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Die Arche

Max Bruns: Die Arche - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Bruns
titleDie Arche
publisherJ. C. C. Bruns Verlag
yearo.J.
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Die Arche.
Von den Nächten der Flut, der Vernichtung und des Traumes

So wie der HErr es gefordert hatte, stand nun das rettende Werk vollendet da. In unabsehbarer Zeit war eine harte Arbeit getan. Monde hindurch hatte Sems gewaltige Axt gedröhnt von der Stunde des rötlich sich dehnenden Lichts, das die Schatten vom mosigen Lager der hurtigen Hindinnen emporscheucht, bis in den leis verlöschenden Abend, der auf die Büsche zarte Träume taut. Ham, der dunkelhäutige, sehnige Jäger, verschlossenen Sinnes und voll zäher, gesammelter Kraft, hatte in wortloser Arbeit Stamm um Stamm geschlichtet; und Dina, seine bäurische Genossin, und Zillah, des Japhet leicht entzündbares Weib, hatten schweren, lastenden Schrittes die Stämme zu jenem Orte geschleppt, wo Japhets weichlich schwellender Arm sie dem verordneten Plan gemäß zu richten und zu fügen sich mühte, zunächst mit starkem Bast sie bindend, dann aber sie verschränkend mit wohl geschrägten Zapfen oder mit starken hölzernen Stiften sie verklammernd. Riesig und ragend war des Baues Gerüst. Des HErren Segen hatte das Werk gefördert, und kein Unfall war den rastlos Werkenden widerfahren.

Einmal nur hatte der Schrecken sie gestreift –: Es war um die Stunde des sinkenden Abends. Hinter dem gelichteten Gehölz stand silbern umrandet eine Wolkenwand, und davor hob sich eine letzte, gewaltige Ceder und schüttelte, als Sems geschärfte Art mit harten Hieben sie angriff, rauschend und schwer das mächtig umbuschte Haupt, als wolle sie dem Plane der Menschen wie der Gottheit sich widersetzen. Klein war Sems, des Riesenhaften, Gestalt neben der erhabenen Schönheit dieses Baumes; – doch Ada, die, um hundert Schritte entfernt, emporsah zum Gipfels zu dem einsamen Baum und zu dem stolz bewehrten, angriffstarken Gatten, fand ihn schöner und gewaltiger als je, wie er so mit unermüdetem Arm die Art schwang und einhieb und wieder zu neuem Hiebe sie schwang, daß ihr Hall den Vogelfang der flammend entzündeten Abendstunde zum Schweigen brachte. Und seine Kraft blieb siegreich gegen den zäh verbissenen Widerstand des Baumes. Plötzlich wankte der Stamm; die Äste fuhren wie tastend und suchend mit einer erschütternd hilflosen Gebärde durch den Raum, und die Sonne rann wie Blut von den rauschenden, zischenden Blättern. Und abermals hieb Sem mit starkem Schwunge in den Stamm, den letzten, tötlichen Schlag ihm zu geben und dann sichernd und behend zurückzuspringen. Aber der Riese war nicht behend, – nicht behend genug. Wie in wilder Qual und in schmerzvoller Empörung hatte der verendende Baum sich jäh herumgeworfen und stürzte mit zermalmender Wut über den Menschen nieder, fauchend und drohend. Gell brach ein Schrei aus Ada empor; hoch warf die Zierliche die zarten Arme, als wollten sie das Undenkbare tun: dem stürzenden Baum noch eine letzte Wendung geben über den geliebten Leib des Gatten hinweg. Und es geschah das Undenkbare! Hatte ein wuchtender Ast den sinkenden Stamm noch weiter um sich selbst herumgerissen? Hatte, von dem gellenden Schrei der Geliebten gepackt, der Mann einen ungewollten taumelnden Schritt ihr entgegen getan? Hart neben ihm schlug der Gefällte zu Boden, nur ihn ritzend und gefahrlos ihn schürfend mit dem bezwungenen Gezweig, aus dem der Gerettete in jauchzendem Frohsinn mit vollen Fäusten sich ein Büschel riß, lachend und glücklich der zarten Angebeteten es hinzutragen in plumpem, hüpfendem Lauf. Und Ada kniete und entbreitete die Arme, dankbar, anbetend, – und keiner hätte zu sagen gewußt, wem das Gebet des weinenden Weibes gegolten.

