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Die Arche

Max Bruns: Die Arche - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Bruns
titleDie Arche
publisherJ. C. C. Bruns Verlag
yearo.J.
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Unmöglich war den Kindern Noäh, im Grunde fast während der ganzen Zeit ihrer Arbeit, der Gedanke einer Vernichtung alles Seienden, das ringsher sie umgab, erschienen. Nun stand das Werk vollendet, nun ragte es als ein nie geschauter, als ein von Menschen nie erdachter Wunderbau gewaltig und wuchtend bis zur Wipfelhöhe des Waldes hinan, in seiner schwarzen Teergewandung und seiner abgeschlossenen Fensterlosigkeit so finster wie ein schweigend großer Sarg, in dem ein ganzes Volk zur Ruhe gehen sollte. Aber auch jetzt noch wuchs weithin der Wald mit Baum und Strauch und mit Gestrüpp und Blatt; auch jetzt noch schmückte er im hohen Mittag mit Gold die Kronen seiner Wipfel und hängte bei neigendem Abend ein zartgerötetes Schleiergewölk sich ins verschattete Geäst. Und dennoch, sie fühlten's: Von fernher irgendwie herandringend, geduckt noch, aber nur wie zum vernichtenden Sprunge, nahte der scheinbar so festgegründeten Erde das von Jehovas Zorn beschlossene Verderben.

Und alles Lebende ward seiner Drohung inne. Die Tage wurden stiller und versonnener, die Nächte geheimnisvoller und banger Ahnungen trächtig. In allen Wesen, die den Wald bewohnten, war eine Unruhe; reizbar wurden sie bald und bald wieder furchtsam. Ganze Geschlechter rotteten sich zusammen und begannen zu wandern, sodaß im Dunkel jeder Strauch lebendig ward und jedes knospende Auge Schrecken starrte. Wenn Ham noch am sinkenden Abend im Walde streifte, so witterte er ein unsichtbares Kriechen und ein Schlängeln und ein Schwirren: Das Grauen wanderte und suchte bergenden Schutz. Und am Morgen sahen Noah und die Seinen staunend nie geschautes Getier, das, halb scheu und halb wie mit seltsamem Einverständnis nach ihnen lugend, den weit geöffneten Toren der Arche entgegenstrebte und drinnen der vorgesehenen Ordnung wie von selbst sich einzufügen schien. Das Obergeschoß belebte sich mit bunten Vögeln, die kleine zerfahrene Laute in das weite Gewölbe hineinzwitscherten; vielerlei Säugetiere durchwitterten das Mittelgeschoß, zu dem eine breite Rampe aufwärts führte; und am Grunde der Arche barg sich manch schweres, plumpes Vieh und tauchte bisweilen in die gewaltige Zisterne nieder, die dort eingebaut und gefüllt war mit den dunklen Fluten des Weihers.

So hatte der HErr das Gebet des Alten erhört, noch ehe die zweifelnden Söhne es zu denken wagten. Alles Kämpfen und Ringen um die Bewältigung des irdischen Getiers erschien nur noch wie eine göttliche Erprobung. Sie war bestanden – und nun wirkte ein himmlisches Wunder ihren Lohn.

 

Durch wilden Hafers rieselnde Rispen streift Dinas schlichtes, silbergraues Gewand, da sie zum Walde hinausschreitet. Auch sie hat, der Schwäherin gleich, nach innerstem Antrieb einen letzten Gang zu tun. Die Mutter weiß um diesen Gang und billigt ihn. Der Alte hat stumm und verschlossen in seinen brüchigen Bart hineingelächelt und wider Dinas Vorhaben nichts eingewendet.

So geht sie einsam mit ihrem festen, doch elastischen Schritt einer keuschen, arbeitsamen Frau. Die Landschaft liegt wie in einem stillen, schweren Schlafe. Es träumt ein müder, verlorener Duft über den Feldern, die nur der Wind gesät hat und die verwildern, und über den Wiesen, auf denen kein Vieh sich labt. Am Raine hat einer Hindin tiefer, wunder Blick die schreitende Bäurin dunkel angeschaut; und dunkel hat Dina den unverstandenen traurigen Blick erwidert.

Traum von Verhängnis schwebt schon über der Erde. Die Sonne liegt müde hinter silbriger Wolken Schleier, von dem es herniedersickert wie ein feines tötliches Gift.

Und Dina trägt die reine, edle Stirn erhoben durch die Traurigkeit einer verfemten Welt, auf der des großen Gottes dunkler Bannfluch lastet. Das graue Gewand fließt rein um ihrer Glieder kraftvoll schönen Wuchs, und eine grüne Rispe Hafer stickt sich als schlichter Schmuck auf seine Fläche.

So naht sie endlich wohlbekannten Feldern und Wiesen, naht still ergriffen nach langen Zeiten wieder dem elterlichen Hause, daraus der streifende Jäger sie einst heimführte an fester, harter Hand, die sie zu seines rauhen Lebens schaffender Genossin machte. – Noch grüßt sie nicht des Hundes freundliches Gekläff. Doch steigt schon aus der Öffnung des Daches ein melancholisch feines Wölkchen Rauch und kündet von dem häuslichen Leben dort drinnen. Gewiß hat die Mutter die großen, runden Fladen des Brotes gebacken, und sie sitzen bei der Mahlzeit, und die Milch ist frisch gemolken, und golden schimmert der Honig in triefenden Waben.

Im Hof ist keine Seele zu gewahren. So tritt das Weib auf der Heimatscholle altvertrauten Grund und schleicht befangenen Herzens zur Tür des Hauses.

Die Tür steht offen – – ja: und drinnen sitzen sie. Es geht ein süßlicher Duft durch den Raum und steigt silbrig weiß zum Kamin empor. Honigbrot ist gebacken, wie zum Feste: als sei es zu Dinas heimlich geahnter Wiederkunft. Schon liegt der kleine Bruder schlürfend über dem Napf mit der warmen Milch; die Schwester hat eben einen Fladen ergriffen, den knusprigen zu zerbrechen; und die Mutter nickt – still und gütig und bleich – –

Ja, bleich, von einer seltsam feierlichen Blässe ist sie; – bleich sind sie alle, unnatürlich bleich und still und reglos. Und des Knaben Haupt erhebt sich nicht wieder von der Schüssel; und der Kuchen, den die Schwester hält, bleibt ungebrochen; und der Mutter Blick ist leer und weiß wie Frühlicht, das auf toten Teichen schwimmt – –

Und Dina weiß es, was der HErr an ihnen getan hat. Ihr Herz ist stark, und ihre Schritte wanken nicht, da sie hinzugeht: die leeren, weißen Augen zuzudrücken. Sie küßt die Schwester, sie küßt des Bruders hingesunkenes Haupt. Aus wohlbekannter Truhe nimmt sie köstliches Linnen und deckt es über die Lieben, die des HErren Hand gesegnet hat. Und schreitet hinaus, des Todes schwere Feierlichkeit im Herzen.

