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Die Arche

Max Bruns: Die Arche - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Bruns
titleDie Arche
publisherJ. C. C. Bruns Verlag
yearo.J.
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Wieder war es Jiska, die diesem unheilvollen Wahn begegnete. Hatte sie das vom HErrn Verhängte mit starrer Festigkeit, ja, mit steinerner Härte getragen –: jetzt ward sie weich und regsam und erfinderisch, da es allein noch um die Erhaltung ihrer Kinder ging. Und kaum daß der Sturm da draußen nachließ und der eisige Vorhang vor dem Fensterloch dahinschmolz in wachsender Bläue, so machte sie den Ihren mit stillen, warmen Worten wieder Mut und raunte ihnen alte Sagen zu, von denen niemand hätte angeben können, woher ihre Kunde der Alten gekommen war.

»Ist es denn zum erstenmal, daß Gottes donnernde Flut über diese Erde bricht? Ist nicht vor Jahren – vor langen Jahren, deren Maß kein Sterblicher mehr sinnt – schon ähnliches geschehen? Wißt ihr von Basraal nicht, dem grauen Priester, der ein steinaltes Männchen war und an dem heilenden Stabe der Wunder ging?«

»Wir wissen nicht von ihm,« sprach Zillah, die hingegeben der Alten zu lauschen begann. »Was ist es mit dem Stabe? Erzähl es uns, Mutter!«

Und geheimnisvoll berichtete ihnen die Alte:

»Der Stab war eigentlich eine dunkle, gefleckte Schlange, und man sagt – und anders wird es sich auch kaum verhalten haben –, daß sie von der Schlange des Paradieses abstammte, die, wie ihr wißt, der Böse selber war. Als Basraals Herr an einem heißen Abend in seinem Zelte zu nächtigen sich anschickte und eben ein Diener ihm Milch und Datteln zur letzten Erfrischung reichen wollte, fuhr unter dem Lager mit Fauchen eine Schlange hervor, hob steil den dunkelfleckigten Leib und wandte das breite Haupt giftzüngelnd gerade wider den König. Der Diener erschrak und fiel mit lauter Klage aufs Antlitz; Basraal aber, der Priester und Arzt, der immer in der Umgebung seines Herren weilte, sprang funkelnden Blickes behend empor, und da die kleine welkgraue Hand des Alten den Schlangenleib umspannte, – so hielt sie einen dunklen, bunt gefleckten Stab mit gewundener Krücke, die oben zwei rote, funkelnde Steine trug. In diesem Stabe barg sich die Kraft aller heilsamen Gifte der Wälder, und Basraal, von seinem Herren königlich belohnt und hoch geehrt, hat noch manch wundersame Errettung mit diesem Stabe des Heils unter seinem Volke gewirkt. – Er selber, so schien es, war unantastbar geworden für alle Angriffe der Krankheiten und des Todes. Klein und welk und in sich geschrumpft, hat er seines Königs Kinder und Kindeskinder noch überdauert und ist umgegangen unter Menschen, die ihn und seine Herkunft nicht mehr kannten und seine Sprache nicht zu deuten wußten. – Zu jener Zeit hat die Menschheit sich verderbt wie in unseren Tagen, und Basraal hat gewußt, daß eine große Flut sie hinwegnehmen und ihre Wohnstätten vertilgen würde. Er aber hat es niemandem sagen können und hätte es auch niemandem gesagt, denn er sah die Bosheit der Menschen und fand es nicht gut, ihnen noch fürderhin zu helfen wider den Willen des HErrn, und hat den heilenden Stab über den Knien zerbrochen und seine Trümmer dem Gott des Zornes und der Rache verbrannt. – Dies ist die Erzählung von Basraals wundertätigem Stabe.«

