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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorRainer Maria Rilke
titleDie Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1982
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070515
projectid9471bd41
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Aus dem Nachlaß zu den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

(Erste Fassung des Eingangs)

1

Zuerst glaubte ich, sein Gesicht würde das unvergeßlichste sein; aber ich fühle, daß ich es nicht beschreiben kann. Auch seine Hände waren seltsam, aber ich kann nicht von ihnen reden. Sein Wesen, seine Stimme und die Art gewisser unerwarteter und leiser Bewegungen – alles das ist mir vergangen, wie er selbst vergangen ist. Es kann sein, daß mir das Wissen von diesen Eindrücken (die sehr stark waren) einmal zurückkommt in späteren Jahren, wenn ich ruhiger geworden bin und geduldiger.

Wenn ich mich jetzt zwinge, an diesen Menschen zu denken, – der eine Weile mit mir gelebt hat und eines Tages mein Leben verlassen hat, leise wie man ein Theater verläßt, bei offener Bühne, – so fallen mir nur jene Abende ein, da er, der Schweigsame, sprach, über mich fort sprach, als müßte er eine Frage beantworten, die in der Stille unseres entlegenen Hauses aufgestanden war. Ja er erzählte, wie man antwortet, wie man vielleicht einem Dinge antworten würde, wenn Dinge fragen könnten; manchmal glaubte ich Erinnerungen seines eigenen Lebens zu hören (von dem ich nichts wußte), oft aber schien er mir verschiedene Leben miteinander zu vermischen und zu verwechseln, und gerade dann waren seine Worte am überzeugendsten.

Nun sind Jahre vergangen. Ich wohne an einem anderen Orte. Ich höre seine Stimme nicht mehr, und mir ist, als hätte ich alle jene Begebenheiten, von denen sie zitterte, in einem Buche gelesen. Trotzdem, ich weiß, daß es dieses Buch nicht gibt, und darum soll es in diesen einsamen Tagen geschrieben werden.

(Zweite Fassung des Eingangs)

An einem Herbstabende eines dieser letzten Jahre besuchte Malte Laurids Brigge, ziemlich unerwartet, einen von den wenigen Bekannten, die er in Paris besaß. Es war ein schwerer, feuchter, gleichsam beständig fallender Abend; man fröstelte, ohne daß man eigentlich zu sagen vermochte, wo diese Kälte war; denn die Luft war dunkel und lau. So war es angenehm, die beiden Lehnstühle an das Kaminfeuer zu rücken. Dieses Feuer brannte träge, ohne eigentliche Lust; es legte sich beständig auf dem Holze, hin und erhob sich, wie von innerer Unruhe gezwungen, und versuchte wieder sich auszustrecken und warf sich, halbwach, hin und her. Der Schein des Feuers kam und ging über die Hände Brigges, die mit einer gewissen abgespannten Feierlichkeit nebeneinanderlagen wie die Gestalten eines Königs und seiner Gemahlin auf einer Grabplatte. Und die Bewegung des Scheines schien an diesen ruhenden Händen zu rühren, ja für den, der gegenübersaß und nur diese Hände sah, war es, als arbeiteten sie. Das Gesicht Malte Laurids Brigges aber war weit aus alledem fortgerückt, ins Dunkel hinein, und seine Worte kamen aus unbestimmter Entfernung, als er von sich zu sprechen begann. »Heute«, sagte er langsam, »heute ist es mir klargeworden. Klarheiten kommen so sonderbar; man ist nie vorbereitet auf sie. Sie kommen, während man auf einen Omnibus steigt, während man, die Speisekarte in der Hand, dasitzt, während die Kellnerin nebenan steht und anderswohin schauend wartet–; plötzlich sieht man nichts von alledem, was auf der Karte steht, man denkt gar nicht mehr daran zu essen: denn jetzt ist eine Klarheit gekommen, eben jetzt, während man mit müder, halb gleichgültiger Wichtigkeit die Namen von Speisen las, von Saucen und Gemüsen, eben jetzt ist sie eingetreten, als hätte unsere Seele keine Ahnung davon, womit wir uns in einem bestimmten Augenblicke beschäftigen. Heute kam mir diese Klarheit auf dem Boulevard des Capucines, während ich über den nassen Fahrdamm durch das fortwährende Fahren nach der Rue Richelieu hinüberzukommen versuchte, da, gerade mitten im Übergange, leuchtete es in mir auf und war eine Sekunde so hell, daß ich nicht allein eine sehr entfernte Erinnerung, sondern auch gewisse seltsame Zusammenhänge sah, durch welche eine frühe und scheinbar unwichtige Begebenheit meiner Kindheit mit meinem Leben verbunden ist. Ja es geschah, daß sie sich sogar aus allen anderen Erinnerungen mit einer besonderen Überlegenheit heraushob; es war mir, als wäre in ihr der Schlüssel gewesen für alle ferneren Türen meines Lebens, das Zauberwort für meine verschlossenen Berge, das goldene Horn, auf dessen Ruf hin immer Hülfe kommt. Als wäre mir damals der wichtigste Wink meines Lebens gegeben worden, ein Rat, eine Lehre – und nun ist alles verfehlt, nur weil ich diesen Rat nicht befolgt, weil ich diesen Wink nicht verstanden habe; weil ich nicht gelernt habe, nicht aufzustehen, wenn sie eintreten und vorübergehen, die, welche eigentlich nicht kommen dürften, die Unerklärlichen. Mein Vater hat es noch gekonnt, er kämpfte damit, ich sah, welche Anstrengung es ihn kostete, nicht wieder aufzuspringen, – aber schließlich konnte er es; er blieb bei Tische sitzen, freilich, er hatte auch dann noch nicht die vornehme Gelassenheit meines Großvaters; er konnte niemals essen, während sie vorübergingen; seine Hände zitterten, sein Gesicht verzerrte sich auf eine fremde und fürchterliche Art. Und doch war er ein mächtiger und starker Mann, zu dem die Abenteuer aller Länder kamen wie Frauen oder Tiere, angezogen von seinem Mute, seiner Schönheit und Entschlossenheit.«

