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Die arge Legende vom gerissenen Galgenstrick

Franz Werfel: Die arge Legende vom gerissenen Galgenstrick - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFranz Werfel
titleDie arge Legende vom gerissenen Galgenstrick
booktitleWeißenstein, der Weltverbesserer
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1990
firstpub1938
isbn3596294533
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151229
projectid2f1ec840
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I

Daß es den Gerechten übel ergeht auf Erden und daß die Missetäter meist noch zu Lebzeiten ihren »feinen Lohn« dahinhaben, diese unerfreuliche Wahrheit wird von der Bibel nicht verschwiegen. Eine harte Nuß bedeutet sie freilich für die Gläubigen oder Glaubensbereiten, beweist sie doch, daß die Gerechtigkeit der höheren Mächte noch unzuverlässiger, langsamer, verwickelter, ja gleichgültiger zu sein scheint als das irdische Recht und daß unsere eifernden Vorstellungen von einer sittlichen Weltordnung keineswegs jener übermenschlichen, aber auch unmenschlichen Ordnung entsprechen, die dem Universum eingeschaffen ist.

Manchmal aber kann dieser Sachverhalt selbst für den patentesten Gottlosen zu bunt werden. Es geschehen ja Zeichen und Wunder, deutliche Zeichen und ausgesprochene Wunder, um die Missetäter zu retten und die Bösen durch raffinierte Parteinahme des Himmels ihrer Strafe zu entziehen. Eine gewisse Logik kann hierbei der Weltordnung insofern zuerkannt werden, als die Begünstigung der kleinen Verbrecher mit ihrer gönnerhaften Praktik in bezug auf die großen durchaus nicht im Widerspruch steht. Jüngst erzählte einer von solch einem exemplarischen Wunder des Himmels zugunsten des Teufels. Der Mann war seit einigen Wochen aus dem Bürgerkrieg in Spanien in unser neugieriges Städtchen zurückgekehrt.

II

Die letzten Kolonnen der hartbedrängten Milizen verließen gegen Mittag die Stadt Malaga. Die Vorhut der Generalstruppen rückte am andern Morgen ein. Zwischen Abzug und Einmarsch lag nicht einmal ein ganzer Tag. Wie es ein Niemandsland, einen Niemandsraum zwischen den Fronten gibt, so entsteht auch eine Niemandszeit zwischen feindlichen Armeen, die in Bewegung kommen. All jene Städte und Ortschaften, welche jemals das Unglück traf, in ein Kriegsgebiet zu geraten, kennen diese Niemandszeit, die freilich nirgends so beklemmend in Erscheinung tritt wie im Bereiche eines Bürgerkriegs.

Es ist, als sei der Gang der Natur ins Stocken gekommen. Die Vögel haben wie bei einer Sonnenfinsternis plötzlich das Singen eingestellt, und ihr bekümmertes Stummsein ist geradezu hörbar ringsum. Eine gespenstisch tückische Windstille breitet sich aus, und der spärliche Hausrauch steigt trotzdem nicht in die Höhe, sondern bleibt feig und kriecherisch an den Dächern kleben. Die Hähne krähen nicht. Hie und da winselt ein Köter. Nicht nur die Menschen haben sich verkrochen, sondern selbst die malachitgrünen Eidechsen zucken nur mehr besorgt aus den Ritzen der Gartenmauern hervor, die ein vieldeutig lauerndes Baumdunkel abgrenzen. Eine Pause ist da, der Inbegriff einer zugefrorenen und dennoch vor Spannung berstenden Pause zwischen zwei Schreckensschreien.

Jedermann in der Stadt wußte schon seit Tagen, daß es so und nicht anders werde kommen müssen. Das Kommando der loyalen Besatzung hatte die Bevölkerung keineswegs im unklaren über ihr Schicksal gelassen. Die Gefährdeten besaßen Zeit in Hülle und Fülle, sich in Sicherheit zu bringen. Viele nahmen auch diese Zeit wahr. Eine beträchtliche Anzahl bis dahin Schwankender schloß sich noch im letzten Augenblick mit Weib und Kind und Sack und Pack dem Rückzug der Milizen an. Auf andere wiederum redete man vergeblich ein. Sie widerstrebten dem guten Rat und lehnten es ab, die Stadt zu verlassen, in der sie mit ihrem ganzen Leben wurzelten. Es muß nicht eigens betont werden, daß es sich hierbei fast durchwegs um sogenannte Idealisten handelte. Ein paar Ärzte waren darunter, einige Staatsbeamte und Advokaten, der Herausgeber der städtischen Tageszeitung samt seinen Redakteuren, zwei im Lande wohlbekannte Schriftsteller, ein sogar über die Grenzen hinaus namhafter Maler, mehrere Professoren, Lehrer, Ingenieure und eine große Menge einfacher und dennoch vom Siegerhaß bedrohter Leute. Der Grund ihres Verbleibens war durchaus kein unfruchtbares Heldentum, sondern Sorglosigkeit, Leichtsinn, in den meisten Fällen Bequemlichkeit und jener bedauerliche Mangel an Einbildungskraft für das Böse, der wertvolle Menschen oft in Gefahr bringt. Immer wieder konnte man von ihnen und ihresgleichen die gewissen verderblichen Sätze hören, die von der Unbelehrbarkeit der Menschheit Zeugnis ablegen:

»Es kann ja nicht lange dauern.« – »So arg wird es gar nicht werden.« – »Mir persönlich kann nichts geschehen.« – »Mich trifft bestimmt kein Vorwurf. Ich habe mich niemals politisch betätigt und niemandem etwas zuleide getan.« –

Es dauerte lang, und es dauert noch immer. Es wurde ärger, als die ängstliche Phantasie sichs träumen ließ. Wem nichts geschehen konnte, eben diesem geschah's. Gerade ihn traf der Vorwurf, und es wurde ihm zuleide getan, was er niemandem zuleide getan hatte.

Die neue Strafanstalt lag am Rande der Stadt. Sie bestand aus mehreren vernünftig eingerichteten Gebäuden und baumbelebten Höfen, auf welche, als auf einen rechten Beweis fortgeschrittener Gesinnung, alle Anhänger der Humanität sehr stolz waren. In diesen Tagen wurde die traurige und doch in ihrer Art schätzenswerte Anstalt zu einem Mittelpunkt der Ereignisse. Sogleich in den ersten Stunden nach Einmarsch der Diktaturtruppen kehrte man von allen Seiten jene oben erwähnten harmlosen Idealisten zusammen und lud sie im Gefängnis ab. Mit unfaßbarer Geschwindigkeit hatten sich die Bürger der schönen Stadt aus unbedingten Mitläufern der Regierung in fanatische Parteimänner der Generalsrebellion verwandelt. Es war wahrhaftig nicht nur ein künstliches Aufgebot der Begeisterung, das die Straßen durchflutete. Von der Gattung freilich hatte man vorher wenig gesehen. Vom Bürgerkrieg gezeugt, von der Niemandszeit ausgebrütet, trat sie erst am Ende der Pause ans Licht. Trotzdem wunderten sich nicht nur die Opfer darüber, wie viele altbekannte und vordem freundwillige Gesichter sich als Verräter, Spitzel, Vertraute, Denunzianten, als racheschnaubende Vorkämpfer und Schrittmacher des Siegers entpuppten und sich allenthalben laut damit brüsteten, aus vorbildlicher Gesinnung schon längst im Judassolde gestanden zu haben.

