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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
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VIII.

»Flavius Vespasianus dem Imperator sendet aus Trier besten Heilwunsch Petillius Cerialis.

Der Ort, von welchem aus, oh Imperator, ich dir dieses schreibe, verkündet dir am deutlichsten meine bisherigen Schritte: – lauter Siegesschritte, Erfolge, die meine kühnsten Hoffnungen übersteigen.

Aber Fortuna ist ein Weib, und ich habe Glück mit diesen Tierlein. Geht es so fort, brauche ich bei weitem nicht die vier Monate unseres Vertrages.

Als ich mich von dir verabschiedet, die beiden italischen Legionen übernommen und von Mailand aus den Zug über die Alpen angetreten hatte, – auf dem kürzesten Weg, über den Adula, auf welchem der Rhein entspringt, sie zu überschreiten, – da pochte mir das Herz gewaltig an den Panzer in der Erregung, ob denn wirklich, wie vorausgesandte Späher meldeten, das Unmögliche möglich und der gallische Feind so wahnwitzig leichtsinnig sei, die Pässe nicht zu besetzen.

Ich konnte diesen täglich wiederholten Versicherungen nicht glauben. In fieberhafter Eile jagte ich mit der Reiterei voran: – jedes zweite der maurischen Rosse mußte noch einen Legionär auf den Rücken nehmen: denn zu Pferd allein kann man die Berge nicht stürmen, und was bisher etwa versäumt war, konnte, ja mußte der Feind nun doch täglich nachholen. Jede Stunde konnte allentscheidend werden: denn waren die Pässe gesperrt, mußte ich zurück bis Genua, dort die Legionen einschiffen und in Marseille die Landung versuchen – mit unerträglichem Zeitverlust. Ich konnte es kaum fassen, da ich, meinen Reitern voranjagend und allein die Höhe des Adula erreichend, – da, wo zur Kennzeichnung der Wasserscheide der Altar des Mercurius errichtet ist – wirklich den Weg offen fand und unverteidigt. Ich schrie laut auf, in den Bügeln mich hebend vor Lust. Wahrlich, die Götter wollen verderben, wen sie so maßlos verblenden! Weit und breit kein Feind zu sehen! Unbehindert stiegen wir – voran die XXI. Legion – hinab in das Land der Helvetier, – ein Häuflein Berghirten konnte das verhüten! – überschritten die Aar bei Windisch, den Rhein bei Augst, und zogen nun Nacht und Tag in Eilmärschen steil gen Norden stromaufwärts auf der alten Legionenstraße des rechten Ufers. So rasch und so verdeckt geschah unser Vordringen, daß die Gallier auf dem linken Ufer lange nichts von unserer Nähe ahnten: erst im Gebiet der Vangiônen, wo von Osten her der Neckar sich dem Rheine nähert, stießen wir auf Feinde: es war der künftige Großkönig Galliens Classicus, der – jetzt erst! – sich anschicken wollte, die helvetischen Pässe zu besetzen.

Du frägst billig nun, womit er inzwischen die kostbaren Tage, ja Wochen ausgefüllt? Ei nun, er mußte doch überall auf den Legionenstraßen die römischen Meilensteine durch neue gallische ersetzen lassen mit dem heiligen Schildtier des neuen Reiches: dem krähenden Hahn; und in den Städten ließ er die Denksäulen, in welche die Verträge mit Rom gegraben waren, niederreißen und in die Flüsse schleifen. Und dabei hielt er jedem Meilenstein eine höhnende, witzige Grabrede, die ihm übrigens ein guter Freund, Tutor, ein anderer Führer des Aufstandes, verfassen mußte. Das kostete doch Zeit und machte müde! So hielt er denn behaglichen Rasttag in einem Doppellager auf beiden Seiten des Stroms bei Worms. Vorposten hatten die Leutchen nicht vor ihr Lager gestellt: sie ruhten in oder vor ihren Zelten oder rüsteten das Mittagsmahl, die Pferde angepflöckt, die Waffen abgelegt.

Unsere Reiter und unsere Pfeile brachen urplötzlich aus den bewaldeten Höhen gleichzeitig auf sie herein: die Verwirrung war unbeschreiblich. An ihren Suppentöpfen, die gefüllten Schalen in der Hand, wurden sie überritten. Leider entkam der König Classicus auf der von ihm hier geschlagenen Schiffbrücke. Aber auf derselben bequemen Vorrichtung drangen auch wir auf seinen Fersen über den Rhein, und zogen sofort auf Mainz. Bei Bauconia warf sich uns, die wichtige Stadt zu decken, ein andrer Haufe entgegen und griff hitzig an: jedoch sobald der erste Anprall mit ruhiger Kraft zurückgeschlagen war von der tapferen XXI. Legion, da entscharte die Flucht die Panzerreiter mit ihren flatternden roten Federbüschen und das Fußvolk in seinen buntgestreiften gallischen Hosen und sie stoben auseinander mit dem lauten Geschrei: »Verrat!«

Wer sie verraten haben soll, das weiß ich nicht. Sicher nicht ihr Führer, ein auffallend dicker Herr, der, hartnäckig, todesmutig, sein Bestes that, die Fliehenden aufzuhalten, bis sein Gaul unter den Pfeilen unsrer numidischen Schützen stürzte.

