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Die Arche

Max Bruns: Die Arche - Kapitel 7
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authorMax Bruns
titleDie Arche
publisherJ. C. C. Bruns Verlag
yearo.J.
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Um Mitternacht schraken alle selig vom Schlummer auf, einen Augenblick ratlos, welch gewaltiges Begebnis die Bande ihres Schlafs zerrissen habe. Dann aber wußten sie's; dann hörten sie's –:

Sie hörten, daß des Regens ungestümer Fall angehalten war in einem wundervollen Augenblick; stillestehend wie ein Herz in übergroßer Seligkeit stillsteht. Und in dem Schweigen fühlten sie das liebevolle Walten ihres HErrn. Aber selbst Noah wußte nicht, daß ihnen Gnade gegeben war um Jiskas willen; – es war das große Geheimnis, das fortan der Mutter einsames Herz mit dem finstersten und friedlosesten ihrer Söhne verband.

Auf Noäh Schulter aber hatte sich im Schlafe der Rabe niedergelassen. Und der Alte sah ihn lange lächelnd an und sprach: »Hast du, der du Monde lang finster und verschlossen hocktest, die Kraft deiner alten Schwingen erprobt in dieser Nacht? Gelüstet es dich, auszufliegen, die ersten Spitzen der höchsten Eichen zu suchen, die emportauchen werden aus der Flut, wenn sie weicht und Gottes Erde wieder wächst aus ihrem Schoße? Bist du der Treue, gereift in Weisheit, gestärkt in Geduld und in der Hoffnung großer Tage unzerstörbar? Dein Gefieder ist schwarz wie die Wolke, die lange lastend über unserm Hause lag? Will sie verflattern, sich ferne verfliegen, daß wieder Himmel sei in den nachtverhängten Blicken der Männer und Sonne in den Herzen unserer Frauen?«

Da lauschten sie auf, Dina, Zillah und Ada, und blickten sanft verwundert zu dem Vogel hinan, zu dem der Vater solche Worte sprach. Der aber fuhr fort: »Noch nicht, du schwarze Ungeduld; noch nicht! Mir sagt der HErr, daß unserer Prüfung Ende nahe sei. Kein Regentropfen wird das Dach unseres Hauses mehr berühren, solange es schwimmen wird auf der mordenden Flut. Noch aber steht das Wasser viele tausend Bäume hoch über der Sohle der Erde.« (Er sprach jetzt zu den lauschenden Frauen, die Trost erharrten aus seinem welken Munde.) »Ihr wißt, wie lange damals der Stab des alten Priesters, der Stecken Basraals, herniederfuhr durch die dunklen Fluten –: Sieben Tage und Nächte hindurch!« (Und zu den Männern:) »Rüstet eure Seelen, reinigt dieses Haus des Unheils, auf daß es wieder zum Hause des Heils uns werde. Bannt die Tiere in ihre Gelasse. Seid rein und stark, und wirkt noch rüstig und trostgemut durch diese letzte Zeit, die uns erproben soll. Finsternis und Wahn haben über uns gelegen; nun glaubt und hofft, so wie sich in dieses Tieres Geblüt die Hoffnung regt. Und neigt euch dem HErrn in Dank, daß er der Stimme des Regens Schweigen gebot, die uns so fürchterlich umschrien hat durch Monde einer übermenschlichen Qual.«

Er nahm den großen schwarzen Vogel mit schwerem Griff und setzte ihn von seiner Schulter zu Boden; – doch der Rabe wich nur wenige Schritte von ihm und stand mit schräggewandtem Kopf, klugen Blickes zu der erwählten Familie äugend, die in den Knien lag, die Häupter in den flachen Händen, und dankbar sich der Macht des rettenden Gottes weihte. – –

Und immer wieder lauschten sie entzückt dem großen Schweigen; und blickten empor zum Fenster und fanden, daß der Himmel sich nicht lichtete; und blickten zum Vater bald und bald auf den neu zu ihnen gesellten Vogel, der ernst bedächtig in ihrem Kreise lebte und, selbst wenn er auf dem Rand des großen Opfersteines hockte, von der Hand des Vaters nicht verscheucht ward.

Aufs neue taten sie Werk und Arbeit wie in den ersten Zeiten ihrer Fahrt. Es säuberte sich unter ihren Händen die Arche, und williger wieder ließen sie das Mahl sich munden. Und immer, immer lauschten sie und harrten, ob nicht der HErr einen gewaltigen Wind senden werde, rasch und warm, die endlose Flut der Wasser aufzutrocknen. – Es kam kein Wind und kam keine Sonne, und niemand sagte ihnen, ob das Wasser sank.