Noch tropft es von den Wolken wie schleichendes Gift auf das entschlafene Land, und die Blüten auf den Wiesen senken schwer die verschlossenen Kronen.

Dina schreitet heim, dem Hause der Errettung entgegen. Am Raine, zwischen Feld und Wald, erblickt sie das Reh – verendet. Und des Weibes Herz reift an diesem stillen, grauen Nachmittage der großen Flut des rächenden Gottes entgegen.

Am Abend, im Kreise der versammelten Familie, blickt Ada fragend zu der Schwäherin hinüber, sieht sie verändert, wie feierlich in sich gesammelt und wagt kein Wort an sie zu richten. Plötzlich aber drängt es sie, den Vater zu fragen:

»Sind denn nicht andere ersehen, gerettet und bewahrt zu werden? Sind andere nicht gerecht erfunden vor Seinem Blicke?«

Da antwortete Noah und sprach: »Der HErr wird keinen Gerechten seines Zornes sterben lassen; sondern er wird sie hinwegnehmen vor der Stunde der Flut.«

Dina blieb still nach allem Schweren, das sie erfahren, nach allem Tröstlichen, das sie vernommen hatte; aber ihr Herz ward warm von einem heiligen Danke zu Gott.

 

Schwerer und dunkler lastete der Himmel von Tag zu Tage und verhüllte den Schein der stechenden Sonne hinter dunstigem Gewölk. Da kam eine seltsame Mattigkeit und Lähmung über die Werkenden; denn ungeheure Arbeit war getan, ein langgewohntes Leben zu beschließen, und des kommenden wagten sie kaum zu gedenken. Still saß Sem im Winkel der Hütte, das Haupt gebeugt, einen Arm auf den Schenkel gestützt und den Schaft des Beiles untätig in der Rechten, indessen in die große Linke die kleine weiße Hand des kindlichen Weibes sich fügte. Auch Ham spannte den Bogen nicht mehr, gelähmt durch den Willen des HErrn, der das zur Arche strebende Getier beschirmte. Dina lehnte am Eingang und schaute mit begrifflosen Blicken hinaus in das Wiegen und Neigen der dunstbeschwerten Blätter. Und während Japhet die Sammlung seiner Weidenflöten zwecklos durch unruhige Hände gleiten ließ oder eine unnötige Schnitzarbeit zur Hand nahm, um sie gleich wieder aufzugeben, raffte Zillah zusammen, was sie an bunten, glänzenden Gegenständen, Muschelschnüren, perlmutterfarbenen Schneckenhäuschen und schmückenden Federn seltener bunter Vögel im Laufe von Jahren zusammengebracht hatte, ihre Kleider damit zu putzen oder in untätigen Stunden den Blick daran zu ergötzen.

Einzig Jiska, die Urmutter, verharrte auch jetzt noch bei Pflicht und Tätigkeit, obwohl der Raum an der linken Schmalseite der Arche mit bunt geflochtenen Körben, mit Schläuchen, Ballen und Gebinden schon vollgestapelt war. Unzerstörbaren Gleichmut in dem großdurchrunzelten Antlitz, das Haupt, von spärlichem Haar umgraut, auf breiten, geraden Schultern tragend, stand sie in ihrem schlicht zu Boden fallenden Gewand, ohne Brüste, ohne Hüften, mit ihren sechshundertdreiundachtzig Jahren den Schwächen der Geschlechtlichkeit entwachsen, wie eine groß gemeißelte Statue der unzerstörbaren Pflicht und schaffte über Weisung und Bedürfnis noch hinaus.

Noah war zur Arche hinübergegangen. Er umschritt sie, einsam mit dem gewaltigen Werke, hier und da noch mit dem Stabe einige Fugen betastend, und trat dann ein in den dunkelnden Raum, in dem die Luft mit den Ausdünstungen der Tiere sich zu sättigen begann. Aber auch den Geruch entfalteter Pflanzen verspürte er. Denn er und Japhet hatten getan nach der Weisung des Hirten, und das Mittelgeschoß war wie befruchtetes Land, unter dessen Gründen dunkle Bronnen rauschten. Als er hinabstieg in das untere Geschoß, hoben aus dem Wasser sich große, nie geschaute Häupter, von Schlamm umkränzt; sie waren wie aus Stein geformt, sperrten unnatürlich weite, runde Mäuler mit gewaltigen Eckzähnen auf und ließen das dunkle Wasser behaglich von ihren tangumsäumten Kiefern tropfen, indes die quellenden Augen freundlich emporglotzten zu ihrem unbekannten Herrn.

Das Mittelgeschoß durchschreitend, fand der Alte die grünenden Gelasse zu beiden Seiten des mannigfachsten Lebens voll. Da gab es Pferde mit kurzer, strammer Mähne, das weiße Fell von breiten schwarzen Streifen schön durchquert; und von Hund, Wolf und Fuchs waren die erstaunlichsten Kreuzungen zu sehen; einem starken Hirsch war das Haupt mit wunderbar schönem, breit ausladendem Geweih geschmückt; große dunkle Schweine bargen den Rüssel wühlend im aufgeschütteten Erdreich, während die Giraffe den unendlich langen Hals fast bis an des oberen Geschosses Boden emporreckte.

Als er auch nach dort hinaufsteigen wollte, streiften den Alten ein Paar graue Lemuren. Ihre weißen Gesichter mit dem schwarzen Stirnblatt, den schwarzen Augenkreisen und der schwarzen Schnauze blickten aus dem Dämmerlicht wie unheimliche Masken, und im Hinabklettern, vorüber an der ragenden menschlichen Gestalt, trugen sie große Wickelschweife, auf denen das Weiß und Schwarz ihrer Masken in großen, gleichmäßigen Ringen sich wiederholte.

