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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der schönste Tag brach an, ein Morgen voll Sonnenschein und Vogelgesang, voll Waldesrauschen, glitzerndem Tau und süßem Duft der reifen Ähren. Da kehrte der Erstgeborene des Hauses heim.

Er war über Wien gekommen, hatte ein beglückendes Wiedersehen mit Leopold gefeiert. Den Namen dessen, den er nie wiedersehen sollte, sprach nicht er und sprach keiner aus; aber er schwebte auf allen Lippen, einer las in den Augen des anderen: Auch du denkst an ihn!

Nach den ersten stürmischen Begrüßungen ging Josef im Hause herum und im Garten, und fragte alle Augenblicke: »War ich denn wirklich fort? Mir ist, als wär ich gar nicht fortgewesen.«

»Nicht fort, böser Mensch, nach dem man 382 sich fast zu Tod gesehnt hat?« rief Apollonia. Frau Heideschmied hingegen verstand, was er sagen wollte, und daß es etwas sehr Affektueuses war, und die Tanten fanden das auch, obwohl sie ihm nicht zugehört, sondern ihn immer nur verzückt betrachtet hatten. Heideschmied war trotz aller Dürre im Zustand des Zerschmelzens:

»Balder!« sagte er, auf Josef deutend, zu den Tanten: »Sehen Sie ihn doch an, meine Gnädigsten – Balder!«

Gewiß, er war herrlich geworden, groß und schön, ein Ebenbild seines Vaters, aber ein beseeltes, voll Energie und Kraft und Tätigkeitsdrang. Seine Heimkehr verhieß das Eintreten einer neuen Zeit. Bald soll es lebhaft werden in Velice, seine langverschlossenen Tore sollen sich gastlich öffnen, die Jugend wird Jugend heranziehen und das Alter sich der Wärme und des Lichtes freuen, die da hereinströmen und ihnen die letzten Jahre durchsonnen werden.

Im Kopfe Kosels mußten ähnliche Vorstellungen dämmern, denn mit stolzem Lächeln und allerliebreichsten Blicken sagte er zu den Angestellten und Beamten, die herbei eilten, Josef 383 willkommen zu heißen, ihn gleichsam vorstellend: »Der junge Herr!«

Am Abend, als man sich im wundervollsten Mondenscheine unter den Nußbäumen versammelt hatte, fragte Josef:

»Und Tante Luise – fort für immer?«

»Das nicht,« erwiderte Charlotte. »In einigen Jahren besucht sie uns, sie hat es versprochen.«

»Da wollen wir Vrobek indessen in ein Schmuckkästchen verwandeln, nicht wahr, Papa?«

»Und Valahora in eine Sehenswürdigkeit!« fiel Elika ihrem Bruder ins Wort. »Es muß im Baedeker stehen, mit einem Sternchen.«

Josef erhob sich, ging auf sie zu und schloß sie in einer unwiderstehlichen Anwandlung von Zärtlichkeit an sein Herz. »Du Kleine«, sagte er.

»Die Kleine, ja,« wiederholte Kosel. »Du erinnerst dich doch noch deiner Mutter, Josef? Ist sie ihr nicht ganz ähnlich geworden, deiner Mutter?«

»Ganz ähnlich. Keine arme Kleine mehr, wie bei unserer Trennung . . . Unsere Trennung – Elika, weißt du noch?«

384 »Ich weiß alles,« erwiderte sie und fügte hinzu: »Morgen ganz früh, bald nach Sonnenaufgang, gehen wir nach Vrobek, wir zwei.«