Die Kinder schienen von den Worten der Alten nicht voll befriedigt. »Und was ist aus dem Priester geworden, als die Flut kam?« forschte Ham. Und die Mutter fuhr fort: »Als die Flut kam, machte der Priester sich auf und begann ein endloses Wandern. Er schritt durch ferne, wundersame Länder, und da er gewohnt war, am Stabe zu gehen, so schnitt er sich einen großen weißen Stock aus dem Baume des Heils. Weil er aber oft über hügeliges Land und Geröll zu gehen und oftmals auch auf Berge zu klettern hatte, so kerbte er den Fuß des Stabes kreuzweis ein, schaltete in die Fugen den grauen, spitzen Stein der Wahrheit und sah sich um nach einem Bande, ihn in den Fugen zu befestigen. Er saß am Gestade der wachsenden Flut, in der die Sonne, dunstig rot, zu ewig langem Schlummer scheiden ging. Nur steinigtes Geröll bedeckte weit das unwirtliche Land, und ein Band oder auch nur eines Grases Rispe vermochte der Alte nicht zu finden. Ratlos blickte er auf seine müde, graue Hand – und fand in ihre geöffnete Fläche den letzten roten Strahl der Sonne gelegt. Und er ergriff ihn und band ihn um den Stab des Heils über den grauen, spitzen Stein der Weisheit. Dann aber machte er sich auf, weiter zu wandern noch in der Nacht; denn die Flut stieg. Und unermüdlich und wie neu verjüngt wanderte Basraal, der Priester, bergaufwärts und war so einsam, daß nicht einmal sein Schatten ihn mehr begleitete.«

Da erschauerte Dina und legte still die Hand in Jiskas Schoß, die leis sie drückte und fortfuhr:

»Doch der Alte war starkherzig und floh nicht vor der Vernichtung wie ein gehetztes Wild. Vor einer grauen Felsklippe hielt er den wandermüden Schritt, erhob den Stab mit wuchtiger Gewalt hoch über sein Haupt und schlug ihn dröhnend gegen des Felsens Härte. Und krachend barst der Fels auseinander, und eine tiefe Höhle ward geöffnet.

Da wandte der alte Priester sich zurück, nochmals schwang er den Stab wie einen gewaltigen Speer und schleuderte ihn hinunter in die emporgischtende Flut, die seinen Schritten nachgestiegen kam.

Wißt ihr, wie lange der Stab durch die gurgelnde Flut hinabgesaust ist? Sieben Tage und sieben Nächte lang! Da fand er Grund im Schlamm des Meeresbodens, in den der Stein der Wahrheit sich tief hinunterbohrte. Der Priester aber hatte sich indes zur Höhle gewendet; die Höhle hat sich über ihm geschlossen; die Flut ist gestiegen und weiter und weiter gestiegen und hat die Höhle bedeckt, in die sie, wie man sagt, doch nicht hinabzudringen vermochte; und als nach langen Zeiten die Flut gefallen war und das Gebirge sich wieder hinausgereckt hatte in des Himmels frisch atmendes Blau, ist ein neues Geschlecht auf der Erde gewesen, und niemand hat von Basraal je eines Schattens Spur erblickt.«

»Und, Mutter, du?« fragte Ada mit großen, lauschenden Augen. »Wie weißt du von ihm? Und was ist aus dem Stabe des Heils geworden?«

»Als die Wasser sich wieder verlaufen hatten und die Erde neu zu grünen begann,« sprach die Alte mit seltsam warmer, inniger Stimme, »ist der Stab des Heils zu einer gewaltigen Zeder herangewachsen. Dieser Baum ist gefällt, und sein Holz hat der Hütte zum Bau gedient, in der nach Jahren ein Großer und Erwählter geboren ward: Noah Menahem, euer Vater.«

Bei dieser unvermuteten Wendung kam über sie alle eine jähe Wärme und eine scheue Zärtlichkeit, und als sie sahen, wie Noah mit wortloser Freundlichkeit die Hand der Gattin ergriff, neigten sie sich über ihn und küßten ihm den Bart und die Hände.

Dann aber frug Japhet, seinerseits von der Erzählung offenbar noch immer nicht voll befriedigt: »Du hast uns nicht gesagt, was aus dem Sonnenstrahl geworden ist.« Und Jiska, von dieser Frage überrascht, schwieg eine Weile.

Da half Ada mit leuchtendem Lächeln ihr aus und erwiderte dem Schwäher: »Aus ihm ist deiner Genossin rotes Haar gewachsen.«

Der Hirt betrachtete fast scheu die flackernde Schönheit seines Weibes. Ada jedoch, der mütterlichen Erzählung nachsinnend, schien wieder zurücksinken zu wollen in Bitterkeit und Wehmut, denn sie gedachte der Hütte Noäh, aus der heiligen Zeder erbaut, die gleichfalls nun vom Untergang verschlungen war.

Aber schon hatte Jiska eine neue Ablenkung gefunden. Wie zufällig ergriff sie die beiden Feuersteine, die, fast wie Heiligtümer gehütet, stets auf der Herd- und Opferstätte lagen. Sie selbst hatte sie dem Gatten einst zugebracht, eine Kostbarkeit, von Henoch, ihrem weisen und gewaltigen Vater, ererbt. Beinahe rund schon waren sie, gelb und schwarz geädert und stumpfen, blinden Glanzes.

