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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Fußweg von Velice nach Valahora ließ sich von einem guten Geher in fünfundzwanzig Minuten zurücklegen. Er führte zwischen Feldern, am Rand eines Wäldchens vorbei, immer auf und ab über kleine Erdbuckel bis zu dem großen, 71 der steinerne Rippen hatte, und auf dem das dunkle, unwirtliche Valahora sich erhob. Ein Haus, das auf einem Berge steht, sagt gewöhnlich: Komm her! Dieser festungsartige Cyklopenbau sagte: Hüte dich! Geh!

Nichts Traurigeres als sein nur mit schmalen Luken versehenes Gemäuer, nichts Häßlicheres als seine jäh abgestumpften Türme: gewaltige Ansätze, kein Aufwärtskommen, Versprechungen, keine Erfüllung.

Es ging steil zum Schloß hinauf über weichen, seidenglatten Grund, zwischen uralten Kiefern bis zum Wallgraben. Die schlanke Jünglingsgestalt, die zwischen den kahlen Stämmen hinschritt, so rasch und unbeirrt als wär's am Tage, machte, hier angelangt, Halt. Kein Wunder, wenn ängstliche Gemüter sich an der Stelle nicht besonders behaglich fühlen, 's ist grausig, wie das Wasser gurgelt, mit manchmal fast menschlichen Lauten!

Josefs Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, deutlich sah er vor sich den unförmigen Steinblock sich abheben vom fahlen Himmel. Der Gedanke an all den Jammer und all die 72 Schuld, die von diesen Mauern beherbergt worden war, erfaßte ihn. Nicht Jammer und Schuld längst vergangener Tage, nein, traurige Schicksale, die sich in naher Vergangenheit vollzogen hatten. Im Schloß von Velice wurde über die Begebenheiten in Valahora nur mit äußerster Zurückhaltung vor den Kindern gesprochen, im Dorfe aber nahm man keine Rücksicht, da erzählte jeder, was er wußten und tat an eigener Erfindung hinzu, was er aufbrachte. Die Kinder hatten von dem jetzigen Herrn von Valahora mehr gehört, als sie zu verstehen und zu begreifen vermochten. Er war für sie eine von den Zauberschleiern der Mythe umwobene Persönlichkeit, zu der es sie allmächtig hinzog, deren Rätsel zu lösen sie brannten. Es kam ein Tag, der sie einander nahe brachte, und seitdem verkehrte Josef mit Levin Bornholm, so streng ihm dies auch verboten war. Im geheimen natürlich, und nur »auf den Raub«, in der kurzen Zeit, die »der Australier« auf seinem Gute verlebte.

Als Josef die Wallgrabenbrücke überschritten hatte und den Vorhof betrat, wurde er so 73 tückisch, so plötzlich von zwei Wolfshunden angesprungene daß er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu erhalten. »Kusch, Jedén! – Dva kusch! kusch! seid ihr toll!« rief er, und sobald sie den Klang seiner Stimme hörten, verwandelte sich ihr feindseliges Knurren in jubelndes Gebell und in ein zärtliches Gewinsel.

In der Nähe wurde eines der Fenster des Erdgeschosses geöffnet, jemand fragte: »Seid Ihr's, junger Herr?« und zog sich, nachdem die Antwort: »Ja, Bartolomäus«, erfolgt war, wieder zurück. Auf der schmalen Steintreppe aber, die zum Hofe des Hauses führte, erschien ein Mann, der eine hellleuchtende Lampe in der Hand trug.

Ihr grelles Licht beschien sein gebräuntes Gesicht, seine energischen Züge. Er war nach Pflanzerart bequem und leicht gekleidet, trug lichte Beinkleider und eine weite Jacke, die, auf der Brust offen, das bunte Wollhemd und den Ledergurt sehen ließ. Der breitkrempige Strohhut war tief in den Nacken zurückgerutscht, eine Fülle kurz gehaltenen Gelocks umringelte die Stirn und die Schläfen. »Der Tausend!« rief er Josef zu, und in seinem Tone lag etwas 74 Spöttisches und Aggressives, »bist du's? Was willst du?«

»Dir Lebewohl sagen, du reisest ja morgen. Bleibt's dabei?«

Bornholm nickte: »Gewiß.«

*

Sie gingen zusammen die Treppe hinauf und durch einen dunklen Flur in das Zimmer, in dem Bornholm bei seinen kurzen Besuchen in Valahora abzusteigen pflegte. Es war gewölbt und hatte nur ein niedriges, aber breites Fenster mit vielen kleinen, in Zinn gefaßten Scheiben. Die Unordnung, die in der Stube herrschte, heimelte Josef an; die exotischen Waffen und Gerätschaften, die da herumlagen, erregten sein Entzücken. Vieles davon, Wurfkeulen, Spieße, Schilde, Holzschwerter, war sein. Bornholm hatte sie ihm geschenkt, aber er durfte sich dieses köstlichen Besitzes nur verstohlen, nur im Hause des Freundes erfreuen. Der Geber war ja ein verpönter Mann, und mit ihm umgehen oder gar etwas von ihm annehmen galt in Velice für unehrenhaft.