Es entstand eine Pause. Der junge Mann, zu dem Brigge gekommen war, wußte, daß dieser möglicherweise nichts weiter sagen würde; und sosehr ihn nach einer Aufklärung und Ergänzung jener schon gesprochenen Worte verlangte, so unterdrückte er doch jede Frage, ja sogar jedes Geräusch. Man könnte sagen, er bemühte sich auch noch den Wunsch nach weiterem, der in ihm heranwuchs, zu vernichten, um seinen Gast in keiner Weise zu beeinflussen und zu stören. Da neigte Malte Laurids Brigge sich nach vorn, sein Gesicht kam in den Feuerschein, wurde hell und dunkel, hell und dunkel, und nun sah der andere dieses Gesicht, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Es wurde ihm gezeigt, welche Möglichkeiten in diesem Gesichte lagen: die Masken von sehr viel großen und merkwürdigen Schicksalen; traten aus seinen Formen hervor und sanken wieder zurück in die Tiefe eines unbekannten Lebens. Es waren Züge von Pracht und Aufwand in diesen Masken, aber es kamen, im unabgeschlossenen und schnellen Wechsel ihres Ausdrucks, auch harte, verschlossene, absagende Linien vor; und das alles war so, stark, so zusammengefaßt und bedeutungsvoll, daß der Beschauer fast bestürzt in die Bühne dieses Gesichtes hineinsah, von der er, wie er jetzt begriff, bis zu diesem Tage nur den Vorhang mit seinem immer gleichen Faltenfall gekannt hatte.

