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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Bleib bei mir, bis ich eingeschlafen bin,« sagte am Abend die Kleine zu Luise, die ihr beim Auskleiden behilflich gewesen war und sie zu Bett gebracht hatte.

»Ich bleibe, aber gesprochen wird nicht.«

»Kein Wort?«

»Nein.«

»Also kein Wort, nur eine Frage: Glaubst du, daß der Doktor ein guter Mensch ist?«

»Freilich glaube ich das.«

275 »Nun, wenn die Guten lügen und verleumden, will ich die Bösen lieb haben.«

Luise erwiderte nichts, setzte sich an den Tisch, nahm eines der Bücher, die dort lagen, und schlug es auf. Sie blätterte, las, sah nach dem Titel: »Buch der Lieder«. Sie wußte, daß es existierte, daß es berühmt war, in der Hand hatte sie es nie gehabt. Ihren Eltern blieb kein Geld übrig, um Bücher zu kaufen; und die Zeit, sie zu lesen, hätten sie ihrer Tochter am wenigsten schaffen können. Sie brauchten Luisens Zeit für sich, die ganze, legten Beschlag auf die Tätigkeit ihrer Tage, die Ruhe ihrer Nächte und spendeten ihr den herben Trost: »Es wird ja nicht lange dauern.« Es hatte auch wirklich nicht lange genug gedauert, um den Frühling in einer jungen Seele im Dienst des Alters völlig zu ersticken. Sie waren hingegangen, die armen Verbitterten und ewig Unzufriedenen, und ihre Einzige, die alles für sie getan, war mit der Empfindung an ihrem Grabe gestanden, daß sie ihnen nichts gegeben, immer nur von ihnen empfangen habe. Ihren Lebensmut hatten sie ihr nicht gebrochen, die stille und gleichmäßige Heiterkeit, deren sie 276 so sehr bedurfte, nicht getrübt. Die beiden hohen Güter waren ihr geblieben, ließen sie einer traurigen, einsamen Zukunft gelassen entgegensehen.

Sie hatte so viel Versäumtes nachzuholen, zu lesen, zu lernen. Wenn man denkt! mit diesem Buche, in dem eine Welt des Schönen ihr aufging, das eine Sprache sprach, wie sie noch keine vernommen, in ihrem Innern Saiten ins Schwingen brachte, die noch keine Regung durchzittert hatte, mit diesem Wunderbuche war die vierzehnjährige Elika wohl vertraut. Sie hatte fast auf jedem Blatt einzelne Stellen und Strophen angestrichen und mit haarfeinen Buchstaben schwungvoll an den Rand geschrieben: Herrlich! – Und man durfte sich ihrer Führung anvertrauen, sie verstand aus dieser Fülle des Reichtums das Kostbarste zu wählen.

Merkwürdiges kleines Ding! Luise wandte den Kopf und sah zu Elika hinüber. Die lag still, die Arme auf der Decke, und war hellmunter. »Du schläfst noch immer nicht?«

»Nein, lies nur weiter, ich werde noch lange nicht schlafen; ich muß nachdenken.«

277 Luise erhob sich, kniete am Bette nieder, stützte die Ellbogen auf und lehnte die Wange an die gefalteten Hände. »Worüber mußt du nachdenken?« fragte sie.

»Über diese Dummheit . . . Ist das nicht zu dumm?«

»Was denn?«

»Daß sie glauben, daß Herr Bornholm ihn verleitet hat. Herr Bornholm hat nichts gewußt, niemand hat etwas gewußt« . . . Die zwei Worte: nur ich, schwebten ihr auf den Lippen, sie sprach sie aber nicht aus. »Josef ist fort, weil er gewollt hat, nicht weil ein anderer gewollt hat. Er ist fort, weil . . .«

»Weil ihn die Buch- und Schulweisheit anwiderte.«

»Auch noch wegen etwas anderem. Ich habe es damals nicht verstanden, ich war zu klein – jetzt weiß ich es.« Sie richtete ihren Blick auf Luise und sah ihr tief und fest in die Augen: »Kannst du dir nicht denken, was das andere war?«

»Nein, gar nichts«

278 »Hast du auch nicht bemerkt, daß du mir einmal sehr zuwider gewesen bist?«

»O weh! Sieh nur, auch das habe ich nicht bemerkt.«

»Du bist mir zuwider gewesen, weil er immer so verlegen worden ist vor dir und so rot.«

»Ach geh! du träumst.«

»Nein. Und jetzt sage ich dir das andere, das ihn fortgetrieben hat.« Ihre Stimme hatte einen rauhen und gedrückten Ton: »Daß du ihn behandelt hast wie ein Kind und daß er dich lieb gehabt hat – geliebt hat, begreifst du?«

»Du bist nicht gescheit . . . Was das für Einbildungen sind! Schlafe deine Einbildungen aus.« Sie erhob sich: »Gute Nacht also.«

»Gute Nacht.« Elika erwiderte kühl ihren herzlichen Händedruck.

Luise trat an den Tisch, nahm das »Buch der Lieder«. »Du erlaubst doch?« sagte sie, löschte das Licht und verließ das Zimmer.


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