Da machte Noah wie schwindelnd auf den mittleren Sprossen der Leiter Halt. Sein Blick erfaßte kaum noch ein buntes Vielerlei von schwirrenden Flügeln, die um so schöner und satter leuchteten, je näher sie der Fensteröffnung flatterten. Da sie das gewaltige Haupt des Greises schauten, erhoben die Vögel ein lautes Geschrei, und eine weiße Taube ließ sich freundlich nieder auf die Schulter des Alten, auf seinem Abstieg noch ein Weilchen ihn geleitend, und erst als seine große, schwere Hand behutsam die Krallen sich aus dem Gewande löste, mit girrendem Laut wieder emporflatternd.

Nichts hatte ihn gestärkt wie dieser freundliche Gruß des silberweißen Vogels, und fast heiter trat er wieder in das Schweigen der Hütte, die es am nächsten Tage für immer zu verlassen galt.

 

Bedrücke euch nichts!« hatte mit einer ungewohnten Weichheit der Alte gesprochen, als er an diesem Abend durch ihr stilles Haus geschritten war; und freundlich hatte er Ada die Hand auf die warme, zarte Schulter gelegt, indes er an ihr und dem rastenden Riesen vorüberging.

Seltsam belebt war die Kindliche von dieser väterlichen Zärtlichkeit, und in der Schwächsten begann zuerst ein frohes Zutrauen sich wieder aufzurichten.

Früh begaben sich alle zur Ruhe. Aber der Schlummer mied sie lange. Vor den mit Flechtwerk gefüllten Fensteröffnungen rauschten des Waldes tief schwermutvolle Grüße. Und gegen Mitternacht, als Bewußtlosigkeit sie gefesselt hielt, erhob sich weit fern ein dumpfes Rollen, das in langen Zwischenräumen sich wiederholte und allmählich sich verstärkte und näher kam. Plötzlich schlug grelles Licht ihre aufgerissenen Augen und schloß sie. Und gleich darauf erbebte das Haus von einem krachenden Donnerschlage bis in den Grund.

Alle lagen stumm, halb emporgerichtet, in wilder Scheu vor dem Unfaßbaren. Dann ging des Alten tiefe, ein wenig brüchige Stimme durch das Dunkel der Hütte: »Der HErr gebietet!«

Noch lauschten sie in ehrfurchtvollem Schreck; aber die Stimme kam nicht wieder in dieser Nacht. Nur der Wald rauschte – zarter, heller, rieselnder als zuvor – und aus der Richtung der Arche tönte der Schrei eines unbekannten erschreckten Tieres noch lange folternd durch das undurchdringliche Dunkel.

Und der HErr legte seine Hand über sie und schloß ihnen allen die müden Lider, indes die flammenden Scheine vor den Fenstern bis in den Morgen fortgespensterten und zuckten.

Einmal, schon dem Erwachen nahe, griff Sem mit tastender Gebärde zur Seite, als werde ihm irgendwie bewußt, daß die Hand der Gattin ihm entglitten sei. Jedoch sein Tasten suchte vergeblich. Denn Ada hatte sich als die erste erhoben und war hinausgegangen. Als sie wieder hereintrat, fand sie die Schwäherinnen und die Männer eben im Erwachen. Die Greisin aber stand schon groß und herb dem Eingang gegenüber; und Noah gesellte sich zu ihr und gebot den anderen, ihnen zu folgen. Da griff jeder nach dem, was ihm das Liebste und Unentbehrlichste dünkte: Sem nach der Axt, und Ham nach dem Bogen, und Japhet nach den Flöten und einigem handwerklichen Gerät. Zillah trug ihr Bündel mit Tand; Dina legte die leere Rechte in die der Mutter. Ada aber hatte jenes Büschel vom Fichtenbaum, das Sem am Abende seiner Rettung ihr gegeben hatte, wohl aufbewahrt, und einzig dieses nahm sie mit sich, hinüber in das neue Leben.

Draußen noch einmal sich zur Hütte umwendend, erstaunten sie, denn sie fanden das Haus mit laubigen Zweigen geschmückt. Ada hatte es im grauenden Morgen getan, der alten, schirmenden Behausung, die durch zwanzig Jahre hindurch die Frömmigkeit der Familie betreut hatte, zum letzten Danke. Aber des Vaters Antlitz blieb ernst und verschlossen.

Da gewahrte er, daß die Schafe aus den Hürden herausgetreten waren und dem Zuge der Menschen sich näherten. Und er schalt Ada, die sie freigelassen hatte. Ein kleines Lamm drängte dicht herzu und langte schnuppernd nach dem Fichtenbüschel in ihrer Hand. Da erhob der Greis den Stab und schlug nach dem Tiere, das bestürzt in kurzen Sprüngen zur Seite wich und mit erschreckten Blicken dem Zuge folgte, dann noch wenige furchtsame Schritte wagte und der freundlichen Pflegerin so groß und traurig nachschaute, daß es der in die Seele schnitt, als sie noch einmal nach dem Tiere sich umwandte.

»Laß sie!« gebot der Alte rauh. »Sie sind verflucht, alle, die wir hinter uns lassen.« Und er schritt voran in die dunkelnde Arche; und auch Jiskas fester, ruhiger Blick trat in das mystische Dämmern einer neuen Zukunft gemäß dem Befehle des HErrn und wandte sich im Eingang nicht zurück.

Von fern tönte eines Vogels unermüdlicher Ruf. Denn die Sonne stieg, und ein frischer, belebender Hauch erwachte nach der nächtigen Schwüle im Walde. Da trat Ada als die letzte in den finsteren Kasten, und in ihren Blicken lag ein leichter Widerschein des Himmels, dessen Ausschnitt kleiner wurde und schwand, als der Alte und Sem die riesigen Tore der Arche schlossen. Im ungewissen Licht warf Ham einen flammenden Späherblick auf das unbekannte Getier, das weithin den gewaltigen Raum erfüllte, und seine braunen Finger spielten mit des Bogens dumpf klirrender Sehne; und Zillah tat all diesem staunenerregenden Neuen ein paar rasche, ungeduldige Schritte entgegen.

Jiska aber hob den schweren Krug von der unbeugsamen Schulter und stellte ihn zur Seite neben die übrigen Vorräte, unbekümmert um all das Leben in den unzähligen Gelassen, das verstummt war im selben Augenblick, da die Pforten der Arche sich geschlossen hatten.

