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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Laufe des Vormittags kam Besuch aus Velice, am Nachmittag unternahmen Luise und Elika einen Spaziergang nach dem Walde von Valahora.

»Wir sollten auch ins Schloß,« meinte die Kleine. »Es ist dort hübsch gruselig. Man glaubt, jetzt und jetzt wird man in das schreckliche Zimmer des Blaubart kommen. Aber man 214 kommt nur in ganz natürliche Zimmer mit alten Kanapees und Sesseln.«

»Woher weißt du das?« fragte Luise. »Du warst nie in Valahora; es ist euch ja verboten, hinzugehen.«

– Nun – – ihre Brüder und sie gingen doch hin. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraute sie's der Tante an. Neulich erst waren sie dort gewesen, hatten auf der Promenade Herrn und Frau Heideschmied gesagt: Spazieren Sie nur weiter, wir kommen schon nach, wir wollen nur die Hunde im Forsthaus besuchen, und waren nach Valahora gelaufen.

»Eine Lüge, Kind!«

»Nur eine halbe, nur eine viertel! Wir haben wirklich Hunde besucht, die schlimmen Wolfshunde von Herrn Bornholm, die Kinder von Jedén und Dva. Uns tun sie aber nichts. Und Bartolomäus, der so böse ist, tut uns auch nichts. Er nimmt mich und trägt mich im ganzen Haus herum, wenn ich will. Du wirst sehen, wie lieb mich der hat, der alte Bartolomäus.«

Sie plauderte eifrig, sie suchte Luisens Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie hatte längst 215 etwas bemerkt, das die Tante nicht merken sollte. Im Wetterwinkel stiegen Wolken auf, die von Zeit zu Zeit ein fahles Leuchten durchzuckte. Der übrige Himmel schimmerte in feurigem Blau, die Sonnenstrahlen stachen und brannten. Wenn ein so schreckliches Gewitter käme wie an dem Tage, an dem Josef das Haus verließ! Im Wald möchte sie von ihm überrascht werden, sich aber früher verirrt haben, die Nacht im Freien zubringen müssen. Das wäre eine Wonne! Das wäre! Herrlich stellte Elika es sich vor. In Australien würde Josef erschrecken, wenn er davon erführe.

Sie hatten die Anhöhe überschritten, die er zu umgehen pflegte, wenn er Luise heimbegleitete, und hinter der er dann am Gartengitter wieder zum Vorschein kam, um ihr ein allerletztes Mal Lebewohl zu sagen. Eine breite Allee von Lindenbäumen führte durch schöne, gute Felder, die einst zu Vrobek gehört hatten und dann vom Ankömmling aus Schweden erworben worden waren, bis zum Walde.

An seinem Saume standen uralte Eichen. Kolosse mit riesigen Stämmen, schrundig und grau. 216 Einige, schon wipfeldürr, reckten trotzig ihr stolzes Geäst; andere, vom Blitz zerspellt und zu Tod verwundet, entfalteten noch an jungen Zweigen einen dunklen Blätterreichtum. Die Bäume ringsum, knorrige Linden, die Birke, die Jungfrau des Waldes, Buchen und Erlen schienen ehrfurchtsvoll zurückzuweichen vor dieser greisen Majestät. Nur niederes Gebüsch drängte sich in ihre Nähe, und Schlingpflanzen krochen an ihr hinauf mit kleinen, grünen Füßchen und sogen ihr Parasitenleben aus ihrer Rinde.

Er war schön, der von jeglicher Forstkultur verschont gebliebene Wald, in dem die Natur frei und ungehindert ihre göttliche Willkür walten lassen durfte. Steile, steinige Halden, von Wasserfäden durchrieselt, schilfumkränzte, dunkle Weiher, üppige Wiesen wechselten mit dicht wucherndem Gebüsch, düstre Nadelholzbestände, durch die man hinschritt wie auf einem Teppich von Atlas, mit Abhängen und Anhöhen voll Wurzeltrieben und Brombeersträuchen.

Die wunderbare Stille des Waldes, die lebendige Stille, in der das winzige Insektenvolk lautlos sein geschäftiges Wesen treibt, wurde 217 manchmal durch ein Vogelgezwitscher unterbrochen und durch ein Huschen und Flattern . . .

»Schau, ein Hase! . . . Schau, Rebhühner!« . . . flüsterte Elika. »Und dort im Gebüsch, schau nur, ein Reh!«

»Ich habe keine Ahnung, wo wir sind,« sagte Luise, etwas unruhig geworden. Elika behauptete, sich vortrefflich auszukennen, sie würden nun gleich auf einen Fußsteig kommen, auf dem man in ein paar Minuten zum Schloß hinauf gelange. Der Fußsteig zeigte sich aber nicht, vielmehr wurde der Wald dichter, unwegsamer, und plötzlich fuhr heulend und pfeifend ein Windstoß über die Wipfel. Die schlanken Bäume bogen sich, die mächtigen widerstanden, aber wie eine grollende Klage tönte es herab von ihren Kronen.

Luise wollte umkehren, den Weg nach Hause getraute sie sich zu finden: »Eilen wir!« rief sie, »es steigt ein Gewitter auf.«

»Es ist schon da!« erwiderte Elika. »Hast du den Blitz gesehen? . . . Und der Himmel über uns ganz schwarz!« . . .

