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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die arme Kleine - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie arme Kleine
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1903
firstpub1903
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleDie arme Kleine
pages387
created20081025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elika war unzufrieden mit ihrem Bruder Josef. Er kümmerte sich viel weniger um sie als früher, ihr Einfluß auf ihn verminderte sich. Wenn sie sonst geklagt hatte: »Josef, ich bin müde,« »Josef, ich hab Kopfschmerzen,« hatte er sie immer innigst bedauert. Hieß es aber gar: »Josef, ich hab Herzweh,« dann kam er um alle Seelenruhe. Hatte doch der Arzt in Wien den Ausspruch getan, Elika könne infolge ihrer Blutarmut herzleidend werden. Franz erfuhr es und erzählte es ihr, und seitdem bekam sie »Herzweh«, wenn ihr etwas Unangenehmes begegnete. Es war keine Lüge – sie sagte überhaupt keine Lüge. Das leidige Schmerzgefühl stellte sich wirklich bei der geringsten Veranlassung ein, 157 und sie versäumte nie, ihre Umgebung darauf aufmerksam zu machen.

Und dann war Josef unendlich besorgt und liebreich, und was sie nur wünschte, hätte er ihr bringen und verschaffen mögen.

Und jetzt machte sie oft ganz vergeblich ihre traurigsten Kopfschmerz- und Herzwehaugen, er bemerkte es nicht. Es fiel ihm auch seltener ein als früher, ihr etwas zu schenken, und sie kam sich dadurch sehr zurückgesetzt vor. Josef sollte nichts besitzen, das er ihr nicht gern dargebracht hätte.

Als Beweis seiner Liebe verlangte sie's, nicht aus Habgier; sie nahm, um zu geben. Wenn sie auch nicht wie er den »Schenkteufel« (Apollonias Wort) in sich hatte, gab sie doch ebenfalls gern, nur anders. Ihre Brüder besaßen die göttlich leichtsinnige Großmut, die schenkt, aus Freude am Schenken, sie gab mit Bedacht und bedauerte sich dabei, weil sie nun die oder jene Lieblingssache nicht mehr hatte. Sie brachte Opfer und erwartete Bewunderung, und Josef hatte ihr die seine bisher immer gezollt. In letzter Zeit freilich auch nicht mehr so warm wie sonst.

158 Elika kam sich beschädigt, beraubt, aus seinem Herzen verdrängt vor, und ein verläßlicher Spürsinn sagte ihr durch wen.

Wo brachte er jeden freien Augenblick zu? Von wem sprach er fortwährend, wenn er heimkam? Und was Elika nicht begreifen konnte und was sie verdroß und ihr lächerlich erschien: der ganze Mensch veränderte sich, wenn Tante Luise unerwartet ins Zimmer trat. Da bekam er ein anderes Gesicht, wurde verlegen bis zur Bestürzung, und seine Stimme klang gequetscht und fremd.

Was sollte das heißen? Was hatte das zu bedeuten? Sie wußte es nicht, aber es beleidigte und empörte sie, und sie ließ ihn bei solchen Gelegenheiten nicht aus den Augen. Unbarmherzig verfolgte ihn ihr spöttischer Blick, und er geriet oft in Versuchung, die Faust zu erheben gegen die boshafte kleine Kröte und sie niederzuschmettern. Aber dann, sobald sie bemerkte, daß er begann, die Herrschaft über sich zu verlieren, daß Gefahr drohe, neigte sie ihr Köpfchen zur Seite und sah hilflos drein, und der starke Josef war entwaffnet.

159 Daß sie von ihrer Bedeutung für ihn verloren hatte, ihm weniger wichtig geworden war, davon gab er sich keine Rechenschaft. Und würde man ihn aufs Gewissen gefragt haben, er hätte antworten dürfen: sie ist mir so lieb wie je. Aber sich viel mit ihr zu beschäftigen, war ihm nicht mehr möglich. Seine Seele war zu voll von Qual und Bitternis. Der Umgang mit seinen Geschwistern hatte allen Reiz für ihn verloren, ihre Freuden und Leiden, ihre Spiele und ihre Studien erschienen ihm kindisch.

