüber.«

»Wund? Ach ja! Die Schlacht! Der Helm! Und dann – dann der Stoß in den Arm und – ach! das schmerzt noch bittrer.« – »Still, still, Lieber! Das ist nun all' vorbei!« – »Wie lange lieg' ich hier?«

»Sechs Tage. Am siebenten, sagte der Freigelassene, der treue Senecio, werde sich's entscheiden. Es ist entschieden. Der Herr hat dich gerettet: – o nun ist alles gut. Er sei gelobt.«

»Aber erkläre . . .«

»Gern. Bleibe mir nur ruhig liegen. So! Der Mantel drückt wohl die wunde Schulter? Nun ist's besser, nicht? Also: in die Stadt drang in jener Nacht der Schrecken ein dunkles Gerücht – auch in unser Haus – von jener Schlacht, von der Flucht unseres Heeres. Ein Türmer von dem Thor in unserer Nähe sagte unseren Sklaven, er glaube dich im Schein seiner Fackel deutlich erkannt zu haben, wie du heranjagend nahe vor dem Thor mit dem Rosse gestürzt seist: das Tier sei nicht mehr aufgestanden, der Reiter aber hart vor dem Wall in der Dunkelheit verschwunden. Ich ahnte Schlimmes von der Schlacht. Durch die von den Römern beobachteten Thore konntest du nicht in die Feste gelangen. Doch wußte ich, du kennst manchen der Gänge, welche unter der Mauer durchführen. Und warst du glücklich in die Stadt geschlüpft, – wohin dann dein erster Gang dich führte, – das wußte ich.«

»Epponina!«

»Lange harrte ich dein in Schmerzen, doch geduldig. Aber als du immer noch nicht kamst, ergriff mich namenlose Angst um dich. Es litt mich nicht länger daheim. Ich eilte hinaus: ich wollte in das Haus . . . des Götzenpriesters, ihn zu fragen, ob er von dir wisse? Da, in der Seitengasse – rechts von unserem Hause nach dem Tempel zu – stieß mein hastender Fuß an eine dunkle Körpermasse: ich bückte mich: – der Mond trat aus dem ziehenden Gewölk: – ich erkannte dich. Regungslos lagst du, wie tot. Aber dein Herz schlug unter meiner Hand. Mein Hilferuf holte unsere Sklaven, Senecio den Freigelassenen und sein Weib herbei. Wir trugen dich in unser nahes Haus, ich flößte dir Wasser in den halb offenen Mund: du schlugst die Augen auf: dein erstes Wort war: »Zu Gutruat! Ihn warnen! Er ist verraten. Römer – in der Stadt. Eile!«

»Und solche Angst lag in deinem Blick, solcher Nachdruck in deinem Wort – ohne Zweifel: das war nicht Fieberrede, Wahrheit war's! Ich flog zu dem Priester – lange währte es, bis er geweckt, bis er bereit war, mich zu empfangen – es gelang mir endlich, ihn zu überzeugen von dem Ernst der Gefahr. – Er gebot seinem Weib, ihm und mir zu dir zu folgen: er wollte von dir selbst das Nähere erkunden: – allein sie weigerte sich: sie wollte das Haus nicht verlassen. »Hier werden wir zu allererst gesucht, gefangen!« rief Gutruat. Umsonst. Sie sträubte sich, ihm zu folgen. Da ergriff er argwöhnisch, zornig, ihre Hand und zerrte sie mit Gewalt mit sich fort. Nun standen wir an deinem Lager. Gutruat drang in dich mit Fragen, woher du von Verrat wissest? Sie: – das Weib ward totenblaß: sie zuckte die Achseln und meinte: »was beweisen die Wahnreden eines Fiebernden? Aber du – du schwiegst! Bewußtlos lagst du wieder, nichts konnte dich erwecken. Triumphierend sprach sie: »darf ich nun zurück in mein warmes Bett, ihr Thoren? Die Furcht vor diesen Römern hat euch alle verrückt gemacht.« Und schon wollte der Priester – er bat sie um Vergebung! – in der That mit ihr in sein Haus zurückkehren: – da scholl bereits – gerade von dort her! der Waffenlärm, das Mordgeschrei der eingedrungenen Feinde. Gutruat erschrak: aber er faßte sich, ergriff wieder sein Weib, das allein flüchten wollte, am Arm und winkte mir, ihm zu folgen: »Laß diesen Toten oder Sterbenden,« mahnte er, »und rette dich!«

Ich jedoch rief den Freigelassenen und sein Weib, und ich und sie, wir hoben dich und trugen dich zu dritt aus dem Hause, dem Priester folgend. Er floh in das kleine Sanctuarium des Hesus, ganz in der Nähe unseres Hauses: – zum Glück! Denn kaum vermochten wir mit dir dem Eilenden nachzukommen: – dort hob er eine Platte des Hauptaltars aus und sprang, das heftig widerstrebende Weib mit sich reißend, hinab in eine dunkel gähnende Tiefe.

