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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei seiner Rückkehr nach Velice sollte Josef durch allerlei Verbesserungen und Verschönerungen im Schlosse und im Wirtschaftshofe überrascht werden. Die letzte, die noch vorgenommen wurde, war die Regulierung der Zufahrt zu den neuen Ökonomiegebäuden und das Abtragen einer längst 352 außer Gebrauch gesetzten Scheuer. Die Arbeit begann an einem feuchten, kühlen Vorfrühlingsmorgen und war im vollen Gange, als Franz sich von ihren Fortschritten überzeugen kam. Heideschmied hatte sich schon eingefunden, stand da mit verschränkten Armen und sah zu, wie die Zimmerleute die Dachbalken teils an Seilen befestigt zur Erde gleiten ließen, teils zu Boden schleuderten. Nun ging's an die Sparren, und mit Staunen erblickte man Freund Hanusch, der auf der Höhe erschienen, das Beil schwang und eifrig mittat.

»Sehen Sie doch den Hanusch,« sprach Heideschmied, »es kommt ihm in die Finger, die Lust am alten Handwerk meldet sich. Und – zerstören, wenn die Menschen zum Zerstören berufen werden, wie geht da die Arbeit vom Fleck! Beobachten Sie, lieber Franz, das Gebaren der selben Leute beim Aufrichten und beim Niederreißen eines Baues. Wie lässig im ersten, wie eifrig im zweiten Fall.«

Franz machte sich diese Bemerkung seines Erziehers nicht zu nutze; er hatte seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet. »Verflucht 353 gefährlich, die Geschichte,« sprach er, »wo ist der Polier?«

Der Polier, ja, der war schon vor einer Weile fortgegangen.

Ob er nicht befohlen habe, die Mauern zu pölzen, namentlich die vordere, die am steil abfallenden Rand der Böschung, die rissige, unten vom Regen ausgewaschene Mauer, auf der gerade jetzt Hanusch steht.

Die? ja die – man weiß nicht, kann sein, daß er's befohlen hat. Überflüssig ist's, sagen alle.

»Überflüssig? Ja just! . . . Seid ihr blind? . . .« brach Franz heftig aus: »Herunter! gleich herunter!«

Die Arbeiter auf der rückwärtigen Seite des Baues beachteten seinen Zuruf nicht. Was hatte er sich da einzumischen? Was verstand denn er? Mit erneutem Eifer begannen einige der Zurechtgewiesenen, auf das Mauerwerk 354 einzuhauen. Franz, durch ihren Widerstand gereizt, wetterte ihnen ein derbes Wort zu und schrie zu Hanusch hinauf:

»Hierher du, dir befehl ich's!«

Der Bursche auf seinem gefährlichen Posten lachte ihn an voll Zuversicht: »Komm schon, aber gschicht nix!« Die nächste Sekunde strafte ihn Lügen. Die unterwaschene Wand senkte sich. Ein knatterndes Splittern, ein dumpfes Krachen, ein Bersten, Stürzen. Atemraubend stieg ein gelblicher Brodem in dichten Wolken in die Luft – Staub, der qualmend wie Rauch aus dem Trümmerhaufen drang, unter dem Hanusch begraben war.

Franz stürzte zur Unglücksstätte hin und war im nächsten Augenblick von den Arbeitern umgeben, die schreiend und gestikulierend oder mit stumpfsinnigem Gleichmut die Tatsache feststellten, daß die Hälfte der Mauer eingefallen sei und daß einer, der früher auf ihr gestanden hatte, jetzt unter ihr liege.

»Also! also!« rief Franz außer sich, ergriff einen Spaten und wies auf eine bestimmte Stelle im Schutte: »Ausgraben! helft! helft! da muß 355 er sein . . . Ich weiß genau, ich hab ihn stürzen sehen.« Zum Entsetzen Heideschmieds handhabte er sein Werkzeug mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte, mit rasender Unermüdlichkeit, unterbrach sich nur, um einen Befehl zu geben, dem die Leute jetzt willig gehorchten. Er glühte, seine Brust arbeitete wie ein Hammerwerk.