»Wißt ihr zu sagen, was das ist?« fragte die Greisin, und in all ihren Runzeln lauerte Geheimnis.

»Es sind die segensreichen Steine des Feuers.« So Japhet. »Der Mächtige schlägt sie, und sie sprühen Funken; die springen ins welke Gras und reißen es in Flammen hoch, und ganze Steppen könnten sie entzünden. Aber der Mächtige zwingt sie zu seinem Dienst; er begrenzt sie auf des Herdes heiligen Bezirk, zündet das Opfer, das Jahwe versöhnt, und zieht der Gottheit Segen zu Menschen herab.«

Und Jiska: »Ihr wißt es nicht; so hört: Es sind die Augen des Todes.«

Ada machte eine staunende Bewegung, bei der das braune, zottige Fell ihr von der Schulter glitt und ihre weiße, sanft schwellende Brust halb frei ward. Doch sie spürte es nicht und hing, den anderen gleich, am Munde der Alten, die also begann:

»Als der Tod sah, daß ihm Macht gegeben war über alles Lebende, was in den Fluten, auf der Erde und im Himmelsraume des Daseins genoß, ward er, dem der HErr Unsterblichkeit verliehen hatte, solange die Welten stehen würden, von einem frevlen Übermut ergriffen und reckte zuletzt die dürre Faust dreist und frech gar wider des großen Schöpfers heiligen Namen. Da ergrimmte der HErr in gewaltigem Zorn und riß ihm harten Griffes beide Augen aus den Höhlen und schleuderte sie zu Boden. Und sie sprangen hart und klatschend nieder; denn sie waren im nämlichen Augenblick zu Stein geworden. Aus den Steinen aber, da sie widereinanderschlugen, sprangen bläulich giftige Funken auf und griffen nach des Todes wallendem Gewande – verloschen aber im selben Nu, als seien sie in eine Welle gefahren. – Seit jenem Tage mangelt dem Tode die Kraft des Gesichts, und er kann nur noch mit blinden Händen die Scharen seiner Opfer greifen.« (Und Jiskas Kinder und Schwiegerkinder lauschten staunend und vergaßen völlig, daß selbst dem Tode nichts mehr zu greifen geblieben war als nur ihr eigenes, armselig gewordenes Leben.) »Die Steine aber nahm der HErr und verwahrte sie und gab sie nachmals Henoch, den er liebte und mit allerlei Gaben ausstattete vor den Menschen, und wies ihm ihren Gebrauch und sprach: ›Aus der Höhle des Todes stammen diese Funken und sind lüstern nach Opfern und voll tödlicher Begier. Dir aber hat dein Gott die Macht gegeben, ihre Kraft zum Segen zu wenden, darum daß er dich liebt. Gehe hin und lehre die Deinen, demütig und dankbar sein!‹ Und Henoch nahm die Augen des Todes und entzündete mit ihnen – das war ihr erster Gebrauch – ein duftiges Opfer dem heiligen Gotte des Lebens.«

 

Und die Menschen und die Tiere im Kasten, und Wasser, Wolken und Wind da draußen: alles, alles schien Ziskas klug bedächtige Stimme beruhigt und in einen sanften Frieden gewiegt zu haben. Schwerfällig käuend lagen die Tiere in ihren Gelassen und blickten groß aus dunkelbraunen oder goldenen Augen zu der Gruppe der lauschenden Kinder Noäh; und der Himmel war tief und blau geworden und der Regen wie ein Gewirk von lauter feinen, klingenden Silberketten, und die Wellen hatten sich ganz klein gemacht – ja, das war wohl zu spüren – und drängten mit singendem Gluckern gegen die Wände der Arche. Es war, als wolle die ganze Natur der Stimme dieser blühenden Greisin lauschen, aus ihren Worten Vertrauen zu trinken in die Allmacht und Güte des HErrn.

Und Ada konnte den Schutz der zottigen Felle von sich tun, der ihrer zarten Schönheit so reizvoll und befremdlich ließ. Die unstet treibenden Menschen schienen auf ihrer Fahrt in heißere Breiten geführt zu sein, die allem Schauer und Frost ein tief erwünschtes Ende setzen würden ...

