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Die Bakchen

Euripides: Die Bakchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorEuripides
translatorJ. A. Hartung (Leipzig 1848 ff)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Bakchen
pages819-861
senderahipler@mainz-online.de
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(Vor dem Palast des Pentheus zu Theben. Dionysos zieht mit dem Chor der Bakchen ein.)

Dionysos:
Ich, Sohn des Zeus, Dionysos, einst von Semele
Empfangen, Kadmos' Tochter, deren Schoß der Strahl
Des Blitzes löste, komme her ins Theberland:
Am Dirke-Born und Bach Ismen, in menschliche
Gestalt verwandelt aus dem Gott, erschein ich hier
Und sehe meiner Mutter Grabmal, die der Blitz
Erschlagen, und des Hauses Trümmer rauchend noch
Hier beim Palast. Die Himmelsglut glimmt fort, und nie
Stirbt gegen meine Mutter Heras Rachetat.
Ich lobe Kadmos, daß er diesen Raum umzäunt,
Der Tochter unnahbare Gruft, und hab ihn selbst
Mit traubenreicher Rebenlaube rings umhüllt.
Von Phrygien, vom goldhaltigen Lyderboden zog
Ich fort, besuchte Persiens sonnenheiße Gaun
Und Baktriens Mauern samt dem stürmerauhen Land
Der Meder, dann Arabien, das von Segen grünt,
Ganz Vorderasien endlich, das, an salziger See
Gelegen, viele schöngetürmte Städt enthält,
An gemischtem, welschem und hellenischem, Volke reich.
Und nun die erste Griechenstadt betret ich hier,
Nachdem ich dort auch meine Weihen eingeführt
Und Tänze, um deutlich meine Gottheit kundzutun.
In griechischen Landen hat mein Jubel Theben nun
Zuerst geweckt. Des Thyrsos Efeuwaffe empfing
Die Hand, das Rehfell knüpft ich ihnen um den Leib,
Weil meine Muhmen, denen dies am mindesten
Geziemt, behaupten, Bakchos sei nicht Zeusens Sohn:
Verführt von einem Manne habe Semele
Die Schuld des Fehltritts Zeusen aufgebürdet, der
Für diese Finte Kadmos' auch sie tötete –
So prahlt man –, weil der Liebesbund erlogen war.
Drum macht ich, daß sie, toll geworden, biesten fort
Vom Haus: sie wohnen im Gebirg verrückten Sinns.
Die Geräte meiner Weihen drängt ich ihnen auf,
Und aus den Zimmern ist die ganze weibliche
Bevölkrung, was nur Frauen waren, fortgerast:
Samt Kadmos' Töchtern lagen alle bunt vermischt
Im Schatten grüner Tannen auf dachlosen Höhn.
Denn diese Stadt soll's fühlen, wollend oder nicht,
Wie schlecht sie war in mein Verzücktsein eingeweiht:
Zu Ehren bring ich meine Mutter Semele,
Der Welt als Gott erscheinend, als von Zeus gezeugt!
Es hat der greise Kadmos Würd und Herrschgewalt
An Pentheus abgetreten, seinen Tochtersohn,
Der mir, Natur und Geist verleugnend, trotzt und mich
Ausschließt von Spenden, im Gebet nie mein gedenkt.
Drum will ich ihm und allen Thebern mich als Gott
Nun offenbaren, dann sofort in andres Land
Die Schritte lenken, wenn das hier vollendet ist,
Mich offenbarend. Wollte Thebens Volk im Zorn
Mit Waffenmacht die Bakchen schleppen aus dem Wald,
Wohlan! Mänaden führ ich wider sie zur Schlacht;
Denn darum hab ich Menschenbildung angelegt.
Wohlan, mein Festschwarm, Frauen, die vom Tmolos her,
Von Lydiens Bollwerk, mir gefolgt aus welschem Land,
Ihr, meine Weggefährten und Kameradinnen,
Die Pauken, die im Phrygerland einheimisch sind,
Der Mutter Rhea und meine Erfindung, nehmt zur Hand
Und wandelt hier mit hellem Schall ums Königshaus
Des Pentheus, daß die Kadmosstadt es hör und seh.
Ich eile nach Kithairons Bergesweiten, wo
Die Bakchen sind, und nehm an ihren Tänzen teil.