 

Friedvolles Schweigen lagerte im Hause der Errettung. Die Tiere mußten sich niedergeschmiegt haben. Zu sehen war in dem ungeheuren Raume fast nichts, und selbst der Alte erschrak vor dieser Finsternis; denn nur hoch oben unter dem Dache lichtete sich das Dunkel zu einem fahlen Grau, das wie ein schwerflüssiger Streifen herabsickerte und bald im Ungewissen zerrann.

Tastend hatten die Menschen ihre Plätze gefunden, so wie sie ihnen bestimmt waren und wie sie sie gekannt hatten in allen jenen Tagen, da noch der Sonne reiner Strahl in das breit offene Tor der Arche hereingeflutet war. Nun saßen sie müßig und wie betäubt von der plötzlichen Finsternis, fühlten kaum einer des anderen Nähe und überantworteten sich der schweren Untätigkeit, zu der das lastende Dunkel sie verdammte ....

Es mußte Abend geworden sein. Der Ruf des Vogels draußen im heimischen Gehölz, den Ada so lange noch vernommen hatte, war leise erstorben. Sie hätten glauben können, seit langem schon abgeschieden zu sein von der lebenden, atmenden Erde. Da hörten sie abermals, wie in der Nacht zuvor, die Stimme des Donners fernher drohen und sich nähern in weiten, leeren Zwischenräumen, die nur Finsternis füllte.

Zillahs Geist aber begann zu wandern – wiederum zu jenem riesigen Geschlecht jenseit des großen Stromes. Menschen, von denen sie nichts Sicheres wußte (– und lebten sie denn überhaupt? sie hatte nie gesehen, was sie glaubte –) wurden ihrer ewig wachen Neugier zu quälend wonniger Beschäftigung. Wie würden jene von der Flut betroffen werden? Ob sie auch jetzt noch fortfuhren, in stolzem Hochmut zu leben, Menschliches und Himmlisches selig verschmelzend? Ob nicht, wie die Tiere der Erde, auch sie das Nahen des Unheils empfunden hatten? Ob nicht auch sie sich Archen bauten – gewaltiger und tausendmal schöner und kostbarer dann wohl, als Noäh Söhne mit ihren begrenzten Kräften es vermocht hatten?

Aber nein! Wider jene stand Jehovas Zorn, und der war grauenvoller Vernichtung trächtig. Wie hatte der Alte das Lamm zurückgetrieben mit grimmigem Schlage, für das doch Ada gebeten hatte, in deren kleine, zarte Hand selbst das Herz des Riesen, des Bäume-Zerschmetterers, sich schmiegte –! Nein, für das Lebende dort draußen war kein Entrinnen mehr zu denken, sobald die Flut beginnen würde.

Leise trommelte ein nächtiger Regen auf das Dach. Den Männern und Frauen schlossen sich im Dunkel schwer und träg die Lider; – und nur bisweilen fuhren sie auf, wenn jäh ein Donnerschlag die Schlafverlorenen schreckte. Nun saß nur Zillah noch und Noah wach. Mehr als die anderen lüsterte es diese beiden nach dem Neuen. Der Alte war schwer und finster in sich gesammelt: des Regens trommelnder Fall kündete ihm die vernichtungträchtige Flut. Das Weib des Jägers aber war nächtig schweifenden Geistes und so sehr von heimlichen Gesichten hingenommen, daß sie im Dunkel des eigenen Leibes Wuchs betastete, um ihrer leiblichen Gegenwart in dieser Arche sich zu versichern. So saßen die beiden an der Grenze, die des Schlummers ungewisse Bezirke vom klaren Licht des Tages traumhaft trennt.

Und Zillah taten sich die Augen zu; ihr Haupt sank schwer und matt zur Seite ....

Plötzlich dröhnten ein Paar gewaltige Schläge wider die Pforten der Arche. Bang lauschte Zillah empor. Ja: Schläge waren erdröhnt; – und fremde Stimmen ließen sich draußen vernehmen –! Waren es – –?

Da, horch: Der Alte durchherrschte zornerfüllt das Dunkel.

»Wer stört uns die Ruhe?!«

»Tut auf!« erklang es dawider.

»Wer begehrt Einlaß im Hause, das Jehova erbaut hat und beschirmt?«

»Drei Männer von Sabedon.«

Zillah war freudig bestürzt. Sie hatten den Namen der sagenhaften Stadt genannt! – Und nun gewahrte das traumerhitzte Weib auch ihre Gestalten, obwohl der Alte die Pforten der Arche nicht berührte. Es war ein seltsam fahles Licht um die Männer, die ragend dastanden in wundervollen, lang wallenden Kleidern aus nie geschauten, kostbaren Stoffen, schwarz gewandet, rot gegürtet, goldbehelmt, mit wundervollen Waffen im Gurt. Der Größte trug den schwarzen Bart in eckigem Schnitt, geflochten und gesteift und gesalbt, – ganz anders als Noah, dem das Barthaar in wirren Büscheln am Körper niedersprang, als er emporfuhr und den Stab erfaßte.

»Was wollt ihr Männer der verfluchten Stadt?!«

»Uns sandte ein Herr, der mächtig ist über dem deinen. Tu auf und laß uns ein, damit wir dir seine Botschaft berichten und seine Verheißungen verkündigen. Du bist versucht mit dem Bau dieses tannenen Hauses, Menahem, und hast gehorsamt und bist würdig befunden. Nun aber ist eine Arche gebaut aus dem duftenden Holze der Sandel und geschmückt mit Säulen von Ebenholz, darinnen Figuren kunstvoll sich schmiegen, geschnitzt aus dem Zahn eines gewaltigen Tieres, das du nicht kennst. Und drinnen sind klingende Wasser und halten den Odem des Hauses duftig und frisch. Da lagern auf bunten Fellen der Männer starke, allvermögende Gestalten, zur Liebe bereit, und harren deiner Schnüre, daß du sie uns bringst: die kleine, zarte, die die Blumen liebt; und die edelgewachsene mit der seidigen Haut, der kraftvollen Stirn und den schönen, breit gesäeten Brauen über den keuschen Lichtern der Augen; und jene, die schönste, die mit dem flammenden Haar, den geschmeidigen Gliedern und dem liebeverlockenden Duft des nie versagenden Leibes.« (Das Weib erzitterte und verhielt mit spannenden Händen das heiße Wogen ihrer Brüste.) »Unser Herr, der mächtiger ist als der deine – –«

»Versucher! Lästerer! Schändliche ihr! Nicht weiter!« gebot des Alten heulende, kaum noch erkennbare Stimme; – doch da er den Stab erhob, umhüllte die ragenden Gestalten der Gewaltigen ein schleiernder Nebel, aus dem das Rot der prächtigen breiten Gürtel in scharlachner Flamme hervorleuchtete.