In diesem Augenblick sank das Kaminfeuer zusammen, Brigges Mund wurde dunkel, und er sagte: »Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn muß ich damals gewesen sein. Mein Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich weiß nicht, was ihn veranlaßte, seinen Schwiegervater aufzusuchen; die beiden Männer hatten sich jahrelang, seit dem Tode meiner Mutter nicht gesehen, und mein Vater selbst war noch nie in dem alten Schlosse gewesen, in welches der Graf Brahe sich erst spät zurückgezogen hatte. Ich habe das merkwürdige Haus später nie wiedergesehen, das, als mein Großvater starb, in fremde Hände kam. So wie es in meiner kindlich gearbeiteten Erinnerung bewahrt ist, ist es kein Gebäude; es ist ganz aufgeteilt in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein Stück Gang, das diese beiden Räume nicht verbindet, sondern nur wie ein Fragment aufbewahrt ist. In dieser Weise ist alles in mir verstreut, – die Zimmer, die Treppen, die mit so großer Umständlichkeit sich niederließen, und andere kleine rundgebaute Stiegen, in deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die hoch aufgehängten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer kleinen Tür hinausgedrängt wurde, – alles das, ist noch in mir und wird nie auf hören, in mir zu sein. Es ist, als wäre das Bild dieses Hauses aus unendlicher Höhe in mich hineingestürzt und auf meinem Grunde zerschlagen; in jedem meiner Organe ist ein Stück davon, und das größte ist in meinem Herzen. Da ist, so scheint es mir, vollkommen erhalten, jener Saal, in dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um sieben Uhr. Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen, ich erinnere nicht einmal, ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen; jedesmal, sooft die Familie eintrat, brannten die Kerzen in den schweren Armleuchtern, und man vergaß in einigen Minuten die Tageszeit und alles, was man draußen gesehen hatte. Dieser hohe, wie ich vermute, gewölbte Raum war stärker als alles; er saugte mit seiner dunkelnden Höhe, mit seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken alle Bilder aus einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben. Man saß da wie aufgelöst, völlig ohne Willen, ohne Besinnung, ohne Lust und ohne Abwehr. Man war wie eine leere Stelle. Ich erinnere mich, daß dieser vernichtende Zustand mir zuerst fast Übelkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch überwand, daß ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fuß das Knie meines Vaters berührte, der mir gegenübersaß. Erst später fiel es mir auf, daß er dieses merkwürdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden schien, obwohl zwischen uns ein fast kühles Verhältnis bestand, aus dem ein solches Gebaren nicht erklärbar war. Es war indessen jene leise Berührung, welche mir die Kraft gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten. Und nach einigen Wochen krampfhaften Ertragens hatte ich, mit der fast unbegrenzten Anpassung des Kindes, mich so sehr an das Unheimliche jener Zusammenkünfte gewöhnt, daß es mich keine Anstrengung mehr kostete, zwei Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen sie sogar verhältnismäßig schnell, weil ich mich damit beschäftigte, die Anwesenden zu beobachten. Mein Großvater nannte es die Familie, und ich hörte auch die anderen diese Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkürlich war; denn obwohl diese vier Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen standen, so gehörten sie doch in keiner Weise zusammen. Der Oheim, welcher neben mir saß, war ein alter Mann, dessen hartes und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecken zeigte, wie ich erfuhr, die Folgen einer explodierenden Pulverladung; mürrisch und malkontent, wie er war, hatte er als Major seinen Abschied genommen, und nun machte er in einem mir unbekannten Raume des Schlosses alchymistische Versuche, war auch, wie ich die Diener sagen hörte, mit einem Gefangenhause in Verbindung, von wo man ihm ein- oder zweimal jährlich Leichen zusandte, mit denen er sich Tage und Nachte einschloß und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art zubereitete, so daß sie der Verwesung widerstanden. Ihm gegenüber war der Platz des Fräuleins Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbestimmtem Alter, eine entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als daß sie eine sehr rege Korrespondenz mit einem österreichischen Spiritisten unterhielt, der sich Baron Nolde nannte und dem sie vollkommen ergeben war, so daß sie nicht das geringste unternahm, ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie seinen Segen einzuholen. Sie war zu jener Zeit außerordentlich stark, von einer weichen, trägen Fülle, die gleichsam achtlos in ihre losen, hellen Kleider hineingegossen war; ihre Bewegungen wären müde und haltlos, und ihre Augen flossen beständig über. Und trotzdem war etwas in ihr, das mich an meine zarte und schlanke Mutter erinnerte. Ich fand, je länger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen Züge in ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht hatte erinnern können; nun erst, seit ich Mathilde Brahe täglich sah, wußte ich wieder, wie die Verstorbene ausgesehen hatte; ja ich wußte es vielleicht zum erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und hundert Einzelheiten ein Bild der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich überall begleitet. Später ist es mir klargeworden, daß in dem Gesichte des Fräuleins Brahe wirklich alle Einzelheiten vorhanden waren, die die Züge meiner Mutter bestimmten, – sie waren nur, als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischengeschoben hätte, auseinandergedrängt, verbogen und nicht mehr in Verbindung miteinander. Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwächlicher. Aus einer gefältelten Krause stieg sein dünner, blasser Hals und verschwand unter einem langen Kinn. Seine Lippen waren schmal und fest geschlossen, seine Nasenflügel zitterten leise, und von seinen schönen dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich. Es blickte manchmal ruhig und traurig zu mir herüber, während das andere, wie in starrer Angst, immer in dieselbe Ecke gerichtet blieb, als dürfte es sich nicht von dort abwenden. Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheuere Lehnsessel meines Großvaters, den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm unterschob und in dem der Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es gab Leute, die diesen schwerhörigen und herrischen alten Herrn Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm den Titel General. Und er besaß gewiß auch alle diese Würden; aber es war so lange her, seit er Ämter bekleidet hatte, daß diese Benennungen kaum mehr verständlich waren. Mir schien es überhaupt, als ob an seiner in gewissen Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgelösten Persönlichkeit kein bestimmter Name haften könne. Ich konnte mich nie entschließen, ihn Großvater zu nennen, obwohl er bisweilen freundlich zu mir war, ja mich sogar zu sich rief, wobei er meinem Namen eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte. Übrigens zeigte die ganze Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen gegenüber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit mit dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke des Einverständnisses mit ihm, die ebenso rasch von dem Großvater erwidert wurden; auch konnte man sie zuweilen an den langen Nachmittagen am Ende der tiefen Galerie auftauchen sehen und beobachten, wie sie, Hand in Hand, die dunklen alten Bildnisse entlanggingen, ohne zu sprechen, offenbar auf eine andere Weise sich verständigend. Ich befand mich fast während des ganzen Tages im Parke und draußen in den Buchenwäldern oder auch auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster, die mich begleiteten, es gab da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Früchte bekommen konnte, und ich glaube, daß ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoß, ohne mich, wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich sprach fast mit niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet. Schweigsamkeit war übrigens eine Art Familieneigenschaft; ich kannte sie von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht, daß während der Abendtafel fast nichts gesprochen wurde. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Mathilde Brahe äußerst gesprächig; sie fragte den Vater nach früheren Bekannten in ausländischen Städten, sie erinnerte sich entlegener Eindrücke, sie rührte sich selbst bis zu Tränen, indem sie verstorbener Freundinnen und eines gewissen jungen Mannes gedachte, von dem sie andeutete, daß er sie geliebt habe, ohne daß sie seine inständige und hoffnungslose Neigung hätte erwidern mögen. Mein Vater hörte höflich zu, neigte dann und wann zustimmend sein Haupt und antwortete nur das Nötigste. Der Graf, oben am Tische, lächelte beständig mit herabgezogenen Lippen, sein Gesicht erschien größer als sonst, es war, als trüge er eine Maske. Er ergriff übrigens selbst manchmal das Wort, wobei seine Stimme sich auf niemanden bezog, aber, obwohl sie sehr leise war, doch im ganzen Saale gehört werden konnte; sie hatte etwas von dem gleichmäßigen und unermüdlichen Ticken einer Uhr; solange sie klang, schien die Stille eine tiefere Resonanz zu haben: man hörte jede Silbe kommen und gehen. Graf Brahe hielt es für eine besondere Artigkeit meinem Vater gegenüber, von dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu sprechen; er nannte sie Gräfin Sibylle, und alle seine Sätze schlossen, als fragte er nach ihr. Ja, es kam mir, ich weiß nicht weshalb, vor, als rede er von einem ganz jungen, weißgekleideten Mädchen, das jeden Augenblick bei uns eintreten könne. In demselben Tone hörte ich ihn auch von ›unserer kleinen Anna Sophie‹ reden. Und als ich eines Tages nach diesem Fräulein fragte, das dem Großvater besonders lieb zu sein schien, erfuhr ich, daß er die Gräfin Anna Sophie Reventlow meinte, die dritte Gemahlin des Königs Friedrich des Vierten, die zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts lebte. Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle für ihn, der Tod war ein kleiner Zwischenfall, den er vollkommen ignorierte, Personen, die er einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte, existierten, und daran konnte ihr Absterben nicht das geringste ändern. Mehrere Jahre später, nach dem Tode des alten Herrn, erzählte man sich, wie er auch das Zukünftige mit demselben Eigensinn als gegenwärtig empfand. Er soll einmal einer gewissen jungen Frau von ihren Söhnen gesprochen haben, von den Reisen eines dieser Söhne insbesondere, während die junge Dame, eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft, fast besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablässig redenden Alten saß.«

Hier entstand wieder eine Pause. Malte Laurids Brigge erhob sich, trat ans Fenster und sah hinaus. Der junge Mann aber war nachdenklich und verwirrt in seinem Sessel sitzen geblieben, bis es ihm einfiel, neue Scheiter in das Kaminfeuer zu legen, das zu dichter zuckender Glut zusammengesunken war. Bei dem Geräusch des Holzes wandte Brigge sich um: »Soll ich weitererzählen?« sagte er.