Was aber das Innere der schwimmenden Behausung wachsend wärmte, war nur die Ausdünstung der Tiere, für die – Ham hatte es mit Recht gefürchtet – das Fensterloch schon bald nicht mehr genügte. In diesem engen Beieinander von hunderten und aberhunderten schlaff ruhender Leiber erwuchs bald eine von Tag zu Tag sich steigernde Schwüle, und umso peinvoller war sie für die drinnen eingeschlossenen Menschen zu atmen, als diese Dünste gesättigt und durchschwängert waren mit unfaßbaren Erinnerungen an Verlorenes, die den Tieren gleichsam in den Poren ihrer Haut haften geblieben waren und nun in dichten, sich mischenden Schwaden in dem verschlossenen Raume sich häuften. Immer, immer wieder war es also gegenwärtig und drängte sich erbitternd in jede karge Lust, die ihnen verblieben war; noch in Gefieder und Fell der gefangenen Tiere überlebte die beseligende Heimat alles Atmenden. In den Farben der Papageien, der Pfefferfresser und der Kolibris war aller Glanz, war alle leuchtende Fülle der tropischen Wälder bewahrt; da schimmerte das saftige Grün der geil sprossenden Riesenstauden, da entfaltete sich die üppige Buntheit zauberhafter Blumen, die sich in schwülen Nächten erschlossen und eine Fülle von Traum und Leidenschaft in die ewig jungfräulichen Wälder geatmet hatten. Alle Düfte des Lotus und die scharfen Würzen der giftigen und der heilsamen Pflanzen, Wurzeln und Knollen zitterten in den Dünsten, die aus dem Gittergelaß der Vögel kamen, in unfruchtbar gewordenem Brüten fort; und in dem kleinen, tiefsinnigen Auge des Elefanten haftete etwas von der goldig übersonnten Feuchtigkeit des Dschungels. In diesem dunstgeschwängerten, dämmernden Raume lebten Landschaften und Bilder ein spukhaftes Leben, von denen die erwählte Familie nie etwas geschaut hatte und die ihnen darum nur desto quälender den Geist bedrängten, der sich in diesem Gewirr von traumhaften Reizungen nicht mehr zurechtfand. Im falben Fell des Löwen blinkte der fahlgelbe Staub der Wüste, als berge sein Inneres noch einen treu bewahrten Rest von den unendlichen windgewellten Flächen, die einst aus seinen Flanken sich erneuern würden. Wundervolle Sonnenuntergänge färbten das rosige Gefieder der Flamingos, als schwebe ein rötlich bestrahltes Gewölk verloren in der weltverschlossenen Einsamkeit der Arche. Und friedlos um das blaue Licht des göttlichen Opals flog taumelnden Fluges, wie von Sehnsucht bewegt, ein großer, zauberisch bunter Schmetterling, traumhaft schön in dem reinen Glanze, in dem die Pracht seiner Farben sich mit dem melancholischen Geleucht der Ampel mischte.

Bisweilen suchte Ada die Nähe eines Holztaubenpaares, deren blanke Leiber schiefergrau waren wie ein wolkenbezogener Himmel – oder wie die Flächen des Meeres dort draußen, der unerbittlichen Allverschlingerin, die keiner von ihnen sah und deren einförmiges Schiefergrau, gekräuselt gleich der runzligen Haut eines Ungetüms, sie doch in dem Stückchen Himmel, das der Fensterausschnitt sehen ließ, so oft schon beklemmend gespiegelt gefunden hatten. Und Ada sah sich nicht satt an dem reichen, glänzenden Grün des seidigen Gefieders auf der Brust, das über dem matten Grau der Leiber aufstieg, wie ein sanft grünendes Eiland aus ungeheurer Flut verlockend sich hebt. Würde nicht einst dieser heimliche Traum sich erfüllen? Würden nicht Tage kommen, da wieder ein Blühendes, ein noch so zaghaftes Keimen und Ergrünen sich ihren schwer umdämmerten Blicken zeigen müßte? Und sie senkte ihre traurig stillen Augen tief in die goldig dunkelnden des Taubers und glaubte ein Geleucht wie von verhaltener Sonne auf seinem Grunde aufbewahrt zu finden. Dann schöpfte sie Hoffnung und Vertrauen aus dem leidend starren Blick des Tieres, das unsicher den sanft gerundeten Kopf nach ihr zur Seite streckte und von dem Suchen ihrer Seele nichts verstand.

 

Und es kam ein Abend großer Traurigkeit. Stumpf hatten sie ihr kleines, von Jiska künstlich geschaffenes Tagewerk getan. Das Leuchten des Opals ward inniger und milder, die Ruhe der Tiere tiefer und satter, und deutlicher des Regens dunkles, leises Rieseln, das sie tagsüber kaum noch vernahmen.