So geschah's, und sie betraten zusammen das kleine leere Haus. Je näher sie ihm gekommen waren, je schweigsamer war Josef geworden. Anfangs hatte er für jedes Hündlein, das ihn freundlich anwedelte, einen zärtlichen Dank gehabt, den Jubelschrei, mit dem ihn die Magd in der Halle empfing, hörte er nicht einmal. Er stieg langsam die Treppe hinauf, öffnete die Tür des Salons und trat ein. Elika folgte ihm. Da war alles wie einst. Jeder Sessel stand noch auf dem alten Fleck, und es herrschte auch noch die gewohnte Reinlichkeit. Hatte die Magd geahnt, daß Besuch kommen werde, oder hielt sie den Hausbrauch aus eigenem Antrieb aufrecht? Josef blieb mitten im Zimmer stehen und sah sich in dem altbekannten Raume um, den er nie ohne einen leisen Schauer des Entzückens betreten hatte. Dann setzte er sich in den Lehnsessel mit Strohgeflecht, Luisens gewohnten Platz, und strich mit beiden Händen liebkosend über die Lehnen. Ein Reflex seiner einstigen 385 Empfindungen erhellte ihm die Seele mit wehmütigem Glanz. Elika betrachtete ihn und dachte: Ich fühle in meinem Herzen, was in dir vorgeht, alles, alles, genau wie du!

»Wenn sie wiederkommt,« sprach er, »werde ich wahrscheinlich verheiratet sein. Ich werde mir eine schöne brave Frau ausgesucht haben und werde sie lieb haben und sie mich. Aber, gute Kleine, das sage ich dir allein, wie ich Luise geliebt habe, werde ich keine mehr lieben. So leidenschaftlich und so ehrfurchtsvoll, mit einer so unendlichen, nie erfüllbaren Sehnsucht. Du kannst das nicht begreifen, ich aber wünsche dir, daß du in deiner ersten Liebe so glücklich sein mögest, wie ich in meiner unglücklichen war. Diese Leiden tausche ich gegen keine irdische Glückseligkeit.«

»Hast recht,« sagte sie.

»Was weißt du davon, Kleine? Du weißt ja nichts.«

Sie hatte die Augen gesenkt. Sie war sehr blaß geworden. Er bemerkte es nicht in seiner Erregung.

»Bei dir wird alles anders werden. Du wirst 386 gleich den Rechten wählen, du Weisheit. Wir, Luise und ich – ein Paar? – Das wäre doch nicht möglich gewesen. Ich selbst habe das nie für möglich gehalten, und jetzt« . . . Er vergrub einen Augenblick sein Gesicht in seine Hände, »jetzt hoffe ich nur, daß sie recht glücklich werden wird mit meinem Freunde. Glaubst du, daß sie glücklich mit ihm werden wird?«

»Glücklich? Wenn sie nur weiß, daß sie sein Trost und seine Freude ist, daß er sich zu ihr rettet aus seinen Seelenkämpfen. Wenn er sie nur nie fühlen läßt: ich brauche dich nicht mehr. Ein andres Glück erwartet sie nicht von ihm.«

»Hat sie dir das gesagt?« fragte Josef.

»Nein.«

»Woher weißt du's?«

»Das errät man, Lieber.« Sie war aufgestanden, ans Fenster getreten und blickte nach dem Walde von Valahora hinüber. Zwischen den leichtbewegten Baumwipfeln wurden die massigen Türme des Schlosses sichtbar. Josef folgte ihr, legte beide Hände auf ihre Schultern und wendete sie sanft zu sich herüber:

»Das errät man? Kann man so etwas 387 erraten? Ich denke, nein,« sprach er mit aufleuchtendem Verständnis, »ich denke . . .«

»Denke nichts,« fiel sie ihm ins Wort, »als daß du mein Freund bist, mein allerbester Freund.«

»Einstweilen.« Lächelnd faßte er ihre Hände und sah ihr mit freudigem Stolze in die klaren hellen Augen. Auch in ihnen lebte etwas von der Tatkraft und der Kühnheit, die seine Seele schwellten.

Dann verließen sie das Haus und schritten rasch im goldenen Sonnenschein dahin. Sie hatten beide die Weihe eines ersten Schmerzes empfangen, waren mutvoll, waren stark, und vor ihnen lag das rätselvolle Leben mit allen Verheißungen, die es der Jugend macht.

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