Die anderen aber, die Erwachsenen, die waren blind; sogar sie, die das Ziel seiner Wünsche und der Inhalt seiner Gedanken war, die leidenschaftlich Angebetete, behandelte ihn wie einen unreifen Knaben, zu dem sie freundlich bemutternd sprach:

»Sei fleißig, Josef! Lerne, ich bitte dich, lerne! Ich habe dich so lieb, ich möchte gar zu gern auch stolz auf dich sein.«

Sie ahnte nichts von der Grausamkeit dieser Bitte. Er hätte alles für sie tun können, rauben, morden – aber lernen konnte er nicht.

Ihre Nähe fing an, eine Pein für ihn zu 160 werden, nach der er dürstete, ihre liebreiche Art war ihm ein Balsam, schlimmer als Gift.

Manchmal brachte er es über sich, einen ganzen Tag vergehen zu lassen, ohne Vrobek zu betreten, wo er sich notwendig und erwartet wußte. Dann kam Luise am Abend zu den Tanten und fragte: »Was ist mit meinem Getreuen? Warum hat er mich heute verlassen?«

Josef wurde gerufen und ließ sagen, er habe keine Zeit, er müsse studieren, oder er war schon im Augenblick, in dem Luise im Schloß erschien, auf und davon gerannt über Stock und Stein wie wahnsinnig. Sehr oft trieb es ihn wieder nach Hause zurück, er wartete im Garten auf sie und ging ein Stück Weges mit ihr, und dann noch ein Stückchen und immer noch ein Stückchen weiter. Entließ sie ihn am Ende des Waldes von Valahora mit einem herzlichen: »Jetzt aber gute Nacht, du Kind!« wie oft tat er da nur dergleichen, sich heimwärts zu wenden, umraste einen Hügel, der ihn vor ihr verbarg, und stand an der Tür des Hauses, wenn sie dort ankam, und sagte ihr ein zweites Mal Lebewohl.

161 Und nun mußte er erst recht hören: »Du Kind!«

Gegen Ende des Ferienmonats sagte Heideschmied:

»Lieber Josef, wir müssen nun wieder anfangen, ernstlich zu studieren. Es ist allerhöchste Zeit, dieses Mal müssen Sie durchkommen in der dritten Klasse.« Er blieb starr, als ihm Josef mit eiserner Ruhe, mit der Festigkeit eines unwiderruflich gefaßten Entschlusses erwiderte:

»Ich lasse mich nicht mehr prüfen, Herr Heideschmied. Es ist aus.«

»Josef, Josef,« stammelte Heideschmied traurig und leise. »Sie müssen studieren, mein armer Josef. Sie müssen die Matura ablegen. Sie werden doch nicht drei Jahre als gemeiner Soldat dienen wollen?«

Der Jüngling hatte ein verächtliches Achselzucken: »Und was weiter? . . . Zum Militär – lieber heut als morgen . . . . Kommisbrot würge ich hinunter, Ihre Ambrosia der Buchweisheit hole der Teufel!«

Heideschmied sah ihn betrübt an und meinte: »Sie sind heute sehr aufgeregt.«

162 Da warf Josef sich ihm in die Arme mit einer Wucht, die ihn wanken machte. Das Herz des Jünglings pochte wie mit Hammerschlägen an der Brust des alten Mannes, er schluchzte. »Ich schäme mich,« brach es aus seiner gewürgten Kehle hervor: »Ich ertrag's nicht mehr. Ich dank Ihnen, Herr Heideschmied, für alle Mühe, die Sie sich mit mir gegeben haben. Ich bitte Sie auch um Verzeihung, ich war im Anfang schlecht gegen Sie, ja, ja, schlecht und gemein, verzeihen Sie mir, Herr Heideschmied!«

Er stürzte aus dem Zimmer und ließ sich vor Abend nicht wieder blicken.

Luise war am Nachmittag nach Velice gekommen, kurz bevor ein schweres Gewitter, das seit Stunden drohte. niederging. Nach dem Souper wurde eingespannt, und sie fuhr in noch strömendem Regen heim. Das Gartentor war hinter dem Wagen geschlossen worden, der Kutscher bog eben im scharfen Trabe auf die Straße ein, als ihm ein herrisches »Halt!« zugerufen wurde. Josef stand da unter einem Baume. Beim Schein der Laterne sah Luise, daß er totenblaß war und daß seine Augen 163 düster flackerten. Plötzlich sprang er auf das Trittbrett und steckte den Kopf unter das Wagendach.