Vor den hohen Gittertoren der neuen Strafanstalt drängte sich ein dichtes Gelichter und forderte in Sprechchören die Befreiung der politischen Gefangenen, welche die Regierung zurückgelassen hatte. Noch ehe das Mittagsgeläut erdröhnte, wurden sie im Triumph hinausgeführt. Zu ihrem Ersatz wanderte die zehnfache Anzahl von Gefangenen in die soeben freigewordenen Zellen. Schon am ersten Tage waren es mehr als tausend, allen voran die harmlosen Idealisten und eine große Masse von Nachzüglern und Marodeuren, die man beim Vormarsch in Weinbergen, Feldern, Gehöften und Scheunen aufgegriffen hatte. Der Raum reichte bei weitem nicht aus. In Zellen, die für drei Häftlinge bestimmt waren, wurden zwölf und fünfzehn zusammengepfercht. Einzelhaft gab es nur für einige wenige unter den ganz großen Beutestücken. Die Grenze zwischen der politischen und kriminellen Abteilung war aufgehoben. Doch diese Wohnungsnot sollte sich nur gar zu bald mindern. Gegen elf Uhr nachts fuhren mehrere Kamions auf dem äußeren Gefängnisplatz vor. Sie boten zunächst Platz für ungefähr neunzig Männer.

Das Grauen begann ...

III

Unter den kriminellen Insassen der musterhaften Strafanstalt – es gab von diesen zur Zeit kaum zwei Dutzend – befand sich ein sicherer Estaban Ahimundo y Abreojos. Der aus Spanien heimgekehrte Gewährsmann verbürgt sich dafür, daß dieser Name so oder ähnlich, aber keinesfalls geringfügiger lautete.

Man stellt sich unter seinem Träger gewiß einen finster glanzvollen Hidalgo vor, einen ehrentollen Granden wie aus einem Mantel- und Degenstück Lope de Vegas. Estaban Ahimundo y Abreojos aber war ein Mörder, kein gewöhnlicher freilich, sondern ein Mörder, wie er im Buche, ja wie er im Bilderbuche steht. In seinem Gesicht hatte sich die Natur wahrhaftig keiner Falschmeldung befleißigt, sie hatte die Rolle des Unholds mit dem richtigen Darsteller besetzt, dessen Maske beinah übertrieben gewählt war. Überhängende Augenbrauen auf dicken Wülsten. Die Augen darunter mausgrau, winzig, versteckt, mit dem hin- und herwandernden Blick des immer Ruhelosen, des immer nach einem Ausfallspunkt Spähenden. Eine niedrige, fliehende Stirn unter verfilztem Kraushaar. Ein Nußknackermund mit einem herausfordernden Eckenkinn. Die vierschrötige Gestalt leicht gebeugt, stiernackig, bucklig gleichsam vor Erniedrigung, Tücke und Unbehagen. Der Brustkasten wie eine eiserne Kassa. Eines Gorillas pendelnd haarige Würgepratzen. Der ganze Mann ein vollendetes Modell fürs gerichtspathologische Museum, der klassische Fall eines Verbrechertyps, zur Vorführung im Seminar glänzend geeignet. Da war nichts Versöhnendes, kein kindlicher Rest, keine mitleiderregende Blöße oder Schwäche, wie man sie fast an jedem Übeltäter bemerken kann. Nein, Estaban Ahimundo y Abreojos war der fleischgewordene Angsttraum einsam wohnender Witwen, die in der Nacht aus dem Schlafe schrecken.

Die Verbrechen, die er büßen sollte, ließen sich kaum an den Fingern herzählen. Zwei Lust- und drei Raubmorde bildeten das Chef-d'œvre. Um den Prozeß nicht in die Länge ziehen zu müssen, hatte man sich aber nur auf die ausgewählten Werke des Abreojos beschränkt und Bagatellen wie simple Einbrüche und Diebstähle gar nicht in den Kreis der Untersuchung gezogen. Der Prozeß gegen Abreojos – ein standrechtliches Verfahren, dem aber eine langwierige Untersuchung vorausgegangen war – hatte an den beiden letzten Tagen der Belagerung stattgefunden. In den Anfängen des Bürgerkriegs legten nämlich die rechtmäßigen Behörden den größten Wert darauf, die öffentlichen Geschäfte, so weit es nur anging, in normaler Weise fortzuführen. Die Theater, die Varietés, die Kinos spielten, und die Gerichte tagten. Das kriegsmäßige Standrecht von Malaga verurteilte den mehrfachen Mörder zum Tode durch die Garotta, den Würgestuhl, wie es sich denken läßt. Doch sogleich machte sich jener seltsame Eingriff höherer Mächte zugunsten eines Missetäters in verwunderlicher Weise geltend. Das Todesurteil konnte nicht mehr vollstreckt werden, da Niemandszeit anbrach, die legale Macht verschwand und die triumphierenden Generale samt ihren gutgedrillten Horden diese an sich rissen.

Der neue Stadtkommandant hatte das Geschäft der Rache höchst persönlich übernommen, zu welchem Zweck er einige Stunden des Tages in der Kanzlei des Gefängnisses amtierte, um die wichtigeren Schlachtopfer selbst zu verhören und sich an ihrer Ohnmacht zu weiden. Es war ein jüngerer, gleichsam durch seinen Haß ausgemergelter Oberst, das Einglas nach preußischem Muster ins Gesicht gefroren und sonst nach italienischem Muster blitzend gestiefelt und gespornt. Wenn diese Menschenart eine Zeitlang, statt andere zu züchtigen, selbst in Zucht gehalten wird, wie es durch die spanische Regierung geschehen war, ist sie mit Zorn- und Verderbnisströmen geladen über alle Maßen. Man sah es den ausgebrannten Zügen des Obersten an, daß er darunter litt, nichts Schlimmeres verbreiten zu dürfen als den Tod.

