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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Programm, das Leopold und Franz für den Regentag entworfen hatten, wurde nicht eingehalten; die à la guerre-Partie blieb aus. Elika hatte einen langen Brief von Josef bekommen, und Bornholm brachte einen nicht viel kürzeren mit, der für ihn eingetroffen war. Josef kündigte die Ankunft neuer Sendungen an. Sie waren dieses Mal für Velice bestimmt. »Packt sie aus, Kinder,« schrieb er an die Geschwister, »putzt meine Zimmer und, wenn es euch freut, auch die euren mit Kriegerschmuck aus 318 Südaustralien aus. In zwei Jahren, in einem Jahr vielleicht, bin ich wieder da und bewundere euer Werk. Nebenbei führe ich dem Papa, wenn er's erlaubt, die Wirtschaft und möchte euch nur alle wiederfinden gesund und glücklich, und die Jungen älter und die lieben guten Alten jünger geworden.«

Dann kündigte er an, daß längere Zeit vergehen werde, bevor wieder eine Nachricht von ihm in die Heimat käme. Wenn seine Briefe in Velice und Valahora gelesen würden, wo war er da? Er wußte es jetzt selbst noch nicht. Ein englischer Naturforscher unternahm in einiger Zeit, gut begleitet und ausgerüstet, eine Expedition in das Innere des Landes und hatte Josef aufgefordert, sich ihm anzuschließen. Er ließ sich das nicht zweimal sagen.

Wieder eine große und gefahrvolle Reise! Die Damen seufzten sorgenvoll, den beiden jungen Herren brannten die Köpfe. Was für ein bevorzugter Mensch war doch ihr Josef. Sie gönnten ihm von ganzer Seele sein Glück, hätten aber gar zu gern nicht bloß in Gedanken daran teilgenommen.

319 Heute war nur noch von ihm die Rede, von Abenteuern, die Bornholm und er miteinander bestanden hatten, und in denen Levin die führende Rolle immer seinem Freunde zuwies. »Josef kann und versteht alles,« sagte er, »hat eine beneidenswerte Gabe, die Eingeborenen zutraulich und sogar anhänglich zu machen. Mit Tieren umzugehen habe ich erst von ihm gelernt.«

»Hansl,« sagte Elika leise.

»Er hat zuwege gebracht, was noch keinem vor ihm gelungen ist, er hat einen Beutelmarder gezähmt. Zwei Dingos gehorchen ihm, wie Ihnen Ihre Jagdhunde, schlafen vor seiner Tür. Merkwürdige Tiere, schweigende Kämpfer, haben keinen Laut für den gräßlichsten Schmerz und erheben manchmal des Nachts ohne scheinbaren Grund ein höllisches Geheul. Vielleicht gewöhnt er ihnen das auch noch ab mit seiner Strenge, seiner Geduld. O, man kann von ihm lernen! Er ist in noch ganz anderen Dingen mein Lehrmeister gewesen. Der seine aber war der Abscheu vor der unmenschlichen Grausamkeit der Europäer gegen alle lebendigen Urbewohner des 320 ältesten, von den ›Segnungen‹ der Zivilisation am längsten verschonten Weltteils. Ja, wenn es mehr solche gäbe wie Josef . . . Doch sind ja seinesgleichen, der beliebten Phrase nach, nur zur Bestätigung der Regel da.«

»Sie haben ihn ins Herz geschlossen, unsern Josef,« sagte Luise später zu Bornholm. »Der ist Ihnen, ich wage jetzt das Wort, das Sie vorhin in Harnisch brachte, sehr lieb geworden.«

»Ich habe es eine Zeitlang selbst geglaubt, ich habe mir sogar eingebildet, daß der Abschied von ihm mir schwer geworden ist und daß der brave Bursche mir abgehen werde. Irrtum! Es war, wie es bei mir immer ist – aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn man jemand lieb hat und ist von ihm getrennt, müßte man doch, scheint mir, manchmal denken: Schade, daß er dies und jenes nicht mit ansieht, nicht mit erlebt . . . Nun, gestern habe ich darüber nachgedacht, warum mir das in Bezug auf Josef nie eingefallen ist.«

