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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 3
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typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
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secondcorrectorThomas Stur
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III.

»Schon als zuerst vor nun bald achtzig Wintern,« fuhr der Hofherr fort, »die Römer über den Rhein trachteten, die Germanen jenseit des Stromes zu unterwerfen, erkannten sie, daß sie da drüben keinen Schritt vorwärts thun konnten, blieben wir Links-Rheinischen, wie Bataver, Kannenefaten, Friesen, ihnen feind, ja, versagten wir ihnen auch nur unser Land und unsre Gewässer. Da traten sie denn an unsre Ahnen heran mit glatten Worten, mit reichen Geschenken: der Stiefsohn des Imperators, Drusus, nannte uns des römischen Volkes Freunde. Die Könige, die Edeln unsrer Gaue wurden eingeladen in die üppigen Städte Galliens, in die waffenblitzenden Lager der Legionen: sie teilten die Tafel des Kaisersohnes. Bald wurden sie nach Rom selbst entboten: – an ihren Fingern gleißte der Ring der römischen Ritter.« – Brinnobrand nickte und wies auf die Hand des Civilis. –

»Sie wurden mit goldenen Ketten geschmückt und – gefesselt! Gar manche von ihnen, durch den Reiz des Fremden bestrickt, heirateten gallische, italische Frauen, andere wurden von römischen Sippen als Wahlsöhne angenommen, wie dein Großvater, Chlogio, von den Claudiern. – Und kamen sie nun zurück aus den Sälen an dem gelben Tiber – dann waren sie verzaubert!

Es geht eine Rede unter unsern Völkern: »wer Rom sieht, stirbt oder wird römisch!«

Nicht nur die römische Tunika, – römische Gedanken hatten sie angenommen! Geblendet waren ihre waldgewohnten Augen von all' dem Glanz von Purpur, Marmor, Gold und Elfenbein. Und nun, geschult in der Kunst, die Worte überredend zu stellen, prangend in römischen Waffen, in römischem Schmuck schlugen sie, heimgekehrt zu den uralten Malstätten unter ragender Esche, den schlichten ungefügen Männern in Bärenfell und Büffelhaut zur Annahme die Verträge vor, die zu Rom die schlauen Herrscher geschrieben hatten. Unsere thörichten Helden daheim verstanden gar nicht, sie zu deuten. Aber der Königssohn, der Edeling, der sie mitgebracht, empfahl ja so warm die Annahme! Er wies die Geschenke vor, die er vom Imperator für sich, seine Gefolgen, für die Weiber daheim von der Imperatrix erhalten hatte. Er meldete, wie, wenn wir nur wollten, gar bald die römischen Händler Wein und viel bessere Waffen denn die unsern, und kostbarere Gewande in das rauhe Sumpfland tragen würden, wie die Legionen selbst – für uns! – Straßen durch die Wälder bauen, Brücken über die Ströme schlagen, kunstvolle Gräben von Fluß zu Fluß ziehen wollten. Aber sie erzählten auch, wie schon jetzt auf dem Markt zu Rom, unter hochgewölbten Marmorbogen, auf eherner Tafel zwischen den Namen der Völker, die der Imperator aus seinen Verbündeten am höchsten ehre, auch der Name der Friesen und der Bataver prange.

Und sie riefen – und sie sprachen wahr dabei! – es gebe nicht Glanz, nicht Gut, nicht Lustgenuß auf Erden, den sich nicht ein tapfrer Mann im Dienste Roms gewinnen möge.

Und dabei standen umher, auf ihre Schilde vorgebeugt, und mit offnen Augen und Ohren, staunend und lauschend, die guten Thoren mit den Riesenleibern und den Herzen von Knaben. Sie betasteten des Redners römische Brünne, sie schlürften aus den mitgebrachten Krügen den feurigen Trank: – und zu Hunderten, zu Tausenden bald drängten sie sich in den Waffendienst des Imperators und all' unsere Gaue schlossen Verträge von Frieden und Freundschaft und Waffenbund mit Rom.

Und siehe da, es war und ward alles – im Anfang! – wie Rom versprochen. Die Legionen kamen in unsere Waldsümpfe, bauten Straßen, pfeilgerad, wölbten stolze Brücken, fällten die ungeheuren Eichen unserer Haine, schleppten Steine und Erde herbei, bauten befestigte Lager mit Graben und Wall und wir halfen eifrig mit, – gegen reiche Bezahlung – und als alles fertig war, siehe, da lag auf unsrem Land ein unabschüttelbares Netz, ein Joch von Stein und Erz.