Dem Kommandanten wurde pflichtgemäß auch der Akt Estaban Ahimundo y Abreojos vorgelegt. Er saß in seiner Kanzlei, beide Beine weit von sich gestreckt, deren prächtige gelblederne Reitstiefel von je einem Stiefelputzer mit Crème, Lappen und Bürsten aufs eifrigste bearbeitet wurden. Mitten unter den gehäuften Amtspapieren auf dem Schreibtisch, von denen jedes über Tod und Leben eines Menschen befand, stand ein Glas mit einem giftgrünen Apéritif. Der Colonello sog aus einem Strohhalm nachdenklich an dem kühlen Trank, während er das Urteil über den Raub- und Lustmörder durchlas. Mit einem halblaut hingeworfenen Murmelwort befahl er den Offizieren und Zivilbeamten, die ihn lauschenden Ohrs umgaben, die Vorführung dieses durch die Niemandszeit vom Todesurteil befreiten Missetäters. Der Anblick des exemplarischen Unholds, der die billigsten Vorstellungen von Verbrechergestalten weit hinter sich ließ, schien den Kommandanten mit Befriedigung zu erfüllen. Ein glänzender Einfall zuckte durch seinen Kopf. Dieser Einfall verwandelte sich sogleich in einen gleichgültig in die Schreibmaschine diktierten Befehl, der an den technischen Leiter des Rachewerkes erlassen wurde. Da der Tod durch Pulver und Blei nach Ansicht des Obersten eine sehr gelinde Strafe für Freiheitskämpfer, Pazifisten, Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und anderes humanitätsduselnde Gesindel war, so sollte dieser Tod für den ersten Schub dieser schlappen idealistischen Hunde wenigstens dadurch versüßt werden, daß sie ihn in der ehrenvollen Gemeinschaft eines fünffachen Raub- und Lustmörders erleiden durften.

Knapp nach Mitternacht wurden die Kamions auf dem Gefängnishof mit ihrer Fracht beladen. Unter den Notabeln der Generalsrache, fast durchwegs feinen Köpfen und würdigen Gestalten, saß der haarige Unmensch und blinzelte mit seinem unsteten Meuchlerblick um sich. Die anderen, ältere Männer zumeist, schauten drein wie aus dem Schlaf gerissen, ein wenig entsetzt und dennoch dessen, so schien's, nicht im geringsten bewußt, was ihrer wartete. Die Motoren wurden angelassen, durchheulten die geduckte Stille und lügnerische Ausgestorbenheit dieser Nacht. Die sausende Fahrt ging zum städtischen Zentralfriedhof. Im Verlaufe des Bürgerkriegs hatte sich auf der Generalsseite eine praktische Form herausgebildet, die Sache an Ort und Stelle zu erledigen, dort nämlich, wo sie am wenigsten Scherereien und keine hygienischen Gefahren verursachte. Die Lastautos brausten herrisch durch das hohe Kirchhofstor, bogen in die Hauptallee ein, nahmen nicht die geringste Rücksicht auf das Ruhebedürfnis ziviler und hochangesehener Toten, die in den Prunkgrüften und Mausoleen einer glücklichen Feudalzeit hier wohnten, und hielten endlich auf dem entferntesten und noch ungepflügten Teil des Gottesackers. Dort warteten schon andere Kamions sowie eine Equipage militärischer Scheinwerfer. Das fürchterliche Licht der riesigen Trommel-Reflektoren zerzischte und zerfeilte die Finsternis und ließ einen breiten Fleck würgender Grellheit frei, an deren Rändern sich die dichte Nacht wieder hoch aufbäumte. In diesem ausgesparten Raum unnatürlichen und doch so bedeutungsschweren Lichtes standen Gewehr bei Fuß in lässiger Ordnung drei Abteilungen von Soldaten, und zwar ein Zug Regulares, ein Haufen schwarzbrauner Moros und ein paar Leute von den Phalangen, an der violetten Kappentroddel erkenntlich. Etwas weiter entfernt hörte man rauhe Stimmen aus der Erdtiefe heraufschallen, und schwere Schaufellasten dunkler Schollen kollerten einen breiten Aufwurf herab, der wie eine Böschung das flüchtig ausgehobene Massengrab den Blicken entzog. Es war etwa zwölf Schritt lang, acht Schritt breit und drei Meter tief.

Das Gemetzel vollzog sich ohne Hast, doch auch ohne jede Spur von Zeremonie. Es wurde mit unübertrefflicher Sachlichkeit abgetan, nicht wie in alter Zeit unter dumpfen Trommelwirbeln, makabren Kommandorufen und Signalen, sondern wie ohne vorbestimmte Ordnung, virtuos, aus dem Handgelenk gewissermaßen. Man hätte meinen können, es handle sich hier nicht um die grauenhafte Tötung unschuldiger Menschen, sondern um irgendeine gleichgültig technische Präzisionsarbeit im Scheinwerferlicht. Nichts Menschliches war verspürbar, ja nicht einmal etwas Teuflisches, nicht einmal der infernale Genuß der Rache, nicht einmal die perverse Lust am Blutvergießen. Der neuartige Typus, der hier am Werke war, hatte für seine Lieblingstätigkeit das richtige Wort gefunden: »Umlegen.« Männer wurden umgelegt wie Stangen.

Ein Offizier rief die Namen der ersten Zehn auf. Die Namen der besten, die dem Feinde in die Hand gefallen waren. Man riß sie vom Wagen herunter: Zwei Ärzte, die nichts mit Politik zu tun hatten, der Zeitungsherausgeber mit seinen drei Mitarbeitern. Der Schriftsteller und der berühmte Maler und drei unbedeutende Beamte des gestürzten Regimes. Die Gesichter waren nicht totenbleich, weil sie grellweiß waren vom Scheinwerferstrahl. Die Gestalten bewegten sich darin wie bei einer Filmaufnahme. Die Zehn, sie waren nicht einmal gefesselt, wurden zur aufgeworfenen Böschung getreten. Keiner wehrte sich, keiner sagte etwas. Chargen traten dicht heran, befahlen: »Röcke ausziehen!« Die Opfer gehorchten.

Erst jetzt, da sie einander in übertrieben weißen Hemdärmeln sahen, schienen sie der ganzen rettungslosen Wahrheit innezuwerden, erhoben hohe enge Stimmen, mit denen sie, durcheinander schreiend, ihren vollkommen indolenten Henkern irgendwelche rasche und entscheidende Aufklärungen zu geben versuchten. Die Bewaffneten aber hatten unterdessen gemächlich und noch immer ohne Kommandolaut die grelle Stelle abgeriegelt. Die Zehn an der Böschung besaßen keine andere Möglichkeit der Flucht mehr als die in das große Massengrab. Keiner von ihnen jedoch dachte an diese letzte Möglichkeit. Sie redeten immer rascher, immer heftiger durcheinander. Da knatterte es los. Ein Maschinengewehr, in nächster Nähe aufgestellt, man hatte es bisher gar nicht bemerkt. Einen Patronengurt, nicht mehr. Einmal hin und her die Reihe abgestreut. Nur wenige Sekunden dauerte das trockene Geratter. Die würdigen Grauköpfe platzten wie Eier. Man hörte ins Geknatter hinein den Laut der zersprengten Schädel. Im Reflektorenlicht, das keine Farben duldet, flossen schwarz die Blutbäche, die einander züngelnd suchten und sich zu einem Strom vereinten.

