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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Um diese Zeit war's, daß Apollonia sich als Heldin zeigte. Sie machte Elika den Übergang aus der Kinderstube ins Gouvernantendepartement so leicht als möglich. Langsam entwöhnte sie ihren Pflegling von all den kleinen Diensten, die sie ihm bisher geleistet hatte.

Sie zog sich unauffällig von ihm zurück und forderte die feinfühlige Frau Heideschmied bei jeder Gelegenheit selbst auf, ihre Stelle einzunehmen.

Die erste Nacht aber, in der Elika nicht mehr unter ihrer Obhut, sondern unter der der Erzieherin schlafen ging und – o Glück! in einem großen Bette – brachte Apollonia am leeren kleinen des Kindes weinend und betend zu.

Übrigens blieb alles unverändert, es 195 wurde nicht ein Sessel von der gewohnten Stelle gerückt. Herr von Kosel kam wie sonst zur bestimmten Nachmittagsstunde, setzte sich in seine Ecke und blickte in den Gruftgarten hinab. Apollonia nähte oder stickte Garnierungen für die Kleider aus schwerem oder leichtem weißem Stoffe, die Elika je nach der Jahreszeit trug.

Manchmal unterbrach sie sich in ihrer Beschäftigung und machte im stillen Betrachtungen über ihren Herrn. Die Leute lachen über ihn, weil er fast immer nachdenkt und nur selten redet. Wär's nicht eher zum Lachen, wenn er fast immer reden und nur selten nachdenken würde?

Einmal, als er ihr besonders verträumt vorkam, bemühte sie sich, ihn zu zerstreuen, und begann von ihrer gemeinsam verlebten Kindheit und Jugend zu sprechen, und wie gescheit das gewesen war von der gottseligen Frau Mama, daß sie Apollonia dazumal aus dem Hause entfernt hatte: »Ich dumme Gans hätte mich am Ende gar in Sie verliebt, gnädiger Herr, wie so viele im Schloß und im Dorf. Ja, es ist nicht anders! Am Sonntag in der Kirchen war alle Andacht weg, da haben sie sich gedrängt 196 und gestoßen, um nur recht weit vorzukommen und hinaufschauen zu können ins Oratorium, wo Sie waren mit der gnädigen Mama und den lieben Tanten.«

»Ach geh, Poli!« sagte Kosel und war doch etwas geschmeichelt. »Das bildest du dir ein. Ich habe nie etwas davon bemerkt.«

»Sie nicht! O, Sie gewiß nicht! Sie waren viel zu unschuldig dazu. Aber die gnädige Mama, die schon, und hat auch mit dem Herrn Pfarrer darüber gesprochen. Und der hat die Eltern von die Mädeln verwarnt, und die waren wütend und gar die jungen Burschen und die Männer, und ich glaub immer, viel von der Feindschaft der Leut gegen das Schloß stammt von daher.«

Mit den letzten Worten hatte Apollonia alles verdorben. Die heitere Stimmung, in die es ihr gelungen war, Kosel zu bringen, verwandelte sich in eine melancholische. Er seufzte schwer, und bange Ahnungen stiegen in ihm auf.

Wohin sollte diese Feindschaft noch führen? Durch Tätlichkeiten hatte sie sich seit längerer Zeit nicht mehr geäußert, aber sie gärte dumpf und verborgen weiter, und der Schullehrer nährte sie. 197 Fortwährend wurden Klagen beim Bezirksgericht eingereicht und waren meist lächerlich und sinnlos.

Einige Weiber, die man zum »Roßhaarzupfen« aufgenommen hatte, schwuren hoch und heilig, daß ihnen im Amtshause vergiftetes Bier geschänkt worden war. Die Quelle, die den Teich im Schloßgarten speiste und durch Bauernfelder lief, war in neue metallne Röhren gefaßt worden. Sie erregten die größten Bedenken. Es wurden ihnen allerlei für den Boden und für den Getreidewuchs schädliche Eigenschaften angedichtet. Unten im Dorf hatte der Blitz eingeschlagen. Natürlich. Wie soll er nicht einschlagen, wenn der Herr von Kosel oben auf seinem Schlosse einen Wetterableiter stehen hat – einen Ins-Dorf-Hinableiter. Dieser Hinableiter muß weg, und die Röhren müssen weg, und es wird geklagt, und weil's in einem geht, auch gleich wegen des vergifteten Biers!

Herr von Kosel begann an den Velicern zu verzweifeln und mit dem Gedanken an eine Auswanderung nach Neusüdwales zu spielen. Seinem Sohne ging es dort gut, warum sollte es nicht ihnen allen dort gut gehen?

198 Nach langer Zeit hatte Josef sich entschlossen, zu gestehen, daß er bei Levin Bornholm war. Auf der Besitzung seines Freundes, vier Tagereisen weit von Sidney. Er bat die Tanten, sich deshalb ja nicht zu beunruhigen, ja nicht zu glauben, daß Bornholm einen schlechten Einfluß auf ihn nehme. O nein! Levin sei nicht roh, wie die meisten Squatter, er behandle seine Untergebenen streng, aber gerecht, und sorge für sie. Bornholm hatte Herden von Tausenden von Schafen und führte einen großartigen Wollhandel. Josef genoß sein Vertrauen schon so sehr, daß ihm die Leitung einer Karawane übertragen worden war, die aus vielen mit Wollballen beladenen, mit je zwanzig Ochsen bespannten Wagen bestand. Einen davon kutschierte das Weib des Ochsentreibers. Nun planten sie eine Reise mit wissenschaftlichen Zwecken, Bornholm und er, und diese Art der Wissenschaft zu dienen, ließ Josef sich gefallen.

Ach, seine Geschwister begleiteten ihn im Geiste durch die märchenhaften Wälder, durch die Riffe, die Buchten, über die Flüsse Australiens. Sie erlegten mit ihm giftige Schlangen, 199 kultivierten Menschenfresser und kannten sich alle drei in der Geographie des fernsten Weltteils besser aus als in der ihres eigenen Vaterlandes. Herr Heideschmied, der Franz eines Abends auf die Pracht des Sternenhimmels aufmerksam machte und auf das feurige Blinken Arkturs, erhielt von ihm die Antwort:

»Was kümmert mich Ihr Sternenhimmel und Ihr Arkturs wenn ich nicht das Südliche Kreuz sehen kann!«

*

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