Durch unser und der Friesen Land, von unsern Wegweisern geführt, drangen Drusus und dessen Nachfolger Jahr um Jahr über den Rhein gegen die noch freien Germanen. Für Rom haben gar oft unsere wasservertrauten, schwimmfrohen Jünglinge Weser und Elbe und die Flüsse auf der britannischen Insel durchschwommen.

Und als vor zwei Menschenaltern jener große Cherusker, von Wodans Geist beseelt, so viele Völker da drüben fortriß zu sieghafter Erhebung, als der erschrockne Imperator zu Rom im Geist dies Gallien schon überflutet, Italien bedroht sah, da, als den Welschen alles wankte: – da blieben wir getreu!

Und doch, Chlogio, war deine Mutter, die hohe Frau, die Schwester des Cheruskerhelden selbst! Aber dein Vater Chariovald und Donarbrand, mein Vater, hielten fest am Bundesvertrag mit Rom. Ja, als Germanicus kam, zu rächen Varus und die Legionen, da durchschwammen unsere Reitergeschwader die breite Weser, wo sie in reißendsten Wirbeln kreiselt, und dort fiel, von cheruskischen Wurfsperen, Chariovalda und unserer Edelinge Blüteschar. Fern in Britannien, im Sumpfe der Démĕten, liegt mein Vater: – er fiel für Rom, Und wenn Claudius Civilis das linke Auge fehlt . . .«

»Auf daß er auch hierin Wodan gleiche,« fiel der Jüngling ein, zu Civilis emporblickend.

»So hat er es für Rom verloren durch einen Silurenpfeil.«

Civilis zuckte die Achseln. »Wir übten von jeher die Pflicht der Heldenschaft,« sprach er kurz.

»Und was übte Rom?« schrie Brinno wild. »Verrat und Treubruch! Wie an allen Völkern so an uns. Ja, im Anfang freilich, solange noch nicht fertig gewölbt war das Joch, – da hielten sie die Verträge. Aber jetzt – wie treiben sie es jetzt?

Nicht wie Verbündete, wie Knechte behandeln sie uns! Ihre Legaten, ihre Tribunen sättigen sich an uns des Raubes und, sind ihre himmelschreienden Frevel nicht mehr zu bemänteln, ziehen sie davon, abgelöst durch frische Plagegeister. Du seufzest, Chlogio, denn du kannst es nicht leugnen. Durch Vertrag steht die Zahl der Krieger fest, die wir zu stellen haben: aber sie haben in den letzten Jahren ausgehoben – mit Gewalt! – soviele sie nur auftreiben konnten. Und das Allerscheußlichste – man kann es nicht aussprechen vor der heiligen Flamme des Herdes! – unsere schönen Knaben, bevor sie waffenreif, führen sie davon in ihre Lager, ja bis nach Rom und verführen oder zwingen sie – den keuschen Göttern zum Entsetzen! – zu ihren scheußlichen Lastern. Und als Zeichen ihrer Herrschaft über uns – wie über die ganze Erde! – pflanzen sie überall, wohin sie dringen, ihre goldnen Adler auf, die so stolz und sicher auf ihrer Querstange ruhen, wie der Adler ihres Donnergottes neben dessen Thron. Wie ich sie hasse, diese Adler, die Götter der Legionen! Kaum halt' ich an mich, sehe ich sie daher schweben, der hochmütigen Gewaltherrn hochmütig Wahrzeichen. Ob ich wohl je im Leben einen solchen niederraffe mit dieser Hand? Dann wollt' ich gerne stracks damit nach Walhall fahren.

Es war von jeher unser Ruhm und Stolz, daß wir nur Heldendienst, nicht Schatzung, leisteten: sie erheben aber jetzt Tribut und Steuern von uns wie von den lange geknechteten Galliern, von unserem kargen Sumpfland wie von ihren reichsten Provinzen in Asia. Der Steuereinnehmer, der Pfänder, treibt dem Freimann das letzte Rind von der Weide und reißt der Frau den Bernsteinschmuck vom Busen. Wollen wir's noch länger dulden? Wollen wir wirklich Sklaven Roms werden wie Syrer und Juden?«

»Nein, wir wollen's nicht!« rief Ulemer, den Mantel zurückwerfend, und alle stimmten ein: – bis auf Civilis.