Chor:
    Von dem heiligen Tmolos,
    Von dem Land Thrakien herzog
    Ich, dem Luftbrausenden springend,
    Eine lustreizende Müh, wonnige Arbeit
    Dem verzückt Schwärmenden jauchzend.

    Wer ist hier am Palast?
    An der Straß? Räum er den Weg mir!
    Und mit andächtigem Sinn hör
    Er mir zu, schweigend; ich sing feierlich, juchhe!
    Dionysen dem Brauch nach.

Erste Strophe

    Glücklich der Mensch, der selig
    Göttliche Weihen schaut, sein
    Leben von Flecken keusch bewahrt,
    Der das Gemüt zum Tanz stimmt,
    Schwärmet in Wald und Berg, durch
    Heilge Verzückung Sünden reint
    Und der allmächtigen Bergmutter
    Kybele Orgien recht übt
    Und emporschwinget den Thyrsos
    Und mit Efeu sich die Stirn kränzt,
    Sich dem Dienst weiht Dionysens.

    Oh, so kommt, Bakchen, o kommt, die
    Ihr den lustbrausenden Gott füh-
    Ret, den Gottsohn Dionysos,
    Von den Waldhöhen der Phrygier
    In die weiträumigen Gassen
    Griechenlandes, den Gott,

Erste Gegenstrophe

    Welchen die Mutter einst, im
    Kreißen mit Wehen ringend,
    Brachte zur Welt, dem Schoß entstürzt,
    Als sie den Geist verhaucht vom
    Schlage des Wetterstrahls beim
    Rollenden Donnersturm des Zeus.
    Und es nahm Zeus der Kronid ihn
    Von der Kindbetterin Kammer
    Und verbarg ihn in den Lenden,
    Wo, mit Golddrähten befestigt,
    Er geheimblieb vor der Hera.

    Und den stierförmigen Gott bracht
    Er zur Welt, als er gereift war
    Von der Zeit, kränzte mit Schlangen
    Ihm die Stirn, daß die Mänaden
    In die Haarlocken sich flechten
    Dies gefangene Tier.

Zweite Strophe

    Semeles Wiege, Theben,
    Kränze dich schön mit Efeu,
    Prange mit frischem Grün schön-
    Beeriger Windenkränze,
    Richte zur Bakchosfeier dich mit
    Eichen- und Tannenzweigen,
    Weiße Büschel von Hermelin
    Heft an Krägen von scheckigen Reh-
    Fellen, weih mit dem mutwil-
    Ligen Rohrstabe die Hand. Tan-
    Zend sogleich feiert das ganze
    Land den Brausenden, welcher den Schwarm
    Führt in den Wald, in die Berge, woselbst
    Weilet die weibliche
    Schar, von Spule und Webstuhl weg-
    Biesend durch Dionysen.

Zweite Gegenstrophe

    Oh, du Kuretenkammer,
    Göttergeweihtes Kreta,
    Wiege des Zeus, o Talgrund,
    Wo Korybanten einst in
    Grotten den fellbespannten Reif
    Schufen, im Dreihelm tanzend,
    Mischten phrygischer Pfeifen ein-
    Stimmigen, lieblich ertönenden Hauch
    Mit dem Jubel der Lust, reich-
    Ten der Urmutter die Handpau-
    Ke zum Aufjauchzen der Bakchen.
    Satyre, rasende, haben sodann
    Sie von der Rhea, der Mutter, erlangt,
    Sie mit den Tänzen des
    Alldreijährigen Fests gepaart,
    Des sich freut Dionysos.