»Lieber Franz, ich beschwöre Sie,« flehte 356 Heideschmied, »ruhen Sie aus, ein paar Minuten nur! Es kann Sie Ihr Leben kosten.«

»Fort damit, wenn ich's in einem solchen Augenblick schonen soll« – keuchte Franz und warf Heideschmied, der zu ihm mit der schüchternen Absicht herantrat, ihm den Spaten zu entwinden, einen Blick zu, der ihn zurückweichen machte. Keine Jünglingsseele mehr, eine Mannesseele, der eigene starke Wille eines Mannes sprach aus ihm.

Immer mehr Leute kamen herzugelaufen, aus den Stallungen, dem Dorfe. Heideschmied sandte einen Boten ins Schloß, um Herrn von Kosel zu melden, was sich begeben hatte. Nach einer Weile trug Kosel dem Balthasar auf, nähere Erkundigungen einzuholen, und als der gar zu lange wegblieb, ging er, sich selbst von dem Stande der Dinge zu überzeugen. Auf dem Schauplatz des Unfalls angelangt, sah er seinen Sohn auf einem Berg von Schutt an der abgebröckelten Mauer stehen. Barhäuptig, in zerfetzten Kleidern, mit zerschundenen, blutenden Händen, das Gesicht feuerrot und schweißüberströmt. In seinen Zügen aber eine Verklärung des Entzückens, der Wonne 357 am Betätigen seines Helfedrangs und seiner jugendlichen Stärke, die unaussprechlich war.

»Vorsicht, nur langsam, langsam jetzt!« sprach er mit heiserer, gequetschter Stimme. Mühsam rang sich jeder Laut zwischen zwei schweren, pfeifenden Atemzügen aus seiner Kehle: »Karausek zu mir – bleibt drüben, Novak, Swoboda! – alle übrigen fort! . . . Heben . . . Eins, zwei, drei!« Er hatte den Spaten fallen lassen und einen der Balken angefaßt, der, vom Dache geworfen, sich hier mit noch drei anderen an die Mauer spreizte. Sie bildeten eine Art Käfig, in dem man einen formlosen Klumpen liegen sah, der Versuche machte, sich zu bewegen. Als die Balken, die ihn eingeengt und beschützt hatten, nun sacht entfernt wurden, steigerte sich die Bewegung zu einem gewaltigen Rütteln und Strecken. Die Retter halfen nach, klopften, putzten an ihm, hoben ihn auf und trugen ihn über die Böschung. Im Grase niedergelegt, nochmals gesäubert, bot er immer noch einen kläglichen Anblick dar. Er rang nach Luft, konnte nicht sprechen noch schauen, hatte den Mund und die Augen voll Staub. Als aber Franz ihn anrief: »Hanusch, 358 mein guter Hanusch, lebst? Bist heil?« schob er sich zu seinem Herrn und Freunde hin und legte den Kopf auf seinen Fuß. Franz wollte sich zu ihm niederbeugen, wankte, taumelte, griff mit beiden Händen in die Luft und stürzte lautlos zur Erde nieder.

Sechs Tage lang kämpfte die junge, kräftige Lebensflamme einen harten, schweren Kampf gegen ihr frühes Erlöschen. Nutzlos, wie der Arzt sogleich erkannte.

Man hatte Elika anfangs über die Gefahr getäuscht, in der ihr Bruder schwebte; es war leicht gewesen; der Gedanke, daß dieser starke, blühende Mensch vor ihr sterben könne, wäre ihr nie gekommen. Sie hätte ihn, von anderen ausgesprochen, zurückgewiesen wie etwas Unsinniges und Unfaßbares. Am dritten Morgen aber, als Franz immer gleich ruhig dalag, und doch nicht schlief, und sie eine Weile an seinem Bette gestanden hatte, ohne zu wagen, ihn anzusprechen, wurde sie von einer unbestimmten, furchtbaren Bangigkeit ergriffen. Apollonia trat unhörbar heran auf weichen Schuhen und wechselte den feuchten Umschlag auf der Brust 359 des Kranken. Da öffnete er die Augen und erhob sie zu ihr und zu Elika, aber ganz fremd, wie fragend und suchend.