 

Wochen stummen Schaffens und sauren Schweißes, – dann war das Werk der Vorarbeit getan; dann richtete sich aus Balken und Sparren das untere Geschoß empor, das zweite entstieg ihm groß und stark, und wie der Plan des HErrn es angeordnet hatte, erhob sich über dem allen noch ein drittes, niederes Gelaß. Neben dem Sumpf des Waldes ragte der gigantische Bau gleich dem Gerippe eines Ungetüms, das hier vor Zeiten einmal vermodert wäre. Noah umschritt ihn in ruhiger Würde, in der behaarten, adergeschwellten Faust den weisenden Stab, indes die Söhne in den Sprossen des Holzwerks tätig waren, auf und nieder klimmend im harzig duftenden Gebälk: das blanke Skelett mit sicherndem Leibe zu umkleiden.

Inzwischen hatte Jiska, die Urmutter, sorglich, schlicht und stets in klar erwogener Geschäftigkeit, unterstützt von Dinas bäuerlich schweigsamem Fleiß, die unermeßliche Fülle der Vorräte bereitet und Napf um Napf, Korb um Korb, Gebinde um Gebinde sie gestapelt. Die Körbe aber hatte Ada in behender Geschicklichkeit gefertigt und Röhricht und Binsen Zillah mit raffenden Fäusten ihr herbeigeholt, unruhevoll die Gestade des Weihers durchforschend, indes ihr Blick das Leben des Getiers im Rohr und auf den Fluten voll tiefer Anteilnahme belauerte. Dort war ein unablässiges Sichlocken und Sichrufen, ein Rauschen, Schnellen und Haschen und Flügelschlagen. Seejungfern paarten sich im Fluge und Strandvögel im verbergenden Röhricht, indes die Blumen auf dem See in bräutlicher Weiße ihre Blüten erschlossen und von den Samenpollen der dunkelgoldne Staub herniederflockte. »Das alles vergeht, ist für den Untergang bestimmt!« wußte das Weib und fühlte eine mystische Liebe für das alles. Sie strählte das brennend rote Haar mit langen, weichen, greifenden Fingern, ließ es in gedankenloser Wollust über die sich spannende Schulter gleiten, streichelte die härenen Blüten der Binsen und die reichen, starken Kolben des Rohrs und atmete schwer in unerklärbar wachsender Beklommenheit.

Und als an diesem Abend die Sonne zwischen dem erschlafften Gezweige des Waldes verblutete und die Hammerschläge der Werkenden matter und dumpfer in dem laubigen Wirrsal sich verfingen, wies Zillah über den tief geröteten Weiher und richtete an Ada das Wort:

»Wie bald, und du wirst keine Sonne mehr verscheiden sehen!«

Ada umfaßte mit unsicher werdendem Blick die üppig schlanke Gestalt der Schwäherin und suchte nach einem freundlichen Wort des Trostes.

»So wird uns dein Haar im Dämmerlicht der künftigen Behausung leuchten, und das ist rot und reich wie der sinkenden Sonne Glanz.«

Dina aber, die es vernommen hatte, sprach ruhig und fest: »Unser wird Arbeit warten, Zillah. Wechseln wird Sorge und Rast, und vielerlei wird zu bedenken sein. – Und einmal wird die rettende Fahrt ihr Ende haben.«

Dunkler und stiller wurde es über dem Wasser. Und leise sang Adas kleine melodische Stimme in das Schweigen:

»Dann wird uns eine neue Sonne grüßen.«

 

Die braunen Arme wie in verhaltenem Trotz untereinandergeschlagen und die Lippen gespannt gleich den Sehnen des Bogens, den der Weidgelüstige selbst bei Nacht nicht von sich ließ, stand Ham unter dem Sparrenwerk des wachsenden Hauses dem Vater gegenüber und erhob Einwendungen wider den Plan. An dem einen Fenster könne es nimmermehr genug sein. »Wie lange, glaubt ihr, daß wir über den Fluten werden kreisen müssen? Und welche Fülle von dunstendem Getier ist uns geboten dort drinnen zu beherbergen? Wie sollen wir es ertragen, so zu hausen? und wie des Lebens tägliche Werke verrichten, wenn zu den mittleren und unteren Gelassen doch kaum ein schwaches Dämmern dringen will? Ist, Vater, all das überlegt und genugsam erwogen?«

Ada, die Schwäherin, lauschte von ihrer Arbeit empor, und wieder zog ein leises Bangen vor allem Kommenden durch ihre Seele, denn sie war empfindsam und fürchtete den Dunst der Tiere.