»Josef, mein lieber Junge,« sagte Luise und legte ihre Hand auf seine zerzausten Haare. Er nahm diese Hand, küßte und küßte sie. Durch den Handschuh fühlte Luise das Glühen seiner Lippen:

»Leb wohl – sehr wohl . . . Hörst du?« keuchte er, stand im nächsten Augenblick auf dem Boden und befahl dem Kutscher: »Vorwärts!«

Im Hause traf er Elika auf dem Weg nach ihrem Zimmer, lief ihr nach und flüsterte ihr zu: »Wenn Poli eingeschlafen sein wird, dann steh auf und öffne die Tür von deinem Lernzimmer. Ich muß dir etwas sagen, dir allein. Gib acht, daß Poli nicht erwacht.«

Apollonia brachte die Kleine zu Bett, löschte die Lichter und stellte den Schirm vor die Nachtlampe. Das Schlafzimmer Elikas lag zwischen dem der Wärterin und dem Wohnzimmer. Zu diesem gelangte man vom offenen Bogengange aus durch eine Doppeltür, die abends von innen verschlossen wurde. Kaum war das 164 geschehen, kaum hatte Apollonia ihr Gemach betreten und dessen Tür hinter sich zugezogen, als Elika sich aufsetzte und lauschte. Jetzt legte Dame Budik ihre Kleider ab, jetzt wusch sie sich und jetzt murmelte sie ihr Abendgebet, und Elika wußte jede Bewegung auswendig, die sie dabei zu machen pflegte, lächelte und dachte: Ich sehe mit meinen Ohren. Endlich, endlich! erhob Apollonia sich von ihren Knieen und ging zur Ruhe. Der Lichtstreif, der unter dem Türspalt sichtbar gewesen war, erlosch. Einige Augenblicke noch, und sie wird ein ganz klein wenig schnarchen, ganz lieblich, und Elika wird sich zur Gangtür schleichen und sie öffnen. Dann wird Josef kommen und ihr ein großes Geheimnis sagen. Etwas von der Prüfung gewiß und daß er nicht mehr lernen will. Was um Gotteswillen, soll geschehen? Was wird er tun? Was hat er vor? . . . O, nur das eine nicht! das könnte sie nicht ertragen, nicht überleben . . . Josef! Sie erschrickt, sie hat den Namen fast laut ausgerufen. Hält den Atem an, horcht. Gottlob, Poli schnarcht weiter. Elika darf's wagen. Sie steht auf, gleitet wie ein Schatten 165 durch das anstoßende Zimmer zur Tür, dreht den Schlüssel im Schloß und kriecht dann wieder in ihr Bett zurück.

Gleich darauf stand Josef vor ihr. Unhörbar, in Socken war er gekommen, hatte seinen alten Lodenanzug angetan, trug seinen alten Lodenhut, einen Knotenstock und seine Schnürstiefeletten in der Hand, 166 einen Rucksack auf dem Rücken. Das alles legte er sachte auf den Boden und sagte mit tief gedämpfter Stimme: »Sei ganz still, rühre dich nicht, daß die Poli nicht erwacht. Ich bin gekommen, um dir Lebewohl zu sagen. Ich gehe fort.«

So hatte sie richtig geahnt. Das Schlimmste, das ihr geschehen konnte, geschah. »Von mir fort? Mich verlassen? Was wird unsere Mutter im Himmel sagen, wenn du mich verläßt?« fragte sie. Schmerzlich, vorwurfsvoll bohrte ihr Blick sich in den seinen.

Josef nickte: »Von dir und von allen. Aber von dir nehme ich Abschied, weil ich Vertrauen zu dir habe und weil ich etwas von dir will. Dein Geld. Du bist reich. Wir haben nichts, die Brüder und ich. Gib mir dein Geld.«

»Damit du von mir fortreisen kannst? Nein, ich geb dir nichts.«

»Gut, dann geh ich ohne Geld. Adieu. Ich bringe mich auch so durch.« Er stand auf, aber da umklammerte sie seinen Arm und flüsterte ihm zu:

»Nimm alles, ich geb dir alles, aber nimm mich mit.«

167 »Närrin,« sprach er, »du bist ja eine Närrin. Ich gehe nach Hamburg auf ein Schiff. Ich gehe als Schiffsjunge nach Australien.« Ich gehe zu meinem Freunde Bornholm, hatte er hinzusetzen wollen, unterdrückte es aber. Wozu brauchte sie das zu wissen? Auch sie hielt ja Levin für einen Missetäter.