»Franz, Lieber,« sprach Elika, »siehst du mich?«

»Ja,« antwortete er, »wenn der Schleier, den ich vor den Augen habe, sich verschiebt, dann seh ich dich.«

»Warum hast du einen Schleier vor den Augen, lieber, lieber Franz?« Sie ließ sich auf die Kniee gleiten, küßte seine Hand, die auf der Decke lag, nahm sie in die ihre und bedauerte sie. »Arme Hand, wie du aussiehst, ganz zerschunden von Ziegeln und Steinen. Ich will sie pflegen. Gib sie mir, Franz.«

Er antwortete nicht, und als sie nun erschrocken emporblickte, sah sie, daß Tante Renate ganz leise eingetreten war, traurig mit den Achseln zuckte und einen Finger auf den Mund legte. Und Elika begriff plötzlich etwas Entsetzliches, etwas, das ihr das Herz zerriß, diese Hand, diese gute, rettende, großmütige Hand, konnte die ihre nicht ergreifen, sich nie mehr liebkosend auf ihren Scheitel legen: sie war gelähmt.

360 Überwältigt sank Elika zusammen und brach in einen Strom von Tränen aus. Apollonia faßte sie sanft unter den Armen, hob sie auf, führte sie aus dem Zimmer und wollte sie in das ihre bringen. Auf dem Gang aber traten ihnen Kosel und Leopold entgegen. Elika schrie auf: »Du!« und flog dem Heimgekehrten in die Arme. Für so lange hatte sie von ihm Abschied genommen, und wie kurz war die Trennung gewesen, und welcher neuen, grauenvollen war sie vorangegangen!

Leopold, ganz blaß und starr, mit roten, geschwollenen Lidern, küßte sie und sagte einmal ums andere: »Arme Kleine, arme Kleine!«

»Papa hat dich gerufen, weil Franz sterben muß,« schluchzte sie, »sag nur, sag's nur!«

Leopold aber schwieg, und Kosel wiederholte die tröstenden Worte, mit denen der Doktor, den man aus Wien hatte kommen lassen, sich gestern empfohlen:

»So lange noch Leben da ist, ist noch Hoffnung da.«

Dreimal vierundzwanzig Stunden, und jede Stunde eine Ewigkeit voll Leid, und die 361 Erinnerung daran den Herzen, die es tief und voll empfunden haben, unauslöschlich eingeprägt. Ein trübender Schatten für die Jungen, eine klaffende Wunde für die Alten, für die armen Tanten, denen ihr Dasein jetzt beinahe wie ein Unrecht erscheint. Was haben sie noch »da zu sein«, die welken dürren Zweige, wo die Blüte in Glanz und Schönheit vom Baume fällte

Sie ruhten und rasteten nicht, sie wachten jede Nacht, sie machten sich zu Handlangern der Handlanger. Wenn Franz im Halbschlaf einmal flüsterte: »Die Tanten, die guten Tanten,« ergriff sie eine überschwengliche Dankbarkeit, aber unnötig oder mindestens entbehrlich kamen sie sich doch vor.

Kosel irrte wie verloren umher und sagte jedem, der ihm begegnete, ohne Ahnung, wen er vor sich hatte: »So lange noch Leben da ist, ist noch Hoffnung da.«

Immer wieder wurde Elika aus dem Sterbezimmer gebracht und immer wieder kehrte sie dahin zurück. Sie war überzeugt, daß Franz noch zu ihr sprechen werde, und wartete darauf angstvoll und sehnsüchtig. Einmal nannte er einen Namen, 362 den sie nicht verstand, und sie flüsterte: »Rufst du mich, Franz? Hast du mich gerufen?«

Er sah sie groß an und schwieg.

»Den Papa? den Leopold? Tante Renate, Charlotte?«

»Hanusch,« sagte er.

Hanusch wurde geholt. Man hatte lange nach ihm suchen müssen; er verkroch und verbarg sich scheu wie ein verwundetes Tier. – Um seinetwillen starb sein Herr, der ihm das Höchste war, er, für den er sich in Stücke hätte hauen lassen, starb um seinetwillen . . . Nein, er konnte ihn nicht sehen, er konnte nicht vor ihn hintreten. Er wollte liegen bleiben, wo er lag, in seinem Winkel, und auch sterben, wenn sein Herr starb. Mit größter Mühe bewog der Pfarrer ihn endlich, ihm an das Krankenbett zu folgen.