Regulares und Moros traten an die Gestürzten heran und jagten ihnen aus ihren Mausergewehren noch ein paar Kugeln in den Leib, völlig gleichgültig, ganz nebenbei, wie man mit dem Fuß widerspenstig glimmende Zigarettenreste ausscharrt. Dann packten sie die Körper an Schultern und Füßen und schleuderten sie mit Schwung in die Grube. Die erste Schicht der besiegten Freiheitskämpfer lag, wie sie lag. Ein paar Schaufeln Erde und gelöschten Kalkes wurden auf sie geworfen.

Als sich dieser Vorgang zum achten Male wiederholte, stand der edle Estaban Ahimundo y Abreojos als elfter und letzter Mann am linken Flügel der Todesreihe. Die anderen zehn, die siebenmal Zeugen ihres eigenen Schicksals gewesen waren, schienen kaum mehr zu leben. Man hörte jetzt kein Durcheinanderreden hoher Männerstimmen mehr, nur hie und da den gepreßten Röchellaut eines Menschen, der sich erbrechen möchte. Als einziger schien Abreojos bei Besinnung zu sein. Er stand ruhig aufrecht und schwankte nicht, ein Held. Seine Augen wanderten aufmerksam hin und her wie immer. Von Zeit zu Zeit hob er die schwere Pratze hoch und rief »¡Arriba España!« den Losungsruf des nationalistischen Spaniens. Tat er das, um sich beim Tode einzuschmeicheln, der offensichtlich ganz und gar nationalistisch gesinnt war?

Im Augenblick, da das Maschinengewehr aufknatterte, stürzte Estaban Abreojos zu Boden. Insofern war es sein und nicht das Verdienst einer eingreifenden Macht, wenn ihn die Kugel verschonte. Er hatte nämlich mit klarem Verstand die Bedienungsmannschaft der automatischen Waffe beobachtet. Das Weitere freilich stand wahrhaftig nicht mehr bei ihm. Denn wer wollte es für selbstverständlich halten, daß zwei Mann der Phalanx (jenes halb zivilistischen, halb militärischen Häufleins, das bisher nur das Amt der Zuschauerschaft innegehabt hatte) plötzlich auch das unüberwindliche Bedürfnis empfanden, an diesem gemütlichen Umlegen teilzunehmen? Da aber alle Umzulegenden bereits lagen, traten die beiden an den einzigen Schuldigen weit und breit heran, der mit dem Gesicht nach unten seine ausgestreckten Glieder in den Dreck krampfte, ohne Zweifel mausetot. Phalangisten wurden kriegerisch nicht für voll genommen. Sie waren auch daher nicht mit Mauser-, sondern mit uralten Remington-Gewehren ausgerüstet. Diese wahrscheinlich schon in zwanzig Kolonialfeldzügen ausgeleierten Feuerbüchsen hatten während des spanischen Bürgerkrieges keinen einzigen Schuß noch abgegeben bis zu dieser Stunde.

Beide Läufe näherten sich nun ganz dicht dem pathologisch geformten Hinterkopf des Mörders, um in diesem Kriege ihre erste Arbeit zu leisten. Die Ladehemmung im Inneren des einen Remington-Gewehres kann man gewiß noch kein Wunder nennen. Daß aber die andere Flinte ebenfalls versagte, durfte das noch immer dem nackten Zufall angerechnet werden? Die beiden Jünglinge sahen ratlos ihre Gewehre an und dann einander. Sie waren noch nicht zwanzig Jahre alt, stammten aus reichen Familien und hatten die weißen Hände wohlgehüteter Kinder. Wahrscheinlich hob sich ihnen angesichts der Blutlachen und des verspritzten Hirns der Magen und ihr Mut sank jämmerlich. Sie schämten sich plötzlich, daß sie sich in dieses grausige Werk eingemengt hatten und erfolglos noch dazu. Die anderen waren hoffentlich leidenschaftlich genug ins Abschlachten vertieft, daß sie das Versagen der ausgeleierten Gewehre und verhätschelten Seelen nicht bemerkt hatten. Abreojos lag regungslos. Rechts und links von ihm klatschten die letzten Schüsse der Moros und Tertios in das zuckende Fleisch der Opfer. Der riesige Körper des Mörders schien seine eigene Blutlache zuzudecken. Niemand sah die hochroten Gesichter der beiden feinen Bürschchen. Sie gesellten sich zu den Regulares, als hätten sie ihre Aufgabe erfüllt und alles wäre nun in bester Ordnung. Hochauf zischten die Scheinwerfer wie scharfe Wasserstrahlen und erloschen jäh. Wüstes Schimpfen und Fluchen. Ein paar Fackeln wurden rasch improvisiert. Die Moros packten die Leichname, schwangen sie rhythmisch hin und her und schleuderten sie in das große Erdloch. Auch Estaban Ahimundo y Abreojos schwangen und schleuderten sie ins Massengrab, und zwar als letzten Mann, da er ja am äußersten Flügel lag. Er fiel weich. Er brach sich keinen Knochen. Er war gerettet.

IV

Bereits am nächsten Morgen um sechs Uhr wurde Estaban Ahimundo y Abreojos wieder ins Gefängnis eingeliefert. Sein Glück schien einzig und allein darauf versessen zu sein, ihn vor dem blutigen Tode zu bewahren, ansonsten aber lachte es dem Blutvergießer keineswegs. Die Wache hatte ihn in der Nähe des großen Friedhofs aufgegriffen, als er gerade in einer Kaschemme ein paar goldene Eheringe zu Gelde machen wollte. Von dieser Ware trug er sechs oder sieben an den spatenförmigen Fingern seiner Mörderhände. In den Taschen aber fanden sich noch mehr, nebst einigen goldenen Brillenfassungen, Zigarettendosen und Manschettenknöpfen. Im übrigen bot er einen noch weit abscheulicheren Anblick als sonst. Hemd und Hose waren blutübersudelt und von Kalk zerfressen. Die Hände zeigten große aufgeschürfte Flecken. In den mausgrauen, aufmerksam hin und her wandernden Augen aber stand nichts von Todesangst, Seelenpein und den gehäuften Schrecknissen der vergangenen Nacht zu lesen. Der Oberst-Stadtkommandant, dem Abreojos später vorgeführt wurde, sah über ihn hinweg. Das zwischen Nase und Braue festgefrorene Einglas des Offiziers schien vor mühsamem Nachdenken anzulaufen. Der Señor versuchte wahrscheinlich, einem rätselhaften Zusammenhang auf den Grund zu kommen. Endlich aber verscheuchte er die lästigen Gedanken von seiner Stirn, lüpfte mit einer unnachahmlich eleganten Gebärde sein Handgelenk und warf einen gelangweilten Blick auf die winzige Armbanduhr. Das Glas mit dem giftgrünen Apéritif funkelte halb geleert in der Sonne. Ein flüchtiger Ekel zuckte ihm um den Mund.