Noch einmal klang es verheißend: »Stolze Pfauen durchschreiten den Raum und picken goldne Körner auf; ihre blaugrün schillernden Schleppen ziehen die Blüten der Rosen hinter sich nach, die rankend über den Boden hingestreut sind. Und deine Frauen werden kostbaren Schmuck besitzen: güldene Ringe in den Ohren und edelsteinbesetzte Halbmonde im Haar; breite Spangen werden die Rundungen ihrer Arme umschließen; fein gearbeitete Kettchen klirren bei jedem Schritt an den Knöcheln ihrer Füße und zierliche Glöckchen auf den Schnäbeln ihrer Schuhe. Keine Buhlerin des Königs selbst war je so reich geschmückt ...«

Zillah starrte in den weichenden Nebel, aus dem das Schwarz und Rot ihrer Gewänder mit lockenden Bewegungen immer wieder hervorbrach. Und noch unterschied sie ein großes dunkles Haupt und auf dem Halse eine gelblich weiße Kette wie aus aufgereihten Steinen. Der Alte aber erhob den Stab und tat einen fürchterlichen Schlag Wider den Versucher.

Da erzitterte die Wandung des Hauses, und Zillah fuhr erschreckt empor – – – und sah in einem milden Schein das schlummernde Antlitz Dinas. Über der keuschen, breiten und flachen Brust und dem edel geformten weißen Halse wölbte sich das Kinn gleich einer runden Frucht, deren Haut ein schimmernder Schmelz bedeckte. Der Mund lag in blühendem Rot und ließ eratmend das Weiß der großen Zähne zwischen den weichen, fleischigen Lippen schimmern. Schön, wie die Männer von Sabedon es gesagt hatten, waren die breit gesäeten Brauen über den geschlossenen Lidern, und auf der geräumigen Stirn wohnte der schlichte Adel des keuschen, arbeitsamen Weibes, von braunen Haares reichem Schmuck gekrönt.

Doch dieses sah Zillah nur einen kurzen Augenblick; dann war auch Dina emporgefahren, geweckt vom Schlage des Donners, und öffnete fragend die reinen, stillen Augen. Und die gerettete Familie fand sich beisammen in einem wunderbaren Licht und wußte nicht, wie ihr geschehen war.

Da erhob Ada freudig erstaunt den Arm und wies mit der kleinen Hand empor zur Decke der Arche –: Wie monddurchwirktes Gewölk schwamm droben ein milder Schein und floß ruhig und sanft zu ihnen hernieder. Und sie gewahrten einen großen bläulichen Opal, der himmlisch leuchtend unter dem First des hohen Daches hing. In scheuer Andacht blickten sie empor zu ihm gleich wie zu dem Gestirn ihrer gottverheißenen Zukunft. Jiska aber sprach: »Der HErr hat eine Lampe entzündet unserer Dunkelheit. Sehet: Wir sind im Tempel des HErrn!« Und alle folgten dem Zwange ihres Beispiels und senkten die Stirnen tief zur Erde und beteten an.

Hoch über ihren Häuptern aber wuchs der göttlichen Ampel himmlisches Geleucht. Die Tiere lagen stumm in den Hürden und Gelassen und Käfigen, und nur eine melancholisch schwache Vogelstimme erhob sich leise zu dem bläulichen Gestirn, das über Gras und Kraut und Blüte taute und auf die Gruppe der eingeschlossenen Menschen den Zauber einer nie geschauten Mondnacht senkte.

Und schläfernd fiel ein sanfter Regen auf das Dach wie ein gedämpftes, unablässiges Spiel auf antilopenhaut-bespannter Trommel, und ließ nicht ab die ganze seltsame Nacht.

 

Im Schein des göttlichen Opals lag das Innere der Arche wie eine traumhaft tropische Landschaft da. Alles Grüne badete in reiner, flutender Bläue; seltsam lautlos waren die Bewegungen der Tiere, die überall hervorlauschten und schwach sich regten; und die Stirnen der Menschen verklärte ein edles, bläulich gefiltertes Licht, in dem die staunende Zillah Dinas reiche dunkle Haarkrone noch leichter und edler über der ausdrucksvollen großen Stirn der Schwäherin sich wellen sah.

Doch immer wieder mußte die Rote auch scheu zum schweigenden Vater hinüberblicken, auf dessen Zügen ein dunkler Grimm lagerte und lauerte. Sein gelbes, bartumwittertes Antlitz schien jetzt grün wie mosiges Gestein, und im Gewölk seiner Stirn sprangen die harten ringelnden Adern scharf wie bläulich zuckende Blitze auf. – War er, der sichtlich so Grausames brütete, ihres lockenden Traumes von den prächtig geschmückten drei Männern von Sabedon nicht Zeuge gewesen? Blickte er nicht strafbereite, finstere Rachsucht, sobald sie mit scheuer Frage ihn ansah? – Da er den Stab erhoben hatte, waren jene gewichen in bläulich nebelndem Licht – aber dieses seltsam verklärende Licht – die Mutter hatte es gesagt – war göttlichen Ursprungs ... Und Schuld und Unschuld wirrten sich ihr ineinander.

Jedoch es kam eine Unruhe in das göttliche Licht. Bisweilen zuckte es empor, daß es sie grell in die Augen stach; und dann wieder schien es in wachsender Dunkelheit hinlöschen zu wollen, und die Arche lag wie eingesogen von einer herzbeklemmenden, lastenden Nacht. Dazu wurde das Trommeln des Regens lauter und lauter, als prasselten, von fernen, unsichtbaren Fäusten geschleudert, zerbrechende Knüttel auf des erzitternden Hauses Dach. Da schwand das sichere Gefühl des Tages und der Nacht, und in dem dunkel ausgepichten Kasten wuchs Bangen vor dem grausig Ungewissen empor.

