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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der angekündigte Reisebericht Josefs traf in Velice zugleich mit einem Briefe von ihm für Luise ein. Elika schickte ihn und kam ein paar Stunden später selbst nach Vrobek. Sie hielt Luisen die mit Josefs ungelenker Steilschrift bekritzelten Blätter entgegen:

»Lies! was für ein Mensch das ist! O, die Strapazen, die er ausgehalten, die Gefahren, die er bestanden hat. Und wie er das erzählt, als ob es gar nichts wäre und als ob jeder andre es auch könnte. Lies, und gib zu lesen! Wo ist sein Brief an dich? Darf ich um ihn bitten?«

Luise war rot geworden, zögerte einen Augenblick, griff dann entschlossen in die Tasche und reichte ihr das Schreiben hin: »Lies laut,« sagte sie, »es ist mir lieber,« und Elika las:

»Du sollst wissen, meine liebste Tante Luise, 347 daß ich mich ganz umsonst auf die Rückkehr meines Freundes Levin gefreut habe. Es ist bloß die Hälfte von ihm zurückgekommen und nicht die bessere – nur sein Futteral. Dieses reitet täglich drei Pferde müd, inspiziert Wollstationen, ißt, trinkt, schläft gewohnheitsmäßig, die Maschine funktioniert. Anwandlungen von Schlottrigkeit stellen sich freilich ein, wie natürlich bei einem Wesen ohne Seele, ohne höhere Interessen. Alles, was die ausmacht, hat Levin unterweges irgendwo sitzen lassen.«

Nun folgte eine Dithyrambe auf Australia felix und ein besonders begeisterter Hymnus auf Neusüdwales, auf die Felsentore und Buchten seiner Küsten, auf seine zauberhaften Waldlandschaften, auf die Wunder der blauen Berge und die unerschöpflichen, erhabenen und lieblichen Schönheiten des Murraytals. Das Klima Südfrankreichs im Sommer und das Kairos im Winter . . .

»Kein treues Bild,« sagte Elika, »ein Bild ohne Schatten, und wie dunkle und furchtbare gibt es dort!«

Luise war der selben Meinung. »Gewiß, die 348 übergeht er mit Schweigen,« sagte sie. Ihr Blick ruhte gespannt auf den beweglichen Zügen Elikas, deren Stimme immer leiser wurde, während sie fortfuhr:

»Und in einer solchen Natur, einer so paradiesischen Welt geliebt und vergöttert werden, müßte doch noch viel schöner sein, als sich zum Beispiel in Vrobek anbeten zu lassen. Wem dieses Los beschieden sein könnte, weißt du, Tante Luise. Du könntest einen Menschen, der zu allem Guten und Tüchtigen angelegt gewesen ist, den aber das Leben aus der Bahn gestoßen hat, und der sich in der Irre sehr unglücklich fühlt, wieder ins Geleis bringen. Überlege, ob du, was du tun könntest, nicht tun solltest, liebe Tante Luise. Ich gebe meinen Segen dazu, und das ist schön von mir.«

Elika hatte ihre Hand mit dem Briefe auf ihren Schoß sinken lassen und starrte zu dem Blatt nieder. »Hat er nicht recht, mein Josef? Ist das nicht großartig schön von ihm, daß er dir so schreibt? . . . Niemand auf der ganzen Welt ist so großartig wie er!« Sie schwieg und setzte erst nach einer Weile, ohne die Augen zu 349 erheben, hinzu: »Wirst du diesen Brief den Tanten zeigen?«

»Ja.«

»Und wirst du ihn beantworten? Und wann? . . . Und was wirst du antworten?«

»Ich weiß es nicht, glaube mir, daß ich es nicht weiß.«

»Wenn du aber schreibst, wirst du mir dann sagen, was du geschrieben hast?« fragte Elika nach einer abermaligen langen Pause.

»Ich werde es dir sagen, Kind, ich verspreche es dir,« erwiderte Luise und sah der Kleinen liebevoll beschwichtigend in die zweifelnd und bang auf sie gerichteten Augen.

Eine halbe Stunde später fuhren sie zusammen nach Velice in dem hübschen, kleinen Kutschierwagen, den Leopold vor seiner Abreise der Tante verehrt hatte. Hansl war von allem Anfang an prächtig in der Gabel gegangen, und ihn zu lenken, machte der armen Kleinen, trotz der tiefgedrückten Stimmung, in der sie sich befand, doch einiges Vergnügen. Kein großes und kein andauerndes, wie sich von selbst versteht. Die momentane Heiterkeit flog über ihr 350 kummervolles Herz, wie ein lichter Falter an einem dunklen Wolkenhintergrund vorüberfliegt. Hätte Josef ahnen können, was er ihr mit seinem Brief an Luise angetan! Wie verstoßen sie sich vorkam aus jedem Bereich des Glückes und der Freude auf Erden! Ja, verstoßen war sie und beraubt um eine im tiefsten Heiligtum ihrer Seele glimmende Hoffnung, so wundervoll und himmlisch, daß sie nie in Erfüllung zu gehen, nur still und ungetrübt fortzuleuchten brauchte, um ein ganzes Leben schön zu machen.

Die Ihren quälten sich in erneuten Sorgen um sie. Seit einiger Zeit war sie wieder mehr denn je die arme Kleine, obwohl noch im letzten Jahr so rasch aufgeschossen, daß sie beinahe die stattliche Größe Tante Renatens erreicht hatte. Dabei überschlank und überzart und oft leidend, ließ sie sich immer noch gern bedauern. Besonders von ihrem Bruder Franz, dem sie nie versäumte zu klagen, daß sie Herzklopfen gehabt habe. Er blickte sie dann jedesmal so eigentümlich und bekümmert an, strich ihr über den Kopf und sagte:

»Arme Kleine, kränke Sie sich nur nicht.«

351 Der Doktor behauptete zwar, daß ihr Herzklopfen gar nichts zu bedeuten habe; sie wußte das aber besser und trug sich, besonders zu Beginn ihres sechzehnten Jahres, mehr denn je, mit Todesgedanken. Sie machte auch ihr Testament, in dem Bornholm mit einem Ring und mit einigen Versen bedacht war, die ihm Elikas innige Liebe offenbarten. Nachdem ihre letztwilligen Anordnungen getroffen waren, versöhnte sie sich mit der Wahrscheinlichkeit, die ja doch vorhanden war, dem Leben einstweilen erhalten zu bleiben. Bis zu Josefs Rückkehr und ein bißchen drüber hinaus, ein halbes Jahr etwa. Um die Freude des Wiedersehens sollte er nicht gebracht werden, die möge der gnädige Himmel ihm noch gewähren.

*

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