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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Gedanken der beiden Tanten waren einmal wieder mit einer und derselben Sache beschäftigt. Sie lag, sozusagen, auf der Hand und gehörte zur großen Familie des Selbstredenden, das früher oder später zu Worte kommt, dem aber eine kleine diskrete Nachhilfe manchmal auch nicht schadet. Dieses Selbstredende war, daß Felix und Luise ein Ehepaar werden müßten. Er sollte nicht für den Rest seines Lebens ein Witwer bleiben, und Luise, so geschaffen, das Leben eines edlen Mannes reich und schön zu gestalten, sollte nicht ein altes Mädchen werden. In Felix durften ähnliche Erwägungen wohl schon aufgedämmert sein, und mehr als einmal hatte er angefangen, seiner anmutigen Verwandten den Hof zu machen. In seiner Art natürlich. Geschmachtet oder gestürmt hatte er nicht, sondern immer nur plötzlich entdeckt, daß es sich gehöre, Luise oft zu besuchen und sich ihr in ihrer kleinen 343 Ökonomie nützlich zu machen. Das letztere vergaß er aber regelmäßig und auch das erste nur zu bald, und so geriet die Angelegenheit immer wieder ins Stocken.

Einige Monate nach der Abreise Bornholms trat – ohne Zweifel infolge einer ›kleinen diskreten Nachhilfe‹ – ein neuer Aufschwung ein.

Luise hatte die leise Schwermut überwunden, von der sie eine Zeitlang befangen gewesen. Im Hause Kosel wurde Levin in ihrer Gegenwart nie mehr genannt, und auch sie erwähnte seiner nicht. Trotzdem waren die Tanten überzeugt, daß sie ihn in Erinnerung bewahre und wahrscheinlich immer bewahren werde. Er wird für sie das Interessante, das Exotische bleiben, der ungewöhnliche Mensch, in den man sich allenfalls verlieben kann, den man aber nicht heiratet.

»Das Gegenteil von Felix,« fiel Charlotte in diese Worte ihrer Schwester ein, und Renate versetzte:

»So ist es.«

Sie feierten beide in aller Demut stille Triumphe, wenn sie ihren Neffen jetzt täglich um 344 zehn Uhr vormittags in jedem Wetter aufs Pferd steigen und Vrobekwärts traben sahen.

Es vergingen wieder ein paar Monate, und Renate sprach zu Charlotte: »Hast du bemerkt, bestes Herz, wie liebreich er sie gestern angeschaut hat?«

»Darauf,« erwiderte Charlotte, »ist kein großer Wert zu legen. Er schaut auch mich liebreich an, wenn er gerade an eine Zeitung oder an eine Papiermühle denkt. Er hat einmal eine so liebreiche Zerstreutheit. Und gestern, ich muß es dir doch sagen, hat die arme Luise mir gestanden, daß er ihr mit seinen langen Vormittagsvisiten mehr Zeit raubt als er verantworten kann, und dabei eine Portion Langweile produziert, die alle Begriffe übersteigt.«

Renate fühlte sich ein wenig verletzt: »Amüsant ist er freilich nicht; aber geliebtes Herz, wer heiratet denn, um sich zu amüsieren? Das ist doch nicht der Zweck der Ehe. Übrigens werde ich noch heute mit ihm sprechen.«

Sie tat es, und das wurde der denkwürdige Tag, an dem Felix seine Cousine Luise fragte, ob sie seine Frau werden wolle: »Die Tanten 345 meinen,« setzte er hinzu, und seine rosenroten Wangen bekamen einen Stich ins Purpurfarbige, »daß du die beste Frau für mich sein wirst.«

Luise sah ihn freundlich und gelassen an und reichte ihm beide Hände. Er ergriff sie nicht, er legte nur die kühlen, schlanken Finger seiner Rechten in diese kleinen, feinen Hände, und seine Züge hatten den Ausdruck schüchterner Verwunderung, den sie so oft annahmen. Luise hielt seine Finger fest und streichelte sie:

»Lieber Felix, sind wir nicht gute Freunde von Jugend auf und ist das nicht etwas Vortreffliches? Soll man am Vortrefflichen etwas ändern wollen?«

Er fand nicht gleich eine Antwort. Nach einer Pause erst kamen die zögernd gesprochenen Worte: »Gute Freunde können wir ja bleiben, auch wenn wir heiraten . . . und die Tanten meinen, du wärst die beste Frau für mich.«

»Ich meine das nicht,« erwiderte sie, »und du selbst . . . Die beste Frau, die es für dich geben konnte, hast du verloren, mein armer Felix.«

Er nickte zustimmend und atmete tief auf: »Die hab ich verloren, ja!« und nun war er's, 346 der ihre Hand ergriff und herzlich drückte. »Die hab ich verloren,« wiederholte er, erhob sich und ging wie im Traum der Tür zu. Dort blieb er stehen, wandte den Kopf und sprach: »Sag du das auch den Tanten.«


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