Mit unglaublicher Schnelligkeit war es heraufgestiegen. Wie dunkle, kompakte Massen türmten 218 sich die Wolken, aus denen Feuerpfeile blendend niederschossen. Unmittelbar beinahe folgte ihnen ein dumpfes, schweres Rollen. Wenige Sekunden nur noch zwischen Blitz und Donner; das Gewitter stand senkrecht über dem Wald. Eine unbeschreibliche, atembeklemmende Spannung lag in der Luft. Noch fiel kein Tropfen Regen, und dieser schwere, wilde Kampf der Elemente glich einem ungeheuren und tränenlosen Schmerz.

»Nur heraus aus dem Walde! nur ins Freie, wir wollen zurück,« sagte Luise in peinlicher Angst um das ihr anvertraute Kind.

Dieses Kind aber, dieses unberechenbare, war von einem Übermutsrausche erfaßt: »O nein! weiter wollen wir. Wir sind ganz nahe von Valahora, sage ich dir, Tante. Der nächste Blitz wird es uns zeigen.«

Wieder lief sie voran, stieß aber plötzlich einen Schrei aus und taumelte. Einen Augenblick war alles rings um sie von grellem Licht blendend erleuchtet, der Boden zitterte. Mit hartem, knatterndem Gedröhn war ein Wetterstrahl an der höchsten Tanne herunter in die Erde gefahren.

219 »Um Gotteswillen, Elika!« Luise stürzte auf sie zu und riß sie an sich: »Es ist nichts . . . nichts geschehen . . . bist nur erschrocken, du arme Kleine!«

»Nur erschrocken, die arme Kleine,« antwortete statt der noch Sprachlosen spöttisch eine tiefe Männerstimme. Bornholm trat auf die beiden zu. »Kommen Sie heraus aus dem Wald. Was haben Sie beim Gewitter im Walde zu suchen?« Er wendete sich und winkte ihnen, zu folgen.

Zwei Hunde sprangen herbei; zwei Freunde, Jedén und Dva. Sie tupften mit den Nasen an die Hände und an das Kleid Elikas und wedelten diskret mit den Schwänzen. Die Freude des Wiedersehens laut zu äußern wagten sie nicht. Ihr Herr war da.

»Es ist Herr Bornholm,« flüsterte die Kleine kaum hörbar, und Luise fühlte den zarten Körper, den sie an sich gepreßt hielt, erbeben. »Ich erkenne ihn an seinen Hunden . . . O Jesus! Vielleicht ist Josef auch mitgekommen.« Sie erhob die Stimme, so laut sie konnte: »Herr Bornholm, ist Josef auch gekommen?«

»Nein,« erwiderte er, ohne sich umzusehen.

220 Sie waren auf dem Fußpfad angelangt, den Elika vorhin gesucht hatte und der zwischen hohem Gras und niederem Gebüsch steil zur Burg hinaufführte.

In Güssen strömte jetzt der Regen nieder; das Gewitter grollte weiter, und ein Wirbelsturm fegte den Wandernden kalte Duschen abwechselnd in den Rücken und ins Gesicht. So gut es ging, suchte Luise die Kleine vor dem Unwetter zu schützen, hüllte sie in ihr Tuch, spannte ihren Sonnenschirm über sie aus und kämpfte wacker mit dem Sturm, der sich seiner bemächtigen wollte. Es gelang ihm. Der Schirm flog über Bornholm hin und schlug ihm beinahe den Hut vom Kopfe. Er sah sich um und lachte:

»O weh! das schützende Dach ist fort; jetzt zerfließt das Zuckerpüppchen.«

Im Hof wurden sie von Bartolomäus empfangen. Sein mürrisches Gesicht verwandelte sich in ein bestürzt mitleidiges, sobald er Elika erblickte. Viel Worte machte er nicht, aber er nahm sie in die Arme und trug sie das steinerne Treppchen hinauf in den Gang.

221 »Is naß und kalt wie Fischerle, arme Kleine,« sagte er, »und weint.«

»Weil sie einen Spaziergang im Regen hat machen müssen,« versetzte Bornholm.

Elika bäumte sich auf: »Weil Josef nicht gekommen ist!« Mit einem Schrei rangen die Worte sich aus ihrer Kehle: »Weil Sie ihn dort gelassen haben, allein bei den Menschenfressern. Das ist schlecht von Ihnen!«

Sie schluchzte, sie umklammerte den Hals des alten Bartolomäus und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

Levin blieb ganz ungerührt. »Was glauben Sie denn, kleine Person?« sagte er. »Wenn Sie glauben, daß Josef einen Beschützer braucht, irren Sie, er ist selbst ein Beschützer.«

»Sie werden uns von ihm erzählen, Herr Bornholm,« fiel Luise ein, »wir bitten darum. Wir fragen aber auch: wollen Sie uns Gastfreundschaft gewähren, bis der Regen aufgehört hat?«

»Selbstverständlich, Fräulein von Kosel. Ich weiß, daß Sie es sind,« beantwortete er ihren 222 erstaunten Blick. »Josef hat Sie mir sehr treu geschildert.«

Er stieß die Tür seines Zimmers auf und schloß sie hinter den Eingetretenen.

*

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