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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070612
modified20160412
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Zweites Buch.

I.

Auf dem rechten Rheinufer, Xanten gegenüber, zog sich durch dichten Urwald die Lippe hinauf ein Weg gerade breit genug, daß zwei Rosse nebeneinander Raum fanden; er führte auf der Nordseite des Flusses hin, mehrere Tagereisen oberhalb der Mündung in den Rhein, an eine Furt. Diese war dem Wanderer durch eingerammte Pfähle bezeichnet, an welchem er bei hohem Wasserstand auch etwa Halt und Stütze finden mochte. Eine üppig grünende Wiese bedeckte die Waldblöße; diese war durch Axt und Feuer so weit gerodet, daß die Mittagssonne hell auf sie scheinen konnte. Schöne, bunte, glutfarbige Blüten, wie sie nur der Spätsommer mit seiner Wärme färbt, sproßten aus dem hohen Grase: der dunkelrote Agelei, der warmgelbe Ginster, der blaubunte Wachtelweizen, mattgelber Lerchensporn, die rötliche Ackerwinde, das rote Tausendgüldenkraut, die Zaunrebe, die braune Malve und die stolzragende, weithin leuchtende Königskerze. Emsig schlüpften die Bienen in die großblütigen Blauglocken, die Hummeln hingen, eingeschlafen, an den süßen Blumen des wilden Klees; in feierlichem langsamem Fluge schwebte der schöne Trauermantel über den stark duftenden Minzen hin, die in Menge den feuchten Ranft des Flusses mit ihrem hellen Lila kränzten. Aber hoch in dem tiefen Blau der regungslosen Lüfte zog ein Weih seine weiten stolzen Kreise.

Auf dem weichen Rasen unter dem Schatten einer breitästigen Eiche saß Weleda im Reisegewand; auf ihrem Schoße lag das blonde Haupt des Knaben Merovech, dessen sonst so frische Wangen bleich und eingefallen aussahen.

Weledamarka kam von dem Flusse zurück, aus welchem sie in einem kleinen Eimer von Büffelleder Wasser geschöpft hatte; dort am Ufer, in einiger Entfernung von der Eiche, lagerte ein Häuflein von Kriegern: – Brukterer waren's, und unter Katwalds Führung ein paar Bataver; sie achteten der Rosse, die, abgezäumt während der Mittagrast, die würzigen Kräuter der Waldwiese abweideten. Nun war Weledamarka heran: sie stellte den Eimer, den sie auf dem Kopfe getragen hatte, leise nieder und wies schweigend mit dem Finger auf den nackten rechten Fuß des Knaben, der dicht mit Linnenstreifen umwunden war. Er hatte die Augen geschlossen, aber jetzt schlug er sie auf: »Ich schlafe nicht, ich träume nur. Wollt ihr den Verband erneuern?« – »Nein,« antwortete Weleda, zärtlich das Gelock aus seinen Schläfen streichend. »Ich meine, es ist nicht mehr nötig. Du bist geheilt, Liebling. Und ich kann dich getrost verlassen.«

Da traten Thränen in des Knaben Augen und er sprach zu Weledamarka, die sich neben ihnen niederließ: »Du hast es gut. Dich verläßt sie nie. Du darfst immer bei ihr sein.« – »Aber sie wird nicht lange mehr bei mir sein wollen,« lächelte Weleda. »Der junge schöne Edeling der Tenchterer hat Welo den Mundschatz schon bezahlt in vielen Solidi römischer Beute. Und gar bald, mein' ich, holt er sie ab aus der Welinge Hof.« Bis unter die krausen Haare der Stirn errötend schmiegte die Kleine das Köpflein an Weledas Schulter.

»Dann wird es noch einsamer um dich,« meinte der Knabe. »Wer wird dich pflegen, erkrankst du?« – »Ich erkranke nicht.« – »So meinte auch ich, bis – der böse Dorn! Freilich ist's keine Krankheit gewesen. That auch gar nicht weh . . .« – »Doch! Bitter weh, bis er herausgeeitert war. Und für mich hattest du dir ihn eingetreten, gleich am ersten Tag nach unserem Aufbruch. Die süßesten Brombeeren, händevoll, trugst du mir zu, unermüdlich. Dabei geschah es wohl.«

»Du aber! Wie hast du mein gepflegt, sobald ich's nicht mehr verhehlen konnte, weil ich hinken mußte. Ach wie eine Mutter – wie meine Mutter selbst, bevor sie sich legte, nie mehr aufzustehen.« – »Ja, und eifersüchtig,« schalt Weledamarka, »wie eine Geliebte. Ich – ich durfte gar nichts für dich thun. Nicht anrühren sollt' ich dich. Alles that sie allein, Magddienste verrichtend Tag und Nacht. Kaum, daß ich Wasser holen durfte, den Verband feucht zu halten.«