»Sie haben sich vielleicht nur keine Rechenschaft davon gegeben.«

»Was – Rechenschaft? Ich weiß doch, wessen 321 ich mich besinne. Nein, in mir schlägt keine Neigung Wurzel, das ist vorbei oder ist vielmehr, bevor es sich entfalten konnte, im Keim vernichtet worden. Halten Sie mich nur ja nicht für mehr als ich bin, sonst erleben Sie eine bittere Enttäuschung und wenden sich, noch ehe ich von hier wegziehe, von mir ab.«

Kurzsichtigkeit oder Egoismus? Wie ihr dann zu Mute sein werde, danach fragte er nicht. Er forderte sie nur auf, Geduld mit ihm zu haben, ihn zu zerstreuen, ihm wohlzutun. Wenn aber sie nach Frauenart für den, der ihrer bedurfte, dem ihr Umgang ein Segen war, ein warmes Interesse faßte, ihn kümmerte und verpflichtete das nicht. Übers Jahr kehrte er nach seinem Australien zurück, und sie mochte sehen, wie sie mit sich fertig wurde . . . Hatte er auch für Elika kein Auge? Ahnte er nichts von dem, was in ihr vorging, nichts von der schwärmerischen Neigung, die das Kind ihm weihte? Ein gutes Wort, das er ihr gönnte, machte sie reich für Tage. Ließ er sich, was nun doch manchmal geschah, in ein Gespräch mit ihr ein, leuchtete das helle Glück ihr aus den Augen. 322 Die verwöhnte, von allen auf Händen Getragene floß über von Dankbarkeit für ihn, wenn er sie nur nicht mißhandelte.

Die ersten Fröste kamen, man winterte sich ein. Der eifrigste Eis- und Schneesport wurde getrieben, und wenn Bornholm alle übertraf an Verwegenheit und Geschicklichkeit, triumphierte Elika.

»Ihr liegt an uns gar nichts mehr,« sagte ihr Franz bei einer solchen Gelegenheit ins Ohr, »ihr liegt nur noch an Bornholm.«

Kein Spaß, der vollste Ernst des guten Jungen. Er blickte sie finster aus seinen dunkelblauen Augen an und benetzte ein paarmal rasch nacheinander die vollen roten Lippen, die ihm trocken geworden waren, mit der Zunge.

Elika geriet sogleich in eine ihr selbst unerklärliche Empörung: »Wie dumm du bist, wie dumm! Du bist ein sentimentaler alter Bär.«

Er murmelte unverständliche Worte und ging seiner Wege, und sie wunderte sich wieder über sich selbst, weil ihr Zorn ihr so geschwind abhanden kam. Er war gestiegen wie eine Rakete und erlosch wie ein ausgeblasenes Kerzchen.

323 In den Augen ihres Franz, ganz tief drinnen, war etwas verschleiert Schmerzvolles gewesen, das ihr Gewissen rührte und ihre Zärtlichkeit wach rief. Sie eilte ihm nach, faßte ihn beim Ärmel, schüttelte ihn und sagte: »Alter Franzl, guter, alter, dummer Franzl.«

»Dumm du selbst,« war seine Antwort. Er gab sie ihr über die Achsel, recht von oben herab, aber wie ein Hauch unendlicher Liebe kam mit diesen Worten und mit diesem Blick über sie geströmt. Zwischen ihnen war alles wieder, wie es sein mußte, wenn sie Freude am Leben haben sollten.

