Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Bruns >

Die Arche

Max Bruns: Die Arche - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Bruns
titleDie Arche
publisherJ. C. C. Bruns Verlag
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180621
secondcorrectorAlfred Wey
projectid7597788a
Schließen

Navigation:

Da ließ, als sei ein unlösbarer, schwerer Fluch gebrochen, das letzte Ungestüm des Wetters nach. Es blieb nur noch das unabänderliche Rauschen des Regens und wild entzündeter Blitze zuckendes Spiel, bald bläulich blendend und bald so schwefelfahl, daß jeder Raum der schwimmenden Behausung ergrünte wie gewittergeschüttelter Urwald, in dem die schreckerstarrten Tiere nur noch wie seltsam unförmige Pflanzen oder Früchte zu hängen schienen. Bisweilen auch schnitten und kreuzten sich im Fensterraum die Blitze in einem unauflöslichen Geflecht, das brausende Donnerschläge plötzlich wieder zu zerreißen und in chaotische Finsternis zu werfen schienen, – eine Finsternis, die von dem einsam kränkelnden Opal so unheimlich beleuchtet ward, daß ein grauenhaftes Gefühl von Verlassenheit die Arche durchdrang. Dann aber wieder verschwand alles Licht der Gottesampel in höllischen Feuerbränden und -garben und -kugeln, die überstürzend droben vorübertaumelten. Rot wie flammende Verheerung war zu diesen Zeiten alles im Raume der Arche, als sei der schwimmende Kasten selbst entzündet und in eine einzige leuchtende Lohe verwandelt. Wie zwei Fackeln schlugen Zillahs bangend emporgeworfene Arme daraus empor und bestrahlten das starre Funkeln ihrer entsetzten Augen, und ihr Gewand war purpurn gleich dem breiten Gürtel der traumgeschauten Männer von Sabedon. Noah stand, überflammt von einer fächrigen Phönixpalme, gleich wie in einem brennenden Busch, und als ein Bach feuriger Lava rauschte ihm der Bart zur Tiefe nieder, die vom Opferblut der Menschen und Tiere gerötet schien.

Und wechselnd mit diesen Ausbrüchen der zuckenden Lohe kamen bange Zeiten völligster Verfinsterung, in denen das Fenster droben nicht mehr zu erkennen war und selbst den schimmernden Opal eine pechige Schwärze umzog und Gottes tröstliches Geschenk in schwarzen Fäusten zu bergen und hinwegzutragen schien. Dann riefen die drei Frauen mit kleinen, ängstlichen Lauten die Namen ihrer Männer, tasteten sich zu ihnen hin und bargen Häupter und Hände bei jenen, die sie nicht mehr sehen konnten. Die Schreie draußen, die fürchterlichen Verkünder der Vernichtung, waren in diesem grausen Wechselspiel des Lichts und der ewig brütenden Nacht verstummt. Nur vereinzelte Rufe drangen unvermutet noch durch die feucht verquollenen Wände herein. Bisweilen auch begleitete ein gleichförmiger, unablässig sich wiederholender Klagelaut das treibende Haus ganze Zeiten lang, bis er zuletzt in fernem Wimmern erstarb.

Dieses Wimmern schnitt Dina ins Herz wie nichts sonst in diesen Stunden unerhörter Schauer. Es war wie das halbbewußte, gequälte Klagen von Säuglingen, die sich in frühen letzten Schlaf hinüberweinen. Darum ward Dina ergriffen von diesen wimmernden Lauten; denn sie trug im breiten, gottgesegneten Schoß ein wachsendes Leben. Und wider den Vater, der nun wie zerbrochen dasaß und die letzten Rufe der versinkenden Welt in stumpfer Teilnahmlosigkeit vorübertreiben ließ, erhob ihr reiner, gerechter Sinn einen fruchtlosen Widerspruch und begann die Grausamkeit eines Gottes zu verklagen, der die Schuldigen in den Schuldlosen bestrafe und zugleich mit der Bosheit auch die Einfalt unbewußt hinträumenden süßen Lebens im zarten Keime schon vernichtet habe.

