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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bartolomäus legte die Kleine vorsichtig auf den Diwan, und während Luise ihr das durchnäßte weiße Kleidchen, die Schuhe und die Strümpfe auszog, holte er einen dicken Plaid Bornholms herbei, in den Elika gewickelt wurde. Sie weinte noch immer. Ganz leise jetzt, aus tiefstem, schwerverwundetem Herzen, in dem echt kindlichen, ätzenden Schmerz, der einem Gefühl von gräßlicher Verlassenheit entspringt: – Was wissen sie von mir, diese Erwachsenen, die so hart sind, so dumm und keinen Trost geben – und nichts können als nur sagen: »Weine nicht!«

»Weinen S' nicht,« wiederholte Bartolomäus zum zehnten Male. »Was weinen S' denn?«

»O Bartolomäus, mein Guter,« erwiderte Elika und brach, als sie zu sprechen begann, in neues Schluchzen aus, »rufe Herrn Bornholm . . . 223 Er soll mir wenigstens . . . wenigstens . . . von Josef erzählen . . . O Bartolomäus, mein Guter, ich werde sterben und meinen Josef nicht wiedersehen!«

Das war zu viel für den Alten; er nahm das Kleidchen, die Schuhe und die Strümpfe, würgte etwas von »Herd« und »trocknen« hervor und verließ das Zimmer.

Luise kniete bei Elika nieder: »Hast eine arge Enttäuschung gehabt, arme Kleine. Weine dich aus; das ist gut. Wird es bald gut sein? Was meinst du? . . . Wie deine Augen rot sind! . . . und wie deine Lippen brennen!« Sie wischte ihr mit dem Taschentuche die Tränen vom Gesicht, drückte ihre kühle Wange an den Mund Elikas, küßte und herzte sie, die sich ihre Liebkosungen in Gnaden gefallen ließ und immer nur zwischen zwei – nun doch schon trockenen – Schluchzern seufzte:

»Wann kommt denn Herr Bornholm?«

Der Ersehnte erschien endlich. Einen Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen, mit der Miene eines Menschen, der einen unangenehmen Eindruck empfängt; trat an den Tisch am Fenster 224 und legte eine Speerspitze und ein hölzernes Kampfmesser zu den Waffen, die sich dort befanden.

Wie böse der ist! Es verdrießt ihn, daß wir uns hier so häuslich eingerichtet haben, dachte Luise und sprach: »Wir werden Ihre Güte nicht mißbrauchen, Herr Bornholm. Wir wandern bald heim. Der Regen hat, scheint mir, fast aufgehört.«

»Schwer zu konstatieren von hier aus,« er deutete nach dem Fenster mit den wenig durchsichtigen Butzenscheiben. »Aber warum setzen Sie sich nicht?«

Luise nahm Platz in einem großen, altmodischen Fauteuil und Levin ihr gegenüber auf der Lehne des Diwans, bis zu der die Füßchen Elikas lange nicht reichten.

»Was hat Josef mir sagen lassen?« fragte sie. »Er hat mir gewiß etwas sagen lassen und dem Papa und allen.«

»Durch mich hat er Ihnen nichts sagen lassen,« erwiderte Bornholm und schlug gemächlich ein Bein über das andere. »Wir haben eine Partie ins Innere des Landes gemacht und uns 225 vor ungefähr sechs Wochen getrennt. Ich war damals noch nicht entschlossen, nach Europa zu reisen.«

Während er sprach, ließ er Luise nicht aus den Augen. Sein Blick glitt an ihr herab, von dem zerknitterten, weißen Krägelchen, das den Hals eng umschloß, an dem übereinfachen, dunkelblauen Perkalkleide, das bespritzt und feucht in schlaffen Falten an ihrem zierlichen Körper herunterhing, bis zu den beschmutzten Schuhen, auf denen er hartnäckig haften blieb.

