Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Die Bataver

Felix Dahn: Die Bataver - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie Bataver
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
thirdcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070612
modified20160412
projectid57b338a8
Schließen

Navigation:

X.

In der Stadt Langres, – damals Andematûnum – dem Hauptort der gallischen Völkerschaft der Lingonen, ragte als das stattlichste Gebäude der Tempel des Apollo Grannus hervor, einer – nach der Sitte der Zeit in jener Provinz – aus römischen und keltischen Vorstellungen zusammengewachsenen Gottheit des Lichtes. Wie der Gott selbst zeigte seine Verehrung, sein Dienst und sein Tempel eine aus jenen beiden Bestandteilen zusammengesetzte Mischung.

Das Gebäude, errichtet auf einer mäßigen Anhöhe, ziemlich in der Mitte der von hohen Mauern umschlossenen Stadt, stellte sich zunächst dar als ein griechisch-römischer Monópteros: auf mehreren Stufen stieg man hinan zu nur Einer langgedehnten Stellung jonischer Säulen von weißgelbem Marmor aus den Brüchen der Pyrenäen –: dieser Vorbau erwies sich aber bald als neu hinzugefügter Schmuck: der Tempel selbst, auf der Krone des Hügels, paßte recht schlecht zu solch edler Einführung: es war ein kreisrunder, ziemlich enger, aus schlecht gebrannten Ziegeln, ja aus rohem verhärteten Lehm ungefüg aufgetürmter, hoher, turmähnlicher Bau, ohne Dach, gegen Regen und Schnee nur durch Lederhäute, die man wagerecht darüber spannen konnte, zu schließen, mit wenigen, schmalen Ritzen in den Wänden, die statt der Fenster dienen sollten: es mußte ziemlich dunkel sein in dem Heiligtum, das sich finster und barbarisch von den edeln hellenischen Säulen abhob.

Unschön und außer Verhältnis zu dem engen, steil aufsteigenden Hauptgebäude dehnten sich, zu beiden Seiten, unmittelbar darangebaut, ziemlich niedrige Nebenräume in die Länge: das Wohnhaus des Oberpriesters, die Kammern, in welchen die Geräte für den Gottesdienst, die Ställe, in welchen die Opfertiere, auch der Kerker, in welchem die zum größten, heiligsten Opfer bestimmten Menschen verwahrt und gehütet wurden.

So roh und plump das Haus des Oberpriesters von außen erschien, – ein garstiger Lehmbau, vielfach mit eingefügten Ziegeln geflickt: seltsam nahm sich darauf in fingerdicken Goldbuchstaben die Inschrift aus: »dies sind die Wohnungen des gottähnlichen Oberdruiden« – die Innenräume prunkten in römischer Einrichtung mit reichem, nur allzureichem Schmuck. Das barbarische Unmaß, der alte keltische Ungeschmack, der in der Übertreibung bunten gleißenden Flitters, in der wahllosen Vergeudung der edlen Metalle, der teuersten Stoffe sich gefiel, hatte hier schrankenlos gewaltet.

In dem niedrigen Speisesaal hatte der Hausherr wenige vertraute Freunde zum Abendschmause versammelt. Die Wände des viereckigen Raumes waren bekleidet mit dem kostbaren synnadischen Marmor, dem »Pfauenstein« weiß und veilchenfarbig gefleckt, wahrend die kurzen dicken Säulen, welche die getäfelte Decke von undurchsichtigem kameenartig geschliffenem weißem Glase trugen, aus honigfarbenem asiatischem Alabaster ziemlich plump gehauen waren.

Ein starker Duft schwerer Weine und allzuvieler um die Säulen gewundener und über die Kissen verstreuter Blumen zog lastend durch das Gelaß: darein mischte sich der Dunst von indischem Räucherwerk, das man, anstatt in wenigen Körnern, mit vollen Händen auf die deshalb trüben Flammen der brennenden Kandelaber aus Elfenbein mit flachen Schalen von Schildpatt gestreut hatte.

Die Gesichter der Versammelten glühten, von erhitzenden Weinen gerötet: die Epheukränze um die Schläfe schienen wenig geschützt zu haben vor den Kräften des Bacchus.

Am wenigsten erregt war der Hausherr, ein Mann von noch nicht sechzig Jahren. Er hatte das safrangelbe, von Gold, Silber, Perlen und bunten Edel- und viel zahlreicheren Halbedelsteinen strotzende Priestergewand auch bei diesem vertraulichen Schmause nicht abgelegt: es barg, so weit es flutete, kaum den mächtigen, aber viel mehr fettgepolsterten als muskelkräftigen Körper. Die geistlosen großen Züge waren gedunsen: die glanzleeren Augen mußten sich anstrengen, einen schärferen Blick zu werfen. Aber dies geschah oft, zu oft: denn offenbar hatte der Oberpriester eine ganz ungemein hohe Meinung von sich selbst und seiner Wichtigkeit für das Weltall: und es war wahrlich nicht seine Schuld, wenn die übrigen Sterblichen diese Meinung nicht teilten. Denn jede seiner Bewegungen ward – auch jetzt, auch hier – feierlich ins Werk gesetzt, das geringfügigste Wort ward so nachdrucksvoll gesprochen, als bringe es eine zukunftsvolle Weissagung und die armen, tief in den fetten, glattgeschorenen Wangen steckenden Augen wurden dann gewaltsam aufgerissen, ohne doch dadurch, wie sie sollten, bedeutsamer zu blicken. Die Kahlheit des dicken, runden, kurzen Kopfes verbarg sorgfältig ein Kranz von Mistelblättern aus dünnen Goldblechen, die bei jeder Bewegung laut, aber mißtönig – »scheppernd« – aneinanderschlugen.