Epode

    Und der rasende Schwarm, gehüllt
    In das geheiligte Rehfell, hascht
    Sich den getöteten Bock, in Lust
    Roh zu verzehren den blutig zerfleischeten,
    Wenn er aufklimmt zum Forst
    Phrygischer, lydscher Höhn,
    Und, juchhe! der Brausende voran!
    Wonniglich streckt er sich
    Von dem schwärmenden Lauf zum Boden
    Im Waldesgrün –
    Strömet der Boden von Milch dort, strömet von Wein und Honig-
    Seim und duftet wie Syriens Weihrauch!
    Und des Verzückten Hand
    Schwingt rotflammende Pechglut
    Der Kienfackel am Hohlstab im Lauf.
    Den schweifenden Schwarm regt er auf,
    Emporschnellend durch Jubeln
    Und die üppige Lock in die Lüfte verstreuend
    Und zujauchzend im Lustgeschrei:
    "Kommt, o kommt doch, ihr Bakchen,
    Des goldströmenden Tmolos Reiz-
    Zierde, singt Dionysen
    Beim dumpfbrausenden Tamburin,
    Feiert ihn jauchzend, den jauchzenden Himmlischen,
    Phrygisches Rufen und Lärmen erfreue ihn!
    Wenn lieblicher Flötenklang
    Heilig zu heilgen Scherzweisen ertönt, dem Um-
    Rennen im Berg vereint,
    Daß die Bakchante vor
    Lust, wie das Fohlen zur Seite der weidenden
    Mutter, im Sprunge das Bein hochschwingt, das behende.

(Teiresias tritt auf)

Teiresias:
Wer ist am Tor? Man rufe mir den Kadmos her,
Den Sohn Agenors, welcher, vom sidonischen Staat
Gewandert, diese Theberburg getürmet hat!
Geh einer, melde, daß Teiresias sein begehrt!
Er weiß die Absicht meines Kommens selbst, und was
Ich Greis mit ihm, dem ältren Greis, besprochen hab.
Das Haupt mit Efeuschößlingen bekränzen und
Rehfelle tragen, Thyrsos schwingen wollen wir.

(Kadmos tritt aus dem Haus)

Kadmos:
Mein Bester! deine Stimme hab ich wohl erkannt,
Des weisen Mannes weisen Ruf, im Hause drin
Und komme fertig mit dem heiligen Festgerät.
Mir ziemt's, den Gott, der meiner Tochter Sohn ist, schön
Und hoch zu ehren, wie's in meinen Kräften steht.
Wo muß ich nun hintanzen, wohin wandeln? wo
Die greisen Locken schwingen? Führe du mich an,
Der Greis den Greis, du, weiser Mann, Teiresias!
Ich werde, nimmer müde, Tag und Nächte lang
Den Boden schlagen mit dem Stab: mein Alter mag
Ich gern vergessen! –

Teiresias:                       Das ist meine Meinung auch!
Ich bin verjüngt und aufgelegt zum Reigentanz.

Kadmos:
Soll uns ein Wagen tragen hin ins Waldgebirg?

Teiresias:
Da würde nicht in gleichem Grad der Gott geehrt.

Kadmos:
So komm, ich will dich gängeln treu, der Greis den Greis.

Teiresias:
Uns führt der Gott selbst mühelos zur Stelle hin.

Kadmos:
Sind wir die einzigen Bakchos-Tänzer aus der Stadt?

Teiresias:
Wir sind die einzigen Rechtgesinnten dieses Volks.

Kadmos:
Nun ohne Zögern! Komm und fasse meine Hand!

Teiresias:
Hier, füg und schlinge deinen Arm um meinen Arm.

Kadmos:
Ich sterblich Wesen werde Götter nie verschmähn.

Teiresias:
Wenn unsre List mit Geistern ringt, so gilt sie nichts:
Der Väter Glauben, und was Geltung nach und nach
Fand bei der Mitwelt – kein Vernunftschluß stürzt es um,
Was auch der Scharfsinn noch so fein ausklügeln mag.
Wohl mancher spricht, ich mache, wenn ich tanzen will,
Das Haupt mit Efeu kränzen, meinem Alter Schand.
Allein der Gott setzt keinen Unterschied, ob ihm
Der Jüngling bloß, der ältre Mann bloß tanzen soll.
Er will von allen ohne Wahl gefeiert sein:
Die Zahl ist's nicht, worein er seine Ehre setzt.

Kadmos:
Weil dir der Strahl des Tageslichts erloschen ist,
Teiresias, so will ich jetzt dein Mittler sein.
Pentheus in Hast kommt eilig zum Palast heran,
Der Sohn Echions, dem ich meinen Zepter gab.
So aufgeregt, was wird er Neues sagen nur?!