Mainz schloß den Geschlagenen die Thore, schickte als jene verschwunden waren, uns den ganzen gallischen Senat (auch ein paar hübsche Jungfräulein!) entgegen, und die Bürger holten uns durch die bekränzten Straßen ein: ich ließ die Wackern auf dem Marktplatz dir, oh Imperator, schwören und in dem Tempel ihres Gottes Hesus dein Bild aufstellen. (Es ward zu sehr an der Vergoldung gespart, oh Vespasian: du siehst recht schäbig aus, das Erz blickt, deine Sparsamkeit verkündend, überall hindurch, sonst hätt' ich dir's – zur Ausprägung – geschickt.)

Nach kurzer Rast brach ich von Mainz auf: fast kein Widerstand! Das Großreich Gallien bröckelt auseinander, wo man es anfaßt: er ist schlecht gebacken, dieser prahlerische Kuchen, von seinen wortreichen Bäckern. Gar manche Völkerschaften schicken mir schon von weit her, so die Sequaner von Besançon, von Embrun bis hierher Gesandte, beteuern, nur gezwungen von der Übermacht der bösen Nachbarn zum Anschluß an den Aufstand fortgerissen zu sein, bitten um Vergebung und erbieten sich, Geld und Mannschaften zu schicken. Das Geld darf ein Diener Vespasians nicht zurückweisen. Aber es machte vortrefflichen Eindruck, als ich erklärte: »Rom genügen seine Legionen! Kehrt, o Bundesgenossen, zu den Arbeiten des Friedens zurück. Das ist Roms Krieg. Rom hat ihn in die Hand genommen: also ist er so gut wie beendigt.«

Von Mainz zog ich auf Bingen. Hier war die Brücke über die Nahe abgebrochen: eine Schar Treverer auf dem Westufer hielt sich dadurch für gedeckt; aber die klugen Rößlein meiner afrikanischen Reiter fanden eine Furt und nun waren jene Haufen rasch zersprengt. Jetzt – so verzettelt diese Feldherrnkunst ihre Kräfte! – warf mir Classicus – er soll bei Bingen verwundet aus dem Gefecht getragen worden sein – wieder eine zusammengeraffte Menge von Triboken, Caerakaten, Vangionen entgegen: er wollte diesen stärkeren Halt geben durch übergetretene Römer aus der I. und aus der IV. Legion: diese hielten auch Stand gegen unsere rätischen Hilfsvölker: als aber ich selbst auf der breiten Straße ihnen entgegenritt, – allein – nur zwischen den Adlern meiner beiden Legionen, der II. und der XXI., und sie anrief ob denn wirklich römische Legionäre unter gallischen Flatterwimpeln gegen diese Adler kämpfen wollten? Da kehrten sie die Wurfspeere um, liefen auf mich zu, bedeckten meine Hände mit Küssen und baten – Thränen liefen über manch bärtig braunes Gesicht – um Verzeihung, um Wiederaufnahme. Die gewährte ich: – und jene Barbaren stoben auseinander, bevor ich sie angreifen konnte. Und diese Milde gegen die »ehrenwerten Rücküberläufer«, wie ich sie nannte, – solche Worte mögen die Gallier gut leiden! – trug sofort reichste Früchte: sobald die beiden abgefallenen Legionen von Neuß und Bonn – die XVI. und die XXII. – davon erfuhren, thaten sie desgleichen und baten um Vereidigung auf deinen Namen. Ich gewährte sie gern. Tag um Tag erhalte ich weitere gute Nachrichten: gestern hat Reims seine Lossagung von Großgallien angezeigt: – eben, während ich dies schreibe, meldet Metz seine Unterwerfung. Ich ziehe nun auf Trier, den Hauptort der Empörung, aber ich höre, bei Ricol an der Mosel wollen sie mir den Weg verlegen. Wehe ihnen, wenn sie's wagen! Und wohl mir: je mehr von ihren ungeschulten Haufen sich mir zusammengedrängt entgegenstellt, desto rascher bin ich mit ihnen fertig!