»Es ermüdet Sie –« antwortete der andere, am Kamine kniend. Brigge ging auf und ab. Als sein Bekannter sich wieder gesetzt hatte, blieb er stehn, ziemlich in der Tiefe des Zimmers und sagte hastig: »Es begann damit, daß ich lachte. Ja, ich lachte laut, und ich konnte mich nicht beruhigen. Eines Abends fehlte nämlich Mathilde Brahe. Der alte, fast ganz erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem Platze kam, dennoch die Schüssel anbietend hin; eine Weile verharrte er so. Dann ging er befriedigt und würdig und als ob alles in Ordnung wäre weiter. Ich hatte diese Szene beobachtet, und sie kam mir, im Augenblick, da ich sie sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine Weile später, als ich eben einen Bissen in den Mund steckte, stieg mir das Gelächter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf, daß ich mich verschluckte und großen Lärm verursachte; und trotzdem diese Situation mir selber lästig war, trotzdem ich mich auf alle mögliche Weise anstrengte, ernst zu sein, kam das Lachen stoßweise immer wieder und behielt völlig die Herrschaft über mich. Mein Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit seiner breiten gedämpften Stimme: ›Ist Mathilde krank?‹ Der Großvater lächelte in seiner Art und antwortete dann mit einem Satze, den ich durchaus nicht beachtete und der etwa lautete: Nein, sie wünscht nur nicht Christinen zu begegnen. Ich sah es also auch nicht als die Wirkung dieser Worte an, daß mein Nachbar, der braune Major, sich nach einer Weile erhob und mit einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung und einer Verbeugung gegen den Grafen hin den Saal verließ. Es fiel mir nur auf, daß er sich hinter dem Rücken des Hausherren in der Tür nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und zu meinem größten Erstaunen plötzlich auch mir winkende und nickende Zeichen machte, als forderte er uns auf, ihm zu folgen. Ich war so überrascht, daß mein Lachen aufhörte, mich zu bedrängen. Im übrigen schenkte ich dem Major weiter keine Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm, und ich bemerkte auch, daß der kleine Erik ihn nicht beachtete. Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und mitgenommen wurden, die im Hintergrunde des Saales, im Halbdunkel, vor sich ging. Dort war lautlos und langsam eine, wie ich meinte, stets verschlossene Türe, von welcher man mir gesagt hatte, daß sie in das Zwischengeschoß führe, aufgegangen, und jetzt, während ich mit einem mir ganz neuen Gefühl von Neugier und Bestürzung hinsah, erschien im, Dunkel der Türöffnung eine schlanke, hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich weiß nicht, ob ich eine Bewegung machte oder einen Laut von mir gab, der Lärm eines umstürzenden Stuhles zwang mich, meine Blicke von der merkwürdigen Gestalt abzureißen, und ich sah meinen Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht und mit herabhängenden geballten Händen, auf die Dame zuging. Diese bewegte sich indessen, von dieser Szene ganz unberührt, auf uns zu, Schritt für Schritt, und sie war schon nicht mehr weit von dem Platze des Grafen, als dieser sieh mit einem Ruck erhob, meinen Vater beim Arme faßte, ihn an den Tisch zurückzog und festhielt, während die fremde Dame, langsam und teilnahmslos, durch den nun frei gewordenen Raum vorüberging, Schritt für Schritt durch unbeschreibliche Stille, in der nur irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tür der gegenüberliegenden Wand des Saales verschwand. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß es der kleine Erik war, der mit einer tiefen Verbeugung diese Tür hinter der Fremden schloß. Ich war der einzige, der am Tische sitzen geblieben war, von unsichtbaren Gewichten in meinen Sessel hineingedrückt. Eine Weile sah ich gar nichts. Dann fiel mir mein Vater ein, und ich gewahrte, daß der Alte ihn noch immer am Arme festhielt. Das Gesicht meines Vaters war jetzt zornig und rot, aber der Großvater, dessen Finger wie eine weiße Kralle meines Vaters Arm umklammerten, lächelte sein maskenhaftes Lächeln. Ich hörte dann, wie er etwas sagte, Silbe für Silbe, ohne daß ich den Sinn seiner Worte verstehen konnte. Dennoch fielen sie mir tief in die Erinnerung, denn vor etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages in mir, und ich weiß jetzt, wie sie lauteten. Er sagte: ›Du bist heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was läßt du die Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn?‹ – ›Wer ist das?‹ schrie mein Vater dazwischen. ›Jemand, der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine Fremde; Christine Brahe.‹ Da entstand wieder jene merkwürdig angespannte Stille, und wieder fing das Glas an zu zittern. Dann aber riß sich mein Vater mit einer Bewegung los und stürzte aus dem Saale. Ich hörte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn auch ich konnte nicht schlafen. Aber plötzlich gegen Morgen erwachte ich doch aus irgend etwas Schlafähnlichem und sah mit einem Entsetzen, das mich bis ins Herz hinein lähmte, etwas Weißes, das an meinem Bette saß. Meine Verzweiflung gab mir schließlich die Kraft, den Kopf unter die Decke zu stecken, und dort begann ich aus Angst und Hilflosigkeit zu weinen. Plötzlich wurde es kühl und hell über meinen weinenden Augen; ich drückte sie, um nichts sehen zu müssen, über den Tränen zu. Aber die Stimme, die nun von ganz nahe auf mich einsprach, klang weich und süßlich, und ich erkannte sie: Es war Fräulein Mathildes Stimme. Ich beruhigte mich sofort und ließ mich trotzdem, auch als ich schon ganz ruhig war, immer noch weiter trösten; ich fühlte zwar, daß diese Güte zu weichlich sei, aber ich genoß sie dennoch und glaubte sie irgendwie verdient zu haben. ›Tante‹, sagte ich schließlich und versuchte in ihrem zerflossenen Gesicht die Züge meiner Mutter zusammenzufassen, ›Tante, wer war die Dame?‹ – ›Ach‹, antwortete das Fräulein Brahe mit einem Seufzer, der mir komisch vorkam, ›eine Unglückliche, mein Kind, eine Unglückliche.‹ Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente, die mit Packen beschäftigt waren. Ich dachte, daß wir reisen würden, ich fand es ganz natürlich, daß wir nun reisten. Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht. Ich habe nie erfahren, was ihn bewog, nach jenem Abende noch auf Urnekloster zu bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir hielten uns noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf, wir ertrugen die Last seiner Seltsamkeiten, und wir sahen noch dreimal Christine Brahe. Ich wußte damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wußte nicht, daß sie vor etwa hundertzwanzig Jahren in ihrem zweiten Kindbett gestorben war, einen Knaben gebärend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal heranwuchs, – ich wußte nicht, daß sie eine Gestorbene war. Aber mein Vater wußte es. Hatte er, der leidenschaftlich war und die Klarheit liebte, sich zwingen wollen, in Ruhe und ohne zu fragen dieses Abenteuer auszuhalten? Ich sah, ohne es zu begreifen, wie er mit sich kämpfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen, wie er sich endlich bezwang. Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war auch Fräulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als sonst; wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie unaufhörlich, ohne bestimmten Zusammenhang und fortwährend sich verwirrend, und dabei war eine körperliche Unruhe in ihr, die sie nötigte, sich beständig etwas am Haar oder am Kleide zu richten, – bis sie mit einem Mal mit einem spitzen langen Schrei aufsprang und verschwand. In demselben Augenblick öffnete sich (meine Blicke warteten schon auf ihr) die gewisse Türe, und Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der Major, machte eine heftige rasche Bewegung, die sich in meinen Körper fortpflanzte, aber es war, als hätte er keine Kraft mehr, sich zu erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum anderen, sein Mund war offen, und die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen; dann auf einmal war dieses Gesicht fort, und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen wie in Stücken darüber und darunter, und irgendwo kam eine welke fleckige Hand hervor und bebte. Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam wie eine Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger wimmernder Laut hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob sich links von dem großen silbernen Schwan, der mit Narzissen gefüllt war, die große Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Lächeln. Er hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel vorüberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine Handbreit über den Tisch hob. Und noch in dieser Nacht reisten wir.«

