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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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50 Ein trauriger Tag auf Schloß Velice. Die Kleine hatte einen der Schwächeanfälle gehabt, die sogar Frau Apollonia Budik in Bestürzung versetzten. Aber Elika erholte sich und verlangte nach ihren Brüdern. Sie kamen und rauften miteinander um den besten Platz zunächst am Gitterbettchen der Schwester, was ihr zwar Vergnügen zu machen schien, von Frau Budik jedoch nicht lange geduldet wurde. Sie mußten sich alle drei schön in eine Reihe setzen, und Josef erzählte Geschichten, die Leopold und Franz über alle Begriffe dumm fanden, die aber der Kleinen gefielen. Sie hörte ganz zufrieden zu, bis sie einschlief.

Der schwere Augenblick, auf den man sich immer gefaßt machte und vor dem man immer zitterte, war einmal wieder in die Zukunft verlegt worden. Im Hause atmeten alle freier, als die Gefahr. in der das Leben des Kindes geschwebt hatte, glücklich vorüberging. Es wird noch trauriger werden, wenn sie fort sein wird. Man hat sich an den Anblick des blassen Geschöpfchens gewöhnt, die Kühlsten, die Gleichgültigsten fühlten eine warme, teilnehmende Regung, wenn sie an ihnen 51 vorbeigetragen oder vorübergeführt wurde in ihrem Korbwägelchen. Sie hatte etwas in ihrer Miene, das sagte: Seid gut mit mir, ihr werdet nicht mehr lange Gelegenheit dazu haben. Jedem flößte sie Erbarmen ein und machte niemandem Mühe. Stundenlang konnte sie in ihrer Gehschule sitzen, mit einer Puppe, einem Schächtelchen, einem Knäuel spielen, oder eine ganze Weile 52 hindurch laut- und bewegungslos mit geöffneten Augen vor sich hinschauen.

»Wie der Papa. Sie denkt auch, lauter gescheite Sachen,« sagte dann Frau Budik, deren Zuneigung für ihren Gebieter sich, nach dem Tode seiner Gattin, durch Mitleid verstärkt, zu einer Art Fanatismus ausbildete. »Sie würde gewiß ein eben solcher Engel und ebenso gescheit werden, wie er ist, wenn sie am Leben bliebe.«

Dem traurigen Tage folgte ein trübseliger Abend. Das Nachtmahl war vorüber, das Kindervolk schlafen gegangen; man hielt, was Charlotte die Orgie der familienüblichen Langweile nannte, im Schreibzimmer Kosels ab.

Renate saß neben dem Herrn Pfarrer auf dem Kanapee vor dem runden Tische und arbeitete an einem Wunderwerke der Strickkunst, einem Prachtkleidchen für ein beneidenswertes Dorfkind. Über ihr schönes, sanftes Gesicht glitt von Zeit zu Zeit ein Schatten resignierter Müdigkeit. Sie beugte sich vor, die schweren Lider fielen zu, aber nur einen Augenblick. Sofort hatte sie sich aufgerichtet und strickte bedächtig weiter. Der Pfarrer, ein alter, freundlicher Herr mit rundem, 53 slavischen Gesichte und kahlem Haupte, war nicht viel munterer. Er zog sehr oft die Tabaksdose aus der Tasche seines langschößigen Rockes und schnupfte ohne rechtes Bedürfnis und ohne rechten Eifer. Sein Gegenüber bildete Kosel und das Renatens die im stillen rebellierende Charlotte.