Und Noäh Stimme klang rauh und wie zersprungen: »Beginne nicht auch du zu murren wider den HErrn nach dem schlechten Beispiel deines Gatten. War Jahwe nicht gerechten Zornes voll? Segnet Ihn, der den Samen des Übels vernichtet hat in allem werdenden Leben, das ein verbuhltes und verbotenes Geschlecht in unreiner Weiber Schoß gesenkt hatte. Bist du untadelig gewandelt, so dank es dem HErrn, der deines Leibes Frucht erstarken und zu einem gesegneten Volk erwachsen lassen möge, wenn einst dein Fuß auf neuer Erde wandelt. Auf jener aber, die unter unserem trüben Gehäuse versank, war nur Verderbnis und Verdammlichkeit. Gott wollte eine Reinigung der Welt!«

Da senkte Dina die breitgebaute keusche Stirn, und die Krone ihres Haares lag über ihr wie die Asche der Demut. Der Erzvater aber erhob sich, herb sich zusammenraffend, und mahnte die Seinen: »Auch unsere Seelen laßt uns reinigen in diesen Stunden warnenden Entsetzens und ein Sühnopfer bringen dem reichen und rettenden Gotte, in dessen Händen Tod und Leben der Seienden ruht!«

Aber von den Tieren durften sie nicht eines antasten; denn sie waren gezählt nach dem Gebot des HErrn. Und so nahm er aus den Vorräten an Pflanzen und an Kräutern einige Hände voll wohlriechenden Heus und häufte sie auf einen Quaderblock, der ihnen zum Herd und zum Altare dienen sollte. Und er schlug bläuliche Funken aus zwei Feuersteinen, die sorgsam behütet auf dem Altare lagen, und brachte dem HErrn ein Opfer des Dankes und der Sühne. Dreimal verneigte er sich, als die Flamme aufzüngelte, und gedachte des alten Hirten, der ihm Errettung verheißen hatte. Die Seinen aber traten herzu und fielen mit dem alten Vater nieder, ein jeder das Gesicht in den flach gehöhlten Händen bergend.

Und als sie sich vom Boden erhoben, war alles Weinen und Winseln ganz verstummt. Ein mächtiger kühlender Hauch, wie der starke Atem des HErrn, fuhr reinigend und erfrischend um die feuchten Wände der Arche. Und sie spürten die heiligende Kraft ihres Opfers, und ihre zitternden Herzen regte ein scheues Gefühl der Ehrfurcht. Versunken lag die vergangene Welt und mochte tief vergraben und vergessen bleiben. Aufwärts hob der HErr den Weg ihrer Zukunft. Aufwärts zu blicken lud er ihre verwachten Augen zu des Opales wundertätigem Schein. Aufwärts – sie fühlten's – stieg der Arche von Stunde zu Stunde verheißungvollere Fahrt, dem Gnadenhimmel seligen Lichts entgegen. Wie ein rettender Delphin lag sie breit und sicher auf der endlosen Fläche der Flut und kreiste mit großer, erhabener Bewegung um sich selber: eine kühne und stolze Ausschau zu halten im Wunderbaren! Ihre Blicke gewannen ein neues Geleucht; ihre Herzen wuchsen in gläubiger Zuversicht; und ein Lächeln verschönte ihre Lippen, die noch zuvor geschluchzt und wirr gestammelt hatten. Indes von den Gelassen der Tiere ein staunendes Lauschen herüberzog, standen sie, eingehüllt in des Regens feierlich schwere Melodie, und blickten empor zu Gottes rein erschaffenem Opal, der, von des HErren Hand dort tröstlich aufgehängt, nun ihrer Fahrt geweihte Schiffslaterne war. Und sie ergriffen einander bei den Händen und lächelten, als führen sie auf heiter-heiliger Reise zu einer wundervoll belebenden Verjüngung.