(Pentheus tritt auf)

Pentheus:
Ich war verreist; indem ich eben wiederkehr,
So hör ich hier vom neuen Unfug in der Stadt.
Die Frauen haben Haus und Herd verlassen bei
Erlognem Schwärmen und Verzückttun, lagern dort
In schattigen Wäldern, feiern diesen neuen Gott
Dionysos, wer er immer ist, im Reigentanz.
Und volle Krüge stehen mitten in dem Kreis
Des Gelags; und eine duckt sich da, die andre dort
An geheime Plätze und gibt sich Männern hin zur Lust,
Sich stellend als im Gottesdienst Begeisterte –
Doch Liebeslust gilt ihnen mehr als Schwärmerei.
Soviel die Häscher griffen, sind gefesselt mit
Handschellen und im Stadtgefängnis aufbewahrt;
Nun will ich, die noch fehlen, fangen dort im Wald,
Ino, Agauen, deren Schoß dem Echion mich
Gebar, Aktaions Mutter dann, Autonoën.
Sie sollen mir, mit Eisenbanden festgeschnürt,
Den tollen Unfug lassen dieser Schwärmerei.
Ein fremder Gaukler, sagt man, ist erschienen hier,
Ein Zaubrer und Betrüger aus dem Lyderland,
Mit blonden Locken reicher Zier ums Angesicht,
Mit schwarzen Augen, ganz mit Liebreiz angetan,
Der Tage und dunkle Nächte, heilige Jubelweihn
Vorschützend, mit den jungen Fraun beisammen ist.
Doch hab ich ihn nur einmal hier im Hause drin,
So ist sein Thyrsosschlagen, Lockenschwingen bald
Zu End, der Kopf fällt abgetrennt vom Rumpfe hin!
Derselbe, sagt er, sei der Gott Dionysos nun,
Derselbe war in Zeusens Hüften eingenäht,
Der hier verbrannt ist durch die Blitzesflamme samt
Der Mutter, weil sie Zeusens Liebesbund erlog!
Nein, ist es nicht empörend, zum Tollwerden, daß
Der Fremd uns also höhnet, wer er immer ist?

Doch sieh! ein andres Wunder noch! in scheckigem
Rehfell der Zeichenspäher hier Teiresias!
Und meiner Mutter Vater auch, wie lächerlich!
Verzückt den Hohlstab haltend! – Mich, Großvater, schmerzt's,
So alte Männer so von Sinnen anzusehn.
Sogleich den Efeu abgeschüttelt, gleich die Hand
Vom Thyrsos, mein Großvater, freigemacht! Und du
Hast ihn verführt, Teiresias, willst wieder hier
Den neuen Gott einführen bei der Welt, um Lohn
Zu ernten, wenn du Opferglut und Vögel prüfst?
Dein graues Alter schützt dich noch, sonst müßtest du
Mir zwischen diesen Schwärmerinnen sitzen, fest
Gebunden, für nichtswürdge Weihen, die du bringst!
Wo Frauen zechen froh und frei beim Traubensaft,
An solcher Feier seh ich nichts Ersprießliches.

Chor(führerin):
Du scheust der Frommheit heilge Macht, o Fremdling, nicht;
Du, Sohn Echions, schändest selber dein Geschlecht
Und Kadmen, der die erdgezeugte Saat gestreut!