Nun vernahmen sie, hoch durch die Öffnung des viereckigen Fensters hereingeblasen, ein Pfeifen und ein Zischen und ein Fauchen, daß die Tiere eine jähe Unruhe ergriff. Spitz reckte ein affenähnliches Geschöpf ein paar buschige Ohren aufwärts, die groß wie Fledermausflügel in den blitzenden Schein emporstarrten; und aus der Wildnis großer bläulicher Blätter fuhr einer Schlange steil aufgerecktes Haupt auf geblähtem gelblich giftigem Halse, an dem die Muskeln heftig schwollen und zuckten. Doch dann krachte ein Donner, so furchtbar und so unvermutet, daß im nächsten Blitz die Häupter der Tiere verschwunden waren, wie in den Boden gestampft.

Und dann brach es los mit einer wilden, vernichtenden Heftigkeit. Furchtbar mußten die Schleusen des schwarz ummauerten Himmels sich geöffnet haben. In allen Nerven fühlten die Sinnverwirrten dieses Rinnen und Reißen und Rauschen, dieses Schlucken und Gurgeln, dieses Schlagen und Poltern und Krachen, das über ihren wie unbeschirmten Häuptern erbarmunglos niederfuhr. Das Wasser stürzte und klatschte mit stetig wachsender Heftigkeit, und im Gehölz der Arche war ein immerwährendes Erzittern. Durch die Fensteröffnung fuhr ein kalt anpackender Atem herein, so daß Ada erschauerte und hilfesuchend umherblickte. Als ein Blitz den Schein des Opals grell überflammte, sah sie Ham mit zusammengepreßten Lippen in einer harten Entschlossenheit emporstarren zu dem Fenster, und seine Hand hielt den Bogen wie in festen Krallen. Der Alte aber stand aufrecht und reckte die Arme in einer fanatisch beschwörenden Geste. Da barg die Kleine erschrocken das Haupt in den zitternden Händen.

So blieben sie lange. Die Zeit schwand hin in dem stürzenden Lärm der Wasser. Das Zittern des tannenen Hauses wurde zu einem unablässigen dumpfen Dröhnen und die geißelnden Schläge des Regens zu einem harten, wilden Stampfen, das die Bohlen des Daches zerbrechen zu wollen schien, um flutend und gurgelnd über sie herniederzustürzen. Schon fühlten sie die Nässe durch die verpichten Poren ihres Hauses dringen; schon kühlte ihre fiebernden Stirnen ein Tau wie tödlicher Schweiß.

Und nicht genug des himmlischen Zornes: Nun drang es auch aus dem Innern der Erde empor. Berstend öffneten sich die Brunnen der Tiefe, und der Grund der Arche ward erschüttert. Das große Wassergelaß der Flußpferde und Kaimans geriet in ein furchtbares Gurgeln und Schlingern und Schaukeln, als quöllen aus den Eingeweiden der Erde die zerstörenden Säfte mit wildem Schwall unmittelbar herein. Die Krokodile hoben sich aus der schwärzlichen Flut wie hinausgeschleudert und öffneten weit die langen scharfen Rachen, als rängen sie in bangender Beklemmung um Luft und Leben.

Da ging ein jammervolles Schreien und Klagen durch die Arche, ein Ächzen und ein Rufen und ein Röhren. Dumpf erklang das Brüllen der wilden Tiere, gell und schrill das Kreischen der Affen, und von der Stätte der Menschen kam ein langes, lautes und schmerzvolles »Oh –!« Indes die Blitze das unselige Haus gleichsam in Flammen setzten, erblickten die hilfesuchenden Frauen auch ihre Männer mutlos und verzagt. Japhet war es, der den wehen Ruf der Klage ausstieß wie ein Verwundeter; Sem hing mit schweren Schultern und Armen tief vornüber, in seinen Augen ein unbegreifendes Grausen; dem Jäger aber war der Bogen zu Boden gefallen, und er hielt die Flächen der Hände breit über den geduckten schwarzen Schädel gelegt.

Eine Bildsäule der schicksalträchtigen Ergebenheit saß Jiska, die Urmutter, inmitten ihrer verzweifelnden Kinder. Die Arme lagen ihr hart am aufrechten Körper und auf den langen, männlich starken Schenkeln; fest umklammerten die Hände ihre Knie; und vor dem Widerschein der Blitze senkten die ewig wachen Lider sich nicht herab.

Da plötzlich fror ein neues Entsetzen durch das unheilumlagerte Haus –: Ein Schrei ward gehört, ein einziger, überlauter, erschütternder Schrei der Angst; und der war von außen gekommen und, so tierisch er klang, doch zweifellos aus menschlichen Kehlen!

Nun also war es geschehen: Die Stunde der Vernichtung alles Lebenden war erfüllt, und um die Arche drängten sich die Opfer des göttlichen Zornes in bangem Suchen nach einer Planke der Errettung. Schlimmer, als Dina es geträumt hatte, entspann sich ein Ringen zwischen den Begehrenden dort draußen und dem finster wehrenden Geist der Rache, der wie ein Besessener unter ihnen stand und der ihr Vater war. »Laßt ein! laßt ein! tut auf!« heulten die Stimmen der Todgeweihten; und: »Seid verflucht in den Schlamm eurer Bosheit und Verstocktheit!« brüllte der entfesselte Alte dawider.

Da erfuhr die Arche eine gewaltige Erschütterung. Zerrten an ihren Vesten tausende geängsteter und verzweifelnder Leiber? oder waren es die gurgelnden Bronnen der Tiefe, deren furchtbarem Prall sie nicht länger mehr widerstand? Groß und gewaltig ward sie von des Wassers rauschendem Griff gepackt und emporgehoben, daß die Menschen drinnen ein jäher Schwindel erfaßte. Die Erde stieß sie von sich, schleuderte sie nach der Bestimmung ihrer Errettung himmelwärts, indes sie die anderen, die Unzählbaren draußen, zu verschlingen sich anschickte. Erzürnt und empört über die Laster und den Undank ihrer Kinder, hatte sie zum letzten Male ihren trächtigen Schoß erschlossen, nun aber nicht mehr zu fruchtbarem Hervorbringen, sondern zu gefräßiger Vertilgung. Ein Ungeheuer war sie, das gurgelnde Fluten ausspie in dem rasenden Vernichtungwillen einer ewig enttäuschten Mutter, deren Zärtlichkeit und Liebe zuletzt in Zorngelüst und unbarmherzige Rachsucht sich gewandelt hat.