Wieder glaubte sie sich entschuldigen zu sollen. »Ja, ja, ich seh's, mein Kleid trieft, meine Schuhe haben arge Spuren auf dem Fußboden hinterlassen. Bartolomäus wird mich verwünschen. Verzeihen Sie nur, Herr Bornholm.«

»Was denn?« unterbrach er sie. »Was liegt daran? Aber Ihnen läuft Wasser aus den Schuhen. Wollen Sie so nach Hause gehen?«

»Ohne weiteres.«

»Keine Angst vor Erkältung?«

»Nicht die geringste.«

Elika bemeisterte schwer ihre Ungeduld während dieses Zwiegesprächs. »Erzählen Sie 226 von Josef, Herr Bornholm!« rief sie mit dringendem Flehen. »Erzählen Sie!«

Er wendete den Kopf zu ihr und sagte gleichgültig: »Ich bin ein schlechter Erzähler, kleine Person.«

»So erzählen Sie schlecht, aber erzählen Sie doch . . . Was tat er? Hat er Pferde und Hunde? Wie ist er angezogen? Was bekommt er zu essen?«

»Hat er Ihnen denn das alles nicht geschrieben? So oft ich ihn in seiner Wohnung finde, finde ich ihn schreibend, und jedesmal sagt er: ›Ich schreibe nach Hause‹.«

»Das ist etwas ganz anderes, was er schreibt und was einer erzählen kann, der bei ihm war . .  Also, Herr Bornholm! . . . Also!« . . .

Ihr Drängen langweilte ihn, er verbarg es nicht. Die Antworten, die er auf ihre Fragen gab, wurden immer karger, jeden Satz ließ er sich mühsam erpressen. Sie hielt lange stand, ihre Ausdauer, ihre Geduld bewährten sich. Endlich aber waren sie doch erschöpft. Die sanften, schutzflehenden, um Liebe werbenden Augen der armen Kleinen sprühten Zornesfunken, ihre 227 bleichen Wangen flammten, sie bäumte sich auf und stieß in unbezwinglicher Empörung die Worte hervor:

»Sie sind böse! Ich glaube, daß Sie ein böser Mensch sind, der andern alles zuwider tut.«

Levin Bornholm, der Klotz, beantwortete ihre heftige Anklage mit einem unpassenden: »Je nun!« Der Angriff, den er erfahren hatte, machte ihm keinen Eindruck. Er sah Elika nicht einmal aufmerksamer an als früher, und als er sich wieder zu sprechen bequemte, sagte er zu Luise: »Sie haben nicht nur keine Angst vor nassen Füßen. Sie haben auch keine vor übler Nachrede.«

Luise machte große Augen zu dieser unerwarteten Apostrophe. »Da irren Sie. Üble Nachrede wäre mir sehr unangenehm.«

»Und trotzdem setzen Sie sich ihr aus?«

»Wodurch?«

»Dadurch, daß Sie hierher kommen, zu mir, den die öffentliche Meinung verfemt.«

»Not bricht Eisen – ich bitte abermals um Verzeihung, Herr Bornholm,« entgegnete sie 228 und sah ihn dabei mit einem sehr lieben Lächeln an.

Ihm war, als offenbare sich ihm eine Seele voll lauterer Heiterkeit, und eine verdrießliche Regung ergriff ihn. Wie beschränkt und gedankenlos muß man sein, um heiter sein zu können, überhaupt – und nun gar Die! Ist arm wie ein Digger und steht allein wie die Chamberssäule . . . »Haben Sie je von der Chamberssäule gehört?« sprach er plötzlich und mußte selbst lachen über das Unmotivierte der Frage, mit der er da hereinplatzte.

»Ich nicht,« erwiderte Luise; er kam ihr jetzt entschieden etwas verrückt vor.