Teiresias:
Wird schöner Stoff zum Reden einem klugen Mann
Geboten, dann ist's keine Kunst, beredt zu sein:
Du zeigst wohl Zungenfertigkeit, als wärst du sehr
Verständig, doch in deiner Red ist kein Verstand.
Ein kecker, mächtiger, redefertiger Mann ist stets
Ein schlechter Bürger, wenn der rechte Sinn gebricht
Die neue Gottheit, die du höhnst – ich kann es nicht
Aussagen, welche Herrlichkeit sie bald erlangt
In Griechenland. Zwei Dinge sind die wichtigsten
Dem Menschenleben, Jüngling: Göttin Demeter –
Das heißt die Erde; beide Namen gelten gleich –,
Mit trocknen Früchten sättigt sie die Sterblichen;
Der aber, Semeles Sprößling, kam aufs Gegenteil,
Erfand der Traube flüssigen Trank, macht' ihn der Welt
Bekannt zur Tröstung mühbeladner Sterblicher
Im Grame, wenn der Rebensaft den Geist belebt.
Er leiht auch Schlummer, der des Tages Hitze und Last
Vergessen macht und ganz allein den Kummer stillt.
Er wird als Spende Göttern dargebracht, ein Gott,
So daß durch ihn den Menschen alles Gute kommt
Du spottest, daß er eingenäht in Lenden war
Des Zeus – ich will dich lehren, wie das richtig ist.
Als Zeus ihn aus der Wetterflamm entrissen hatt
Und zum Olymp das neugeborne Kind gebracht,
So wollt ihn Hera aus dem Himmel werfen; doch
Zeus wußte vorzukehren: sein allmächtger Arm
Riß von dem Äther, der die Erde rings umgibt,
Ein Stück und barg ihn dorten, bis er war gereift.
Der Gott ist auch ein Seher; denn Verzückung und
Begeistrung sind mit Sehergabe nah verwandt.
An Krieg und Schlachten hat er gleichfalls einigen Teil:
Ein Heer in Waffen, das in Reihn geordnet steht,
Zersprengt der Schrecken, eh's die Lanze noch berührt;
Auch das ist Tollheit, von Dionysen eingehaucht.
Du siehst ihn einst noch auf dem hohen Delpherfels
Mit Fackeln springen, daß der Doppelgipfel hell
Vom Glanze strahlt, und schwingen sein Verzückungsrohr
Und groß in griechischen Landen. – Pentheus, folge mir,
Prahl nicht, daß Macht und Stärke nur die Welt beherrscht;
Und wenn der Glaube, den du hegst, ein irriger ist,
So halt dich nicht für weise. Nimm den Gott ins Land
Und bring ihm Spenden, sei verzückt und kränz das Haupt.
Dionysos wird nicht Frauen ihrer Tugend und
Keuschheit entfremden: im Gemüt und Wesen wohnt
Die Sittsamkeit für alle Fälle und Handlungen.
Beherzige dies: auch in verzückter Schwärmerei
Wird nicht verführt die, welche wahrhaft sittsam ist.
Du siehst, dich freut es, wenn um deine Tür das Volk
Sich drängt und Pentheus' Name hoch gefeiert ist:
Auch jenem, sei versichert, tut die Ehre wohl.
Ich nun und Kadmos, den du höhnst, wir wollen uns
Das Haupt mit Efeu kränzen und zum Tanze gehn,
Ein graues Paar, und dennoch steht der Tanz ihm an;
Ich widerstrebe nicht dem Gott, von dir verführt.
O schlimmer Wahnsinn, welchen keine Arzenei
Vermag zu heilen, und du bleibst nicht ohne sie!

Chor:
Dein Reden macht dem Phoibos keine Unehre, Greis,
Und ehrt in Zucht den großen Gott, den Brausenden.

Kadmos:
Mein Sohn, Teiresias' Mahnung war ganz treffend! Komm
Und wohn bei uns, nicht außerhalb dem Volksgebrauch!
Jetzt schwankst und irrst du; dein Verstand ist Unverstand.
Und wäre dieser, wie du sagst, kein Gott, so laß
Ihn dennoch gelten, laß den schönen Trug bestehn,
Laß glauben, daß uns Semele einen Gott gebar,
Laß Ehr und Ruhm zuwachsen unsrem ganzen Stamm.
Du kennst Aktaions jammervollen Untergang,
Den Hunde, die er selbst erzog, rohfressende,
Im Waldgebüsch zerfleischten, als er stolz geprahlt,
Er hab im Waidwerk obgesiegt der Artemis.
Daß dir das nicht begegne, komm, ich kränze dir
Das Haupt mit Efeu. Zoll ihm Ehr, dem Gott, mit uns!