Da lächelte Jiska, die Traurigkeit nicht wieder aufkommen lassen wollte unter den Ihren: »Wer am treuesten arbeitet, der wird am tiefsten schlafen. Und wer bei Nacht im tiefsten, reinsten Schlummer ruht, dessen Ohr wird etwas Seltsames vernehmen –: wie der Mund der Tiefe sich auftut und saugt mit leisem Gurgeln die schweren, lehmigen Fluten in sich zurück. Sie rinnen und rauschen; – ganz leise senkt sich der Spiegel des Wassers und kommt der fernen Erde wieder näher; – ganz leise senkt sich die Arche hinab und trägt uns heimlich in das Reich zurück, aus dem wir kamen. – Wer wird nun am treuesten sein in geduldiger Arbeit? Wen wird der tiefste, reinste Schlaf erquicken? Wessen Ohr erfährt es zuerst: das Gurgeln des saugenden Mundes der Tiefe?«

Keiner von ihnen hatte es noch vernommen; aber sie scheuten sich, es einander einzugestehen. Die Frauen waren fleißiger am Werk, und die Männer ließen sich von ihnen nicht beschämen; und daß kein Tropfen Regen mehr fiel, wie Noah gesagt hatte, tröstete und stärkte sie in der Zeit dieses Harrens.

Und eines Morgens sprach Japhet: »Ich glaube wohl, ich habe es vernommen. Tief – tief unter dem Boden unseres Hauses ist es wie ein seufzendes Atmen. Nach dort drängt alles Wasser heimlich hinab. Ein Mund tut sich auf, gewaltig wie ein ganzer See. Und die Binsen an seinem Ufer sind wild bewegt von dem mächtigen Strom, der unablässig dort zur Tiefe fährt. Immer näher kommen wir dem durstig saugenden Weiher; – aber die Mengen der Wasser sind so groß, als solle es noch tausend Jahre dauern, bis sie der Strom hinabgeschlungen hat. Und wißt: Er schlingt auch viel Verwestes hinab, das auf den Grund der Flut gesunken ist.« (Und sein Weib drängte herzu und legte ihr rotes Gelock stumm lauschend ihm in den Schoß. Er aber streichelte es mit tröstender Zärtlichkeit und fuhr fort:) »Nie mehr wird dessen gedacht werden, was dort versank. Der feuchte Schoß der Erde nimmt es in sich auf; dann ist es wieder Schlamm, – und weiße Knochen werden zu Gestein und werden wachsen im Erdenschoße zu Gebirgen; auf deren Spitzen mag einst der Fuß eines fernen Nachkommen wandeln, – und seine Sohle labt sich an dem kühlen Stein und weiß nicht, daß einst unrein war, was ihn erquickt – – –«

Jedes Antlitz war verklärt von seligem Trost, – – und wieder schwang sich der Rabe flügelschlagend auf die Schulter des Erzvaters und sträubte sein Gefieder, als wolle er es lüften zu neuem Flug.

»Ja, mein Alter,« sprach Noah da, bewegt gleich ihnen allen. »Nun mag es an der Zeit sein, die harten Schwingen nochmals zu erproben. Der ältesten und weisesten eins unter allem Getier dieses Hauses und stark und geschaffen, auch ohne seine sicheren Planken zu leben und zu schweben über der Flut: flieg du hinaus und such der alten Heimat ersten Gruß und kehre zurück und sag uns, ob ihre Grate schon wieder aus dem rauschenden Wasser ragen.«

Er faßte ihn in fester Faust, treu umschließend, und stieß ihn empor, dem fernen Fenster entgegen. Krächzend entfaltete der schwarze Vogel die Schwingen, schraubte sich aufwärts durch den Raum der Arche mit lärmendem Geräusch, daß rings sich staunend tierische Häupter erhoben, die das Verwunderliche nicht begriffen. Verdunkelnd fuhr sein gewaltiger schwarzer Leib durch die luftige Luke, – – und draußen tönte das Klatschen seiner Flügel, groß und schwer – – und verhallte – fern – im Einsamen und Leeren.

 

Er kam nicht heim. – – – – – Oft lauschten sie erwartend in das Plätschern und Gurgeln der Flut hinaus; – oft ließen sie ab in der Arbeit und meinten seiner Schwingen Rauschen vernommen zu haben; – oft blickte der eine oder der andere sich um in ihrem stillen Kreise, in dem ihnen des schwarzen Vogels steifer Gang und krächzende Stimme zur freundlichen Gewohnheit geworden war –:

Er kam nicht heim.