Nun waren sie im Lichtkreis der göttlichen Lampe um der Eltern ehrwürdige Gestalten versammelt. Noah aber saß stumm gebeugt an seinem zerbrochenen Stabe, und auch die Alte gab es auf, durch Sagen und Erzählungen die Kinder zu zerstreuen. Ach! all ihre Geschichten führten zu Menschen zurück, die einst auf grünendem Sterne Leben und Odem hatten, zurück zu traulichen Tagen einer Erdenheimat, die alle geliebt hatten mit gedankenloser Kindesliebe, und die ihnen entrissen war – für immer, wie es sie deuchte. Denn die Tage waren lang und die Nächte nicht kürzer und rannen zusammen im öden, unabänderlichen Grau des Regens und der windbewegten Flut.

So saßen sie gleich einer Kinderschar, die noch vor Schlafenszeit mit zwecklos spielendem Tun die Hand mehr als den Geist beschäftigt, indes der Lampe sich vertiefendes Geleucht sanft flimmernde Müdigkeit in breitem Kegel über die gebückten Häupter streut. Sem bastelte und besserte an seinem Beil, schärfte es und befestigte es in einer neuen Art am stämmigen Schaft; Ham hatte den Bogen quer über die Knie gelegt und färbte die gefiederten Pfeile mit blutigen und feurigen Farben, indes Japhet nach den tausend Modellen, die die Arche ihm bot, langohrigtes oder gehörntes Tiervolk aus weißen, runden Hölzern schnitzte. Spielend hatte Zillah eine ganze Fülle bunter Steine und Perlen aus dem Beutelchen sich in den Schoß geschüttet, der gefällig staunenden und halb doch unachtsamen Dina sie zu zeigen, und vereinte sie auf einem flachen Brett unermüdlich zu neuen Mustern, die sie bald wieder zerstörte, um noch sternenhaft leuchtendere auszumitteln. Untätig lehnte Ada zwischen der Mutter und dem Gatten, die sonst so fleißigen Hände den Händen ihrer Lieben überlassend, halb schon dem weichen Schlafbedürfnis hingegeben, das auch den nickenden Alten überfiel, dem ein leis gemurmeltes Gebet auf den Lippen erstorben war. Und aus dem Rauch des Feuers, um das sie hockten, ballte sich ihm eine milde, weißbärtige Gestalt und legte eine schützende Hand auf seinen Traum.

Da ward ein Seufzer Dinas laut, der alle erschreckte, denn ihr schlichtes Herz war stark und ihr schöner, weicher Mund stets ohne Klage. Nun aber sprach dieser schwellend schöne Mund in Bitterkeit:

»Der HErr hat uns Schweres gegeben.«

Was wars, das ihren Geist geheim bewegte? Entbehrte ihre Lunge den Hauch des frischen, blütenreichen Landes? der dunklen Rosen vollen, süßen Duft? den Ruch des sommerlich gereiften Korns, das sie mit starkem Arm zu bündeln gewußt hatte – in jenen Tagen? Oder gedachte sie des zukünftigen Lebens, das noch verschlossen ihr im Schoße träumte und das sie bald in eine Welt hineingebären würde, in der es keine Freude, keine Kindheit, keine Gespielen junger, wachsender Tage geben würde? Segen und Gedeihen hatte Noah diesem Kinde gewünscht, das eines ganzen Volkes gotterwählter Vater werden sollte. Aber wenn es gesegnet war, dieses Volk: würde es nicht zugleich auch stets den Fluch der Einsamkeit und der Schwermut mit sich tragen müssen, der über dieses Kindes ersten, noch tief versenkten und verschlossenen Tagen schon drückend lagerte? Würde es nicht unstet sein und ohne eine andere Heimat als seines Gottes tröstlich glimmende Verheißung?

Mild dämpfte und verdunkelte der HErr den Schein des Opals, so daß die Geschwister ihr Tun und Spielen ruhen lassen mußten. Auch war an allem Werk die letzte karge Freude ihnen genommen durch Dinas unvermutetes bitteres Wort. Einer von ihnen stand auf und verließ den Kreis mit leisem, weichem Schritt, als wolle er sein Lager suchen. Und eine tiefe abendliche Stille war über ihnen, und sie fuhren dahin wie Entschlafene.