»Zu schade für Patronen«, murmelte er vor sich hin und ließ den Befehl ausfertigen, dessen Vollzug ihm noch vor nächstem Tagesanbruch gemeldet werden soll. Er konnte nicht gemeldet werden, denn sofort begannen sich wieder jene höheren Mächte zugunsten des Mörders ins Spiel zu mischen.

Wie in Frankreich die Guillotine, in Deutschland das Richtbeil, in Amerika der elektrische Stuhl und in anderen Ländern der Galgen, so ist in Spanien das landesübliche Werkzeug der Hinrichtung die sogenannte Garotta. Sie besteht aus einem hochbeinigen und hochlehnigen Holzsessel mit einer eisernen Klammer- und Schraubenvorrichtung auf der Rückseite, durch deren Anziehung der Delinquent erwürgt wird. Es gibt ein furchtbares Blatt von Francisco de Goya aus dem spanischen Bürgerkrieg vor über hundert Jahren, das einen Garottierten auf dem Würgestuhl darstellt. Wer jemals dieses Blatt zu sehen bekam, wird es nie vergessen. Der Hingerichtete darauf hat das Gesicht Jesu Christi, der das Kreuz mit der Garotta vertauscht zu haben scheint.

Für Estaban Ahimundo y Abreojos aber war keine Garotta gezimmert. Man suchte nach ihr in der Requisitenkammer des Gefängnisses, ohne sie zu finden. Sie war in den letzten Jahren vor dem Generalsaufstand außer Gebrauch gekommen. Es gab demnach kein gesetzmäßiges Mittel, um den Übeltäter vom Leben zum Tode zu befördern. Seit dem Einzug der Sieger herrschte jedoch kein anderes Gesetz und keine andere Vorschrift als die jeweilige Laune der neuen Gewalthaber. Die Zivilverwaltung des Gefängnisses hatte die Geschäfte sogleich dem Militär übergeben und hielt sich ängstlich im Hintergrund. Der Colonel mußte also neuerdings mit dem Fall Abreojos belästigt werden. »Henkt ihn auf im Gefängnishof, auf einem der Bäume dort«, zischte er und zeigte dabei seine makellos weißen Zähne.

Die Vollstreckung des Befehls übernahm ein alter Sergeant der Fremdenlegionäre, von denen zwei Züge dem Gefangenenhaus zugeteilt worden waren. Dieser Sergeant, ein Riesenmensch der Länge, Breite, Schwere nach, überragte den mächtigen Abreojos noch um einen halben Kopf. Er war ein Skipetare aus der Gegend von Skutari und wurde Mehmed gerufen. Mehmed, auch außer Dienst bis an die Zähne bewaffnet, schritt die inneren Höfe der Strafanstalt ab, nach einem günstigen Aufknüpfungspunkt spähend.

Im Hof der Politischen wuchsen gnädigerweise zwei alte Platanen, die ihre laubarmen Äste weit ausstreckten. Jene Gefangenen der Generalität, die zur Stunde die Vergünstigung des Spazierengehens in frischer Luft genießen durften, blieben plötzlich mit starren Augen stehen. Sie sahen nämlich, wie der Sergeant Mehmed, dem ein lachender Fremdenlegionär die Leiter hielt, sorgfältig die Schlinge eines ansehnlichen Stricks an einen der muskulösen Platanenäste befestigte. Entsetzen trat in die Augen dieser Todesgewärtigen. Mehmed klammerte sich mit beiden Händen an den Strick, stieß die Leiter fort und blieb einige Sekunden lang drei Fuß hoch über der Erde schweben, um die billige Brauchbarkeit von Ast und Strick zu prüfen; Mehmed war nämlich ein gewissenhafter Meister seines Handwerks.

Der Ast bestand die Prüfung nicht. Seine äußere Gesundheit verbarg innere Fäulnis und Dürre. Er knackte unter der Last des Riesen und zerbrach mit einem Krach. Mehmed fiel in die Kniee. Die Gefangenen hatten sich abgewandt.

Der Ast war zerbrochen, dem Henker dadurch anratend, daß er einen festeren wähle. Der Strick war heil geblieben. In diesen beiden Tatsachen steckte, wie man noch sehen wird, eine neuerliche Hinterlist jener dem gemeinen Mörder so wohlgesinnten Gewalten. Nachher behaupteten unverbesserliche Zweifler, irgend jemand habe den Galgenstrick heimlich mit dem Messer bearbeitet, der lachende Fremdenlegionär zum Beispiel, der ihn seinem Sergeanten nachtrug. Sinnigen Spaßes halber habe er's getan, damit sich der kugelfeste Delinquent auch als strickfest erweise. Das ist möglich, bildet aber durchaus keinen Beweis gegen einen wundermäßigen Eingriff, der mit Ast und Strick nichts anders spielt als mit dem dumpfen Witz eines Soldatenhirns. Nur eine Art von Wundern, die heilig überlieferte, hebt die Natur auf. Die andere, bei weitem häufigere, die wir selbst bei schärferer Aufmerksamkeit dann und wann erfassen könnten, läuft glatt auf den Schienen des Natürlichen und Alltäglichen. Sie geht wie herabgewehter Flugsamen in den Furchen der Kausalität auf.