Ihre Züge entspannten sich und wurden wieder müde und schlaff; und ihre Hoffnung verkümmerte, ward kleiner und schwächer – und blieb doch immer rege wie ein treues, winziges Fünkchen, das nicht verlöschen kann.

Ham sprach, bestimmt und fest: »Die Arche sinkt; des Wassers Menge mindert sich und weicht. Unmerklich und sanft setzt des HErrn Hand uns wieder auf den mütterlichen Boden. Geduld! Geduld! Das Schwerste ist ertragen.«

Und sie glaubten ihm; denn sie sahen, daß auch die Tiere sich in neuer Hoffnung stärkten: Die lange verfallen waren, sie labten sich wieder mit sichtlichem Behagen. Ihre Formen wurden runder und weicher, ihr Gang geschmeidiger und fester, und in den Augen lebte neues Leuchten auf.

Eine wachsende Unruhe hatte das Getier ergriffen. Die Hunde lagen am Boden, lang ausgestreckt, den Kopf zwischen den Pfoten; wedelnd regten sie die zottigen Schweife, und aus den Kehlen drang ein leises, singendes Winseln; und fest den Kiefer auf den Boden gepreßt, hoben sie die Behänge der Ohren, als lauschten sie etwas Beglückendem, das von dort unten sich nahte.

Dann wies Japhet mit seligem Lachen auf die Rinder – und auf die Ziegen – die Antilopen – die Gazellen. Die bogen sich nieder, lagen in den Knien. Die Kühe schmiegten die weiche Wamme an den Boden; dunkle Augen stirnten sich golden und quollen wie große runde Knöpfe aus den massiven, gleichsam steingehauenen Schädeln hervor, indes die Kiefern in malmenden Bewegungen sich zu üben begannen, als witterten sie die Annäherung des alten Weidelandes: die Wiederkehr der Fluren und der Triften!

Gleich Japhet sah auch Ada, sah auch Dina der Tiere neu erwachende Zuversicht in unaussprechlicher Beglückung. Die Edle, Frauliche empfand die Unruhe der aufgewühlten Erde nicht anders als das Kreißen eines schwangeren Schoßes. Einmal – o bald nun! bald! – müssen die ersten Bergspitzen hervorkommen, aus der Flut sich emporreckend wie Arme einer fast ertrinkenden Frau, die einmal noch zum Himmelslicht hinangreift. Und sie fühlt, wie all ihre Inbrunst nach diesen emporgereckten Armen fassen, wie sie die alte, unsterblich gebliebene Erde daran emporreißen wird, mit jauchzend starkem Griff. Schon erblickt sie sie wieder, die allzu lang und schwer Vermißte, die Mütterliche in dem grünen Kleide ihres Rasens, des Rasens, der nichts ist als wunderbare Unendlichkeit aus windgewiegten Halmen und Rispen. Lustvoll geschlossen sehen Dinas himmelschöne Augen noch unter dem sanften, keuschen Vorhang ihrer Lider die Hügel der Erde, der großen Urgebärerin, wie strotzende Brüste wachsen und erschwellen. Neu erwachend reckt sich die Unzerstörbare ans Licht, und leicht und selig bewegt das reine Wogen ihres Atems die unzähligen kleinen Wolken am Himmel. Und die Sonne ist Geleucht auf ihrem Scheitel, und der Mond ein sichelförmiger Schmuck in der tief blauenden Schwärze ihres Haars. Weizengefilde sind ihr blonder nackter Leib; und wie ein verschwiegener Teich unter Binsen liegt ahnbar nur, von mystischer Waldung verschleiert, das lustvoll keusche Gelände ihrer Scham. Ja, Weib ist sie, ist aller Atmenden Mutter, und wird nie aufhören, hervorzubringen, was lebt und Leid und Seligkeit genießt. So fühlte Dina, so Ada die unbezweifelbare Annäherung der Erde; und der Kleinen, durch das Wunder des HErrn nun wieder frühlinghaft Erfrischten schien des Fensterausschnitts schiefergraue Fläche schon um ein weniges lichter geworden zu sein, so geringfügig freilich, daß nur sie es bemerkte.