Ihm zunächst auf der mit dunkelroter Halbseide überzogenen Kline lag ein Mann von etwa dreißig Jahren, dessen dunkelbraunes künstlich gekräuseltes Haar so süßlich nach Chiossalbe roch, daß die ihm gegenüber ruhende Hausfrau das Antlitz jedesmal zur Seite kehrte, so oft er sich ihr näher zuwandte. Seine Gewandung trug ein seltsam Gemisch von kriegerischem Gepräng und von Stutzerhaftigkeit. Die weichen Sandalen von indischem Gewebe, an der Verschnürung über dem Rist von Perlen zusammengehalten, mochten sich wundern über die Nachbarschaft von ehernen Beinschienen, die freilich auch fehr sein gebildete korinthische Arbeit aufwiesen und offenbar mehr zum Schmuck als zum Schutze dienten. Mitten im tiefsten Frieden trug der Held einen reich versilberten Römerhelm mit stolzgebogenem dräuendem Kamm: ein Medusenhaupt prangte auf dem Stirndach und der Busch von grellrot gefärbtem Roßhaar war nur allzu fürchterlich geraten. Er hatte den Helm beim Eintritt auf dem Kopf behalten – verlängerte er doch erheblich die kaum mittelgroße Gestalt – und erst später auf ein Polster gelegt; der kriegerische Busch roch nach derselben süßlichen Salbe wie sein Haar.

Der zweite Gast, etwas jünger als der Hausherr, nahm es mit der Aufgabe des Schmauses offenbar ernster als die übrigen: ja, er setzte denselben auf eigne Faust fort. Während die zahlreichen buntgekleideten Sklaven die Eßschalen und die Trinkgeräte hinaustrugen, war es diesem Dickbäuchigen gelungen, unbeachtet einen mächtigen Silberkrug schwarzroten Weines, einen Schildpattbecher und eine Pastete mit gemästeten Drosseln auf dem Estrich hinter seinem Ecksofa zu bergen; und während die andern sich in das Gespräch vertieften, vertiefte er sich, listig schmunzelnd, immer wieder in Speis' und Trank; die klugen Augen blinzelten lustig in die Welt und der wohlgebildete Mund, dem ein überlegenes witziges Lächeln gut stand, war offenbar gewohnt, nicht nur Feines mit Behagen zu speisen, auch mit Behagen Feines zu sagen.

Den drei Männern gegenüber lag auf einer alleinstehenden Kline nachlässig, verführerisch hingegossen ein prachtvoll schönes, beinah zu üppiges Weib.

Nicht eben viel von den schwellenden Formen, von dem milchweißen Fleisch verhüllte das reiche Gewand aus dunkelgelber Vollseide von »Sina«. In der Mitte des Busens schloß es ein handbreites Geschmeide von glühend roten Rubinen, während eine Kette der gleichen Steine den vollen Hals und Nacken umzog. Das starke, etwas dickfädige Haar von tiefstem Schwarz war gegen den Wirbel hinaufgekämmt und bildete hier einen hohen turmartigen, nach oben sich verjüngenden Aufbau; eine Schnur glänzend weißer Perlen durchzog das dunkle Geflecht, das, fiel von den ragenden Standleuchtern das Licht der Fackeln darauf, wie Rabenfittiche ins Dunkelblaue, ins Schwarzblaue zu schillern schien. Das berauschend schöne Weib lehnte den linken Ellbogen auf die Seitenwand der Kline, von deren Veilchenfarbe ihr Gewand sich leuchtend abhob, und stützte das mächtige Haupt in die offene Hand. Der weiche, sehr volle Oberarm war von den fingerdicken Windungen einer gediegen goldenen Schlange mit Diamantaugen viermal umschlungen.

Der Anblick der stolzen Frau war überwältigend.

Schade, daß der Ausdruck des Gesichtes dies prachtvolle Geschöpf weder gut noch glücklich erscheinen ließ.

Auf der niedrigen flachen Stirn war – vor der Zeit – eine leise Falte eingegraben zwischen den streng regelmäßig geschwungenen schwarzen, nur ein wenig zu dichten Brauen, die Flügel der starken geradlinigen Nase zuckten manchmal in nicht ganz zu verhaltender Erregung: der üppig schwellende Mund stand oft leicht geöffnet, wie in unbefriedigter Erwartung; die mandelförmigen schwarzen Augen, schwimmend in bläulichem Weiß, sahen unter den langen, nach aufwärts gebogenen Wimpern ins Leere: Keiner der Anwesenden offenbar beschäftigte den Blick oder die Gedanken – oder das Träumen? – der Schweigenden. Lang ausgestreckt ruhte ihr rechter Arm in ihrem Schoß: dies Weib litt offenbar: – wenn auch nur unter der Gleichgültigkeit gegen alle Dinge und alle Menschen, die es umgaben.

