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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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340 Wieder war es Herbst geworden. Überlang ließ eine Nachricht von Josef auf sich warten. Alle waren besorgt, keiner wollte es zeigen, keiner die Besorgnisse der anderen wecken. Endlich, knapp vor Leopolds nun unwiderruflicher Abfahrt nach Wien, kam die bündige Kunde: »Wir sind alle gesund, Reise erfolgreich, ausführliche Nachricht folgt bald. Ausführlichste übers Jahr, die bringe ich euch selbst. Euer Josef.«

Als Leopold vor der Abreise seine Abschiedsbesuche machte bei den Würdenträgern und bei den Hausgenossen, begleitete sein Vater ihn überall hin. Er wünschte offenbar etwas von ihm, sprach es aber nicht aus. Erst als Leopold sich aus den Armen Apollonias gerissen hatte, die ihn zwar nicht losließ, aber fortwährend rief: »Geh, mein Goldkind, geh, ich komme ja noch zum Wagen!« sagte Kosel:

»So also, so, und jetzt zu deiner Mutter!«

»Da war ich schon, Papa, da war ich zuerst.«

»Ja, zuerst? . . . das ist also ganz recht,« und mit einer Wärme, die er selten verriet, klopfte er ihm auf die Schulter.

Der Phaeton fuhr vor, der Hof füllte sich 341 mit Getreuen, die Leopold noch einen Gruß zurufen wollten. Nun fiel es Herrn von Kosel ein, daß er ja seinen Sohn auf die Station begleiten könne:

»Ja, komm, komm!« rief Leopold. »Lebt wohl, alle, alle! Auf Wiedersehen!« Sein letzter Blick, sein letzter Wink galt der armen Kleinen, die regungslos dastand und wartete, bis der Wagen hinter den Gebüschen des Parks verschwand. Dann rannte sie hinauf und ans Fenster ihres Zimmers, und sah ihm nach, so lange er auf der Straße noch zu erblicken war.

Auf Wiedersehen, ja – so Gott will! Das war keine Trennung wie die von Josef, aber ein Abschnitt im Leben, ein Scheiden aus dem Vaterhause war's. Zu Besuch wird er kommen, aber daheim sein bei ihnen nicht mehr!

»Adieu!« rief sie hinaus, dem kleinen, schwarzen Punkte nach, der jetzt noch einmal auf der steilen Anhöhe der Bahnhofsstation zum Vorschein kam. Nie, niemals wird sie vergessen, wie ihr zu Mute war, als sie den kleinen, schwarzen Punkt nicht mehr sehen konnte. Kein Ereignis des späteren Lebens, kein Schmerz, kein Glück wird den Eindruck je verwischen, den sie damals empfing. O, welch ein Herz voll Liebe fuhr ihr davon über die Berge!

*

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