Sie konnten wieder froh sein; sie konnten wieder schlummern leichten Herzens – und konnten kaum noch leichten Herzens schlummern, denn mit wonnevoller Unruhe quälten sie süße, selige Träume. Nur Zillah schlief ruhig und tief: Das Vergangene war in ihr verwunden, und des Künftigen ward ihr kindhafter Geist noch nicht bewußt. Wie eine Genesende lag sie, das Haupt zur Seite gewandt, und ihr Atem bewegte das rötliche Gelock in ihrer Achsel. – – – – –

Doch ein Erwachen kam, das alle froh hinanriß: Auf Noäh Schulter saß silberweiß geschmiegt die lichteste Taube. Ein drängendes Gurren war ihres Morgens ungeduldiger Gruß.

»Nun du?« sprach da der Greis, und ihr weicher Leib wärmte ihm die welke Wange. »Hat unser HErr, dein Gott, dir eine freundliche Gewißheit ins Blut gesenkt, daß ich so unruhevoll deines Herzens Klopfen und Hüpfen an meinem Halse fühlen soll? Ja, unermüdliche Seglerin du, der allzu lang der Schwingen Segel schlaff und tatlos hingen: nun flieg hinaus, und mit dem sanften Gurren deines Kropfes locke die Gräser hervor, daß wieder Gottesland uns grüßen möge, wenn du heimkommst, uns zu holen und jubelnd die Stunde der Befreiung uns zu künden.« (Und liebevoll nahm er sie von der Schulter und hielt sie fest und freundlich in der Hand.) »Du warst die Trösterin, die mir das Herz erleichterte mit ihrem Gruß, damals, als ich in den schwarzen Kasten eintrat, in der Nacht, bevor wir die todgeweihte Erde verließen. Nun tröste die Meinen. Flieg hin, deine weißen Segel ganz in Sonne zu tauchen. Und dann kehr heim und fülle auch sie mit Sonne!«

So stieß er sie ab von seiner Hand, der Alte, in großer Bewegung und mit einer seltsam trunkenen Gebärde. Silbern klirrte das Gefieder ihrer Schwingen, und sie zog einen selig unruhevollen Kreis um die Häupter der Frauen und schwirrte hinaus, schnell und gewandt des Fensters Öffnung durchquerend; und draußen noch klang das Klirren ihres Gefieders wie ein Lied voll Trost und junger, froher Zuversicht ...

Drei harrende Tage – und drei selig allverwirrende Nächte, in denen die Erde sich emporhob in ihrer Träume wunderreichen Wahn. Dann geschah's! Dann ward der Schwingen silbernes Klirren wieder laut, draußen an der Wandung der Arche – – und sie schoß herein, trunkenen Fluges schoß sie wieder herein, strahlend weiß, wie gebenedeit vom Licht des Himmels –: Die Taube! die Taube! Und die Männer jauchzten laut ein heißes »Eiah!«, und lachend klatschten die Frauen in die Hände: denn im goldgelben Schnabel trug sie ein Ölblatt, frisch, silbergrün und zart. Und trug es zu Noah, der es mit zitternder Hand entgegennahm und Jiska reichte.

Da stand die Alte leuchtend, groß und ergriffen, das Haupt emporgewandt zur Fensteröffnung; die Hände taten eine seltsam ungeschickt sich hebende Gebärde, ihr Antlitz aber war so verklärt, als strahle neugeschenkte Sonne ihm breit in die sechshundertjährigen Furchen.

 

Seligkeit! Seligkeit war über sie gekommen. Sie waren zu bewegt, zu sehr an ihres Herzens Jubel hingegeben, um Gott zu danken; doch ihre Freude füllte die Arche mit Lachen, mit heiterem Geschwätz, mit Gesang und mit den fröhlich wiedererstehenden Weisen aus Japhets Flöte. Die Frauen reichten einander die Hände und ließen sich wieder los, zu ihren Männern zu eilen, in deren Brust sie jauchzend ihre Lust hinüberströmten. Zillah war ausgelassen wie ein Kind, eilte mit kleinen behenden Bewegungen zu den Tieren, streichelte sie, sprach sie an und verkündete ihnen munter und geschwätzig die Stunde der Erlösung und des Auszuges aus dem schwarzen Kasten. Und die Alten ließen sie freundlich gewähren.

