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Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
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secondcorrectorThomas Stur
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XIV.

Draußen in dem Hof gingen die beiden Männer lang auf und nieder. In ihr Zwiegespräch tönte manchmal vom Saum des nahen Waldes her, wo die Kohorten ihrer Führer harrten, das Wiehern eines Rosses, das Klirren einer Waffe; einen langen, finstern Blick warf dann der Bataver hinüber. –

»Es freute mich,« begann Hordeonius, weit ausholend, – »ein unfreiwilliger Lauscher vor der Thüre, – dich jenes Lied singen zu hören. Im Liede wohnt kein Falsch, Man singt nur, was das Herz erfüllt. Ich werde nach Rom berichten, was du denkst, auch wann du dich – unbewacht – mit deinen Stammgenossen ergötzest. Du bist uns treu.«

»Hast du daran gezweifelt?« fragte Civilis und blieb plötzlich stehn. – »Nein doch, nein,« beschwichtigte der Legat, ihn am Mantel fassend und wieder zum Ausschreiten drängend. »Nicht ich, aber andere . . .« – »Vocula!« – »Nun ja. Man konnte doch fürchten . . . Nachdem dein Bruder, dein Sohn . . .«

»Erst mein Volk, dann meine Sippe: so hab' ich stets gedacht.«

»Wohl, wohl! Aber gerade auch deine Gesippen . . . !«

»Meine eignen Vettern, die Brigantiker, Julius und Cajus, haben mich bei euch verklagt?« grollte Civilis, »O der Schmach!«

»Und dann – auch dein Volk ist ja getroffen. Der Imperator hat die Verträge zerrissen.«

Civilis verzog keine Miene unter dem forschenden Blicke des Römers: aber er konnte nicht hindern, daß ihm das Blut heiß in die Wangen schoß. »Ja,« sprach er dann mit schwer verhaltnem Grimm, »das war Unrecht von Vitellius.« Da machte der Legat rasch Halt: »Gut! Sehr gut gesagt! Vitellius! Jawohl: das hat Vitellius gethan, nicht Rom.« Hoch horchte der Germane auf! das Auge schlug er nieder, seine Erregung zu verbergen.

»Und,« fuhr Hordeonius, den Gang wieder aufnehmend, leise, fast flüsternd fort, »was ein Imperator gethan . . .« – er sah sich nach allen Seiten ängstlich um – »das . . .« – »Das kann ein anderer ungethan machen,« fiel Civilis ebenso leise ein. – »Dich erleuchten die Götter,« staunte der Alte. »Und du bist weise, – über Barbarenart hinaus – daß du nicht Rom entgelten läßt, was nur ein Cäsar that.«

Tief schlug dies Wort in des Civilis Herz.

Noch einmal stieg in ihm auf die ganze starke, durch ein Menschenalter genährte bewundernde Liebe zu Rom. Und der Edelsinn des Vaterlandsfreundes in ihm wollte ihm zuflüstern: »du darfst nicht dein Blut rächen, du mußt deine Rache deinem Volk opfern. Wenn wirklich nur ein Cäsar, wenn nicht Rom selbst . . .« Aber weiter kam er nicht in diesen Gedanken. Urplötzlich stand – er wußte nicht, wie das ihm kam! – vor seinem innern Auge eine hohe Maid, vom lichten Haar umflutet: er sah ihr warnend Auge blitzen. »Weleda, Weleda!« sprach er halblaut vor sich hin. »Hab' Dank!«

»Was sagtest du? – Nun also höre. Wenig Liebe, wenig Achtung genießt – Er – ich nenn' ihn nicht. Wir kennen ihn! Wir haben ja beide unter ihm gedient, als er noch Legat war hier in Gallien, in Köln. Er – auf dem Throne des Augustus! Er mästet sich, der Fresser, das Reich saugt er aus. Seine Vettern, seine Neffen, blutjunge Bürschlein, erhebt er zu den höchsten Würden im Palatium zu Rom – verdiente Grauköpfe aber, narbenbedeckte –«