(Ursprünglicher Schluß der Aufzeichnungen: Tolstoi)

(Erste Niederschrift)

Wenn Gott ist, so ist alles getan, und wir sind triste, überzählige Überlebende, für die es gleichgültig ist, mit welcher Scheinhandlung sie sich hinbringen. Sahen wir's nicht? Hat nicht jener große Todesfürchtige, da er immer geiziger einging auf einen seienden und gemeinsamen Gott, das gesegnete Erdreich seiner Natur zerstört? Einst, da er sich, ringend mit allem, seine verwandelnde Arbeit entdeckte, wie half er da. Begann er nicht in ihr, unter seliger Mühsal, seinen einzig möglichen Gott, und die es in seinen Büchern erlebten, wurden sie nicht von Ungeduld erfüllt, jeder in sich, auch zu beginnen? Dann aber kam der Versucher vor ihn und stellte ihm vor, daß er ein Geringes täte. Und er, der immer noch eitel war, wollte Wichtiges tun. Der Versucher kam wieder und überzeugte ihn, daß es nicht zu verantworten sei, daß er das Schicksal Eingebildeter und Erfundener beschriebe, während die Wirklichen das ihre nicht bewältigen konnten. Schließlich blieb der Versucher Tage und Nächte in dem Landhaus von Jassnaja und gedieh. Es war sein Entzücken, es mitzumachen, wie der Beirrte immer bestürzter das Herzwerk verließ, das sein eigenes war, um sich verzweifelt an allen Gewerben zu üben, die er nicht konnte. Über diesen dürftigen Handfertigkeiten verengte sich dem Versuchten das Leben zur Absicht. Er begriff nicht mehr, daß man es nicht verstehen durfte; er wollte es wörtlich nehmen wie einen Text. Was nicht gleich deutlich war, das schloß er aus, und bald war alles gestrichen, was kommen konnte, und mehr als die halbe Vergangenheit war verurteilt. Und diese Stunde, da er gebückt saß über seinen Schuh, der von ihm nicht gemacht sein wollte, diese armseligschwere Stunde, war wie die letzte. Wenn dann der Regenpfeifer tönte hinten im feuchten Gehölz, so war nichts mehr vor dem Tod. Er dachte an den Knaben, der dreizehnjährig gestorben war: wozu, mit welchem Recht? Die grausamen Tage in Hyères fielen ihm ein, da sein Bruder Nikolai sich auf einmal veränderte, nachgab und sich pflegen ließ. Er veränderte sich auch: würde er sterben? Und mit einem Entsetzen ohnegleichen ahnte er, daß sein eigener, eingeborener Gott kaum begonnen war; daß er, wenn er jetzt stürbe, nicht lebensfähig sein würde im Jenseits; daß man sich schämen würde für seine rudimentäre Seele und sie in der Ewigkeit verstecken würde wie eine Frühgeburt. Es war alle Angst seines Stolzes, die ihn ergriff, aber vor der Versuchung hätte sie ihn vielleicht angetrieben, seinen heimlichen Gott nur desto dringender weiterzuwirken, soweit er damit kam. Jetzt aber gab er sich keine Zeit, bei jeder innern Bewegung stieß er an die harten Gegengründe in seinem Bewußtsein; in verzweifelter Neugier zwang er sich immer wieder, seine Sterbensnot durchzumachen, und sie kam über ihn, täuschend ähnlich; um so furchtbarer, als er sich nicht zugleich die Geistesgegenwart des Sterbenden zu geben vermochte, die die Kräfte der Qualen an sich reißt und mit ihnen zur Einheit, vielleicht zur Ekstase kommt. Alle gingen gedrückt durch das veränderte Haus, in dem soviel Unrecht geschah. Und die milde unwillkürlich Gerechte, deren stilles Dasein oben in ihrer Stube wie ein Hausschutz gewesen war, lebte nicht mehr. Hatte sie mit der klaren Aussicht der großen Liebenden das Hereinbrechen dieser Todesfurcht vorausgesehen? Einige Jahre vor ihrem Tod, damals als sie in ihrem Zimmer sich plötzlich abwandte und bat, man möchte ihr ein anderes geben, ein schlechteres, damit auf dieses gute hier nicht die Nebenbedeutung ihres Sterbens fiele und es für später verdürbe. Und mit welcher Vorsicht und Reinlichkeit starb sie dann nicht. Ihre wertlosen Dinge waren bescheiden zusammengestellt; es sah aus, als ließe sie sie nur zurück, weil sie nicht denken mochte, daß ihr etwas gehöre. Aus Scheu vor der Wirklichkeit hatte sie nichts vernichtet; alles war da, auch die kleine perlengestickte Tasche, in der der Zettel mit ihrem alten Geheimnis lag; er fand sich, als wäre auch er nicht das erworbene Eigentum ihres Herzens und müßte gewissenhaft zurückgegeben werden an das strenge Ärar Gottes. Ahnte diese starke Verzichtende, die die Musik ihrer Liebe verhielt, um die Herrlichkeit ihres Herzens heimlich und unscheinbar zu vollbringen, daß unter ihr der heranwuchs, dessen tragischer Irrtum es wurde, daß er sein Werk verhielt? Sagte ihm nicht bis zuletzt ihr unbewußt bittender Blick, daß sie nicht ihr Werk unterdrückt hatte, sondern nur seine zeitliche Eitelkeit? War's nicht in ihrer Stube, wo ihn ein Mal über das andere die Macht der Arbeit überkam, so daß an Widerspruch nicht zu denken war? Wenn er dann aufstand und, ganz warm, hinunterging, um zu schreiben, fühlte er sich nicht im Recht? War er wirklich ein besserer Liebender später, als er damit beschäftigt war, die Liebe aus seinem Werke auszureißen wie ein Dieb? – Da war Tatjana Alexandrowna nicht mehr. Da war er allein; allein mit der namenlosen Angst seiner inneren Gefahr; allein mit dem Vorgefühl seiner unmöglichen Wahl; mit dem Versucher allein: so allein, daß er sich bangsam zu dem fertigen Gott entschloß, der gleich zu haben war, zu dem verabredeten Gott derer, die keinen machen können und doch einen brauchen. Und hier beginnt der lange Kampf eines Schicksals, das wir nicht übersehen. Noch lebt er, und es steht nicht mehr über ihm. Es ballt sich irgendwo am Horizont unseres Herzens und droht. Wir ertragen es nur, abgerückt, als die Sage von dem, der fruchtbar war und unfruchtbar werden wollte. Der Felsen seiner Verzweiflung erhebt sich vor uns mit dem brüsken Relief, in dem sein Wille sein Werk erwürgt. Und von der Beängstigung, mit der sein berechtigtes Unterdrücktes ihn bedrängte, wird man erzählen wie von Erdbeben: sie war so groß geworden, daß er die ganze Welt beunruhigte um seiner Ruhe willen.

Ich bilde mir ein, es gibt irgendwo in dem zuwachsenden Park einen Denkstein, den ich nicht gefunden habe; eine Säule, auf der nichts steht als der Junitag und das Jahr, da er, noch einmal von sich überwältigt, still aufsah und aufschrieb: wie der Duft war und wie das Gras; wie enorm die Ahornblätter geworden waren, und daß eine Biene die gelben Blumen besucht und nach der dreizehnten abfliegt mit ihrem Ertrag. So bestünde doch eine Gewißheit, daß er jetzt war. Wenn seine verzehrte Gestalt für immer verschwindet in dem undatierten Verhängnis. Wenn es nach und nach klar wird, daß er, trotz der latenten Kraft seines eigenmächtig verwendeten Gott-Talents, an Gottes Besitzstand so wenig nachweisbar ist wie jene, die, schlecht und ausgehöhlt, auf Gott herabgekommen sind, als auf die leichteste und allgemeinste Ausschweifung, die sie noch konnten.