Sie sah ihn groß und bewundernd an. Nicht der leiseste Zweifel stieg in ihr auf. Hätte sie gesagt: »Ich gehe nach Australien,« niemand, außer Poli, wäre erschrocken, und die wohl nur aus Gefälligkeit. Aber Josef! Wenn er sagte: »Ich tu's«, dann geschah es auch. Nach Hamburg wollte er und auf ein Schiff – und nach Australien als Schiffsjunge. Ihr schwindelte und graute. Sie hatte eben die Geschichte eines armen, mißhandelten Schiffsjungen gelesen.

Josef stand noch an ihrem Bette, sie hielt seinen Arm umklammert und preßte ihr Gesicht an seine Brust: »Du weißt nicht,« sagte sie, »was ein Schiffsjunge ausstehen muß.«

»Weißt du, was ich hier ausstehen muß?«

»Lächerlich! . . . wegen der dummen Prüfung.«

»Ja, die Prüfung! – und das andere, das 168 ich nicht sagen kann – nicht dir und keinem – kaum mir selbst . . . Verstehst du? . . . Nein, nein, du kannst es nicht verstehen, du bist zu klein . . .« Wie er litt! wie er rang, wie es in ihm kochte, während er ihr diese Worte zuraunte.

»Sag, sag! ich versteh alles,« flüsterte sie. »Du schämst dich vor Tante Luise . . . Was hast du dich vor der zu schämen?« Sie verzog verächtlich den Mund, im Ton ihrer Stimme lag der volle Haß der Eifersucht: »Vor der!«

Da stieß Josef sie von sich, daß sie zurückfiel in die Kissen. »Adieu,« murmelte er dumpf, wollte fortstürzen, besann sich aber und sagte schon halb abgewandt: »Wenn sie mich morgen suchen, weißt du nichts, sagst du nichts, kein Wort. Die Hand drauf!« Er streckte ihr die Rechte entgegen. Sie faßte sie mit ihren beiden Händen.

»Ich sag kein Wort. Bleibe, bleibe noch! nimm das Geld.«

»Willst du es mir denn geben?«

»Alles, alles gebe ich dir!«

Er holte die kleine silberne Sparbüchse aus dem Glasschrank und mußte sie mit dem Messer 169 aufsprengen, denn der Schlüssel befand sich in Polis Verwahrung.

Elika war wirklich sehr reich. Sie hatte zehnmal soviel Gulden als sie Jahre zählte. Josef wollte nicht alles nehmen, er brauchte es nicht, ein zukünftiger Schiffsjunge fährt dritter Klasse. Aber seine Schwester zwang ihm das Ganze auf. Früher war sie reich gewesen. Jetzt sollte er es sein.

Dann fingen sie an, Abschied zu nehmen. Josef empfahl ihr seinen alten Teckel und seinen Kanarienvogel und sagte:

»'s ist Zeit, ich gehe.« Er mußte die ganze Nacht durch marschieren, um am Morgen die große Kreuzungsstation zu erreichen. Auf einer kleinen Station in der Nähe durfte er sein Fahrbillet nicht lösen, da kannte man ihn, hätte Rechenschaft geben können von der Richtung, die er eingeschlagen hatte:

»'s ist Zeit,« wiederholte er und wollte fort, aber Elika hielt ihn zurück mit ihren Fragen.

»Wenn du in Hamburg bist, was tust du dann?«

Ja, dann mußte er sich eben erkundigen, 170 was zu tun sei, um als Schiffsjunge aufgenommen zu werden. Alles, was er wußte, war, daß man dazu in Hamburg keine Legitimation braucht, und daß von dort in nächster Zeit einige große Kauffahrer nach Australien segeln, wußte er auch. Vom Schiff aus versprach er, ein Telegramm ans Land zu schicken.