Sie hat später die Regung gebenedeit, die sie damals antrieb, ihm nachzulaufen und in ihrer Weise zu versichern: »Wir bleiben die alten, wir zwei.«

Im Grunde waren alle Herren von Kosel eifersüchtig auf Bornholm und konnten doch der Anziehung nicht entrinnen, die er auf sie selbst ausübte. Sie hatten sich schon an ihn gewöhnt und hatten eine größere Sympathie für ihn, als sie selbst wußten.

»Er ist der einzige, der euch malträtiert, das 324 macht ihn euch unentbehrlich,« behauptete Charlotte. »Jeder Mensch hat das Bedürfnis, manchmal malträtiert zu werden.«

Leopold war anderer Meinung: »Unentbehrlich ist er mir gerade nichts aber ich ertrage ihn und seine Launen, weil ich die Überzeugung habe: Wenn ich in eine schwierige Lage geriete, von allen verlassen wäre, auf ihn könnte ich zählen, der stände zu mir.«

»Schon aus Trotz gegen die Mehrheit,« bemerkte Heideschmied. Er fürchtete Levins Einfluß auf die jungen Leute und ließ, aus erziehlichen Gründen, möglichst oft ein absprechendes Wort über ihn fallen.

Eine stille Gönnerin hingegen hatte Bornholm an Tante Renate. Ein Zipfelchen vom Mantel der christlichen Liebe hatte sie immer zur Hand, um es über seine Fehlerhaftigkeit zu breiten. Sie hielt ihn für einen Verirrten, nicht für einen Verlorenen. Sie betete für ihn.

Noch ein wahrhaft Frommer hatte nie ein Wort der Verdammnis des Religionslosen, und das war der alte Herr Pfarrer. Ihm gegenüber blieb Bornholms Benehmen immer gleich 325 zuvorkommend und ehrerbietig. Eine und dieselbe Erinnerung ergriff beide mit großer Macht, wenn sie einander trafen, die Erinnerung an die Sterbestunde der Mutter Levins. Für diesen lagen durchstürmte Jahre dazwischen, eine lange, nutzlos vergeudete Zeit, seine ganze, wüste Jugend, aber ein Blick in das Angesicht des greisen Priesters, und ein ergreifendes Bild erhob sich vor ihm. Er sah ihn am Lager einer Scheidenden stehen und ihr die letzte schwere Stunde in eine trostvolle wandeln, und ihre Todesbangigkeit in seligste Hoffnung und himmlische Zuversicht. Das vergaß er ihm nie; seine Dankbarkeit dafür war unerschöpflich, und der alte Herr, der ihm anfangs aus dem Wege gegangen war, überwand jetzt die Scheu, Anstoß zu erregen durch den Verkehr mit einem Menschen, der nie eine Kirche besuchte. Er brachte manchen Nachmittag bei ihm zu und machte sich nützlich beim Ordnen der Sammlungen, die Bornholm dem naturhistorischen Museum seiner nordischen Vaterstadt bestimmte.

Einmal ließ Bornholm, sonst die Pünktlichkeit selbst, ihn warten. Der geistliche Herr wurde 326 nicht ungeduldig, es war ihm fast lieb. Er hatte keine Eile, die Botschaft zu bestellen, die ihm aufgetragen worden war. Endlich kam Levin, heiß vom scharfen Ritte, von quälenden Gedanken sichtlich eingenommen. Mit ungewohnter Hast brachte er eine Entschuldigung vor. Er hatte sich, wie der in der alten Ballade, Ruhe erreiten wollen, es war ihm nicht geglückt.

So, ei, ei, Ruhe, du Armer, dachte der Pfarrer und lenkte vorerst das Gespräch auf die Verwendung der letzten großmütigen Spenden, die ihm Bornholm für die Armenanstalten in Valahora und in Vrobek zur Verfügung gestellt hatte.