»Aber ich!« Elika hatte sich allmählich von ihrem Zornesanfall erholt und mischte sich ins Gespräch: »Sie steht am Finkefluß und ist ein Monolith und das allerletzte Überbleibsel von einem Gebirge.«

»Richtig, kleine Person. Hat Josef Ihnen das geschrieben?«

»Nein, ich hab's gelesen. Josef hat zuletzt von der Regenzeit geschrieben. Die kommt ja bald, nicht wahr, Herr Bornholm?« Warte, 229 dachte sie. Jetzt erwische ich dich, jetzt wirst du mir doch erzählen! »Die Regenzeit muß traurig sein. Was tut Josef während der Regenzeit, Herr Bornholm?«

Er nannte sie im stillen eine schlaue Katze und antwortete obenhin: »Nun, allerlei.«

»Ich glaube,« fuhr sie fort, »daß er die seltenen Pflanzen trocknen wird, die er auf der ›Landpartie‹ mit Ihnen, die eine große Reise war, gesammelt hat, Orchideen und Stackhousien und solche Sachen, und ich glaube, daß er auch kleine Tiere und Vögel ausstopfen wird, was sehr grauslich ist. Finden Sie nicht auch, Herr Bornholm?«

»Wie man's nimmt. Ein Squatter hat vom ›Grauslichen‹ andere Begriffe als Sie.«

»So ist er ein Squatter? Er ist doch kein Squatter. Das sind Sie, und er ist nur bei Ihnen in der Homestation.«

»Sehen Sie, Sie wissen alles. Wozu fragen Sie?«

Nun genug! Sie wollte ihn nicht mehr fragen, gar nicht mehr, es lohnte nicht der Mühe. Die Antworten, die er gab, waren zu einsilbig 230 und läppisch. Sie wünschte sich fort von Valahora, auf zehn Meilen, auf hundert Meilen.

Wie eine kleine Mumie hatte sie dagelegen und zog nun mühsam einen Arm nach dem andern aus seiner festen Umhüllung. Ihr weißes Hälschen kam zum Vorschein, schmal und zart wie das eines siebenjährigen Kindes. »Der Plaid kratzt mich,« sagte sie, »er ist grob.«

»Wie sein Eigentümer, meint die ›arme Kleine‹,« ergänzte Bornholm, richtete die Worte aber nicht an sie, sondern an Luise.

»Gehen wir, Tante,« sprach Elika, und ihrer starken Willenskraft gelang's, ihrer Stimme einen reinen und sichern Klang zu geben. »Das Gewitter ist vorbei, und der Regen macht mir nichts. Bitte, rufe Bartolomäus, er soll mir meine Schuhe bringen.«

Levin stand auf. »Das besorge ich.« Er sah zum Fürchten streng und unwirsch aus und ging mit großen Schritten der Tür zu, und sogar der Anblick seines breiten Rückens hatte etwas Bedrohliches.

Bartolomäus kam herein, das Kleid Elikas und ihre Strümpfe auf dem Arm; in der Hand 231 ihre Schuhe, die er Luisen entgegenhielt: »Anziehn kann nicht, sind sie naß,« verfügte er.

Nach einigem Protestieren mußte das Kind sich bequemen, wohleingepackt in dem groben Plaid, von ihrem alten getreuen Eckart nach Hause getragen zu werden.

Die Karawane überschritt schon den Hof, als Bornholm aus dem Gang auf die offene Treppe trat. Er hatte sich doch noch verabschieden wollen bei Fräulein von Kosel. Sie war recht sympathisch trotz ihrer lächerlich verzärtelnden Affenliebe für das kleine Ungetüm von Nichte.

Aber die Gäste hatten Eile, sein Hans zu verlassen, sie schlugen ein rasches Tempo an. Zuerst Bartolomäus mit seiner leichten, sorglich getragenen Bürde. Der bissige Kettenhund in eine Wartefrau verwandelt – sehr lächerlich! – dann Luise, dann die Jungen Jedéns und Dvas, bellend, jappend, sich zeitweise überkugelnd.

Das Gewitter vergrollte langsam, der Regen hatte aufgehört. Luise erhob den Kopf und sah zum Himmel empor, an dem sich einzelne helle Streifen zeigten. Dann, schon im Begriff, um die Ecke der Hofmauer zu biegen, blickte sie 232 zurück, bemerkte Bornholm und nickte ihm freundlich grüßend zu.

»Keine Schönheit und auch nicht mehr ganz jung. Ungefährliche Nachbarschaft. Aber danken hättest du dürfen für ihren Gruß, australischer Rüpel,« sagte sich Levin.

*

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