Der Jüngling zu seinen Füßen sprang auf von der Stufe des Hochsitzes, auf welcher er gekauert. »Nein,« schrie er gellend, »Einer will's auch nicht! Tot schlägt er sie, alle! So!« Und er schmetterte einen dröhnenden Schlag auf den Estrich der Halle: so stark war der Streich, daß sich die Faust abdrückte in dem harten Lehm.

Erstaunt sah Sido auf den jungen Riesen mit den herrlichen Gliedern, dem schönen Antlitz und dem stieren, unheimlichen Blick. Brinno aber sprach voll Mitleids: »Ja, mein armer Bruder! Der Stolz unserer Sippe nicht nur, des ganzen Gaues! Auch ihn – auch ihn hat Rom vernichtet!«

»Wie das?« forschte der Gast mit teilnahmvollem Blick.

»Es ist rasch gesagt, das Scheußliche. Ein Weib – eine gallische Römerin, versteht sich! – ein Eheweib – und das wieder versteht sich bei Römerinnen! – entbrannte in Verlangen nach dem Jüngling, weiß wie Paltar, gliederstark wie Donar. Er wandte ihr den Rücken und schüttelte vor Ekel das trotzige Gelock. Da kaufte sie um schweres Geld von einem gallischen Zauberweib einen Liebestrank und goß ihn bei dem nächsten Mahl zu Xanten in seinen Wein. Wehe! Liebe konnte der Sud dem Keuschen nicht in das Blut zwingen: – aber er nahm ihm den Verstand. Schaum auf den Lippen, sprang er auf von den Tischen und tanzte grell lachend im Saal umher. Seit der Stunde ist er nicht mehr – wie er war. Oft redet er ganz irr. Aber freilich, du solltest ihn einmal hören – du harfender Held! – Harfe schlägt er, und Liedstäbe findet er noch so trefflich, – ja ergreifender denn je. Die greise Zauberin – nicht das Römerweib! – ergriff Reue über ihre That: als sie zu sterben kam, ließ sie mich rufen und gestand mir alles. Von ihrem Lager hinweg flog ich in die Villa des Statthalters: – denn seine Gattin war die Vergifterin: – ich hätte sie erwürgt mit dieser Hand: aber sie war Tags zuvor entflohen mit einem Gladiator.«

»Hieß sie nicht Lucretia?« fragte Sido. »Mir ist, ich hörte von ihr, als mich der Vater nach Rom schickte, die verzögerten Fahrgelder zu holen. Sie ward dort die Buhle eines Kaisers, dann seines Feldherrn . . .«

»Hei ja, Lucretia!« lachte der Irre. »Sehr schön! Augen wie Kohlen, Haar wie die Nacht, wogende Brüste. Aber giftig wie die Tollkirsche. Einer mag sie nicht küssen. Wo ist sie – die blonde Göttin – mit dem Stern auf der Stirn?« schloß er verträumt, wieder wie suchend in die Ferne blickend.

Brinno nickte: »Jawohl. Sie ist die Schwester des schönsten Weibes in Gallien.«

»Also – wie mir alle Leute rühmen,« – sprach der Königssohn, »der Claudia Sacrata, der Gemahlin eines Druiden?«

»Der Druide,« lächelte Brinnobrand, »ist ein guter Mann. Er schenkte mir einmal einen persischen Apfel. Aber innen war er faul, – das heißt der Apfel.«

»Ergrimmt dich nun nicht, o Civilis,« fragte Ulemer, »dieser römische Frevel!« – »Hat der römische Staat ihn vergiftet?« erwiderte dieser kurz. – »Du meinst,« fuhr Brinno auf, »was nur mich, was nur die Meinen angeht . . .« – »Nicht doch. Was, von einem Weib gefrevelt, einen einzelnen traf, darf nicht . . .« – »Hei,« unterbrach ihn der Zornige und blies in den vollen Bart, »wärst du dieser einzelne, – du sprächst anders.« – »Nein, Brinno. Und du weißt das!« – »Ja, ich weiß es! Vergieb,« bat der Riese gutmütig. »Ich bin nun einmal ein –«

»Flammenkopf. Nicht umsonst heißt ihr von Geschlecht zu Geschlecht von Brennen und Brand und nicht umsonst ist euer Ahn der rote Donnergott« erwiderte Civilis mit einem Lächeln, das dem durchgeisteten Antlitz gut ließ, und drückte die dargereichte Hand des Freundes.

 


 

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