Als Franz ihn erblickte, erheiterten sich seine Züge, mit einem Lächeln grüßte der Sterbende den durch ihn, durch seine Kraft dem Leben Erhaltenen, und im letzten Kampf stählte ihn das Bewußtsein eines Sieges.

Es war am Morgen seines letzten Tages. Der Arzt hatte ihn hoch gebettet, er saß fast aufrecht, 363 den Kopf zurückgeworfen, Elika stand bei ihm und wischte ihm mit ihrem Tuche den Schweiß von der Stirn.

»Bist du da, Kleine?« fragte er.

Sie glitt leise mit der Wange über seine Haare: »Ich bin da, ich bin bei dir.«

Da öffnete er die Augen und hob den Blick fest und inständig zu ihr hinauf. Seine Stimme hatte fast keinen Ton, aber Elika verstand jedes Wort, das er sagte; es war das völlig Unerwartete. »Wir haben den Papa zu wenig lieb gehabt. Er ist gut, viel besser, als wir gewußt haben. Habt ihn lieb, du, Leopold und Josef.« Er schöpfte tief Atem, seine schweren Lider senkten sich: »Josef . . . daß ich den nicht mehr seh, ist doch schad . . .«

O die entsetzlichen Stunden, die noch nachkamen . . . das grausame, unentrinnbare Leiden . . . O die traurigen verstörten Menschen! . . . die ratlose Bestürzung im Hause, aus dem ein vielgeliebtes Kind sich anschickte zu scheiden.

Ehe die Sonne im Scheitel stand, war es vorbei, und Elika hatte ein Sterben, hatte das schauerliche Wunder, mit dem ihre Phantasie 364 gespielt vom ersten Erwachen an, sich in seiner ganzen Furchtbarkeit vollziehen gesehen.

Da lag er nun, der junge Held, niedergestreckt von der Hand Gottes, und trug noch den trotzigen Ausdruck im wachsbleichen Gesicht, den sie so sehr geliebt und hinter dem eine unerschöpfliche Güte sich verborgen. Er hatte gelitten und nicht geklagt, nie ein Zeichen des Bedauerns in Anspruch genommen, er hatte das Mitleid verschmäht.

»Mein Franz, mein Franz,« flüsterte Elika. Die anderen waren gegangen, Vorbereitungen zu treffen zu all dem Herzzerreißenden, das noch durchgemacht werden mußte. Sie glaubte sich allein mit ihm und sprach zu ihm, als ob er noch lebte, und dankte ihm, als ob er sie hören könnte, für alle seine Nachsicht, Geduld und Liebe . . . Da plötzlich vernahm sie ein gewaltsam hervorbrechendes Schluchzen . . . Im Fauteuil neben der Tür saß ihr Vater, den Kopf auf die Brust gesenkt, und weinte. Ihr Vater, in dessen Auge sie nie eine Träne gesehen hatte, weinte und schluchzte.

Ganz langsam und schüchtern trat sie auf ihn zu und kniete bei ihm nieder. Wie einst 365 als kleines Kind stützte sie die Arme auf seine Knie und wußte wieder nichts anderes zu sagen als: »Armer Papa!«

Er richtete einen trüben, traurigen Blick auf sie. »Willst auch du von mir fortgehen? Hab ich lauter treulose Kinder?« fragte er.

Elika sprang auf und umklammerte seinen Hals: »Nein! Ich will bei dir bleiben und dich lieb haben und dein treues Kind sein.«

Mit einem zitternden Aufschrei streckte er die Arme aus und hob sie auf seinen Schoß, schloß sie an sein Herz und hielt sie lange an seine Brust gepreßt; er legte sanft seine Hand über ihre brennenden Augen. Die seinen blieben unverwandt auf den Toten geheftet. »Ja, Elika, ja, Kleine,« sagte er, »wenn sie jetzt da wäre, deine Mutter, und müßte das sehen. Gut für sie, daß sie nicht da ist . . . gut für sie.«

Aber nicht für ihn; sie wäre ja sein Trost gewesen.

Elika zog seine Hand an ihre Lippen: »Armer Papa.« Jawohl, sie hatten ihn zu einsam dahinleben lassen und ihn zu wenig lieb gehabt, der so vieler Liebe fähig war.

*

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