»An mich?«

»Nein, sonst merken sie, daß du etwas weißt. An Papa. Wenn das Telegramm ankommt, bin ich schon auf hoher See. Leb wohl, arme Kleine!« Er wollte sich wieder in Socken davonschleichen, aber Elika versicherte ihn: »Wenn Poli so schnarcht wie jetzt, kannst du in Nagelschuhen tanzen, sie hört dich nicht.«

Josef mußte sich wieder auf den Sessel setzen, sie stieg aus dem Bette, kniete vor ihm nieder und schnürte ihm die Stiefel zu, sorgfältig und rasch mit ihren dünnen, geschickten Fingerchen. Und er ließ sich's gefallen und tippte einige Male zärtlich auf ihren blonden Scheitel.

Sie war fertig, stand auf, betrachtete ihn voll Stolz und sprach: »Du bist mein großer Bruder.«

171 Auch er erhob sich, nahm seinen Rucksack und seinen Hut vom Boden auf und murmelte etwas, das wie ein abermaliges Lebewohl klang.

Die Tränen wollten Elika ersticken, doch sie weinte nicht. Wer einen so großen Bruder hat, weint nicht. Er hat einen Kummer, der ihn hinaustreibt in die Welt, auf die hohe See, in die Stürme, in Not und Tod, und weint nicht. Auch sie wollte nicht weinen. Dann aber durfte sie ihm nicht mehr die Hand geben, ihn nicht einmal mehr ansehen . . . Sie wich vor ihm zurück.

Am Himmel war ein fortwährendes Wetterleuchten und das Nebenzimmer, in das die Kinder traten, von fahlem, zuckendem Licht erhellt.

»Sperr ab hinter mir, vergiß nicht,« sagte Josef. Seine Stimme klang ungefähr so, wie wenn er mit Tante Luise sprach, und bevor Elika antworten konnte: »Ich werd doch nicht vergessen,« war er fort.

Sie drehte mechanisch den Schlüssel im Schloß und stand da, barfüßig, in ihrem Hemdchen: »Ich werd – doch – nicht – ver – ges – sen –« hauchte sie leise, unbewußt, mit zuckenden Lippen 172 und starrte die Tür an, durch die Josef verschwunden war. Und plötzlich überkam es sie mit Todesschrecken, mit Todesschmerz: Er ist fort. Und ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt, ich habe ihm nichts gesagt, nicht einmal: Du hast mich immer beschützt, ich danke dir, nicht einmal gefragt: Wann kommst du wieder?

Und jetzt ist er fort!

Aber nein, das ist Unsinn, ist unmöglich, so geht ein Bruder nicht fort von seiner Schwester. Er hat nur geglaubt, daß er fort kann von ihr, und wird schon sehen, daß er's nicht kann, und wird zurückkommen, und sie wird ihn auslachen. Sie stand und wartete und wartete und lehnte die Stirn an die Tür und schloß die Augen und wurde sehr schläfrig. Auf einmal fuhr es ihr durch den Kopf, daß sich Josef einen Spaß mit ihr gemacht hatte. Nun dann – warte! Sie war sogleich umgestimmt, ging ins Schlafzimmer zurück zu ihrem Schranke, versteckte die aufgesprengte Sparbüchse in eine seiner Ecken, schlüpfte in ihr Bett und sann Rachepläne aus, über denen sie einschlief. Ihr Schlaf war aber unruhig, und sie hatte einen schweren Traum. Sie sah ein 173 Schiff auf wilder See mit dem Sturme ringen. Turmhohe Wogen fegten alle Menschen vom Verdecke weg, ein einziger hing noch am Maste; sie kannte ihn, es war Josef. Und nun fuhr ein Blitz vom Himmel und schlug in den Mast, und krachend stürzte er nieder.

Elika fuhr auf aus dem Schlafe, in Angstschweiß gebadet, mit ungestüm pochendem Herzen. Am Horizont erglomm und erlosch ein fahles Leuchten, der Donner grollte, der Sturm pfiff und rüttelte an den Fenstern und Türen des alten Hauses. Und plötzlich schoß ein wilder, toller Regenguß nieder, nahm den Kampf auf mit dem Sturme und besiegte ihn und prasselte fadengerade nieder auf die Bäume, auf das Dach, und verwandelte die Traufen in brausende Wasserstürze. Das war lustig anzuhören vom Bette aus; aber die Armen, die auf offener Straße wandern – o die Armen!