Ham aber trat unter sie; und je heiterer der graue Himmelsausschnitt sich zu lichten schien, desto strenger sammelte sich Ernst in seinen Zügen. Und er sprach:

»Kinder! Toren! Schwachherzig abergläubisches Geschlecht! Ist euer HErr ein froher, luftiger Knabe, der mit Frühlingsatem die mächtigen Pforten auseinanderbläst, die unser zederngefügtes Haus verrammeln? O ja: Gleich wird er kommen im bunten Schmetterlingswagen und alle uns laden, darin Platz zu nehmen. Zillah aber sitzt vorn auf dem buntesten Falter; ihre Händchen klammern sich an seine großen Fühler, und ihr rotes Haar weht und flattert mit seinen buntblauen Schwingen um die Wette. Und dann trägt der Wagen euch hinaus und setzt euch unter lauter Blumen ab, und ihr dürft eitel Honig naschen wie die Bienen. – Kinder ihr! Gedankenlose Selbstbetrügerinnen! Hat Jahwe nicht die Erde niedergetreten unter die Gewalt seiner Füße in Schmutz und Kot? Die ganz verschlungen war, liegt drunten ganz verschlammt; die tief verwunschen war, muß aus Verwesung erst sich neu erheben. Hat euch der HErr mit Grünendem gegrüßt, ein freundliches Wunder wirkend um der Schwachheit eurer Herzen willen, so hofft doch mit nichten, den Fuß, wenn ihr der Arche schwankendes Haus verlaßt, auf eines Paradieses Grund zu setzen. Der Fluch, früh über die ersten Menschen gesprochen, wird noch den letzten einst die Schultern drücken. Wir aber, vom HErrn beseligt zur Unseligkeit, wir werden das schwerste Werk zu schaffen haben –: Eine verheerte Erde wieder urbar zu machen zum Säen und zum Ernten wird uns geboten sein, – und wenn am Abend uns des Himmels gelb erglimmende Sterne grüßen, wird einzig das uns lohnen und segnen für eines arbeitschweren Tages Last. Jetzt aber, wenn euch des HErren Stimme rufen wird, hinauszutreten, gewärtigt dies als unsere letzte, harte Prüfung: die Verwüstung zu schauen, die grauenhafte Verwüstung des Bodens, der uns geboren, des Bodens, der, eine ungeheure Lache Schlamm, entstellt von rauhem Geröll und modernden Bäumen, nicht anders als ein Totenfeld uns grüßen wird, überdeckt mit den Skeletten einer ganzen Menschheit und mit unbestatteten Schädeln, die grinsend uns laden werden, in ihrer schweigenden Gesellschaft zu leben, zu schaffen und zu nächtigen. Darauf bereitet euch! Das wird der Gruß der neuen Erde sein! So fühle ich das Gebot unseres HErrn, das hart ist, grausam und gewaltig, und das ich willig auf meine beiden Schultern nehme: weil ich mich ihm gewachsen fühle!«

Erschüttert standen sie beim Klange dieser unbeugsamen Worte, die keiner von ihnen zu widerlegen sich getraute und an die zu glauben sie doch kaum den Mut in ihren eben noch so froh bewegten Herzen fanden. In Angst und Ratlosigkeit wurden die Blicke der Frauen groß und grau und leer; und der Hand des Hirten entsank das frohbereite Flötenspiel. Jiska sprach ernsten Mundes: »Habt Mut; und wenn Ham; euer Bruder, wahr gesprochen hat, so wollen wir ihm danken. In sechshundertdreiundachtzig langen, mühsamen Jahren hat mein Herz viel getragen und ist unbeugsam geblieben; und was der HErr ihm noch beschieden haben mag, auch das wird es tragen mit der Kraft, die viele Lasten mir gegeben haben und die an jedem Tage sich erneuen wird aus dem Anblick eures rüstigen Schaffens.«

Da reckte sich Noah auf an dem Trumm seines Stabes und gebot den Söhnen: »Öffnet die Pforten der Arche!«

Und sie traten herzu und ergriffen das Gebälk der Tore, Sem zur Rechten und zur Linken Ham, und stemmten die Schultern dawider und spannten der gekrümmten Rücken ganze Wucht an, die Pforten aufzusprengen – – und vermochten es nicht. Und Noah und Japhet vereinten ihre Kräfte mit den ihren – aber die Pforten der Arche blieben unbewegt. Da ergriff der Riese die Axt und schmetterte sie mit starkem Schwunge gegen Bohlen und Balken, – und die Axt, die Zedernwaldungen gefällt hatte, zersprang, zerschellte wie eine trockene Scholle Lehm. Und sie waren kleinlaut und entsetzt.

»Haltet ein!« gebot da der Alte und trat selbst zurück von den Flügeln der Pforte und rührte sie nicht mehr an: denn er hatte den Widerstand des HErrn verspürt. Und er fuhr fort: »Laßt ab! Bereitet eure Herzen vor, wie euch der Bruder gesagt hat. Noch will uns Jahwe den Anblick des Unahnbaren verborgen halten. Noch gilt es, rein zu werden und stark für das Zukünftige!«

Er ergriff die Feuersteine, die gelben, schwarzgeäderten Augen des Todes, und ließ sie Funken schlagen, und nährte die Glut mit Fäusten voll duftiger Kräuter. Alsbald umzog den Altar eine bläulich schwelende Flamme, und der ganze Raum der Arche füllte und sättigte sich mit Wohlgeruch. Weiße, wallende Schleier wob der Rauch um Menschen und Tiere – und schwächte ihre Sinne – und streckte die Ermüdeten in Schlummer ...