Ihr war jedes Talent zu Handarbeiten versagt, und doch hatte sie einen wahren Abscheu gegen den Müßiggang; stillsitzen und nichts tun verursachte ihr Pein, und diese Pein rief aggressive Gefühle gegen ihre Umgebung, natürlich nur die unbelebte, hervor. Gegen den faden, runden Tisch, auf dem die fadeste Lampe stand, unter deren grünem Schirm ein Hanswurst in Gähnkrämpfe verfiele! Gegen das ganze Zimmer, gegen die blaugrauen Überzüge der Möbel und die flachen, blanken Stahlknöpfe in den Stepplöchern! Hat man je etwas so Albernes gesehen wie blanke Stahlknöpfe als Möbelschmuck? Gegen den riesigen Schreibtisch, auf dem immer große Unordnung herrschte und an dem nie ein vernünftiges Wort geschrieben wurde. Ach Gott, nicht einmal ein unvernünftiges! . . . Langweile! Langweile! Sie kauerte auf aschgrauen Flügeln 54 oben an der Decke, und sobald Menschen eintraten in das Zimmer, das sie zu ihrem Wohnort erkoren hatte, ließ sie sich hinuntergleiten an den Wänden und fiel ihnen auf die Brust.

Nun suchte der Herr Pfarrer die Feindin zu bekämpfen und das Gespräch aufzufrischen. »Haben die Herrschaften schon gehört,« fragte er, »daß der Herr Bornholm einmal wieder angekommen ist aus Neusüdwales und in Valahora umgeht?«

»Sie sprechen von ihm wie von einem Gespenst,« erwiderte Renate, und Herr von Kosel, der Harmlose, der Schweiger, öffnete seinen Mund zu den unguten Worten:

»Wenn er nur schon eins wäre!«

Sein einziger Haß, dieser Herr Levin Bornholm, der ein Lotterleben führte, dieser moderne Frechling, der einen nicht grüßte, nicht an Gott glaubte, nie eine Kirche betrat. Er gehörte auch gar nicht hierher, war als Kind mit seinen Eltern vor fünfundzwanzig Jahren aus Schweden gekommen. Warum die Familie ausgewandert war, wußte man nicht und war voll Mißtrauen und auch voll Neid. Bornholm, ein rauher, 55 düsterer Geselle, schien wohlhabend und hatte Valahora, als es nach dem Tode seines letzten, zu Grunde gegangenen Besitzers unter den Hammer kam, viel zu billig erworben. In allem Anfang schon – Kosel setzte das umständlich auseinander – verfeindete sich der nordische Bär mit der ganzen Nachbarschaft, warf den Leuten Prügel vor die Füße, zettelte Grenzstreitigkeiten an.

Das Thema Bornholm war eines der wenigen, die Kosel mit Interesse ergriff und nicht wieder losließ. Die Schwestern wußten jeden Satz auswendig, der nun kommen, und daß der Herr Pfarrer nach dem Worte »Grenzstreitigkeiten« sagen würde:

»Bah, bah, bah! An den paar Streifen Feld ist ihm nichts gelegen. Er wollte Zank und Hader erregen und gemieden werden, daran lag ihm . . . Wegen der Frau!« Und nun richtete der gute Pfarrer seine Augen auf die Damen, und sein blinzelnder Blick machte sie aufmerksam: Geben Sie acht, jetzt kommt's: »Aus Eifersucht,« fuhr er mit geheimnisvoll gesenkter Stimme fort. »Es sollte ihr niemand in die Nähe kommen außer der alten Alwilde, der Dienerin, die sie 56 mitgebracht hatten. Er war eifersüchtig auf sein eigenes Kind, auf eine Blume, an der sie gerochen hat, auf ihren Seelsorger war er eifersüchtig. So ein Protestant!«

»Er Protestant, sie Katholikin. Daß sie ihn aber geheiratet hat, ich hab es nie begriffen,« sprach Renate, die immer im richtigen Augenblick in das Tonstück einfiel. »Arme Frau, sie hat gebüßt, sie hat viel gelitten.«

»Vielleicht doch nicht ganz unschuldig,« sagte Kosel, und der Pfarrer erwiderte eifrig:

»Verzeihung, ganz unschuldig!«

Sein Widerspruch blieb unbeachtet: »Ja, die Geschichte mit dem jungen Schweden, der plötzlich hier aufgetaucht ist, und den Bornholm geschwind wieder auf die Eisenbahn gebracht hat.« Auch Kosel hatte nicht das Bewußtsein, daß er gar Wohlbekanntes vorbrachte. Wenn er es aber gehabt hätte, würde ihn das nicht gehindert haben, einmal im Zuge, in seinem langsamen Tempo fortzufahren: »Sie sind zusammen abgereist, und als Bornholm zurückgekommen ist, hat er gehinkt. Hat eine Kugel in der Hüfte gehabt und zeitlebens behalten. Er hatte sich mit dem 57 Schweden duelliert und ihn erschossen, vermutet man. Gewiß ist nur, daß er seine Frau nachher bis zu ihrem Tod im Schloß gefangen gehalten hat. Ja, die Geschichte mit dem Schweden,« wiederholte Kosel und blickte so aufmerksam vor sich hin, als ob ein ganzes Panorama an ihm vorüberzöge.

»Er war ein furchtbarer Mensch, dieser alte Bornholm,« rief Charlotte. »Lassen wir ihn aber jetzt in Frieden ruhen.«

»Der Sohn ist, fürchte ich, ärger als der Vater,« murmelte Renate im Halbschlafe. In wachem Zustande würde sie eine solche Anklage nicht über die Lippen gebracht haben.

»Ich weiß es nicht, möchte es aber nicht glauben,« versetzte der Pfarrer. »Am Totenbett seiner Mutter hat er sich sehr gefühlvoll gezeigt. Man hätte freilich auch ein Stein oder – Gott verzeih mir's – der alte Bornholm sein müssen . . . Eine Märtyrerin . . . Als ich gerufen worden bin, um ihr die letzten Tröstungen zu spenden, war ich jung – jetzt bin ich alt. Bei einem Sterben wie dem ihren bin ich nie mehr gewesen. Kein Sterben – eine Himmelfahrt!«

58 »Aber die Geschichte mit dem Schweden,« sagte Kosel. Sein Gedankenapparat hatte eine Stockung erlitten; er war beim letzten Satz stehen geblieben.

Die große Pendeluhr am Pfeiler hob zum Schlagen aus: Freundin, schlag Zehn! rief Charlotte sie im stillen an; verkündige die Stunde der Erlösung! Die Angeflehte schlug, aber –was? Schnöde Neun und dann Eins. Ein Viertel nach Neun. Drei Viertelstunden hat man noch sitzen zu bleiben und zu tun, als ob es nicht anders sein könnte! Warum so tun? Weil's Hausgebrauch ist. – Was ist Brauch? Was erhebt sogar die blödsinnigste Einrichtung zum Brauch? – das sklavische und gedankenlose Festhalten an ihr.

O, den Mut haben, zu protestieren! »Nein« zu sagen zu der öden Tyrannei, sich zu erheben, Gute Nacht zu wünschen und in sein Zimmer zu gehen, wo die vielen Rechenbücher warten und wo es Arbeit in Hülle und Fülle gibt. Charlotte hat den Mut nicht und nicht die Kraft, die Ordnung der Dinge umzustürzen, aber sie hat anarchistische Gefühle, und die dämonische Macht, 59 die den Arm des Bombenschleuderers lenkt, brennt ihr auf der Zunge.

»Felix,« sagt sie plötzlich, »deine Buben brauchen einen Hofmeister.«

Die Wirkung dieser gesprochenen Bombe war sehr groß. Kosel blickte verstört um sich, überall Hilfe suchend gegen das Attentat Charlottens auf seine Selbstbestimmung und Selbstherrlichkeit. Wußte er nicht ohnehin, was jeder in seinem Hause brauchte? war nicht für alles aufs beste gesorgt? war die Einzige, die in derlei Angelegenheiten mitzureden gehabt hätte, nicht für immer verstummt? Traurige Verlassenheit, in der er sich befand, herzbrechende! Nun ja, sie war ja fort, die ihn geliebt, bewundert, und wenn geleitet, rücksichtsvoll und schonend geleitet hatte. Jetzt sollte nur so ohne weiteres Einfluß auf ihn ausgeübt werden.