Dina aber war ruhig wie zuvor und groß und stark in sich gesammelt; und sie empfand, daß ihre Hoffnung eine gute war –: Denn Abrams gewaltiges Geschlecht erwuchs in ihrem Schoß.

 

Nun galt es, dem Befremdlichen gewachsen zu sein; in neuer Tage schlichtem Gleichmaß sich zurechtzufinden. Und Jiska war es, die den Ihren half und die endlosen Stunden der einsamen Fahrt durchs Leere mit Arbeit füllte und sie regelte. Da war die Arche sauber zu halten vom Dachgeschoß bis zu dem Wasserbecken hinab. Da gab es Tiere zu pflegen, Ziegen, Kühe und Eselinnen zu melken, Käse zu bereiten, Brote zu backen, und hundert kleine Dienste und Verrichtungen heischten allenthalben Hände und Gedanken. Wo Jiskas hohe, knochige Gestalt am Werke war, erstand eine neue, heimelnde Häuslichkeit, darin der Friede der ersten Gezeiten unverändert fortzuleben schien, bereit, aus der Arche hervorzugehen am Tage der Erlösung und die verstörte Erde wieder wohnlich und wert zu machen. In ihrer immerwährenden Geschäftigkeit gewann die Alte einen letzten Abglanz von der einstigen Anmut ihrer hausmütterlichen Jahre zurück. Die Kinder konnten sie sehen, wie sie unter dem Vieh in den Knien hockte, den starken Rücken gekrümmt, indes ihr das graue Haar wie dürres Gezweig am Boden kroch; wie sie mit kundigem Griff die prallen Euter entleerte, eins nach dem andern, daß ihr der rhythmisch hervorbrechende Strahl der Milch mit lebendiger Wärme über die welken Hände schäumte, und wie die energischen Finger noch die letzten bläulich wässerigen Tropfen aus den elastisch sich längenden Zitzen zogen. Dann wieder saß sie über die grauen Mahlsteine gebeugt, zwischen denen sie mit unermüdlicher Beharrlichkeit das Getreide zerschrotete, bis aus den harten goldgelben Körnern ein feiner weißer Staub geworden war, der sorglich in gehöhlten Holzgefäßen gesammelt wurde.

Und trostvoll zog es die Kinder in Jiskas wortlos geschäftigen Winkel der Arbeit und der Häuslichkeit. Es war da ein anheimelndes Fortleben aller Gewohnheiten aus jenen Tagen, die ihnen in der fürchterlichen Flut versunken waren. Vor diesen guten Düften von Speisen und Gewürzen schien jeder Hauch der Vergängnis und Verwesung sich völlig zu verflüchtigen. Da konnte man von wundervollen Wäldern träumen, auf deren Wipfeln Sonne glastete; von Bäumen, aus deren balsamischen Rinden goldene Harze quollen; von großen Früchten, deren warm durchädertes honigfarbenes Fleisch wohl köstlich auf der Zunge schmolz; von ganzen Gebreiten bunt blühender Pflanzen, in denen selig nackt der Fuß versank. Ja, aus der altväterischen Unschuld dieser Stätte stieg keusch und mild ein Traum vom Paradiesesgarten auf, der alles leidgefüllte Schwere für gaukelnde Stunden ganz vergessen machte. Und das war mehr als Traum und Gaukelwerk; es war eine berauschend blühende Wirklichkeit: Tatsächlich lebten sie in einem wundervollen Urwald. Seltsame Stauden schossen auf und breiteten ihre groß gezackten Fächer über nie geschautes Getier, das, mit gesprenkeltem Fell gelagert, sanft und gottgefriedet aufblickte zu der Genossenschaft der menschlichen Paare. Die aber saßen, wenn nach getanem Werk die Alte rief, in still gedankenlosem Frohsinn beieinander. Des Regens unablässiger Fall war wie das Rauschen großer, lichtgenährter Wälder. Und Dina häufte die schmackhaft gewordenen fetten Ziegenkäse; die Alte brach von dem dunklen, lockeren Brote, nach dessen herabfallenden Krumen ein paar zutraulich werdende bunte Vögel mit raschen, harten Schnäbeln pickten; und die Milch in der irdenen Schale war bläulich weiß wie ein mildes Himmelsgewölk.