V

Estaban Ahimundo y Abreojos schien selbst zu ahnen, daß er irgendwelche geheimnisvolle Protektion genoß. Er war so gleichgültig und schlief so fest, daß man ihn zu seiner Hinrichtung kaum erwecken konnte. Selbst seine mausgrauen Augen hatten das gehetzte Hin- und Herwandern vergessen. Der Mond war untergegangen, und einige Karbidlampen brannten stinkend und herzbeklemmend, als ihn die Wache der Tertios zu der Platane führte, die sein Galgen werden sollte. An den Gitterstäben der Zellen ringsum erschienen übergroße Augen, die wie Tierlichter funkelten. Diesmal hatte es den Anschein, als wolle alles nach Strich und Schnur vor sich gehen. Selbst der vorschriftsmäßige Geistliche war vorhanden, der diesem fühllosen Koloß von einem armen Sünder überflüssigerweise Mut zusprach. Abreojos rauchte trotz seiner Handschellen routiniert eine Zigarette nach der andern, die er von Mehmed, seinem gemütlichen Henker, in den Mund gesteckt bekam. (Zur selben Zeit wurden auf dem Friedhof von Malaga siebzig Unschuldige von den Maschinengewehren »umgelegt«, ohne Urteil und ohne Zuspruch, wie tolle Hunde.) Estaban Ahimundo y Abreojos, der schon auf der Leiter stand, spuckte in weitem Bogen seinen letzten Zigarettenstummel aus, als ihm der Sergeant Mehmed die gut eingeölte Schlinge um den Hals legte. Der Verbrecher – er konnte die Hände nicht mehr heben, weil man sie ihm endlich auf den Rücken gebunden hatte – rief mit seiner knolligen Stimme laut und voll Begeisterung wie gestern: »¡Arriba España!« Dies war unzweifelhaft eine Zauber- und Beschwörungsformel, denn fünf Sekunden später lag er auf der Erde. Der Ast hatte standgehalten. Der Strick war gerissen. Der Gewürgte hatte das Bewußtsein verloren. Vielleicht auch stellte er sich nur bewußtlos.

Der Sergeant und seine Leute waren mehr als ratlos. Einen »Roten« hätten sie nach diesem Mißerfolg mit Revolver und Dolchmesser unverzüglich erledigt. Hier aber lag kein einfacher Gesinnungsgegner, sondern ein rechtmäßiger Delinquent, ein ärarisch eingeordneter Wert mithin, für den man Rechenschaft abzulegen hatte. Man holte den Gefängnisarzt, der, lächerlich genug, eifrige Wiederbelebungsversuche an demjenigen anstellte, welcher jedem Tötungsversuch bisher solch hartnäckigen Widerstand geleistet hatte. Abreojos jedenfalls hütete sich davor, seine Besinnung allzuschnell wiederzubekommen. Steinerweichend röchelte er aus seinem eisernen Brustkasten. Dieses Röcheln und Stöhnen buhlte verschlagen um Zeit und Mitleid. Der unzulänglich Hingerichtete schlug erst die Augen auf, als die Herren Offiziere erschienen. Mehmed hatte nämlich eine Ordonnanz ins Grand Hotel gesandt, wo der Oberst-Platzkommandant wohnte. Dieser war noch wach und trank mit einigen jüngeren Herren, unter denen sich auch zwei steifschneidige deutsche Flieger befanden, in der Bar des Hotels. Er trank diesmal nicht Giftgrünes oder Rubinrotes aus einem Strohhalm, sondern, um sich den Bedürfnissen seiner Bundesgenossen anzupassen, Whisky ohne Soda. Die Meldung, daß der Henkerstod an Estaban Ahimundo y Abreojos wiederum zu Schanden geworden war, erregte Staunen, Bewunderung und zynische Heiterkeit. Die ganze Gesellschaft, ein Dutzend Herren etwa, folgte dem Oberst mit mehr oder minder festem Schritt ins Gefängnis. Abreojos lag sanft an die Platane gelehnt, die ihn mütterlich zu beschirmen schien. Das Karbidlicht zischte und stank. Im Dunkel lagen die nackten Mauern mit den viereckigen vergitterten Fensterchen. Die Mörderaugen begannen sofort wieder zwischen den Offizieren beobachtend hin und her zu wandern. Das bewährte »Spanien erwache« seufzte ihm schwer von den Lippen, als wolle es ihn trotz allem ermahnen, im Patriotismus nicht nachzulassen.

Der Oberst trat näher und fixierte Abreojos mit ausgemergelter Aufmerksamkeit:

»Du gottverdammter Affe«, sagte er ziemlich leise und monologisch, »warum machst du mir solche Schwierigkeiten? Warum willst du uns nicht sterben?«

Estaban Ahimundo y Abreojos aber hob die bereits entfesselten Hände zu den Herren Offizieren empor. Seine Stimme klang noch immer erstickt. Sie krächzte erstaunt, als müßte sie sich aus weiter Ferne herbemühen:

»Sterben sehr gern ... Aber sterben für die Señores ... Arriba España ...«

Es läßt sich nicht leugnen, daß daraufhin eine gewisse Bewegung durch die Suite ging. Warum sollte dieser Mann sterben, der schon zwei Abenteuer mit dem Tode durch ein ausgesprochenes Wunder siegreich bestanden hatte, der sogar mit heilen Gliedern aus dem Massengrab aufgestanden war? Es wäre eigentlich schade, den Tod noch ein drittes Mal herauszufordern und die beiden kostbaren Siege damit in Frage zu stellen. Krieg ist Krieg. Sterben soll der Feind, der rote Hund, der Volksverderber, der das Eigentum abschaffen und die besseren Leute, die Herren, vernichten will. Einzig und allein auf diesen weichmütigen schlappen Feind, diesen winselnden Gleichmacher, der nichts vom gefährlichen Leben versteht, einzig auf ihn hat sich aller Haß zu konzentrieren. Der Mann ist ein Mörder. Schön! Wer von uns, wie wir hier stehen, ist kein Mörder? Ohne Mord ist die alte Ordnung nicht wiederherzustellen. Bis zu diesem Grade gefährlicher Aufrichtigkeit verstiegen sich die Meinungen der angeheiterten und aufgelockerten Offiziere. Der Oberst starrte vor sich hin, rauchte seine Zigarette und sagte nichts. Seine Züge waren spöttisch undurchdringlich.