Da plötzlich tönte aus dem Winkel der Herdentiere leise und sanft die Flöte Japhets. Es war eine alte Weise, wie einst die Hirten sie geblasen hatten, wenn sie, verlockt von des Weidelandes schwellender Schönheit, wohlig träg im sinkenden Nachmittage lagerten, indes die satten Tiere mit schon gefüllten Eutern noch wählerisch im Rasen und am Rain des Weges rupften. Dann waren Männer mit offener brauner Brust vorübergekommen, die des Feierabends Frieden in sich trugen und freundlich nickend kurz einander grüßten. Und das Rohr des Hirten blies den Aufbruch von der Weide und den gelassen munteren Heimzug durch abendliche Dörfer, in denen die Tore der Stallungen sich öffneten und jugendliche Weiber herzukamen, auf stark und rein erhobenen Häuptern die hohen, schweren Milchgefäße wiegend. Und in dem Ton der Flöte war alles Gold der alten Sonnenuntergänge, war aller Rausch der liebeseligen Nächte und alle Schönheit glühender Gestirne, die leuchtend über schlummernden Hütten standen. Was einst die Kinder Noäh glücklich machte und dann in Flut und Untergang versunken war: in diesem Rohre war es nicht gestorben! Da war es wieder; da lebte es auf unter dem Hauche dieser lockenden Lippen; da quoll es unter den wechselnd sich spreizenden, sich hebenden und wieder senkenden Fingern sanft und friedsam und erstaunlich sicher und seiner selbst gewiß hervor: Es war ein Lied – es war unsterblich geworden! Und alle lauschten auf in Seligkeit. Noch also atmete ein letzter, wundersamer Rest der alten Erde; noch war ein wehmutvolles Grüßen von ihr wach und ging zu dieser Stunde des sinkenden Tages hier in dem ausgepichten Kasten um, leis zitternd in dem Licht des nächtigen Opals, bei Menschen und bei Tieren sich eine warme Heimstatt suchend.

Die Frauen sprangen auf. Ada stand lauschend vorgebeugt und fühlte ihr Herz bewegt von dem warmen Wallen dieser Klänge: Es dehnte sich und hüpfte, es füllte sich mit einem wonnevollen Lied – und wenn der Spieler innehielt in einer verlorenen Pause, so war es nicht anders, als sollte auch ihr Herz in seinem melodischen Wogen innehalten und vergehen. Er aber blies und sang die Welt, die nicht mehr war. Er sang des Waldes traumhaft wiegendes Rauschen; er sang das silberne Eilen des Baches und seine leise spielende Musik; er sang die Süße und den Duft der Wiesen, die betäubende Schwüle des Mittags und des Abends dunkel schleiernde Schatten. Aus huschenden Klängen bildete er eine Welt und zerblies sie leicht, um wieder eine andre schön zu formen.

Er sang die blühenden Versunkenheiten von Gottesland ...

Zillah spähte, das Bild des flötenden Hirten zu erhaschen; und fand es. Versunken in die Träume seines Heimwehs saß Japhet vor einem langhaarigen, befremdet lauschenden Ziegenpaar, und von der dunklen Färbung ihres Vließes hob sich matt leuchtend seines wohlgebildeten Leibes weiche Schönheit.

Da ging es wie ein Weinen durch den verdunkelten Raum, so weh und lind, daß es im leisen Fall des Regens nicht vernehmbar war. Als aber in Adas Schoß eine schwere Zähre niederfiel, erhob sich Jiska, tastete sich zu dem Flötespieler hin und hob ihm die singende Schalmei behutsam von den Lippen, daß ihr Lied mit einem jähen Schluchzer hinstarb.

Und alle blieben schweigend bis zur Stunde der äußersten Ermüdung und Verfinsterung. Aber ein Echo von den Weisen der grünenden Triften trieb lange noch in dem dunstdurchschwelten Raume, zart und schwebend – und leise klagend über der dunkleren Melodie des ewigen Regens.

 

Zur Stunde der äußersten Ermüdung war mit dem fast verlöschenden Schimmer des Opals auch alles Leben in der Arche tief in Schlaf gesunken, und traumhaft süß und wohlig kreiste den Schlummernden im Blute, was Zaphets Flöte so verführerisch hineingegossen. Bisweilen drang aus den Gelassen der Tiere ein unbestimmbarer schnarchender Laut; – sonst gurgelte nur draußen die Welle ihr kleines, kluckerndes Lied wider die Wandung des schwarzen schlafenden Hauses.