Da mundete der erwählten Familie das labende Mahl. Ach! das Malmen und das Schnalzen und das Schmecken war köstlicher noch als geschwisterliches Geplauder. Aller quälenden Träume und Begierden ledig sah Zillah mit glückseligem Lächeln des riesigen Schwähers machtvolle Kinnladen einen großen, üppig krachenden Apfel zermalmen – und kindlich und hell lachten Ada und Dina auf: denn ein Affe hatte sich dem Riesen gegenüber zu Boden gehockt und tat mit ernst bedächtiger Miene wie er. Ein wenig erschreckt aber von ihrem plötzlichen Gelächter sprang er davon und warf den Rest seiner Frucht mit einer stolz verächtlichen Gebärde weit hinter sich.

 

Doch diese friedsame Lust, dieses sanfte Gefühl des Geborgenseins, diese ganze paradiesische Täuschung inmitten der trostlos wachsenden Öde rings vermochte nicht zu dauern. Das Kreisen und Schwanken der Arche, an deren Planken, sobald nur der Wind ein wenig stärker ging, die Wellen klatschend und krachend emporsprangen, verscheuchte nur allzurasch den traulichen Traum; – ihr Haus war ein verpichter Tannenkasten, – die Tiere waren stumpf und mutlos wie sie selbst; – und der Regen war wieder Regen – endloser, grauer, unerbittlicher Regen. Kalt schnob durch des Fensters Öffnung der rauhe Atem des unbekannten, doch ewig gegenwärtigen Ozeans, des finsteren Laurers, des unersättlichen Verschlingers. Mit seinem Spielgesellen, dem Sturm, spielte er in gefährlichen Launen, legte die Arche schräg auf die Kante, ließ sie leicht auf Wasserbergen tanzen und dann plötzlich krachend in unvermutete Tiefen niederwuchten. Und wieder erhob sich Schreien und Winseln und Wimmern und stöhnte und bangte um die Fensterluke. Der Sturm wars, der die Eingeschlossenen grausam narrte und mit den kaum überstandenen Schrecken noch einmal sie äffte und folterte.

Nein! kein Menschenmund und keines totgehetzten Tieres Angst vermochte draußen mehr zu wimmern. Es war weithin, weithin bis in die letzten Fernen nichts mehr als Leere und Verlassenheit, nichts mehr als diese mörderische Flut, geschändet von der Vergängnis alles Fleisches, – nichts mehr als diese Kloake von fauligen Pflanzen, Bäumen und Leibern, die sich auflösten in dem Dunst des eigenen Pesthauches und ihre aufgeschwemmten Glieder im Lehm der gurgelnden Wellen grünen ließen.

Und immer noch hoben die Wasser sich unter dem Rauschen des Regens und trugen das Haus des Wahnes höher und höher über die tief hinabgesunkene Erdsohle empor und raubten denen da drinnen stündlich mehr das Gefühl irgendeiner letzten Verbundenheit mit dem sicheren Grunde, der einstmals Menschen gebar und trug und fromm begrub. Vereinsamt und von allem Lebenden und Sterbenden verlassen, trieben sie irrend umher in diesem großen, feuchten schwarzen Sarge – ratlose Schemen Unbestatteter!