»Läßt er im barbarischen Gallien den Rhein bewachen gegen grimme Germanen.« Wohlgefällig nickte der Alte: »Er ist es auch allein – sein feiges Herz, nicht das Bedürfnis des Reiches – was, wie unsere vier Legionen« – hoch horchte da Civilis auf – »so auch eure Scharen jetzt nach Italien ruft.«

»Er fürchtet sich. Vor einem neuen Anmaßer.«

»Wieder erraten! – Und weißt du – aber schweige! Noch ist es ein Geheimnis, das seinen Träger mit Verderben bedroht! – ahnst du, viel Erratender, vor wem er bebt?«

Allein Civilis schüttelte den Kopf. Wohl war ihm sofort Ein Name auf die Lippe geflogen: – aber vorsichtig schloß er den Mund. »Er soll ihn nennen,« dachte er.

»Nun, es giebt doch im Reiche nicht so viele des Thrones Würdige!«

»Nicht stets die Würdigsten besteigen ihn.«

»Richtig! Richtig gesagt. Aber, – wenn du wählen solltest, wen würdest du nennen?«

»Er kann doch nicht sich selber meinen?« überlegte Civilis. – »Laß ab,« bat er dann. »Wie soll ich, der Barbar, über der Römer Reich – auch in Gedanken nur! – verfügen?«

»Nun wohlan! Gedenkst du noch unseres gemeinsamen Feldzugs in Britannien gegen die Siluren und Demeten, denen wir in dreißig Treffen zwanzig Städte nahmen? Wer war da unser Führer?«

»Also Er, den ich gedacht,« sprach Civilis zu sich selbst. – »Es waren ihrer zwei,« antwortete er zögernd. »Petillius Cerialis und . . .«

»Flavius Vespasianus!« flüsterte der Römer in sein Ohr.

»Du hast ihn genannt, nicht ich.« Er furchte die Stirne. »Vespasianus!« seufzte er leise und dachte: »Das würde ein härterer Kampf als mit dem Schlemmer Vitellius.«

»Man sagt,« fuhr Hordeonius fort, »man flüstert in Rom – man schreibt . . .« – »Das heißt also: dir hat man geschrieben!« – »Still! Bei allen Göttern!« – »Die Balken dieser Halle tragen weder Ohren noch Mund. – Also: den Statthalter Galliens, den Führer der besten Legionen, den bewährten Staatsmann und Feldherrn: – Hordeonius Flaccus vor allen, seinen alten Waffenbruder, wollte Vespasian gewinnen.«

»Vor dir hilft kein Leugnen,« schmunzelte der Alte. »Aber schweige noch, sonst . . . Vocula versteht nichts als den Dienst: gehorchen und befehden.«

»Ist viel,« wandte Civilis ein.

»Aber du selbst – wie stehst du zu dem Plan? Ein Mann wie du, dächte ich, kann nicht lange wählen zwischen dem Cäsar der Vergeudung und –« – »Dem der Knauserei!« lächelte Civilis; doch unter dem Lächeln verbarg er tief ernste Gedanken.

»Du zögerst?« bangte Hordeonius. »Du schwankst? – Allerdings! – Vergiß nicht: nicht meine Neigung, nur ein Gerücht hab' ich dir mitgeteilt. – Auch Vitellius hat ja Manches für sich.« – »Jawohl! Zum Beispiel einstweilen noch die Macht! – Die Macht und das Recht, uns beiden nur um dieser Zwiesprach willen die Köpfe vor die Füße zu legen.« – »Fern sei das Omen!« rief Hordeonius schauernd. »Rufe nicht solch' blutge Bilder auf.« – »Die Legionen des Vitellius, die bei Bedriacum gesiegt, sind tapfer und vollzählig,« wandte Civilis, wie in ängstlicher Erwägung, ein. »Freilich, freilich! Aber doch! Vespasian wird siegen – unzweifelhaft.« Und auf des Batavers fragende Miene hin fuhr er fort: »Zahlreiche Götterzeichen verkünden es. Viele Briefe melden mir davon. Bei seiner Geburt schon rief ein Opferschauer: ein Imperator liege hier in den Windeln.«