 

Zaghaft lebten sie nun, immer harrend auf die Stimme des HErrn, immer gewärtig eines Anblicks, den sie ersehnten und den sie doch nach Hams verheißungschweren Worten zugleich mit heimlichem Grauen fürchten mußten.

Ein seltsames Dämmern lichtete die Räume der Arche: Ein Schimmer drang herein, der wuchs und schwoll und fast den bläulichen Opal verdunkelte.

Die drei Frauen sitzen Hand in Hand, die Gesichter still emporgewandt zum Fenster. Und durch den Fensterausschnitt erblicken sie jetzt einen Gletscher, firnenhaft; er leuchtet im ätherischen Blau, er schimmert warm – und schmilzt – und wandelt sich – und fährt dahin – und fährt am Fenster dahin – und ist – o selig! selig! – eine Wolke! Sonne trägt sie um ihre Ränder geschmiedet und leichte Himmelslüfte in ihrem Schoß – – und ist nun wieder eine Blume, eine silberweiße, zarte Blume des Äthers, die sich füllt, die duftig und reich sich entfaltet und – siehe! – goldnen Staub herniederstreut, als besame sie die noch Unsichtbare: die draußen erstandene neue Erde.

Traumhaft füllt das Licht der himmlischen Blume ihre vor Sehnsucht weiten, nassen Augen.

Da fällt ein tiefer Schlummer über sie. Um die Eltern sitzen die drei Paare der Kinder still aneinandergelehnt, die geschlossenen Blicke noch erhoben zum Bilde des Fensters. Und von oben bricht wachsend seliges Geleucht herein und verklärt die Gesichter der friedsam Hingenommenen.

 

Alle hatten sie dasselbe Traumgesicht in diesem Schlummer ihrer letzten Arche-Nacht –:

Auszog die Karawane der Tiere, unübersehbar, durch das Tor des geschwärzten Hauses hinaus in eine neue Welt. Die Menschen sahen von der Schwelle des offenen Hauses hinab auf den Zug der befreiten Genossen, die zur Ferne strebten. Und sahen die gewaltigen Rücken der beiden Elefanten und ihrer Rüssel stark erhobene Trompeten; – sahen der Zebras weiß und schwarze Streifen, des Löwenpaares goldig gelben Schimmer, der Bären rauhes, dunkles Braun; – sahen des Kameles hügelig sich reckenden Höcker, den gewunden hangenden Hals, die Vogelhaftigkeit des alten Kopfes; sahen die Giraffe steil und hell, des dunklen Nashorns plumpen Schmuck, die Anmut und die zackige Schönheit des Hirschgeweihs. Und deutlich war der Strauß mit seinem prächtigen Gefieder zu erkennen.

Der tausendfältige Trott der Tiere bewegte den Zug in einem wimmelnd wogenden Rhythmus. So stampfte er durch grünende Flur die Fährte.

Dieses aber sah Zillah allein: sich selbst auf dem Höcker des Kameles, getragen wie auf wandelndem Thron: eine phantastische Königin der Steppe, gehuldigt von jedem Hauch der blau bewegten Luft. Ihr flammendes Haar lag fächerbreit auf ihrer Schulter, und das meergrüne Gewand stand gut zu des Kameles stumpfem Braun. Neben ihr ritten auf den Dromedaren die Schwäherinnen, und Jiska auf der Stute des Kameles. Vorn aber sah sie die Männer: Sems gewaltigen Leib weiß und leuchtend auf dem schwarzgrauen Nacken des Elefanten, und neben ihm Noah, weit kenntlich an dem wallend weißen Bart; und ihnen zu Seiten auf weißen tänzelnden Gäulen der Flötebläser und der braune hagere Jäger!

Stolz war der Zug der Menschen und der Tiere! Und in der Luft gab ihm der Vögel Volk das freundliche Geleit, – in doppeltem Bande zur Rechten und zur Linken – schwebend und schwirrend, geschmückt mit allen Farben der Träume, leuchtend und bunt wie Edelsteine – taumelnd in einer seligen Ekstase – erdhinausgehoben – weltwärts fliegend!