Pentheus:
Hinweg die Hand! Geh immer hin und sei verzückt,
Doch mich beschmutz mit deiner Torheit nimmermehr!
Den Lehrer aber deines Unverstandes werd
Ich also strafen: gehe schleunig einer hin
Zu seiner Siedlung, wo er nach den Vögeln späht,
Und wühl und kehr mit Hebeln alles um und um,
Zuunterst-oberst durcheinanderwerfend, und
Die Binden geb er zum Verwehn den Winden hin.
Durch diese Handlung kränk ich ihn am schmerzlichsten.
Ihr aber zieht die Stadt entlang und spürt mir auf
Den weiberhaften Fremdling, der die Fraun verderbt
Durch neues Laster und zum Ehebruch verführt.
Und wenn ihr ihn ergriffen habt, so bringt ihn her,
Gebunden, daß, durch Steinigung hingerichtet, er
Erfahre, daß Verzückung schlimm bei uns gerät!
(Ab)

Teiresias:
O Tor, vermeßner, der du nicht weißt, was du sprichst!
Nun ganz verrückt, und längstens nicht recht bei Verstand!
Wir wollen hinziehn, Kadmos, und um Gnade für
Ihn bitten, mag er noch so wild gebärden sich,
Und für die Bürger, daß der Gott kein arges Weh
Zufüge. Folge mit dem Efeustabe mir,
Such meinen Leib aufrecht zu halten, deinen ich!
Nicht schön ist's, wenn zwei Greise fallen; mag's jedoch
Geschehn! Gedient muß Zeusens Sohn, dem Schwärmer, sein!
Daß dieser Leidrich deinem Haus, o Kadmos, nur
Kein Leid bereite! Nicht als Seher sag ich dies:
Die Sache gibt's! Denn gar zu Töriges spricht der Tor!
(Beide ab)

Erste Strophe

Chor:
    Du vernimmst, heilige Scheu,
    Denn du schwebst goldenbeschwingt
    Ob der Welt, göttlich und hehr –
    Du vernimmst hier, was der Fürst
    In so keckfrevelndem Hohn
    Von dem Luftbrausenden spricht, Se-
    Melens Sohn, höchstem der glückse-
    Ligen Gottheiten
    Im kranzduftigen Frohsinn!
    Denn er ist's, der uns beglückt
    Und zu Tanzreigen und Scherz
    Bei Musikklängen erregt
    Und die Mißstimmung hinwegbannt,
    Wenn der Saft rinnet der Trauben
    Bei den Festmahlen der Götter.
    Und den Mann, efeubekränzt, sen-
    Ket der Rauschbecher in sanften Schlummer.

Erste Gegenstrophe

    Für ein zuchtloses Gemüt,
    Einen zaumledigen Mund
    Ist das End bitteres Leid.
    Doch ein friedseliges Tun
    Und ein sittsames Gemüt,
    Das besteht ruhig im Sturm fort,
    Und sein Haus dauert; denn, hoch über Gewölk thro-
    Nend, vernimmt dennoch die Gottheit,
    Was der Mensch redet und tut.
    Und das Hochweise ist Wahn
    Und der unirdische Sinn.
    Unser Dasein ist so kurz: wer
    Nach dem Hochragenden strebt hier,
    Der genießt nicht, was ihm nah liegt:
    Das ist Tollheit, so bedünkt mich's,
    Und verkehrtdenkender Männer Weise.

Zweite Strophe

    Hin zur Insel der Liebe
    Möcht ich ziehen, nach Kypern,
    Und wo Reiz und Verlangen hold
    Walten, herzenbezaubernd, dort-
    Hin zum sonnigen Lande, das
    Hundert Arme des welschen Stroms
    Ohne Regen befruchten.
    Wo der Musen herrlichster Sitz
    An des Olymps Berghange so an-
    Mutig lacht in Pieria,
    Dort führe mich, lärmender und
    Voranschwärmender Gott, hin!
    Dort herrscht Verlangen, Reiz und Lust,
    Dort dürfen frei Bakchen die Weihen feiern.

Zweite Gegenstrophe

    Lustbarkeit und Gelag liebt
    Zeus' Sohn, unsere Gottheit,
    Hegt den göttlichen Frieden, wo
    Segen quillt und die Jugend blüht,
    Gibt harmlosen Erquickungstrank
    Ohne Wahl dem geringen Mann
    Gleich dem Reichen zu kosten,
    Haßt Pedanten, die es verschmähn
    Helle Tag und selige Nächt
    In Leichtsinn zu verschwärmen
    Und klugen Verstands die Hoch-
    Und Tiefdenker zu meiden.
    Was beim schlichteren Volk gang
    Und gäb ist, soll stets mir das Beste scheinen.

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