Nun warf sie wütend Wurzelwerk, Geröll und Gestein nach oben, hob Felsen aus ihren Gründen und trieb sie in gischtendem Schaum empor wie Hölzer. Da schwand alles, was je der Sturm gesäet hatte, schwanden Wiesen und Haine in dem Brausen der gierig raffenden Flut dahin. Gewaltige Bäume, uralte Waldungen wurden in Augenblicken entwurzelt und stürzten mit wildem, klagendem Rauschen in die Strudel, die ihr Geäst zerrissen und zerspellten. Kreischend, in tödlicher Angst flatterten die Vögel empor, als suchten sie zu dem Urquell des belebenden Lichtes zu fliehen. Aber die Sonne war nicht mehr; auch sie schien ersäuft in der furchtbaren Vernichtungwut der unersättlichen Wasser. Die Luft war nur noch ein wallendes Meer, das mit erdrückender Schwere alle gefiederten Wesen darniederschleuderte, die harten, verzweiflungvollen Flügelschlages nur ein wenig sich emporzukämpfen suchten.

Einzig die Arche rang sich aus dieser grausigen Umklammerung der Wasser hinan, ächzend auf und nieder geworfen in den Schauern eines nicht endenden Todeskampfes, in dem sie aus allen Poren Angst und Verzweiflung zu schwitzen schien, und umlagert von hülfeheischenden Leibern, die, auf Hügel und Felsen emporgeflohen, der Vorüberfahrt des gottbeschirmten Hauses harrten. Dann hörten die drinnen ein Fluchen und Schelten und Lachen, und wie das Nagen gewaltigen Ungeziefers war ein Kratzen und Beißen an dem tannenen Gehölz des Hauses zu verspüren. Ach! sie klammerten sich an; sie hielten sich mit Krallen und Fäusten und bissen sich verzweifelnd fest! Manche gewannen in weiten, wilden Sprüngen das Dach, und in bangem Emporlauschen vernahmen die Kinder Noäh ein Laufen und Stampfen, ein Kämpfen und ein Ringen über sich auf dem erdröhnenden Dache, – dann gellende Schreie Getroffener und die Wucht niederklatschender Leiber, die wider die Wandungen prallten und von treibenden Baumstämmen im furchtbaren Strudel zerrissen und zerrieben wurden – Wand an Wand mit den Geretteten.

Mit überreizten Sinnen sahen die drinnen Eingeschlossenen, was draußen geschah, wenn in der Umschlingung der Fluten die Schreie wechselnd zunahmen und gurgelnd erstickten –: Hochliegende Siedlungen wurden jählings vom schimmernden Leibe der Flut umkreist wie von einer gefräßigen Schlange; dann war die Rettung allen abgesperrt, – dann drängten sie hügelhinan, mit dem kalten Tod um die Wette, dessen feuchter Atem mit geiferndem Gischten näherkam. Und es begann ein bitteres Kämpfen. Die Starken stampften die Schwächeren unter sich und traten auf ihre geschändeten Leiber, höher emporzuklimmen, noch einige Minuten vor der steigenden Flut ein verlorenes Leben inmitten grausigen Untergangs zu wahren. Mütter warfen ihre Kinder, die sie bisher auf den Schultern getragen hatten, plötzlich von sich, sei es, um die Arme zu schwimmender Abwehr freizubekommen, sei es, um die unerbittliche Flut durch ein grauenhaft widernatürliches Opfer zu versöhnen. Während etliche jeden Widerstand in der Verzweiflung völliger Hoffnunglosigkeit verloren gaben und sich selbst mit gellem Lachen in den allverschlingenden Schoß hinunterstürzten, suchten kreischende Weiber an Tiere sich anzuklammern und wurden von dem zugrunde gehenden Vieh mit wütenden Bissen verschlungen in der Raserei des Schmerzes und des Todes. Wie gewaltige Trauben hingen Leiber von Menschen im Astwerk hoher Bäume, die die Flut noch nicht erreicht hatte. Aber die Arche streifte an ihnen vorüber und riß sie herab; und was an Klippen sich klammerte, zerschlug die große, schwarze Schwimmerin, gleichsam angepackt von dem entsetzlichen Vernichtungwillen des Alten, der mit blutunterlaufenen Augen in ihrem Innern den Untergang der Welt nach seines Gottes Willen selbst vollenden zu wollen schien.

Wieviel Zeit so dahinschwand, blieb unwägbar. Regen und Sturm peitschten die krachende, taumelnde Arche flutdahin über ein Weltmeer voller Qual und Schmerz, und die immer gleiche Verzweiflung und Raserei umbrandete in immer neuen, nie vernommenen Zungen, bald spitz und scharf, bald dumpf und rauh und gurgelnd, das regenumrauschte schwarze Haus, das, vom triefenden Tode umlauert, zahllose Leben barg, geängsteter fast noch als die da draußen. Flach am Boden lagen bäuchlings die drei Frauen, preßten die Hände fiebernd vor die Gesichter, verstopften sich die Ohren mit der schweren Fülle ihrer gelösten Haare – und vernahmen und sahen doch alles in diesen endlosen, unwägbaren Stunden, deren jede wie eine Nacht voll wahnwitziger Träume war, in diesen Tagen und Nächten, die ununterscheidbar zu einer höllischen Ewigkeit zusammenstürzten und -fluteten. Bisweilen kam lastender Schlaf über die unseligen Geretteten; dann sanken sie stumpf in sich zusammen, irgendwo in sich hineinhockend oder am Boden gelagert, das Haupt auf einem harten Klotz zur Seite gedreht, – bis hilflos ihre Augen sich wieder öffneten und weiteten und sie sich nur zerschlagener fanden als zuvor, immer noch umbrüllt und umwettert von dem Aufruhr der Vernichtung und von den Rufen der Geängsteten, die seltsam deutliche Halluzinationen über sie brachten. Bald glaubte Ada die Stimmen jugendlicher Mädchen zu vernehmen, bald füllte das schrille Klagen eines ersaufenden Birkhuhns ihr Herz mit bitterem, leidendem Entsetzen.