Fern erst verflatterten sich die beiden wallenden Bänder.

Fern erst löste der Tiere phantastischer Zug sich mählich auf, als lernten sie aufs neue, einander zu mißtrauen und ihre frische, scharfe Witterung zu fürchten. Seitab schlichen die Kleineren, Wiesel, Luchs, Ichneumon, nur noch wie geschmeidige bewegliche Flecke zu erkennen; – Weidetier blieb schwerfällig zurück, wie Äsung suchend; – die Hasen brachen hakenschlagend aus dem Zug, und der Füchse buschige Ruten schwanden ihnen nach.

So zerging, zerflatterte das ferne Traumbild – – und nichts blieb als das Licht der einsamen Steppe – die jeder Schläfer in Noäh Hause sich anders träumte, nach seiner Hoffnung und nach seiner Furcht – – bis auch der Steppe ungewisses Bild verblaßte. – –

 

Als von der Gruppe sich der Schlummer löste, erwachten sie in einem völlig neuen Licht. Ada, deren kleine Hand damals sich emporgereckt hatte, den Eingeschlossenen den göttlichen Opal zu weisen, wies auch jetzt mit ausgestrecktem Arm hinan zu jener Stelle; – und die Stelle war leer. Geendet waren die Wirrnisse der Fahrt durch Dämmernis und Dunkel, geendet die Nächte der Flut, der Vernichtung und des Traumes: Gott hatte die Leuchte geborgen in jenen tiefen Fernen, daraus er sie entnommen hatte, seinen Geretteten zum Trost.

Und dennoch war Licht, war frisches, klares Licht des Himmels in der Arche – – und beleuchtete ein neues Wunder: Die Gelasse der Tiere waren leer; und die Bäume und die Sträucher waren welk und dürr, und Früchte hingen nicht mehr in den schlaffen Blättern. – Weit offen aber stand der Arche doppeltes Tor – und Sonne! Sonne! lud und lockte sie mit vollem Strahl hinaus.

Jedoch die Erlösten drängten sich nicht in wirrem Eifer zu der Pforte, die ihnen des HErren Macht entriegelt hatte, indes sie schlafend lagen: Scheu standen sie, gebannt, mit zagem Fuß – und sahen nur und tranken nur das Licht, das seine breiten Fächer in den Raum ergoß. Und mitten in des Lichtes Bann stand Noah, groß und straff, und verschmähte die Hilfe des zerbrochenen Stabes. Mit Jiska, der selig Lächelnden, Hand in Hand gefügt, schritt er hinaus, als gelte es, zu neuem Bunde vor den HErrn zu treten. Wunderbar leicht waren die Schritte der beiden Alten, und hingenommen folgten ihnen die Paare der Kinder, mit keinem letzten Blicke mehr die finstere Behausung grüßend, die welk und verbraucht in ihrem Rücken blieb, erfüllt von einem beklemmenden Dunst, in dem der Tiergeruch sich mit den Düften des letzten Weihrauchopfers süßlich mischte.

Und dann traten sie über die Schwelle, Paar um Paar, gewaltig den dürstenden Busen dehnend, sich volltrinkend mit der Luft des Himmels; und der tiefe, reine Trunk erfüllte sie mit einem neuen Rausch, so daß sie über die Schwelle wandelten wie durch eine Wolke von Seligkeit – – –:

Da lag sie, da lag sie, die ersehnte Erde, und grüßte sie wie eine wundervolle Frühlinglandschaft. Nun wußten sie, warum der HErr sie zurückgehalten hatte in der Arche, indes der Regen schon versickert war. Eine ungeheure Fruchtbarkeit, ein Rausch der Erneuerung mußte den ganzen Erdball ergriffen haben: Gemästet vom Dung der Leichen und der verrotteten Pflanzen, von Schlick und Schlamm, von der Verwesung und der Verwandlung alles Fleisches, hatte das weite Gelände, fiebernd unter der Glut der neu hervorgebrochenen Sonne, Gräser und Kräuter, Moos und Röhricht, wildes Getreide und Blumen in unübersehbarer, wonniger Fülle gleichsam aus silberdampfenden Poren ausgeschwitzt. Der Wind, der machtvolle stürmische Säemann des HErrn, hatte weithin das Land mit riesenhaften Beeten überdeckt. Dort zog sich's hin in breiten roten Streifen wie purpurner Mohn; – dort dehnte sich's wie Felder von blühendem Raps, dehnte sich in sonnetrunkenem goldenen Gelb; – dort streckten sich Gefilde, blau wie Leinkraut; – dort deckte sich das Land mit einem selig jungen, saftigen Grün. Und in all dem Grün und in all der wildfrohen Buntheit farbigen Rausches war ein Blinken und Perlen, war ein Schimmern und Funkeln und Leuchten, daß ihnen die Augen weit wurden vor Lust. Ah! und wie duftete das wundergut! Da lebte Frische, da wogte Fruchtbarkeit; da hoben sich wallende Schwaden köstlicher Gerüche und labten ihnen die Nüstern und füllten ihnen die Lungen mit unbegreiflichem Glück –: Die Erde war entsühnt, war wieder rein und jungfräulich geworden und schimmerte geschmückt wie Gottes Braut.