Da trat ein Hauptmann aus der Gruppe, dessen Brust bis an die Grenze des Möglichen mit Orden und Medaillen dekoriert war. Er trug über dem linken Auge eine Binde und den rechten Arm in der Schlinge. Dieses imponierende Urbild kriegerischer Furchtbarkeit warf jetzt nachdrücklich die Zigarette fort, nahm mit gelassener Eleganz Stellung vor dem Kommandanten und ließ einen knarrenden Baß hören:

»Mein Oberst! Überlassen Sie mir gütigst diesen Mann!«

Überrascht schaute der Kommandant den Kapitän Sanrubio an. Dieser Sanrubio von den Tertios war eine sehr große Nummer der nationalistischen Armee, ein tollköpfiger Held, in vielen Heeresberichten eigens erwähnt, ein besinnungsloser Mauernbrecher, den die Generale bei jeder Offensive und wichtigen Aktion einzusetzen pflegten. Die Sturmabteilung dieses wüsten Rufers im Streite bildete den Schrecken für Freund und Feind. Im Gegensatz zu diesem Mordskerl war der junge schnittige Oberst mehr eine strategische und diplomatische Begabung. In den vordersten Gräben oder gar im Getümmel eines Nahkampfes fühlte er sich durchaus nicht beheimatet. Dergleichen Bluthandwerk gehörte ja schließlich auch nicht zu seinen Pflichten. Trotzdem erfüllte ihn dem Helden gegenüber eine leichte Unsicherheit. Er selbst empfand sie als die gutmütige Schwäche eines überlegenen Lehrers für einen nicht besonders intelligenten, aber dafür halsbrecherisch amüsanten Schüler. Kein Vorgesetzter wahrlich konnte diesem Helden eine Bitte abschlagen. Der Oberst lächelte fragend:

»Was wollen Sie mit diesem gefährlichen Höhlenmenschen anfangen, lieber Sanrubio?«

Der Kapitän schien über diese unverständige Frage des Kommandanten ziemlich erstaunt zu sein:

»Aber, mein Colonello«, brummte er nachsichtig, »das sind ja gerade die Typen, von denen ich nicht genug bekommen kann ...«

Ein Rest von staatsrechtlichem Formalismus zwang den Oberst zu einigen raschen Überlegungen. Zwei Lustmorde, drei Raubmorde, ein Todesurteil! Dieses Urteil aber hat das Standgericht einer bestrittenen, abgesetzten und daher unrechtmäßigen Regierung gefällt. Es ist demnach ganz und gar ungültig. Der Prozeß Estaban Abreojos müßte neu anberaumt werden. Wir haben besseres zu tun, als uns mit saftigen Kriminalprozessen zu vergnügen. Wenn man es aber recht besieht, so spielt dieser Menschenaffe dort, ehe er nicht von unserem eigenen Gerichte schuldig gesprochen ist, bestenfalls die Rolle eines Beschuldigten (sofern die Anklage noch einmal erhoben wird), jedoch keineswegs die eines Schuldigen. Als Platzkommandant steht es mir zu, den Fall gewissermaßen in Verwahrung zu nehmen und später nach Abschluß der militärischen Operationen über seine weitere Behandlung oder Unterdrückung zu befinden. Dies der subtile Gedankengang eines Mannes, der allnächtlich ohne irgendwelche Gedankengänge dieser Art seiner Haßreligion Hekatomben von Männern opferte, deren ganze Schuld in einer anderen Gesinnung bestand. Ehe aber der Oberst noch seine Entscheidung fällen konnte, geschah es, daß sich der dem Leben wiedergeschenkte Unhold unter der Platane erhob. Es war mit ihm eine sonderbare Verwandlung vorgegangen, als hätte der defaitistische Tod in Verbindung mit Hauptmann Sanrubios Verlangen, dem vom Galgen Gestürzten seine Ehre und Menschenwürde zurückerstattet. Die mausgrauen Augen unter den beiden tierhaften Stirnwülsten blieben stehen. Ein düsterer Stolz erfüllte sie. Der geduckte Buckel, in den der Stiernacken überging, war verschwunden. Die ganze Gestalt schien schmaler und aufrechter zu werden. Estaban Ahimundo y Abreojos war auf einmal der echte Träger dieses hidalgohaften Namens. Durch die Macht einer unglaublichen Wiedervergegenwärtigung längst vergeudeter Qualitäten wurde aus diesem Berufsverbrecher der schlimmsten Sorte von einem Augenblick zum andern ein finsterer Caballero. Er drückte seine abscheuliche Pranke – deren spatenförmige Finger merkwürdigerweise noch immer drei bis vier Eheringe trugen – gegen seinen gewaltigen Thorax und vollführte in die Richtung des Kommandanten eine tadellose Verbeugung, ein selbstbewußter Andalusier jeder Zoll. Er, von dem man bisher selbst während des Prozesses kaum ein Wort, sondern meist nur ein gleichgültig verächtliches Grunzen gehört hatte, bewies, daß er den Gorilla nur seines Äußeren wegen zu spielen pflegte, wenn es aber sein mußte, eine wohlgesetzte kleine Rede jedoch mit gutem Anstand zu halten fähig war:

»Señor Colonello«, sagte er, weder frech noch demütig, »erfüllen Sie bitte den Wunsch dieses hochgeborenen Herrn. Die siegreiche Armee wird es nicht zu bereuen haben. Man hat mich einiger dummer Zufälle wegen aufgegriffen, da ich gerade das Geld zu sammeln im Begriffe war, um über die Linien der roten Mörder hinauszukommen und mich bei den tapferen Truppen der hohen Generalidad zu melden. Das ist der ganze Grund der ungerechten Behandlung, die mir zuteil geworden ist. Gott selbst hat es nicht gewollt, daß ich dieser Ungerechtigkeit zum Opfer falle, die edlen Señores mögen das bedenken. Ich stamme aus einer alten verehrungswürdigen Familie, die durch ein hartes Los heruntergekommen ist. Lassen Sie mich lieber für Spanien sterben als für nichts und wieder nichts!«

Es wurde totenstill nach dieser Ansprache, deren aus solchem ungefügen Munde sich niemand versehen hatte. Kein Mensch lachte. Der Oberst aber sah den Abreojos nicht an. Sein linker Mundwinkel verzog sich etwas nach oben, eine Miene verhätschelten Hochmuts und arroganter Unsicherheit:

»Gut also, Sanrubio«, wandte er sich an den von Edelmetall klappernden Kapitän, »aber nehmen Sie gefälligst zur Kenntnis, daß man Sie für jedes neue Verbrechen dieses bewundernswerten Abkömmlings einer verehrungswürdigen Familie zur Verantwortung ziehen wird ...«

Estaban Abreojos trat aber nach dieser Warnung schon freien Schrittes näher an die Herren Offiziere heran, klappte die Hacken zusammen und hob zwei Finger der rechten Pranke zum Eid:

»Fürchten Sie nichts, Señores! ... Sie werden sich nicht zu beklagen haben ... Ich schwör es beim Blute unseres Erlösers ...«

Dieser tiefernste Schwur des mehrfach entkommenen Galgenvogels entbehrte der aufreizenden Komik nicht. Jetzt lachten die Offiziere. Auch die Legionäre lachten. Hier und dort lachte es hohl hinter den unsichtbaren Gitterstäben. Estaban Ahimundo y Abreojos aber war vor dem Henkertod gerettet. Es ist anzunehmen, daß er den Schlachtentod nicht minder würde zu besiegen verstehen. Der Kapitän Sanrubio übergab ihn dem Sergeanten Mehmed zur Betreuung und militärischen Ausbildung. Henker und Hingerichteter zechten den Rest der Nacht miteinander. Den gerissenen Galgenstrick verkauften sie in den nächsten Tagen dezimeterweise für teures Geld. Ein kleines Stück davon behielt aber jeder der beiden zurück.