Sieg, Imperator, Sieg bei Ricol! Und dafür muß ich mich ein wenig loben. Das hab' ich nicht ganz schlecht gemacht.

Die Gallier unter Valentinus, einem Neffen des noch kampfunfähigen Classicus, hatten sich diesmal eine gute Stellung ausgesucht und sorgfältig befestigt: auf den Flanken durch den Fluß und die Berge gedeckt, hatten sie in der Stirnseite breite Gräben gezogen und die Zugänge durch Felsbrocken der nahen Steinbrüche gesperrt. Aber der alte römische Doppelangriff bewährte sich auch hier. Ich schickte ihnen von Süden, von Metz her, die zur Treue zurückgekehrten Legionen in die rechte Flanke – »macht gut,« schrieb ich ihnen, »die Schuld von Monaten an Einem Tag!« und sie machten sie gut! – während ich von Osten her – in drei Eilmärschen war ich heran – sie von vorn faßte: ich befahl dem Fußvolk sofort den Sturm, trotz aller Gräben und Verhacke: herrlich stürmten deine alten Legionen, duckten sich in Schußweite – ließen die Wurfgeschosse über sich hinfliegen, – alle Gallier schießen nämlich zu hoch! – erstiegen dann die Höhen und warfen die Feinde mit der Gewalt eines Bergsturzes drüben hinunter. Da – im rechten Augenblick! – traf sie von Süden her, von Metz, der Flankenstoß der Legionsreiterei, und – nie sah ich noch solche Flucht auf Erden. Und sind doch tapfre Leute im Anprall! Die Reiterei, einschwenkend die Höhen herab, hieb nach und brachte viele Gefangene ein, darunter den Führer Valentinus. Sofort ließ ich ihn und sechs andere mitgefangene Edle der Treverer ans Kreuz schlagen. Morgen hoff' ich in Trier einzuziehen.


Ich zog heut früh in Trier ein. Welch liebliche Stadt! – Mit Mühe verhütete ich ihre Zerstörung: die Leute kennen sie als Brutstätte der Empörung, als des Classicus und des Tutor (das ist der dicke Held – ohne Spott! – von Bauconia!) Geburtsstadt.

Sie gönnten dir – (vergieb! dem gefräßigen Fiskus) – alle Beute, sie wollten nicht plündern, nur brennen. Ich verbot es. Noch viel schwerer setzte ich durch, daß meine (– deine! –) nie untreu gewordenen Legionen die »ehrenwerten Rückläufer« nicht als Feinde – und schlimmer! – behandelten. Aber wenn ein echter Römer befiehlt, gehorchen echte Römer noch. Das sei dein Trost, Imperator, für noch ein breites Stück Zukunft. Morgen brech' ich auf nach Süden, gen Langres. Dort soll die Hauptmacht der Gallier stehen unter Sabinus.

Damit du aber nicht glaubst, vor lauter Lust am eigenen Dreinschlagen hab' ich das Denken römischer Feldherrschaft verlernt, meld' ich dir meinen Kriegsplan: er ging dahin, Gallien und die Germanen von allen Seiten zugleich zu fassen. Und er ist – soweit – völlig gelungen. Während ich von Osten kam, brachen von Westen aus den Pyrenäen die VI. und die X. Legion ins Land, von Süden stiegen über den Poeninus – diese Feldherren Galliens haben noch nicht entdeckt, zu welchem Zweck die Götter Berge um ihr Land gethürmt haben! – die letzten Kohorten der II. in das Rhonethal, von Norden, von Britannien her trägt die Flotte die XIV. gegen Bataver und Friesen heran und nun laß sehen, ob die Feinde dem Zangendruck von allen Seiten widerstehen.

Erst such' ich noch den »Kaiser Galliens« bei Langres auf: er wird kaum gefährlicher sein als der »König« bei Trier. Dann geht es gegen die Germanen: diesmal hieß es also: »zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit.« Diese wird wohl blutig werden: die zur Treue zurückgetretenen Legionen berichten, die halbnackten Kerle – zumal die Überrheiner – des Civilis seien so furchtbar wie die Bären und Auerstiere ihrer Wälder. Ob diese seine Ungetüme ihm auch gehorchen? Dann – aber auch nur dann! – wird es heiß hergehen. Ich freue mich darauf! Unsere von ihm besiegten Leute nennen diesen Bataver – er ist einäugig – einen zweiten Hannibal oder Sertorius. Sei es so! Scipio ward mit jenem, Pompejus mit diesem fertig: ich erachte mich nicht kleiner als Scipio und Pompejus: so werd' auch ich mit meinem Einaug' fertig werden.«

 


 

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