Als sie sich aber umwandten zur Arche, stand das Haus, das sie geborgen hatte, verwittert und verwettert. Der Regen hatte es rauh gemacht, und von der salzigen Flut war seine Farbe gebräunt, wie von Rost zerfressen; und der treibenden Baumstämme Wucht hatte die gewaltigen Balken zerbeult und die Planken und Rippen zerspellt. Das stolz und ragend gewesen war, als es sie lud zur bergenden Fahrt: das Haus des Heils war ein erschöpftes, wüstes Wrack geworden.

Erschüttert standen die Erlösten und hoben die Hände voll Dank zu dem Hause, das sie in wilder Fahrt und in Nächten unsagbaren Bangens geborgen hatte. Und lauschten entzückt: Da, auf dem First der Arche, erblickten sie die silberweiße Taube, die ihre Lust in einem wonnigen Gurren kundtat.

Dann aber brach ein trunkener Schrei von allen Lippen –: Wohl stand des Hauses plumper, schwerer Umriß vor silbergrauer Wetterwand, prunkend aber in überirdischer Schönheit schlug ein Bogen, aus wunderbarem buntem Licht gebaut, eine leuchtende Brücke in himmelhohem Kreise bis zur Höhe des Äthers hinan. Und sie warfen die Arme empor in hingerissen jubelnder Gebärde; gereinigt und entsühnt betraten ihre Herzen diese gottgeschaffene Brücke des Bundes, auf der es grünte wie frühlingfrischer Rasen und gilbte wie sommerreifes Korn und sich rötete wie schimmernder Segen des Herbstes –: Dort oben, dort im himmlischen Raume erschloß sich ihnen, verheißungvoll vom HErren hingestellt, das niegeschaute Bild überirdisch schöner Gefilde und eines paradiesischen Friedens. – Sie sanken hin, anbetend beugten sie die Knie, und während sie ihre Häupter tief zu Boden neigten, verblaßte in langsamer Feierlichkeit das himmlische Gesicht ...

Da trat Ham aus dem Kreise der Menschen hervor; den Bogen und den Pfeil in fester Faust, überschaute er stolz erhobenen Hauptes die neue, ihnen wiedergegebene Erde, über die Gottes Allmacht und Güte die geretteten Menschen nun zu Herren gemacht hatte. Schon trat er fest wie ein Gebieter den schwellenden Boden; schon blickte er scharf und äugend in die Runde, ein Wild zu erspähen, das ihres ersten Mahles Nahrung werde. Aber von allen unzählbaren Tieren, die die Arche geborgen hatte, war auch nicht eins mehr zu gewahren.

Doch: eines noch! Dort saß es friedsam gurrend auf des Hauses First.

Die Frauen erschraken, als der Jäger entschlossen den Bogen spannte; aber niemand vermochte ihm in den Arm zu fallen. Da schwirrte mit scharfem Klang der Pfeil hinan. Doch Gottes milde Hand bewahrte den feierlichen Frieden dieses Tages und lenkte den sicheren Pfeil an dem Vogel vorüber. In weitem Bogen flog der blutrot Gefiederte zur Erde nieder – und stand in des jungen Rasens weichem Grün nicht anders als eine glühende Nelkendolde. Der Vogel barg das Haupt im weichen daunigen Gefieder; und sein kleines gurrendes Lied verstummte, da leis mit zarten Schatten des ersten Tages Dämmerung gezogen kam.

Sie aber traten nicht wieder ein in den Raum des verlassenen Hauses. Draußen im Freien lagerten sie, Dank und Gebet in den gereinigten Herzen. Ihre Häupter lagen in schwellende Kräuter gebettet –: Ihr Atem mischte sich mit dem heiligen Odem der Erde.

Hoch über ihrem friedsam kindlichen Schlummer zog Gottes ewiger Wagen groß und golden die Spur.

Und göttlich blühte die gestirnte Nacht.

 

Ende

 

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