VI

Dem Sergeanten Mehmed brachte sein Endchen des gerissenen Galgenstricks kein Glück. Er fiel in der Schlacht bei Talavera. Estaban Ahimundo y Abreojos, inzwischen zum Korporal aufgerückt, wurde sein Nachfolger. Man muß wahrheitsgemäß bekennen, daß der ehemalige Delinquent seinen Schwur hielt. Hauptmann Sanrubio hatte nicht den geringsten Anstand seinetwegen. Obwohl von seinen Taten kein Heldenlied geht und die meisten Kameraden fest behaupteten, Abreojos sei ein feiger und heimtückischer Hund, so unterschied er sich von den übrigen Prachtgestalten der spanischen Soldateska nicht sonderlich. Er trug einen kleinwinzigen Schnurrbart auf der Oberlippe, jene wie angeflogene Niedlichkeit, die auch einem kriminalpathologischen Gesicht ein sonntäglich flottes Wesen verleiht. Der sinistre Hinterkopf unterm Käppi oder gar unter dem Stahlhelm verlor seine angsteinflößende Furchtbarkeit. Auch rasierte sich Abreojos dort, wo über der flachen Nasenwurzel die dicken Augenbrauen zusammenwuchsen, jetzt einen beruhigenden Zwischenraum aus. Er war mithin ein Soldat wie jeder andere, durch welche Feststellung aber den Tugenden des Soldatentums nicht nahegetreten werden soll. Sein »Akt« moderte vergessen in irgendeiner Kanzlei. Kapitän Sanrubio schwieg über die Vorgeschichte dieses Mannes und empfand seine Besserung als sonnenklaren Beweis für den wohltätigen Einfluß der Wehrhaftigkeit auf den moralischen Zustand der Völker. Wahrlich, alles an Estaban hatte sich verbessert, nur seine Hände, die sich nicht umlügen ließen, blieben seine Hände.

Nach dem Tode des Skipetaren Mehmed avancierte Abreojos zum Sergeanten, Profosen und unentbehrlichen Exekutionsleiter. Der Aufstieg eines mindestens zweimal Hingerichteten zum Henker ist immerhin eine wundermäßige Karriere. Trotz ihrer Wundermäßigkeit wars aber eine höchst entsprechende und natürliche Karriere. Der Blutvergießer hatte um seiner Besserung willen keine Entbehrungen zu leiden, ganz im Gegenteil. Er war so grausam überlastet, daß man ihn aus der Feuerlinie ziehen mußte. Der Gewalttäter auf eigene Faust hatte sich zum disziplinierten Gewalttäter prächtig entwickelt. So vernichten im Naturreich Schlangen und andere Reptilien alles mögliche Getier, das die Menschen für schädlich erklären. Die Bluttaten, die das Herz des Mörders mit üppiger Befriedigung erfüllten, standen nun im Dienste der sogenannten Volksgemeinschaft und bildeten gute Werke.

Eine dokumentarische Legende, wie die vorliegende, soll weit weniger als eine frei erfundene Geschichte in Übertreibungen verfallen. Die Zahl der von diesem Hingerichteten Hingerichteten (mittels Gewehr, Maschinengewehr, Revolver, aber auch durch Bajonett und Kolbenhieb) war sehr groß. Jedoch von zehntausend und mehr zu sprechen, das ist verantwortungslos tendenziöser Unsinn. Sergeant Estaban Ahimundo y Abreojos gedieh in diesem harten Beruf erstaunlich. Er gewann an Selbstbewußtsein und düsterer Grandezza von Tag zu Tag. Seine mausgrauen Augen wanderten nicht mehr von einem zum andern, sondern blieben klein und starr auf ihre Opfer gerichtet. Der hereditäre Hidalgo auf dem Grund seines Wesens kam immer gravitätischer zur Geltung. Das Äffische verlor sich völlig aus seinen Gesichts- und Körperformen. Seine Vorgesetzten waren einig, daß man in ihm eine der stärksten Persönlichkeiten in der Truppe anzuerkennen habe. Abreojos konnte somit dem Ruhme nicht entgehen. Der Tod hatte vernünftig gehandelt, als er seine Entgegennahme refüsierte. Er bewies ihm weiter sein Wohlwollen. Einmal, während eines Vormarsches, stürzte ein ganzes Bauernhaus über ihm zusammen. Unter neun Toten und Verwundeten blieb er der einzige Unverletzte. Er war für den bequemsten Strohtod geboren, für jenes glückliche Ende, das nach den Worten der Bibel die Auserwählten ereilt wenn sie satt vom Leben sind.

Am Tage des Triumphes war Estaban Ahimundo y Abreojos seiner martialischen Erscheinung wegen mit Recht unter denjenigen, welche in Madrid vor dem Caudillo defilieren durften. Es ist ohne jede Schönfärberei anzunehmen, daß die gewissen Prozeßakten längst vernichtet sind und daß den verdienstvollen und vielfach ausgezeichneten Sergeanten aus der allgemeinen Beute ein wohlbemessenes Stück erwartet, zumindest ein gutbezahlter Ruheposten im Justizwesen.

»Warum ergeht es den Gerechten übel auf Erden und die Missetäter haben ihren feinen Lohn dahin?« So schreien die redlichen Seelen auf, gläubige und ungläubige, wenn sie dergleichen hören, ohne es wirklich glauben zu können. Seid doch still! Warum schreit ihr und störet die Vorstellung, ehe noch der Zwischenaktsvorhang gefallen ist. Nicht beklaget euch über den furchtbaren Widerspruch! Er ist es nicht, der das Spiel sinnlos macht. Beklagt euch lieber darüber, daß ihr zu spät ins Theater gekommen seid und es zu früh verlassen müsset. Nur einen winzigen Fetzen des Stücks erlebet ihr und wollt schon Kritik üben über die Logik und Ethik des Werkes. Wer von der letzten Szene auf das ganze Drama zurückblicken dürfte, würde vielleicht zugeben, daß selbst Estaban Ahimundo y Abreojos ein monotoner, aber unerläßlicher Chargenspieler gewesen ist und daß seine Auftraggeber siegen mußten – wenn sich auch unser Herz dagegen aufbäumt –, damit die Szenen aufeinander richtig folgen in der Zeit, der wir einen Augenblick lang angehören, ohne daß sie uns angehört. Dies lehr uns ein anderer Spanier, Calderón de la Barca. Würdiger freilich als unter den Zuschauern zu sitzen ists, trotz Blut und Feuer, auf der Bühne zu stehen.








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