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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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created20070612
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VII.

Das glänzende Fest, welches Sabinus, Gutruat und deren Freunde der Stadt der Lingonen, in Wahrheit aber sich selbst gegeben hatten, neigte dem Ende zu.

Vorüber waren die Wagenkämpfe, die Wettrennen, die Tierkämpfe, die in der kleinen, den römischen Vorbildern nachgeahmten Arena der Provinzialstadt abgehalten wurden, vorüber der Aufzug reichgekleideter Jünglinge und Mädchen, die Sabinus und Gutruat den Dank der Lingonen in Gestalt eines goldnen Lorbeerreifes und eines silbernen Mistelzweiges in den Vorhof des Tempels überbrachten, vorüber endlich auch der wilde, leidenschaftliche Tanz, den in diesem Hofe Faune und Bacchantinnen, wenig durch Kleider beschwert, aufgeführt hatten vor den Stufen der Säulenhalle, auf welchen der Oberpriester und dessen Weib, Sabinus und die vornehmsten Gäste auf weichen Kissen lagen.

»O Claudia,« flüsterte sich vorbeugend Sabinus in das Ohr des Weibes, das, regungslos hingegossen, in träger Üppigkeit auf die immer kühner werdenden Sprünge der Paare hinabgesehen hatte, »das war der schönste Tag, das wird die seligste Nacht meines Lebens. Sowie Tutor mit der Nachricht von Worms her eintrifft, streue ich das Gold unter das Volk und es wird, es muß mich als Imperator Galliens begrüßen. Vierhundert stark schreiende Kerle sind gemietet. Dann, dann zum erstenmal im Purpur werd' ich dich umarmen. Aber was schaust du da so scharf nach links? Was denkst du?«

»Ich denke, die braune Bacchantin, die der junge Silvan dort soeben jauchzend auf seine Schulter schwang, ist viel glücklicher als ich.« – »Warum?« – »Der Junge liebt viel feuriger als du. Sieh, wie er sie küßt! Das ist doch Liebe! Der denkt dabei nicht daneben an den Purpur, – er fühlt, er denkt nur sie. So möchte ich geliebt sein, ohne teilen zu müssen mit anderen Wünschen. Wie beneid' ich die braune Dirne! Und schau nur die kräftigen Muskeln seiner Arme! Dieser Gladiator wirft dich leicht in jede Ecke des Hofes, Imperator von Gallien.« – »Höre,« schmollte Sabinus, »mahne mich nicht an deine Schwester, die mit dem kräftigsten Gladiator davonlief. Ist es denn nur die Kraft, – was du liebst?« – »Nur die Kraft. – Nicht gerade der Muskeln allein. O nein: die Kraft der ganzen Mannheit: Geist, Wille, Mut und Leib. Verhüte also, mein Imperatorlein, daß ich einen finde, der dich in all' dem überwindet.« – »Den wart' ich ab! Der Mann lebt nicht auf Erden. Aber still jetzt . . .«

Der Oberpriester hatte sich von dem Lager erhoben. Er schritt auf Sabinus zu. »Bald wirst du das Gold und Silber ausstreuen müssen. Die Spiele sind zu Ende. Das Volk wird ungeduldig. Du hast doch das Geld bereit?« – »Sechs Truhen. Meine Sklaven trugen sie soeben in das Gemach zur Linken.« – »Ich staune! Ich wußte nicht . . .« – »Daß ich über soviel Geld verfüge?« lachte Sabinus. »Nun, im Vertrauen: 's ist auch das meine nicht. Du weißt – die Beiträge aller Städte Galliens für den Krieg gegen Rom . . .« – »Wie? Die hast du angegriffen?« – »Nicht angegriffen! Nur ausschließlich hierfür verwandt! Wie konnte ich besser für diesen Krieg sorgen, als indem ich Gallien den Imperator gab?« – »Was aber, was wird Classicus dazu sagen?« – »Bah! Deshalb hab' ich es ihm ja überlassen, das – scheinbar! – so viel wichtigere Werk, die Alpenpässe zu besetzen. Er soll sich nur abmühen, langweilen und hungern auf jenen öden Bergjochen. Er besetzt die Alpen: – er ahnt nicht für wen. Aber laß uns nun ans Werk!«

»Nein,« rief Claudia, plötzlich aufspringend, wie eine Natter, mit überraschender Schnelligkeit der Bewegung. »Bevor das langweilige Schauspiel des Imperatorentums beginnt: – noch einmal will ich den Tanz der Faune sehen! – Da! Nehmt!« – Sie streifte von jedem der vollen Arme einen breiten Goldreif und warf beide unter die unterhalb der Stufen stehenden Faune und Bacchantinnen. »Noch mal! Aber rascher, feuriger! Lauter die Cymbeln! Höher der Sprung! – So! So ist's recht, du Schwarzkopf da unten. Nun, Imperator,« flüsterte sie Sabinus zu, funkelnden Auges, »hier steht deine Bacchantin – willst du mein Tänzer sein?« Sie warf mit einem Ruck den goldschweren Mantel ab und stand da in eng anliegendem Seidengewand, das die prachtvolle Gestalt mehr ausprägte als verhüllte.