So achtete sie es auch nicht, daß die Augen der einzigen noch anwesenden Frau gespannt, bewundernd auf ihr ruhten. Diese hatte sich von der Tafelkline erhoben und saß nun auf einem niederen Stuhl auf der andern Seite des Saales. Ihr Gewand war schlicht, – schmuckleer, das glanzlose Haar trug weder Geschmeide noch festlichen Kranz: unvorteilhaft zeigte sich darin die unscheinbare Gestalt: die Züge waren nicht unschön, aber auch durch nichts ausgezeichnet: nur manchmal erhielten sie einen ganz eigenartigen Ausdruck, wann sie die seelenvollen braunen Augen voll aufschlug: dann belebte sich das blasse magere Gesicht: es schien dann wie vergeistigt, wie verklärt durch ein Licht, das, sonst streng geborgen, nun sieghaft aus der Tiefe ihrer Seele brach. Nach langem stummem Betrachten des üppigen Weibes seufzte sie unhörbar: »Wie schön sie ist! O nur einen schwachen Schimmer davon! . . .«

Sie war so ganz in Schauen und Sinnen versunken, daß sie erschrak, als der Hausherr sie ansprach: sie errötete, das ließ dem zarten Gesichtchen gut: »Nun, Epponina? Wieder ganz bei ihm mit all' deinen Gedanken? Auch wann du meine Frau anschaust –: du denkst dabei doch nur an Sabinus.«

Die Aufgestörte zuckte leise: sie warf einen raschen Blick aus den schüchternen Augen auf die Hausfrau, besorgt, wie diese die Worte ihres Gemahls aufnehmen werde.

Aber sie schienen auf diese gar keinen Eindruck gemacht zu haben; kaum merkbar hob sie das volle, weich gerundete Kinn: um die aufgeworfenen Lippen zog etwas wie Geringschätzung: oder war es ein verhaltnes Gähnen?

Epponina strich die schlichten hellbraunen Haarflechten zurück und schwieg.

»Jawohl, Gutruat,« rief der jüngere der beiden Gäste an dem glatt gesalbten schwarzen Schnurrbart zerrend, »du hast recht. Es ist unerhört! Zehn Jahre bald ist sie sein Weib und noch immer liebt sie ihn! Ganz altmodisch! Urväterlich!«

»Ja, ja,« lächelte der andere Gast, die klug geborgne, jetzt leere Silberschüssel zur Seite schiebend, »ganz Penelopeia! Aber ich besorge,« – fuhr er mit wohlwollendem Mitleid fort, – »ihr Odysseus hat schon mehr als Eine Kalypso entdeckt.«

Die scheue Frau erbleichte.

»Deine Mastdrosseln, o du apollähnlicher Vertrauter des Lichtgotts,« fuhr der Dicke fort und schickte dem letzten Bissen einen herzhaften Trunk Weines nach – »sind die saftigsten in ganz Gallien, Hispanien und Italien. Das Geheimnis ihrer Bereitung ist unter all' deinen Priestermysterien das wertvollste.«

»Lästre nicht, Tutor,« schalt der Hausherr mit erhobnem Finger; aber er lächelte, geschmeichelt.

»Ja doch,« fuhr der Gewarnte fort. »Auch dir selbst das heiligste, so will es scheinen. Beim Opfer am Altare des Grannus läßt du dich gar gern vertreten durch deine dienenden Priester: – bei der Bereitung der Drosseln fehlst du nie an dem Altare – deiner Küche.«

»Du mußt immer witzeln,« meinte Gutruat.

»Wenn ich nicht den Mund von Besserem voll habe als meine Worte sind. Begreiflich! Was urteilte Cato von uns Galliern? In zwei Dingen seien wir ausgezeichnet: in feurigem Kampfesmut und in witziger Rede. Da nun der Ruhm der Tréverer, dieser Classicus da, und der Stolz der Lingonen, Epponinens waffenrasselnder Gemahl, alles Heldentum – oder wenigstens dessen Gepräng! – vorweg genommen, blieb mir Armen nur der Trost meines magern Witzes und meiner fetten Mahlzeiten.«

Da tönte draußen auf dem Marmorestrich der Vorhalle ein rascher Schritt. Epponinas Auge heftete sich sofort an den blauen Vorhang des Eingangs.

»Ei, wie sie seinen Gang kennt! Wie sie rot wird vor Wonne!« lachte Classicus.

»Auch Claudia,« meinte Tutor, »errät ihres Eheherrn Schritt. Aber sie erträgt mit mehr Fassung die Freuden seines Nahens.« Und sein Blick auf die Hausfrau war nicht sehr freundlich.

»Ja, das ist Sabinus,« nickte der Priester, »er versprach, gleich zu kommen, sowie der Legat ihn entlassen.«

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.