(Zweite Niederschrift)

Wozu fällt mir auf einmal jener fremde Maimorgen ein? Soll ich ihn jetzt verstehen nach soviel Jahren? Selbst ohne die Augen zu schließen, weiß ich, wie mir zumut war, als ich in der abenteuerlichen Teljega saß und nicht begriff, warum sie manchmal so rasend schnell und plötzlich, ohne Übergang, ganz langsam fuhr. Zuweilen hatte ich Zeit, an den sachten Hügeln, die einzelnen Vergißmeinnicht zu unterscheiden, die in dichten Stellen beisammenstanden, dann wieder war's, als würfen wir mit dem Wind unserer Eile die schwachen Hütten um, die zu nah an den Weg herankamen, und endlich, ebenso unerwartet, wurde die Fahrt weich, das stotternde Radgeräusch fiel fort, und das volle Geläut des Dreigespanns mit dem Peitschengeknall blieb allein im Gehör und machte sich lustig drin breit. In diesem Moment bog der Wiesenweg verschwenderisch um und glitt mit mildem Gefäll auf den taligen Parkeingang zu, der von zwei kurzen runden Tortürmen bezeichnet war. Da hatten einst, unter dem alten Fürsten, die Wachposten gestanden; nun waren nur Bäume da, aber das machte keinen geringeren Eindruck auf mich; ich sprang auf und rüttelte den Kutscher und beschwor ihn, um Gottes willen, anzuhalten und aufzuhören. Zwar war noch kein Herrenhaus zu sehen, aber ich empfand es wie eine Ungeheuerlichkeit, mit so hochzeitlichem Bauernjubel dicht an jenes große Leben heranzufahren, dessen Nähe schon auf mir lag. Ich wartete unter den ersten Bäumen, bis der Wagen wendete und sich entfernte. Ich brauchte Stille. Jetzt war es still. Die nicht geordnete Stille eines vernachlässigten, tiefliegenden Parks, in dem auf welken Unterlagen der leichte Frühling sich rührt, ein wenig betäubt von ihrem feuchten Geruch. Was hätte ich darum gegeben, nichts vorzuhaben als eine Stunde in diesem Park. Und doch war ich schon in dem Lichtmuster der erwachsenen Birkenallee und ging, so langsam ich konnte, auf das Haus zu. Es kam mir erwünscht, daß rechts im Gehölz etwas blühte, was vom Weg aus nicht zu erkennen war; ich drängte mich durch: Es war ein fremdes Gesträuch. Das war die letzte Ausflucht. Und um wie wenig schob ich mit ihr den Augenblick hinaus, da mich von ihm nichts mehr trennte als der Glanz der Frühlingsluft, der sich in der Glastür spiegelte. Durchbrach sein Gesicht eine Sekunde lang diese Spiegelung? Es schien mir zu klein, zu alt, zu kummervoll. Aber da war es vor mir. In der Tat, es war sehr viel älter geworden in kurzer Zeit. Alter war darauf gehäuft, da und dort, unverteilt, so wie die Krankheiten es abgeladen hatten und die Todesgedanken und die schlaflosen Nächte; Alter in Haufen, nicht umgegrabenes Alter. Dabei fiel der Blick scharf wie aus weißen Scheinwerfern aus den zu weit gewordenen Augen, über denen die Brauen aufschäumten wie Zorn; die breite Nase gab ungewöhnliche Maße an, und in dem abstürzenden Bart war eine große Gewalt. Dann wandte sich die eingegangene Gestalt, die dieses Haupt zu tragen hatte, und ging mir vorauf. Und nun sah ich das Haar, das über dem Nacken lang geworden war und den hohlen Raum hinter den Ohren mit kleinen weichen Wendungen ausfüllte; es hatte etwas Scheues und Rührendes, es war Stubenhaar, im Zimmer gewachsen, verwöhnt von der Wärme der Kissen.