Levin erinnerte den geistlichen Herrn, daß er ihn schon gebeten habe, mit dem Gelde nach eigenem Ermessen zu schalten. Nur eins sei zu beobachten: die Leute dürften nicht wissen, woher es kam. Bei ihrer Bigotterie wären sie imstande, ein Geschenk von ihm zurückzuweisen. Der Pfarrer leugnete es nicht. Diese Worte bauten eine Brücke zu dem, was er Bornholm zu sagen hatte, und er gestand, es sei schwer mit den Leuten und tiefbetrübend, was sie oft 327 als Verletzung oder als Erfüllung ihrer Christenpflicht ansähen.

»Ich habe heute ein Beispiel davon gehabt,« versetzte Bornholm mit bitterem Hohne. »Ich traf den Schullehrer und kündigte ihm für morgen meinen Besuch in der Schule an. Er verfärbte sich. Er hat ehrliche blaue Kinderaugen, dieser Schullehrer, und ein gutes, offenes Kindergesicht und dabei doch einen Zug um den Mund, der sagt: Ich habe schon auch meine Kämpfe bestanden . . . Sie erraten, was kommt, Hochwürden. Beschworen hat er mich, fern zu bleiben von der Schule, ein Ketzer hat in der katholischen Schule nichts zu suchen, würden die Eltern sagen.«

Der Pfarrer neigte den Kopf ein wenig zur Seite; aus seinen festen Zügen, die einen strengen Ausdruck anzunehmen vermochten, sprach jetzt nur Weichheit und ein inständiges Bitten: Verzeih, daß ich dir weh tun muß. »Gehen Sie also nicht in die Schule und, lieber Herr Bornholm, gehen Sie auch nicht mehr zu Fräulein von Kosel.«

328 Levin fuhr zurück: »Warum? . . . Was bedeutet das?« . . .

»Etwas Trauriges, lieber Herr Bornholm. Sie ist doch bestimmt, hier zu leben. natürlich, sie hat kein anderes Zuhause. Sie muß trachten, auszukommen mit den Leuten, das ist das Ganze, lieber Herr Bornholm. Wenn Sie aber alle Tage hingehen zu ihr, wie Sie leider seit Monaten tun, das macht ihr das Leben hier unter den Leuten schwer.«

»Oho, da werde ich doch . . .«

»Nichts werden Sie, lieber Herr Bornholm, weder in Güte noch mit Gewalt werden Sie. Der Haß gegen Sie ist ein Erbe, das Ihr Herr Vater Ihnen hinterlassen hat, und nach seinem Ableben ist von Ihnen aus nichts geschehen, um eine Versöhnung herbeizuführen. So hat sich immer mehr Groll aufgehäuft . . . Und so wird es, sehen Sie, sogar unseren Herrschaften übelgenommen, daß sie mit Ihnen umgehen. Wie nun erst einem alleinstehenden Frauenzimmer. – Lieber Herr Bornholm, so ungern ich's tue, geschehen muß es doch, und sagen muß ich Ihnen: Fräulein von Kosel ist 329 gestern am Tage Mariä Verkündigung vor der Kirchentür be . . .« er verwandelte das Wort, das auszusprechen er schon im Begriffe war, noch rasch in ein weniger starkes, »beleidigt worden. Einige Weiber fragten, was sie in unserer Kirche zu suchen habe – sie solle in die Ketzerkirche gehen . . . Fräulein von Kosel hat gestern an dem großen Feiertage der heiligen Messe nicht beiwohnen können.«

Bornholm hatte ihn, während er sprach, unablässig mit glühenden, zornsprühenden Augen angestarrt. Plötzlich beugte er sich vor, faßte die ineinander gefalteten Hände des Priesters und preßte sie mit solcher Gewalt, daß der Greis sich vor Schmerz auf seinem Sessel wand. »Und ich,« stieß Levin hervor, »und ich war heute bei ihr, und sie hat mir nichts davon gesagt. Begreifen Sie das, Hochwürden? Begreifen Sie diesen Heldenmut, diese Barmherzigkeit?«

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