»Josef!« rief die Kleine unwillkürlich aus, und nun war ihre Wärterin erwacht, trat an die Tür und horchte. Elika rührte sich nicht. Poli soll glauben, daß sie aus dem Traume gerufen hat, Poli soll wieder zur Ruhe gehen und 174 schlafen, so tief wie früher. Das braucht die Kleine zur Ausführung des Entschlusses, den sie gefaßt hat, der ihr Gewißheit verschaffen soll. Sie hält den Zweifel nicht aus, der von neuem in ihr lebendig geworden ist.

Und nun wieder warten, eine endlose, fürchterliche Viertelstunde!

Alles still nebenan. Sie wagt es – erhebt sich leise, unhörbar, schlüpft in die Badeschuhe, zieht ihr Röckchen an und schleicht hinaus auf den Gang.

Der Regen prallt vom steinernen Geländer ab, spritzt ihr ins Gesicht, in die Augen, der Boden ist überschwemmt. Sie ist naß bis auf die Haut, ehe sie zu dem geschlossenen Gange kommt, auf den die Tür des Oratoriums der Schloßkapelle mündet, und die des Zimmers, das Josef schon seit einem Jahre allein und unbeaufsichtigt bewohnt. Tiefste Dunkelheit ringsum, Elika tappt sich an der Wand weiter. Da fällt plötzlich ein Lichtschein auf den Boden vor ihr; die Tür des Oratoriums hat sich geöffnet, und heraus tritt Tante Renate, eine Laterne in der Hand. Elika kauert nieder und zieht den Atem 175 ein. Die Tante schreitet weiter, ohne sich umzusehen, aufrecht in ihrer stillen, feierlichen Art. Vor dem Zimmer Josefs hält sie an. Ihre Lippen bewegen sich nicht, und doch sieht man, daß sie betet. Mit einer schönen, großen Gebärde voll inbrünstiger Andacht macht sie das Zeichen des Kreuzes über die Tür, setzt ihren Weg fort und verschwindet am Ende des Ganges.

Nun regte sich nichts mehr. Hastig, in fiebernder Eile, schritt Elika dem Zimmer Josefs zu. Sie wußte, daß sie es unverschlossen finden werde. Sich einsperren ist feig, sagte er.

Sie war bei ihm. Er hatte wieder geraucht, der Ungehorsame. »Josef,« rief sie in die Dunkelheit hinein und brauchte nicht zu fürchten, gehört zu werden. Es war niemand in der Nähe. »Schläfst du, alter Kindskopf, oder tust dergleichen? Hör einmal auf mit deinen Dummheiten, mein Guter.«

Keine Antwort, aber ein dumpfes Knurren ließ sich hören. Der alte, blinde, halbtaube Teckel war aufgestanden vom Polster neben dem Schreibtisch, stieß jämmerlich an ein paar Stühle an und trottete herbei auf seinen kurzen Pfoten. 176 Er beschnüffelte die Füße Elikas, winselte, richtete sich an ihr auf und leckte wie bittend, wie heischend ihre Hände.

»Dackerl, wo ist dein Herr?« fragte sie entsetzt. In Josefs Gegenwart hatte der Hund keine Liebkosung für irgend jemand andern als für ihn.

Die Kleine trat an den Tisch, suchte unter Mineralien, ausgegrabenen Pflanzen, Samenproben, die dort in wüster Unordnung lagen, nach dem Feuerzeug, fand es und machte Licht.

Das Bett war unberührt. Er ist fort. Er hat getan, wie er gesagt hat und was nicht geschehen darf – was sie verhüten wird. Auf, auf, das Haus! Einspannen, satteln, ihm nach! Sie weiß den Weg, den er genommen hat. Man holt ihn ein.

»Hilf, Heiland, hilf!« ruft Elika zu dem Christusbilde über dem Bett empor. Es sieht ernst zu ihr nieder, vorwurfsvoll. Die Augen Josefs – alle finden es – haben Ähnlichkeit mit den Augen des Menschensohns. Und diese Augen sprechen: einer von euch wird mich verraten.

177 Aufschluchzend im schwersten Kampf, in einem nie gekannten Schmerze, sank die Kleine vor dem Bette nieder und küßte die Kissen, auf denen sein liebes Haupt geruht hatte. »Ich nicht,« sprach sie, »deine Schwester verrät dich nicht!«

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