Nie wieder erfuhr ich je in solcher Gleichzeitigkeit Mitleid und Furcht. Ich stand oben im Saal, in dem nichts dunkel war als die alten Familienbilder, und ich sagte mir, daß ich Grund hatte, froh zu sein. Die Fenster waren weit offen, es kam eine Menge Morgen herein und, ganz allein auf dem Tischtuch der breiten Familientafel, spielte das Silber des Samowars mit der unsichtbaren schwebenden Heiterkeit. Und doch war es zu spät. Dies war alles, was ich hätte sagen können, wenn man mich gedrängt hätte. Ich vertiefte mich in die Porträts, als wäre etwas da, was man vergessen müßte, und schließlich blieb ich vor einem, das mich wirklich beschäftigte. Es stellte eine Nonne dar, die Äbtissin eines Klosters in ihrer verschlossenen Ordenstracht, und mochte gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts gemalt worden sein, offenbar von russischer Hand. Alles in diesem Bildnis, das Gesicht nicht ausgenommen, war allgemein und gleichgültig; die Gewohnheit des Kanons hatte sichtlich das Übergewicht behalten über den Einfluß des Gegenstandes. Aber plötzlich, bei den Händen, war ein Wunder geschehen: Es waren deutliche, sehr eigene Hände, unsymmetrisch aneinandergelegt zu der oft gebrauchten Haltung des gewohnten Gebets. Gott weiß, wie es geschehen sein mochte: Der schlichte leibeigene Maler hatte es aufgegeben, seine sonstigen erlernten Hände zu malen; es war über ihn gekommen, die Hände nachzubilden, die er in Wirklichkeit vor sich sah, – und man mußte zugeben, daß es ihm wunderlich gelungen war, sie in ihrer Realität zu erreichen. Er hatte sie wichtig genommen, als gäbe es nichts als diese alternden gefalteten Hände, als hinge eine Menge davon ab, sie nicht zu vergessen. Über dem Bestreben, alle Einzelheiten, die er nach und nach entdeckte, in ihrem Umriß unterzubringen, waren sie ihm viel zu groß geworden, und nun standen sie vorn in dem Bilde, hoch wie ein Kirchturm, ein für allemal. Es ging mir durch den Kopf, daß mit diesen Händen wirklich etwas von dem Schicksal der dargestellten Frau überliefert war, aber zugleich empfand ich, daß ich mich viel zu lange mit ihnen einließ. Denn welches Interesse konnte ich an dieser Nonne haben, von der man wahrscheinlich nicht einmal den Namen wußte? Ich weiß, ich hielt es damals für einen Vorwand meiner Verlegenheit, ich meinte sogar, nicht ganz wahr zu sein, indem ich mich immer noch mit dieser Malerei beschäftigte. Und doch war es ganz anders. Jetzt, nach so langer Zeit, begreife ich, daß dieses Bild mich anging. Wie sooft alte Bildnisse, hing es da im Saal und enthielt, unter dem Schein einer Unbekannten, das vorhandene Verhängnis des Hauses. Die Äbtissin war gleichgültig, und vielleicht war ihr Leben für andere ohne Bedeutung. Daß es ihre Hände waren, das ging mir sicher nicht nah, aber daß in diesen grotesk großen Händen das entscheidende, das hinreißende Erlebnis des Malers war, der der Welt gewahr wurde, der sich zum erstenmal mit allem Glück und aller Mühsal seines Wesens nachfühlend an ihr versuchte:, das schaute ich in mich hinein, und jetzt ergreift es mich von innen. Denn genau das gleiche Erlebnis war in diesem Haus unterdrückt worden, wieder und wieder. Hier hatte einer, dem das Herz für die Herrlichkeit zweier Hände aufgegangen war, seine vielen Jahre damit hingebracht, sich zu weigern. Eigenmächtig hatte er über sein Leben verfügt und sich gewehrt und anders gewollt. Mit immer neuen Beschäftigungen hatte er seine innerste Aufgabe zu ersticken versucht, und die Beängstigung, mit der ihr Drängen ihn erfüllte, war schließlich so groß geworden, daß er die ganze Welt beunruhigte um seiner Ruhe willen. War er nun ruhig? Man stand vor ihm, man zwang sich aufzusehen, man wußte es nicht. Unwillkürlich sah man um sich, aber es war nirgends ein Beweis dafür, daß in diesem gewissensgeizigen Greis der Kampf zu Ende war. Wie, wenn die ungeheuer angewachsene Forderung seines Werkes sich noch einmal in ihm erhübe? Wie, wenn er Recht gehabt hätte mit seiner vielen Todesfurcht, weil er nun doch enden würde als einer, der am Beginn unterbrochen war? Es war kein Zimmer in diesem Haus, in dem er sich nicht gefürchtet hatte zu sterben. Hier irgendwo war er auf und ab gegangen und hatte an jenen Knaben gedacht, der mit dreizehn Jahren gestorben war, wozu, mit welchem Recht? Oder die grausamen Tage in Hyères waren ihm eingefallen, da sein Bruder Nikolai sich auf einmal veränderte, nachgab und sich pflegen ließ. Er veränderte sich auch. Und mit einem Entsetzen ohnegleichen ahnte er, daß sein Inneres kaum angefangen war; daß er, wenn er jetzt stürbe, nicht lebensfähig sein würde im Jenseits; daß man sich dort schämen würde für seine rudimentäre Seele und sie in der Ewigkeit verstecken würde wie eine Frühgeburt. Er sah nicht, daß diese Angst die Angst seines Stolzes war. Er merkte nicht, wieviel Ungeduld und Eitelkeit darin lag, daß er die Liebe aus seiner Arbeit riß, um sie schier aufzuzeigen und allen damit Gewalt anzutun. Er wußte nicht, daß seine neue Stimme für den Ruhm, den er verjagen wollte, nur ein noch lauterer Lockruf war. Und niemand sagte es ihm. Wir bringen es kaum über uns, dem Gang solcher Versuchungen nachzugehen, ohne die Spur eines Engels zu suchen, der vielleicht hätte gebraucht werden können. Und doch erschrickt man, wenn man wirklich in der Nähe dieses Lebens die große Liebende entdeckt, die umsonst gewesen war. Zwar damals lebte sie nicht mehr. Aber hatte er sich nicht an Tatjana Alexandrowna von Kindheit auf, mit allen Instinkten seines Herzens geheftet? Und war es nicht später in ihrer Stube, wo ihn immer wieder die Macht der Arbeit überkam, mit so elementischer Freudigkeit, daß an Widerspruch nicht zu denken war? Ist es ein Aberglaube, zu meinen, sie hätte, mit der klaren Aussicht der Liebenden, alles irgendwie vorausgesehen? Muß sie nicht um die Todesfurcht gewußt haben, die über dieses Haus hereinbrechen würde, damals als sie, einige Jahre vor ihrem Tod, in ihrem Zimmer sich plötzlich abwandte und bat, man möchte ihr ein anderes geben, ein schlechteres, damit auf dieses gute hier nicht die Nebenbedeutung ihres Sterbens fiele und es für später verdürbe? Und mit welcher Vorsicht und Reinlichkeit starb sie dann nicht. Ihre wertlosen Dinge waren zusammengestellt; es sah aus, als ließe sie sie nur zurück, weil sie nicht denken mochte, daß ihr etwas gehöre. Vielleicht geschah es aus demselben Grund, daß sie nichts vernichtet hatte; es paßte zu ihr, daß sie nichts für das endgültige Eigentum ihres Herzens hielt und meinte, es müsse alles gewissenhaft zurückgegeben werden an Gottes strenges Ärar. Oder war es doch die letzte Aufgabe ihrer schweren Liebe, daß in der kleinen perlengestickten Tasche der Zettel mit ihrem alten Geheimnis geblieben war? Sollte er ihm in die Hände fallen? Sollte er lesen, was er nicht verstanden hatte, solang sie war, daß sie, in allem Verzicht, ihr inneres Werk nicht unterdrückt hatte, sondern nur seine zeitliche Eitelkeit. Er las es. Er warf ihr vor, daß sie nur um seines Vaters willen hatte lieben können. Er verurteilte sie fast. Er begriff es nicht mehr.

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