Civilis zuckte die Achseln. »Das ist neunundfünfzig Jahre her! Und noch immer liegt er in den Windeln!«

»Ein losgerissener Stier jagte vor kurzem alle Sklaven in seinem Landhaus davon, drang zu ihm, der an der Tafel lag, und streckte sich hier, den Nacken beugend vor dem Wehrlosen, nieder zu seinen Füßen. – Mehr noch: kurz bevor Otho und Vitellius dort bei Bedriacum sich bekämpften, stritten widereinander im Angesicht beider Heere, hoch in den Lüften, zwei Geier; tot stürzte der auf des Otho Seite – im Süden – zur Erde, der andere erhob triumphierend Geschrei: aber plötzlich brauste von Osten ein dritter Kämpfer – ein Adler – herbei und zerriß den Sieger. Nun, Vespasian kommt doch von Judäa – von Osten – her.«

»Wenn er kommt,« erwiderte zweifelnd der Bataver.

»Endlich aber: durch alle Lande geht schon geraume Zeit ein Götterspruch: aus Judäa werde kommen, der die Welt beherrschen solle. Hast du nicht davon gehört?« – »Doch! – Aber die Juden, die sich im Vertrauen auf das Wort erhoben, – blutig wurden sie niedergeschlagen.« – »Es waren eben nicht die Juden gemeint, sondern Vespasian, der aus Judäa sieghaft nach Rom ziehen wird. Begreifst du das denn nicht?«

»Ich begreife, was du wünschest, Hordeonius,« entgegnete Civilis, »lebhaft wünschest, und wie dein Wunsch sich Zeichen und Sprüche deutet.« Einstweilen aber hatte er seinen Entschluß gefaßt. »Und du sollst also, Hordeonius,« sprach er nun fest, »gegen den trefflichen Freund durch meine tapfern Bataver verstärken jenes ekle Scheusal, das Vitellius heißt?«

»Dank für dies Wort!« frohlockte der Römer. »Es giebt ihn ganz in meine Hand,« dachte er, »nun kann er nicht mehr zurück!« – »Das soll ich,« fuhr er fort, »aber das will ich eben nicht.«

Tief atmete Civilis auf: »Gerettet!« sprach er zu sich selbst.

»Noch muß man die Entscheidung hinauszögern.« – »Ganz meine Meinung!« nickte Civilis. »Aber, wann es gilt, willst du mir dann beistehen mit all' deinen Batavern?« – Das kann ich leider nicht versprechen. Mein alter Erbfeind, Claudius Labeo, und meine Vettern werden stets rechts gehn, geh' ich links.« – »Sie dürfen – beileibe! – nichts erfahren, bis alles entschieden,« nickte der Römer. »Denn sie hängen zäh an Vitellius, der sie befördert hat und reich beschenkt. Aber du – willst du – mir zu Liebe! mir beistehen – deine Bataver und die andern Germanen hier im Lande zu behalten?« – »Ich – ich weiß doch nicht. Das muß wohl überlegt sein.« – »Ich bitte dich darum, hörst du? Ich, der Legat, im Namen Roms! Und Vespasianus wird dir reichlich lohnen.«

»Nichts der Art! – Aber du – im Namen Roms – zum Heile Roms – du bittest mich darum? Nun denn – hier meine Hand! Ich fechte nicht für Vitellius – nie! – und die Bataver? – Wohl, sie sollen nicht aufbrechen, kann ich's irgend hindern.« – »O Civilis – wie – wer – kann dir danken?« – »Mir? Der Ausgang dieser Kämpfe. – Und mein Volk.«

 


 

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