Da ward es ihnen schwer: gerettet zu sein! Denn diese Rettung war Ausgestoßensein vom Menschgemeinen! Wie Halluzinierte horchten sie hinaus – nein: hinab! Dorthin, wo sie der Erde letzte lehmige Schollen unter ihren schwimmenden Planken zerwühlt und vernichtet wußten. Gurgeln und Rauschen und Brausen, Pfeifen und Schrillen und Schreien war all ihre Antwort, schlug ihnen ins Blut und füllte es mit bitterer Verzweiflung, die wild in ihren erhitzten Adern umtrieb. Ach! untergehen im allgemeinen Untergang der Menschheit: das hätte ihr willkommenes Los sein sollen! Leib an Leib geklammert, der Süße schwergeliebten Blutes voll versinken und vergehen, sich lösen, sich hingeben – und nicht mehr sein – und wieder treiben in der purpurnen Finsternis des Grundes!

O wonnig mochte es den Flutbewältigten gewesen sein, dort zu versinken! Vielleicht, wenn die Schreie verschollen, den schluckenden Mund das weiche Wasser schloß, so glitt man sanft zu neuem Glück hinunter, von weichen Wellen durch weichende Wellen treulich getragen, wie blütengebettet, wie hold in mächtigen und dennoch milden Armen gehalten, die leis und lässig den wunschlosen Leib aus lockerem Griff sich wieder entgleiten ließen. In Wellen wohlig sich wandeln: Was wäre da weiter? (so träumte Zillah der lauschenden Ada es vor.) Man atmete fortan wohl wie die Fische atmen: mit den Ohren, durch die köstlich und kühlend die strählende Meerflut streichelt. Sind nicht – so fragten sie sich – des Menschen Augen aus demselben Stoff wie die Meerflut gemacht, vielleicht nur ein wenig fester geworden im Rauche des Tages? Wer weiß denn, ob Menschenblicke nicht auf Erden trüber sehen als drunten die im köstlich Klaren? Da wachsen Bäume, zart und zackig und reich, glastende Bäume von rotem Edelgestein, darauf an allen Zweigen Gestirne blühen. Man dreht sich sanft wie in seligem Reigen herum, um Bäume, Steine, Sterne, um sich selber, man schwelgt und schwimmt, schlafwandlerisch gegrüßt, und die Feiergewänder sind eitel grünlich schleiernde Flut. Und Flut und Schleiergewänder und Haar und heimlich trunken tastende Hände: das alles reigt in rauschender Runde, schwellend umschwommen von Fischen, die silbrig sind mit kleinen rotgoldenen Plättchen im schönen Geschupp und flinken, flimmernden Flossen von mildestem Perlmutter. Von oben, von hoch, hoch oben herab filtern die gläsernen Fluten das holde, tastende Licht des Taggestirns, des hell gehörnten Mondes und der milderen Sterne; es schimmert grünlich, schimmert bräunlich und gülden, weich getupft vom wallenden Treiben der Wellen. Und immer singen die Wasser und klingen klar von sanfter, seliger Musik: Ein dunkler Mund drängt sich wie dumpf gedämpfter Orgelton von unten, und hoch darüber wiegt sich in huschendem Hall weich hingerankte helle Melodie. O schön, o schön und tröstlich ists in der traulich schimmernden Tiefe!

So fabelten die beiden Frauen, Zillah und Ada, und machten allen die Herzen schwer mit einem würgenden Fernweh. Und Sem, den Riesen, faßte ein grenzenloses Begehren nach dem Versunkenen, ein maßlos wildes, unbeherrschtes Weh, und er warf sich zu Boden, biß mit den Zähnen sich in den Planken fest und ballte die Faust um des Beiles schweren Schaft, als wolle er mit der Wucht seiner Art die Bohlen ihrer bergenden Behausung aufbrechen, hinabzustürzen zu den Leibern der Brüder, die Hütten früherer Freunde zu suchen, dort unter den rauschenden Wipfeln, die jetzt wie Meergewächs in lastenden Fluten hingen.