75 Josef nahm einen Bumarang vom Tische, wog und schwang ihn. »O, den schleudern dürfen! auf freiem Felde schleudern, einem Verhaßten in die Beine, Herrn Heideschmied zum Beispiel, das müßt eine Wonne sein!«

»Du hast keinen Grund, dich über ihn zu beklagen,« sagte Bornholm. »Das ist ein sehr bequemer Mann und mit einem festen Schlafe gesegnet, wenn du so leicht entwischen kannst.«

»Festen Schlaf braucht's nicht. Kein Wachthund hätte mich gehört. – Also morgen wieder fort, Levin,« setzte er mit einem Seufzer hinzu, verbesserte sich aber sogleich, da Bornholm diesen Ausdruck des Bedauerns sehr ungnädig aufnahm. »Mir ist's am Ende recht. Wenn ich weiß, du bist da, und ich darf dich doch nicht sehen, das ist mir das Grauslichste.«

Bornholm stellte einen kleinen Koffer auf den Tisch und fing an zu packen, und Josef hätte ihm fürs Leben gern seine Dienste angeboten, wagte es aber nicht, sonst hieß es gleich: »Mache dich nicht überflüssig,« in dem Tone, der einem ins Herz schnitt, weil er so deutlich sagte: Was hast du hier zu suchen? Geh deiner Wege! – 76 Und nur das nicht! nur nicht von ihm fortgejagt werden, den er liebte und verehrte, trotz all des Schlechten, das ihm nachgesagt wurde . . . Ja vielleicht, weil ihm so viel Schlechtes nachgesagt wurde, und weil er sich nie, auch nicht mit einem Worte, zu rechtfertigen suchte und nie gegen einen Menschen, und wenn es sein ärgster Feind war, eine Anklage erhob. Er verachtete die Menschen im großen, schätzte die ganze Spezies gering. Er hatte auch, so viel war es Josef gelungen, aus ihm herauszubringen, mehr als einen totgeschlagen. In Herbert River, in Alexandraland hatte er Blut vergossen zu seiner eigenen Verteidigung und zu der anderer. Beschimpft hatte er keinen, nicht einmal einen Aschanti, nicht einmal ärgere als Aschanti – die Dorfbuben, die . . .

Vor Josef tauchte die Erinnerung an den peinvollsten Augenblick seines jungen Daseins auf, an seine Verzweiflung, seine Niederlage, seine Befreiung . . . Ein Schmerz, eine Wut – eine Dankbarkeit, so heiß, wie sie ihn damals durchglüht hatten, damals vor zwei Jahren, schwellten sein Herz, und er rief plötzlich aus:

77 »Weißt du noch, Levin, meine kleine Kitty, der liebe Hund – weißt du, wie die Buben ihr die Pfoten abgeschnitten und sie gezwungen haben, auf den Stumpfen zu laufen?« Eine unbeschreibliche Qual verzerrte sein Gesicht, er schluckte, er benetzte mit der Zunge seine trocken gewordenen Lippen.

»Wie ein altes Weib,« brummte Levin. »Immer die alten Geschichten aufwärmen. Vergiß das!«

»Ich will's nie vergessen!« rief Josef. »Weil ich nicht vergessen will, daß du mich gerettet hast . . . Ja, ja, ja! . . . Ich habe sie alle erwürgen wollen . . . Aber es waren ihrer zu viele. Ich war schon niedergerissen . . . Hätte ich mich nur nicht niederreißen lassen!« knirschte er – »wie du gekommen bist und mich vom Tod gerettet hast.«

»Vor Prügeln hab ich dich gerettet, vor weiter nichts,« sprach Levin.

»Es ist nicht so; wenn's aber wäre, müßte ich dir nicht auch ewig dankbar sein?«

»Laß mich aus mit deiner Dankbarkeit!« fiel Bornholm ihm gebieterisch ins Wort, »schöne 78 Gefühle habe ich nicht und mag sie nicht an anderen.« Josef schwieg, etwas verdutzt. Dann sprachen sie von Levins Ländereien, seinen Herden und von der Jagd und von Abenteuern beim Wandern durch die klingenden Wälder, beim Übersetzen reißender Flüsse und dem Übernachten unter freiem Himmel, unter dem Zelte oder in Felsenhöhlen in Gesellschaft von Menschenfressern.

»Ich praßle!« schrie Josef, »ich verbrenn hier vor Sehnsucht, so einen Menschenfresser einmal zu sehen. Wie einem nur ist, wenn die Kerle brüllen: Talgoro, talgoro! – das heißt doch Menschenfleisch? Und ihre Kampftänze! – ich würde gleich mittun, sag ich dir – o Levin – ich sage dir – ich praßle!«

»Das kannst du auch zu Hause,« sagte Levin. »Geh nach Hause prasseln. Es ist bald Zwei, und ich möchte vor der Abfahrt noch ein paar Stunden schlafen. Auf Wiedersehen, Josef!«

»Wann?«

»In zwei Jahren vielleicht.«

79 »In zwei Jahren? – Das erleb ich nicht!«

»Hoho!« Levin lachte.

»Mit dem Hofmeister nicht! . . . Ich hasse ihn. Der Schulmeister hetzt die Dorfkinder gegen uns, ja, 's ist wahr, aber er quält uns nicht mit dem verfluchten Lernen . . . Der Heideschmied, der möcht die Sachen ganz anders anpacken. Nun – der soll seine blauen Wunder sehen. Eh du wiederkommst, sag ich dir, ist er aus dem Haus geflogen.«

Josef sprach das alles hastig, wie einer, der seine Rührung zu verreden sucht, während sie aus dem Zimmer gingen und über den Hof und den Vorhof, wo Jedén und Dva sie freundlich empfingen. Vor der Brücke blieb Levin stehen. Sie schüttelten einander die Hände:

»Leb wohl, Josef, leb wohl, Junge!«

»Leb wohl, Levin. Laß dich nicht fressen drüben. Komm wieder!« Männlich kämpfte er seinen Schmerz und seine Ergriffenheit nieder, nahm sich zusammen und setzte ruhig hinzu: »Und sage dem Gärtner, daß er mich einlassen soll und den Leopold auch, so oft wir entwischen 80 können. Er sagt sonst gleich: Ich habe keinen Befehl. Vergiß also nicht. Adieu!«

»Ich vergesse nicht. Adieu!«

*

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