Er bäumte sich auf. »Tante Renate! Herr Pfarrer!« rief er, »sind auch Sie der Meinung, daß meine Buben einen Hofmeister brauchen? Ist denn ihre Erziehung bisher vernachlässigt worden?«

»Vielleicht nur nicht genug überwacht,« 60 erwiderte Renate mit einem um Entschuldigung bittenden Blick. Und der Herr Pfarrer erklärte in seiner freundlich entschiedenen Weise, er fände, daß es Zeit wäre, einen Erzieher für die jungen Herren zu suchen.

»Suchen? Ja, suchen wäre freilich leicht. Aber wie sieht es mit dem Finden aus, um das es sich dabei doch handelt, einzig und allein?« . . . versetzte Kosel. »Suchen – finden! das sagt man so; welche Kluft jedoch zwischen suchen und finden liegt, bedenkt man nicht.«

Er vertiefte sich in teils ausgesprochene, teils unausgesprochene Betrachtungen über diese Kluft, bis die gute Pendeluhr zehn schlug und man schlafen ging.

Das Ende war, daß die Tanten suchten und der Neffe glaubte gefunden zu haben. Eines Tages erschien vor Kosel ein langer, hagerer, dürftig gekleideter Mann mit großem Kopf, großen Zügen und einer Fülle grauer, welliger Haare. Er überbrachte einen Empfehlungsbrief vom Herrn Landesschulrat, verneigte sich ehrerbietig und sagte etwas, aber so leise, daß es unmöglich war, ihn zu verstehen. Seine Stimme 61 und die knochige Hand, die nachträglich auch noch ein Paket Zeugnisse darbot, zitterte, und dieses Zittern war Herrn von Kosel schmeichelhaft.

»Setzen Sie sich,« sprach er und las den Brief des Landesschulrats langsam und aufmerksam durch. »Sie heißen Heideschmied, wie ich mit Vergnügen sehe,« begann er nach beendeter Lektüre und brauchte zum Glück keine Rechenschaft zu geben von dem Grunde seines Vergnügens.

62 »Wilhelm Heideschmied,« flüsterte der Angeredete beklommen.

»Und Sie wünschen die Stelle eines Erziehers bei meinen Söhnen zu übernehmen . . .«

»Ich wäre glücklich . . .«

»Und der Herr Schulrat empfiehlt Sie warm, ja, ja, warm,« bekräftigte Kosel. »Es freut mich, Sie gefunden zu haben. Aber, Herr Heideschmied . . .« Er warf einen Streifblick auf den schüchternen Mann, den ein Schauer nach dem andern durchbebte: »Meine Söhne sind wild, sehr wild.«

»Das ist recht,« lautete die überraschende Erwiderung, »das ist mir ganz recht; meine früheren Zöglinge waren auch sehr wild.«

»Dann werden Sie wohl eine gute Methode haben,« bemerkte Kosel und verbreitete sich ein bißchen und mit häufigen Wiederholungen über den Wert einer guten Methode. Heideschmied hörte andächtig zu, blieb immer gleich bescheiden und ehrfurchtsvoll, aber das Zittern legte sich. Es kam auch nicht wieder zum Vorschein, als Herr von Kosel ihn in den Sibyllenturm führte, 63 um den Damen den Erzieher vorzustellen, den er für seine Söhne gewählt hatte.

Die Schwestern waren gewinnend liebenswürdig, und als man in den Garten ging, um die »Buben« aufzusuchen, vertraute Renate Herrn Heideschmied an:

»Wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Meine Schwester hat Ihretwegen im Auftrage meines Neffen mit dem Herrn Landesschulrat in Korrespondenz gestanden.«

Auf die jungen Herren mußte ein Treibjagen abgehalten werden wie auf Hasen. Endlich kamen sie in Sicht. Josef und Leopold zu Pferde, Franz, ein Paar störrischer Böcke kutschierend.

»Steigt ab! steig aus!« rief Kosel. »Kinder, begrüßt den Herrn Hofmeister!«

»Gleich, Papa, gleich!« gaben sie zur Antwort und stürmten weiter. Heideschmied sah ihnen mit freudig leuchtenden Augen nach und sprach leise: »Es sind herrliche Kinder, ich liebe sie schon.«


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