Sabinus zögerte: »Bedenke! Unter den gemieteten Knechten! Alles Volk gafft herein! Soll ich in diesem Augenblick –«

»Bedenke du!« erwiderte sie mit drohenden Blicken. »Ich tanze jetzt zu diesen Cymbeln und Becken: – sie machen mich rasend vor Lust, vor Lustbegier. Ich tanze – wenn nicht mit dir – mit jenem herrlichen Faun dort Und sie schritt wirklich, da er noch säumte, jenem Jüngling winkend, die erste Stufe hinab.

»So komm!« rief Sabinus wild, faßte sie an dem üppigen Arm, eilte mit ihr die Stufen hinab und schon flog das Paar unter den übrigen dahin.

Aber wie tanzte dies Weib! Nicht wie die andern: – diese erschienen jetzt als verkleidete Puppen – hier flog die wahre Bacchantin, ja die Mänade dahin. Ihr mächtiges schwarzes Haar ging auf bei der ersten stürmischen Bewegung, es flatterte um sie her, es peitschte ihrem Tänzer das Gesicht, die Augen, daß er sie vor Schmerz schloß. Wozu auch sie offen halten? Nicht Er führte diesen Reigen! Das Weib riß ihn dahin, so oft der Reigen es mit sich brachte, daß sie sich berührten, das Weib, das, so oft sie sich den Cymbelschlägern näherten, diesen zurief: »Rascher! Lauter! Viel rascher!« Nun warf sie das Haupt in den Nacken zurück, aus den geöffneten Lippen brach ein leises Stöhnen der Lust: – sie riß den Imperator Galliens an den Armen herum, daß der lange Mantel, den abzulegen ihm nicht Zeit geblieben war, weit hinter ihm her flog – jetzt fiel das Tuch, abgetreten, zu Boden, einer der Satyren warf ihm sein geschwänztes Bocksfell über die Schultern, der Lärm der Cymbeln steigerte sich zum höchsten Gellen: – – da plötzlich drang verworrener Lärm von dem Eingang, von der Straße her in den Tempelhof: ein behelmter Mann im Kriegsgewand brach sich Bahn durch die Menge, schleuderte ein paar der Bacchantinnen zur Seite und hielt in der Mitte des Hofes: »Wo – wo ist Sabinus? Was? Hier! So? In Bockessprüngen! Weh um dich, Gallien!«

Da erstarrten alle Gruppen des Tanzes: wie sie geschwebt, so machten sie plötzlich Halt: Gutruat polterte die Stufen hinab. Sabinus, schweißtriefend, warf das Bocksfell ab: »Tutor!« rief er, »Du hier! Du solltest ja zu Worms . . . – Wo ist Classicus?«

Der Dicke holte erst Atem ehe er begann: »Classicus? Statt die Alpenpässe zu besetzen, – wollte er sich, ehe du's erführst, vorher in Trier zum König von Großgallien ausrufen lassen. Darauf verwandte er alles, Zeit und Geld.« – »Ha, der Verräter!« schrie Sabinus. – »Die Römer sind – ohne Schwertstreich! – über die Alpen gedrungen. Viele Legionen! Classicus ward zu Worms überfallen und geschlagen, sein Heer stob in alle Winde. Mich traf die Nachricht zu Bauconia zwischen Worms und Mainz. Ich wollte diese Feste decken, ich griff die Römer auf der Straße dahin an, sie warfen mich: ich wich auf Mainz zurück: aber die elenden Gallier dort sind abgefallen vom Reiche Gallien und haben Vespasian geschworen. Sie sperrten mir die Thore. Nun floh ich hierher. Die Hauptmacht der Römer steht in Mainz. Ihr Feldherr heißt Cerialis. – Aber jetzt gebt . . . mir zu essen! Ich bin totmüd und wund. Ein Pfeil traf meinen Hals: zum Glück nicht die Speiseröhre.« Und der Dicke wankte, halb ohnmächtig sank er in Gutruats Arme.

Zahlreiche Scharen, Tänzer, Zuschauer, Gäste strömten nun aus dem Tempelhof hinaus auf die Straße: da schrie und tobte das Volk sofort wild durcheinander.

»Was? Keine Geldspende?« – »Sie war fest versprochen!« – »Die Römer! Die Römer sind da!« – »Wir sind geschlagen!« – »Aber nur durch Verrat!« – »Classicus hat uns verraten!« – »Nein! Tutor!« – »Nein, Sabinus! Wo ist das Geld der Städte?« – »Nieder die Verräter, alle drei!« – »Verrat! Verrat! Verrat! Verrat!« so brüllte es durch die Gassen.

Und zornige, aber machtlose Steine flogen sofort gegen die eherne Thür des Hofes, welche die Tempeldiener gerade noch vor dem Ansturm der Menge hatten ins Schloß werfen und von innen mit den starken Eisenriegeln sperren können.

 


 

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