Zwei nur waren, auch zu dieser Stunde, noch in dem Raum der Arche wach geblieben: der Jäger, den das Erlebnis des Abends marterte, und Noah. Seit er gestürzt war in der Raserei der Vernichtung, seit er am Boden gelegen und nur noch am zerbrochenen Stabe sich wieder aufzurichten vermocht hatte, war auch an ihm etwas Gebrochenes. Sein Blick hatte das Beherrschende verloren, und von seinem Wesen war die Sicherheit des starken, rächerischen Geistes gewichen. Es war, als habe er selbst in der Zertrümmerung einer Welt das Letzte seiner Kräfte hingegeben und sehne sich nach einem Wiederaufbau, einer Erneuerung, zu der ihm selber doch die Macht versagt war. Seine gedemütigte Seele suchte und erharrte den Tag des Heils und der Erlösung im stillen Glauben an den HErrn. Aber der Regen rann, die Wasser stiegen, und der HErr gab kein Zeichen, daß sein Zorn sich besänftigen und derer gedenken wolle, die geretteten Leibes noch über den Fluten friedlos irrten.

So saßen die beiden Männer versunken in dem verlassenen Winkel der Familie, – beide einsam in tiefer Ratlosigkeit – und beide schweigend. Fern und hoch ihnen im Rücken hing kaum erkennbar noch der göttliche Opal, sanft kreisend mit den schwankenden Bewegungen des Fahrzeugs und so dunkel und undeutbar wie der Wille Gottes.

Fast wie ein Selbstgespräch war's, als Ham im nächtigen Schweigen begann:

»Dina hat recht: Schweres ist über uns verhängt!«

Da erhob Noah das Haupt, lauschte dem unvermuteten Wort des dunklen Sohnes nach und erwiderte dann, als er tastend seinen Sinn ergriffen hatte:

»Nicht also hat Dina gesagt; sondern: Der HErr hat uns Schweres gegeben.‹ Aber ihr Kinder sollt seiner Gnade nicht vergessen: Denn er hat euch Leben gegeben, da er über alles Odmende außerhalb dieses Hauses den Tod verhängte.«

»Ist Leben das Höchste?« klang es ihm bitter zurück.

Der Alte erstaunte – und erwiderte: »Es ist das Höchste: Leben in der Gnade des HErrn – Leben im Licht, – Leben in der Erlösung.«

Aber der Jäger sprach: »Wir leben im Dunkel; wir leben in der Verstoßenheit mit einer Herde stumpfen Getiers; wir leben in der Flut der Vernichtung und des Zornes. Längst ist das Licht des sonnigen Tages ertränkt mit jenen Menschen, die ihres gottbestimmten Todes sterben durften und die nun schlummern, wo der Ball der Sonne schlummert. Wir aber treiben um, als habe noch der Tod aus seinem dunklen Schoße uns verwiesen. Und die Flut steigt höher, und ein Tag strömt regnend in den anderen, und einer Erlösung ist uns kein Zeichen gegeben.«

Da hatte der Sohn es ausgesprochen, was den Alten bedrückte. Nun aber fand Noah zum Widerspruch sich aufgerufen und entgegnete: er, der Erzvater der Menschheit künftiger Jahrtausende, der groß und stark gewesen war sechshundert Jahre seines Lebens lang, – er, den der HErr erwählt hatte zu seinem Werkzeug, entgegnete:

»Kleingläubiger Tor! Wie wagt dein Geist die Zeit des HErrn zu messen?! Unausschreitbar sind die Gebiete Seiner Allmacht, und die Stunden Seiner Nächte heißen Ewigkeit. Was ist Ihm dieses Land, das Er verstörte, und diese Flut, auf der Er unsere Arche treiben läßt, verschlossen nach Seinem Willen, jedoch erleuchtet von dem Strahle Seines Blicks? Die Erde ist die niedrigste Stufe Seines Thrones –: Nur Eine Woge schwemmt Er über sie hinweg aus dem Meere Seines Zorns und Seiner Liebe, sie reinzuspülen, die voll Unrat war, – und wenn die Welle verrinnt, so liegt die Stufe schimmernd wie Demant, und acht Menschen knien auf dieser Stufe, erneuten und verklärten Herzens, Ihm Dank zu bringen, und Sein Thron wird widertönen vom Gesange der Seraphim, die Seine ewige Herrlichkeit umschweben.«

Groß und einsam tönte die Stimme im Dunkeln – und verhallte – und wieder sang nur die Flut der Vernichtung ihr ewig melancholisches Lied an der Wandung der Arche.