Behutsam stiegen wir, dich hebend, nach. Nur langsam tasteten wir drei uns in dem dunklen unbekannten Raume vorwärts: du stöhntest so schmerzlich bei jedem Schritt! Endlich wehte uns von oben her der kühle Hauch der Nachtluft entgegen: wir erreichten – nach mühseligem Emporklimmen über halb zerfallene Steinstufen – das Freie, den Tannenwald außerhalb des Walles. Der Priester und das Weib aber waren verschwunden: obwohl der Flammenschein der brennenden Stadt sein grelles flackerndes Licht bis hierher warf: – nichts war von ihnen zu sehen! Ratlos, führerlos standen wir nun allein in dem nächtigen Walde!

Ich flehte in meiner Herzensangst zum Herrn, er möge dich retten vor den Feinden, deren fürchterliches Sieges- und Mordgeschrei bis zu uns drang. Und Gott erhörte mein heiß Gebet. Plötzlich erinnerte ich mich dieses ganz nah gelegenen Zufluchtortes hier, dessen Zugang dichtes Gebüsch und Strauchwerk ganz umhüllt.«

»Aber wie – woher . . . ? Ah! Jene Bilder an der Steinwand: – Christianer!«

Sie nickte: »Als vor fünf Jahren Nero wütete gegen die Gläubigen, zumal alle Ältesten der Gemeinde, die Presbyteri, welche, die Lehre des Heils verkündend, durch die Provinzen wandern, mit dem Tode bedrohte, da hat Senecio, schon als er uns nach Athen begleitete, durch jenen gewaltigen Redner auf dem Areopag für die Lehre vom Kreuz gewonnen, den alten Presbyter, der die kleine Gemeinde soeben begründet hatte, in dieser einst auf der Jagd von ihm entdeckten Höhle verborgen, bis der kurze Sturm der Verfolgung durch Nero vorübergebraust war. Hier kamen wir in jenen bangen Wochen manchmal zusammen – nur acht Köpfe – dem Lehrer irdisch Brot zutragend und himmlisches von ihm empfangend.«

»Epponina! Du wagtest dein Leben!«

»Das kurze traurige Leben hier, um das ewige selige dort oben zu gewinnen. Dieser Zufluchtsstätte mahnte mich nun der Herr für dich. Mit unseren letzten Kräften trugen wir dich hier herab und betteten dich, ach, auf den harten Felsgrund, bis Senecio und Pia aus unserer Villa dies Stroh und Brot und Wein herbeischaffen konnten. Wiederholt wagten sich die Getreuen auch in die Stadt zurück, Arznei für dich zu holen. Unser Haus dort ist niedergebrannt. Ein hoher Preis ist auf deinen Kopf gesetzt durch öffentlichen Anschlag auf dem Markt. Die römische Besatzung sucht noch immer nach dir. Wer deinen Aufenthalt kennt und nicht anzeigt, ist mit dem Tode bedroht. Nur die größte Vorsicht kann dich retten. Und – wonach du wohl zumeist verlangst, zu forschen – nach ihr . . .«

»Nach wem?« fragte der Wunde.

»Nun nach – dem Weibe. Keine Spur von ihr und Gutruat.«

Da schüttelte er müde den Kopf und sprach: »Nein, Epponina. Nichts mehr von ihr! Kein Wort mehr – kein Gedanke. Du – du allein bist das Heil meiner Seele! Zu spät erkenn' ich es! Welche Liebe, welche Treue! Kannst du mir verzeihen? Wenn das die Früchte deines Glaubens sind, o so lehre auch mich, also glauben. Die Nichtigkeit der Welt und ihres Glanzes, die Hohlheit des Ehrgeizes, die Verächtlichkeit der Lust: – ich habe sie erkannt bis auf den Grund, bis auf die ekle Hefe. Nie kehre ich in jene falsche Welt zurück. Bleib' ich am Leben, – dir allein will ich leben, dir und deinem Gott, der die Seinen auf Erden schon zu Heiligen erklärt. Oh Epponina, kannst du mir vergeben?« Und er griff mit zitternder Hand nach ihrem Haupte.

Sie erwiderte nichts; sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuß auf seine bleiche Stirn. Zwei Thränen flossen langsam aus den sanften Augen: aber sie schmerzten nicht: es waren Thränen seliger Rührung. Stille ward's in der dunkelen Höhle: – Brust an Brust ruhten die Gatten.

 


 

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