»Sage nur,« forschte Merovech, zärtlich Weledas weiße Hand streichelnd – »liebe Hand, die mir so wohl gethan – wo hast du das gelernt? Hast du je Wunde gepflegt?« – »Niemals. Das lehrt das Herz. Ich hab' dich lieb, du thörichter Jung'! Hast du das noch nicht gemerkt?« Und sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn auf die Stirne. »Nun wollen wir den Verband ganz abnehmen – halt still, du Wildfang! – Langsam! – Thut das noch weh? Nein? Auch dieser Druck nicht? Nun, dann spring' auf deine Füße. Halt! noch nicht. Erst den alten Wundsegen:

»Schwinde, Schmerz!
Fliehe, Fieber!
Weich deiner Wege,
Dummer Dorn!
Blut zu Blut,
Haut zu Haut, so heil
Als ob irgend Übles
Niemals genaht
Dem flinken Fuße.«

Jetzt auf und davon! Weißfuß, dein Rößlein, scharrt schon lang ungeduldig da unten am Ufer.«

Und sie stand auf, die langen Falten des braunen Gewandes hinabstreifend von den schlanken Hüften. Gar schlicht war diese Reisetracht, kein Schmuck glänzte an der hohen Gestalt: – und doch: wie eine Königin sah sie aus.

Der Knabe mochte diesen Eindruck stark empfinden, wie er zu ihr hinaufsah: »O Weleda,« sprach er. »Ich kann's nicht fassen. All diese Tage her hab' ich's nicht fassen können und darüber nachgedacht – unter all' den bittern Schmerzen.« – »Siehst du, kleiner Held und Lügner! Nun verrietst du dich!« – »Du, die große Seherin, die Weissagerin, zu der ganze Völker und ihre Könige aufblicken wie zu der Vertrauten, der Ratgenossin der Götter – du, die ich mit heiligem Schauer von weitem – von außerhalb des Dingzauns! – einziehen sah, selbst einer Göttin gleich, auf deinem hirschengezogenen Wagen, – du, diese selbe Weleda, hast mir die Kräutersalbe auf die schmerzende Geschwulst gelegt und mir die heiße Stirn gekühlt und all' diese Tage und Nächte mich gewartet und gepflegt – wie, nun wie nochmal meine Mutter oder irgend eine Hausfrau. Woher du das nur kannst! Und daß dir's nicht viel zu gering und niedrig war?«

Da faßte sie ihn an beiden Schultern, schob ihn leise von sich, sah ihm liebevoll mit weichem Blick in die Augen und sprach: »O Kind! Das seligste Weibeslos, glaub's nur, ist nicht, von Göttern Weisheit erlauschen, Männern Weissagung künden, der Völker Beschlüsse entscheiden zu Kampf oder Friede, mit stolzen Königen noch stolzere Sprache führen, – o Kind, das Weib, das in Lumpen gehüllt, in der ärmlichen Hütte ihr Kind pflegen darf – ihr eigenes, nicht ein entlehntes, wie ich dich entleihe! – und in Demut und in liebender Scheu auf den Schritt des heimkehrenden Gatten, des strengen, herrschgewaltigen Gatten! – lauschen darf, – o glaub' es, goldener Knabe, ein solches Weib des ärmsten Mannes auf schmaler Hufe ist unvergleichlich seliger als Weleda, die Vertraute der Götter und die Ratgeberin vieler Völker.«

Sie hielt inne, tief bewegt.

Verwundert sah der Knabe zu ihr auf, kopfschüttelnd sprang er dann fort zu seinem Rößlein. Weledamarka aber faßte der Freundin Hand und flüsterte: »So also – ganz wie ich kleines, thörichtes Ding, seitdem ich den Edeling Berthwalt gesehen – also empfindest auch du, Unnahbare? Ja, bei Freia und Frick! Weshalb hast du denn dann die Werbung – mein Bruder sagte mir alles! – des Königssohnes der Markomannen so herb ausgeschlagen?«

»Warum? – Würdest du sie angenommen haben?« – »Ich! Behüte! Ich liebe ja Berthwalt. Du aber –« »Nun, und ich . . . ? Ich liebe den Markomannen nicht. Ist das nicht genug?« – »Gewiß! Nie wird mein Bruder dich zwingen. Wollte er das, er würde . . .« – »Genug! – Es ist Zeit zum Aufbruch. Schau'! Sie satteln schon unsere beiden Pferde, Katwald und Merovech sollen ohne Verzug zurück ins Lager. Nur bis an die Furt verstattete er . . . erlaubte Civilis dem Knaben, mich zu begleiten.«

»Aber warum – warum verlässest du – vor dem vollen Sieg – das Lager und suchst wieder deine Einsamkeit? Sprich, vertraue es mir schwesterlich: hat dich Sidos Werbung verscheucht?« Sie schüttelte das Haupt: »Kein Sido mag mich verstören. Die Einsamkeit ist das Los, das mir die Götter zugedacht haben: sie ist mein Weh und meine Wonne. Ich füge mich darein: ich hab's gelernt. – Und ganz einsam bin ich doch nie,« fügte sie sinnend hinzu, ein liebliches Rot flog über ihre bleichen Züge. – »Nein, denn die Götter des Sieges sind bei dir.« »Und eine holde Göttin! – Komm! Laß uns zu Pferd. Und in die Einsamkeit der Träume.«

 


 

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