Sie richteten ihn wieder auf; sie erhoben ihn und sprachen ihm zu, die selber kraftvollen Zuspruchs bedürftig waren; sprachen ihm zu mit leeren, zerbrochenen Worten, an die sie selber nicht mehr glaubten. Er blickte sie an und blickte wieder zu Boden, an Erdweh erkrankt. Seine Gestalt war zusammengebrochen, seine Brust hob schweres, röchelndes Atmen, wie heißes Schluchzen anzuhören.

Das war nun die Melodie ihrer Fahrt: das Weinen des verstörten Ältesten und draußen des Regens dunkler, rauschender Fall! Und dennoch: Schließlich tat auch dieses einförmig dumpfe Rauschen ihnen wohl. Alles ertränkend, alles einlullend in ewigen Schlaf, sang der Regen zuletzt auch ihren Kummer und Trübsinn wieder ein, daß sie sich selbst vergaßen und wie unbewußt hindämmernde Kinder waren –:

Eine ungeheure Wiege, schaukelte die Arche auf dem gestaltlos Wogenden, zaghaft keimende Träume zeugend, die ewig nebelnde Nässe gleich mattgewordenen, durchweichten Blüten niederschlug.

Lallend nickte Sem vor sich hin und schüttelte kindisch das kraftlos gewordene Riesenhaupt, als sei es ihm in den erschlafften Gelenken vom Rumpfe gelöst. Ada aber saß gramvoll neben ihm, nicht fähig mehr, ihm Hülfe und Wärme zu geben. Denn sie litt unter der Kälte, die rauh zur Fensteröffnung hereinstieß. Bis ins Innerste ihrer Räume trieb das Meer seine sturmzersprühte Nässe, und durch die Kleider fuhren Schauer fröstelnder Erstarrung. Wie eine Kranke saß Ada in Tücher und Felle gehüllt, aus denen ihr zartes Gesicht mit den großen Augen, der kleinen, eingedrückten Nase und dem fleischigen Munde seltsam fiebrig brannte, geängstet hinanstarrend zu dem grauen Himmelsausschnitt, vor den grobkörniger Hagel einen eisigen Vorhang wob.

Klirrend kam es hereingeprasselt, – und Zillah fuhr aus brütenden Träumen auf bei diesem Klirren der weißen Schlossen, die wie eine zerspringende Kette von Eberzähnen waren. – Sie hatte heimlich gesucht nach jenen Zähnen und hatte keine Spur von ihnen mehr gefunden. Und sie gedachte des großen dunklen Haupts, das in der Flut versunken war, getroffen von dem scharfen Pfeile des Jägers, und der ragenden Männer von Sabedon, die so Verlockendes verheißen hatten und dennoch, von des Vaters wildem Ungestüm verscheucht, dort draußen im Unheilvollen nun wohl vernichtet waren und umhertrieben, die Bärte in den schäumenden Wogen gelöst ...

Nur Dina fuhr fort, mit offener Brust und starken Schritten umherzugehen und ihre fraulichen Hantierungen zu verrichten; und ihr Sinn war milde, ernst und still. Seitab jedoch saß Ham mit zerfurchten Zügen und prüfte sein jetzt doch unnützes Jagdgerät; er fand, daß die Bogen erschlafften und der Ton der Sehnen dumpfer und klangloser ward, – und er war mißzufrieden.

»Tut Arbeit, wie ihr es von der erhabenen Mutter seht,« gebot der Alte. »Tut Arbeit, ihr Männer, damit die mutvolle Schwäherin euch nicht beschäme!«

Und sie folgten seinem Gebot. Aber selbst wenn sie das Fell der Tiere, deren sie pflegten, nur streifend berührten, so fanden die Männer auch darin einen Hauch der alldurchdringenden Feuchtigkeit und Kälte, und sie wurden ihrer Tätigkeit nicht froh.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.