Der Tiere im Kasten aber hatte eine leidenschaftliche Erregung sich bemächtigt. Sie antworteten den tobenden Stimmen da draußen, deren grausigen Sinn sie zu ahnen schienen, mit gellen Schreien. Die Bären stießen grunzende Laute aus; die Affen jammerten wie geängstete Kinder; kläffend sträubte die Hyäne auf dem abschüssigen Rücken das rauhe Haar; mit geblähten Leibern richteten die Schlangen sich zischend und fauchend empor; das Känguruh stand auf den baumdicken Schwanz gestemmt und schlug mit den behenden Vorderpfoten höllische Trommelwirbel gegen die dröhnende Wandung der Arche; und während die Vögel schrien und kreischten und in zuckendem Taumel mit den Flügeln klatschten und unheimlich der Eulen schrilles, schluchzendes Lachen aus ihren vertieften Behausungen hervorbrach, schwangen und wiegten die Elefanten ihre mächtigen Rüssel, schlugen mit den mantelgroßen Ohren und stießen gewaltige Trompetenrufe in den satanischen Tumult.

Als aber ein donnernd krachender Stoß von einem entwurzelt treibenden Baume das Vorderteil der richtunglos kreisenden Arche mit blind wütender Erschütterung traf, als solle das gemarterte Fahrzeug selbst jäh auseinanderbersten: erhob sich plötzlich des Löwen brüllende Stimme wie in maßlos fürchterlicher Wut. Alle tierischen Laute übertönte und verschlang dieser unheimlich anschwellende finstere Ruf, und das Leben im Kasten verstummte, schwand gleichsam hin vor diesem glutheißen Hauch bestialischer Gewaltsamkeit.

Da aber geschah unter den eingeschlossenen Menschen etwas Grauenhaftes –: Wie von Wahnsinn befallen, stürzte Sems schwerer weißer Körper zu Boden, und ein maßloses Weinen erschütterte ihn. Und nichts mehr vernahmen die Eltern und Geschwister und Schwätzerinnen von allem Furchtbaren da draußen vor diesem unablässig stürmischen Weinen des einen Geretteten, der mit zuckenden Flanken und fliegenden Lungen dalag, sinnlos wie ein Besessener, und alles Leben seines geborgenen Leibes in wildem Schluchzen hinausströmen zu wollen schien in einer Raserei verzweifelter Selbstvernichtung. Wohl kniete Jiska, die Urmutter, neben ihm, sein schweres, willenloses Haupt in ihren harten Schoß zu betten. Aber diesen steinernen Händen einer in Arbeit Erstarrten schien keine mütterliche Kraft mehr innezuwohnen, – bis Ada, plötzlich frei von Lähmung und Betäubung, herbeigestürzt kam, das Fichtenbüschel fest in der kleinen, heilenden Hand, und sich über den krampfhaft geschüttelten Leib des Riesen beugte, wie mit wundertätigem Amulett ihn zu berühren und zur Gesundheit zurückzuführen.

Es war ein Augenblick jäher Stille, als Sem das schwere, trunkene Haupt erhob und stumpfen Auges in die Wirrnis lächelte, ohne noch den Blick des kindlichen Weibes zu erfassen. In einem liefen, verschnaufenden Atemholen schien die entfesselte Natur sich zu sammeln, erschöpft von ihrem Wüten und Rasen.

Nicht erschöpft aber war der fürchterliche Alte, der grauenhafte Rachegeist der Arche. An der Vernichtung der Natur schien seine flammend berauschte Seele sich zu mästen. Unter dem langen schütteren Barte spie der geifernde Mund Gebete hervor, die Flüche waren, und Segnungen, die wie Geläster klangen. Und in den Augenblicken, da draußen das Rasen verstummte und nur noch des Regens dumpfes Rauschen die Arche umschlang, vernahmen die Kinder eine finstere Liturgie:

»Zerstöre sie, HErr, mit Deiner Rache; zerschlage die Erde und was sie erfüllte mit den geißelnden Striemen Deines Regens! Zu stürzenden Wassern laß die Veste des Himmels zerrinnen. Mond und Sonne seien wie Teiche, die sich zuschütten, und die Sterne wie gelbe Blumen, die auf morastigem Sumpfe treiben. Komm über sie mit dem Weinen Deines Zornes; verlösche ihre Leiber und tilge ihre Namen aus den heiligen Büchern des Lebens! Sie haben die Erde zu ihrer Göttin gemacht und gebuhlt um die nichtigen Schätze ihres Schoßes. Zerschmettere die ungetreue Falsche! strecke sie hin in den Schlamm ihrer Verwesung! brich die Grate des Gebirges der buhlerischen Götzin aus der Krone! Uns aber, o HErr, gib Gnade und Leben nach dem Worte Deiner Verheißung! Es labe uns das Röcheln ihres Endes; es stärke uns der Schrei ihres Todeskampfes. Erfülle dieses schwimmende Haus mit der Musik Deiner Macht und die Arche der Erlösung mit den furchtbaren Psalmen Deiner Größe! Schmück unser Gelock mit dem Rauschen Deiner Donner und unseres Hauptes Scheitel mit dem flammenden Diadem Deiner Blitze! Jehova! Jahwe! Elohim! Du heiliger Zerschmetterer der Verfluchten; Du Erretter der Auserwählten, die Du liebst –: Das Lied der Vernichtung ist der Gesang Deiner ewigen Macht!«

Da flammte ein Blitz, so grell, daß alles Lebende im Kasten in einer wilden Flamme der Zerstörung zusammenzustürzen schien. Ein Donner krachte, als zerspelle das schwimmende Haus vom Dach bis zum Grunde. Niedergeschmettert sank der Alte hin wie ein umgeworfenes Steinbild, und neben ihm schlug dröhnend sein Stab zu Boden – und zerbrach in der Mitte.

Und zugleich vernahmen die entsetzten Kinder ein fürchterliches, gelles Gelächter. Sie blickten empor – und Zillah sah zur Fensteröffnung unter dem Dache ein großes schwarzes Haupt hereinblicken, gewaltig, weiß flammend die Blicke und weiß leuchtend die mächtigen Zähne und in der grinsenden Verzerrung aller Züge nicht menschlich mehr. Auf der Schwärze des nackten Halses blinkte eine Kette, wie von den Zähnen erlegter Eber gereiht. Einen Augenblick schien das schwarze Haupt sich durch die Fensteröffnung hindurchzuarbeiten. Dann plötzlich fiel es kraftlos und mit brechenden Augen hintenüber –: Hams tödlich schwirrender Pfeil stak tief in dem blutenden Halse. Draußen klatschte ein schwerer, wuchtiger Leib an der Wandung hinab, – in der Arche aber fiel ein feiner Regen klirrender Eberzähne zu Boden nieder ..........

 

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