Dann kam nach einer Weile des Jägers Stimme; und sie war leis und rauh geworden:

»Unfaßbar schön ist, Vater, was du sagst. Aber das dir, dem nimmer Zweifelnden, gegeben ward: ich hörte das Wort der Verkündung nicht, und mein Herz schlägt einsam im Dunkeln und hämmert wider die Rippen dieses schwarzen Kastens und öffnet ihn nicht, und nur der Tiere schwer schlummerndes Ächzen gibt mir Antwort.«

Da sprach der Alte – ernst und mild und dunkel: »Du bist unter Menschen, die erwählte Kinder Gottes sind. Auf ihren Häuptern ruht Frieden, und in ihren Herzen lebt verheißungvoller Traum. So bette dein Herz in den Busen deiner Gattin und deine Zuversicht in die reine Einfalt ihres Glaubens. Es ist nichts anderes dir noch uns gegeben und ist das Letzte, das den Menschen bleibt –: daß sie Vertrauen haben!«

Weiter trug Gottes unbegreifliche Flut die schweigende Arche durch Nacht und Traum. Der Alte setzte dem, was er gesprochen hatte, kein leises Wort mehr hinzu in dieser Nacht, Es wuchs die Stille, sodaß auch von den Tieren nicht ein Laut mehr vernehmbar ward und nur ein sanftes, ruhiges Atmen von dorther, wo die Frauen schlafend lagen, in lindem Gleichmaß durch das Dunkel zog.

Ham saß in sich vertieft und ganz in grüblerisches Sinnen verloren, wußte nicht, ob neben ihm der Vater noch wachte, und vergaß des schweigenden Vaters neben ihm vor dem Drängen seiner Klarheit suchenden Gedanken. Die Mutter mit der Fülle ihrer Sagen, der Bruder mit den sanften Weisen seines Rohrs, und nun auch der Alte mit den frommen Worten seiner Ermahnung: Sie sprachen, wie ein Sänger Dichtung spricht; – aber war Wissen, war Kraft des Lichts, des Tages und der Wahrheit im Wohlklang ihres ohrenbetörenden Worts? O Nacht der wahngezeugten Gaukelei, des Traumes und der kindlichen Verblendung! Nacht des Irrtums, des schönen, sinnverlockenden Selbstbetruges! Ein Zeichen nur! Ein einziges göttliches Zeichen! Dem ringenden Herzen ein Wort des mächtigen HErrn! Dem Zweifler eine sichernde Bestätigung! Ein Wink, daß ihre Dichtung Wahrheit sei! – Ist Leere und Öde nur rings, – so sind wir verlassen; so sind wir Genarrte – und neidenswert sind jene, die im Schoße der Fluten ruhn, von Schlummer gefesselt. Doch ist Er um uns. Er, der Erhabene, der Ewige, der Allmächtige, der Gott des großen Zornes und der Liebe: so muß diese Arche im Schutz Seiner schöpferischen Hände fahren; Er hört die keuschen Atemzüge Dinas und lächelt gütevoll zu Adas kindlichem Traum von kommendem Glück; Er sieht das Dunkel meiner ringenden Gedanken und kann mir, so Er will, mit einem leisen Zwinkern seiner Braue Erleuchtung, Klarheit und Gewißheit geben ...

Da fuhr er erschrocken empor aus seinem Brüten, und seine Seele entsetzte sich des HErrn: Ein gewaltiges Pochen, ein einziger jäher, dumpfer Stoß war wider die verschlossene Pforte der Arche geschehen. Der übermannte dachte nicht, ob noch ein entwurzelter Stamm verloren auf der Fläche des Wassers treiben mochte; – denn zugleich war ein klares Geleucht über ihn gefallen: Aufgezuckt war der göttliche Opal in einer kurzen, doch überwältigenden Helle, und hatte an der Pforte, zu der des Jägers wild erschreckte Augen starrten, ein überirdisch großes Schattenbild gezeigt: Einen Alten, ein großes, dunkles Wächterhaupt; einen Alten, bärtig und am Stabe ganz in sich versunken; einen Alten, der ewig über Welt und Menschheit und Getier zu wachen schien ...

Nur einen Augenblick – – dann war der Blitz und war das Schattenbild verschwunden. Undurchdringliche Nacht lag über der schlummernden Arche; selbst das leise klunkernde Lied der Welle draußen war verstummt – und Ham, der finstere Jäger, lag am Boden, wissend und bewältigt, das Antlitz in den Flächen der Hände vergraben, erschauernd vor Gottes großem Walten in der Nacht.

 

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