Mit dem Ende des Bogens zeichnete Ham die Ansicht des Dachgeschosses in die Erde und zog eine breit ausladende Fensteröffnung hinein, so wie er sie für unerläßlich hielt.

»Nicht Luft, nicht Licht in Wochen, in Monden vielleicht: wie wollt ihr leben?«

Doch Noah fuhr mit dem Stabe dazwischen: das Fenster verschwand, ward klein, duckte sich, Schutz suchend vor Regen und Schlossen, unter eine breite Krempe des Daches und war nichts mehr als ein dürftiger Dunstauslaß.

»So hat es der HErr verordnet,« sprach der Stab und sprach des Alten breiter, bartüberschatteter Mund mit den gilbenden Zähnen; »wer bist du, daß du die Pläne des Höchsten verbessern willst?«

Dunkel und kühl rauschte es in den Wipfeln. Unter schwarzer Braue hervor blickte der Jäger, die Oberlippe zwischen den Zähnen, wie prüfend und wägend himmelwärts, indes der Alte aufrecht zur Wohnung hinunterschritt.

 

Bald war die Luft erfüllt vom süßlich herben Geruch des frischen Pechs. An den Außenwänden stand auf sich biegenden Sprossen Sem, wuchtend und schwer, und überstrich die blinkenden Wände mit der zähen, bläulich-schwarzen Masse, die im Licht der Sonne dampfend und dunstend trocknete; drinnen schob Japhets weichere Schönheit von Stockwerk zu Stockwerk sich empor; und hoch auf dem Dache schritt Ham elastisch und sicher hin und wider, erprobte mit wiegenden und tänzelnden Bewegungen die Biegsamkeit der Bohlen und die Dichte und Verläßlichkeit der Fugen, verpichte das Dach, ließ die Pechschicht härten und prüfte und dichtete die schützende Decke zum anderen Male.

Und wieder wartete ihrer eine neue Arbeit voll langwieriger Mühsal: Ein breites, großes Becken war in den Grund der Arche eingebaut und sorgsam verpicht; das galt es mit der Flut des Teiches zu füllen, dem Plane gemäß. Unablässig ward in gehöhlten Stämmen, ward in Zubern und in Schläuchen ein ganzer Fluß zur Arche hineingeschwemmt, der erfrischend in jene dunkle Höhlung sich ergoß. Stunde um Stunde, und doch in Tagen erst merkbar zu steigen begann. Schlamm und Laub des Waldes mengte sich in das Wasser, trieb grünlich auf seiner Fläche und umrahmte befremdlich schön Zillahs Antlitz, wenn es in unbewachter Neugier mit großen Blicken sich über den Spiegel neigte. – Und als abermals eine Woche über der Arbeit verstrichen war, füllte das untere Geschoß der Arche ein dunkler Weiher, bestimmt, bald über die Flut der Vernichtung als sicher bergendes Element dahingetragen zu werden.

Dann aber lag den Männern noch ein letztes, schwieriges Werk ob: alles Getier, dessen der HErr gedacht hatte, herbeizuschaffen und es in den drei Staffelräumen der Arche unterzubringen. Das war für Kraft und Geduld eine harte Probe! Wohl wußte Japhet mit den weichen Lauten seiner Hirtenflöte den scheuen Sinn der Hindin und der Gazelle zu besiegen; wohl flogen, wenn er gurrend lockte, die buntkropfigen Tauben ihm auf die Schultern, und die goldgrünen Kolibris schossen erregt herbei und schwirrten durch die weit geöffnete Seitentür des neuen Hauses, um im Dunkel des Innern sich plötzlich ungewissen Fluges zu verflackern. Aber die Stiere und die Büffel zu bewältigen bedurfte es Sems schwerer, gesammelter Kraft; und den ungebändigten Sinn der großen Raubkatzen vermochten sie nur zu brechen, wenn Hams gewaltsam auflodernder Jägerungestüm sich mit wuchtig gehandhabten Schlingen und Fesseln über das Wild her warf, das bald überlistet, bald auch rauh und schonunglos überrannt und niedergeworfen wurde.

Selbst Noah durfte in solchen Augenblicken der kämpfenden Gruppe nicht zu nahe treten. Seitab stand er, als die beiden Ältesten eines Wisentstieres wuchtigen Lauf mit herausfordernden Gesten gerade auf sich zu lenkten. Gereizt schoß der und grimmig heran, erbittert mit stumpfschweren Hufen den Boden zerstampfend; hinter ihm sprühten bunt dem Grund entsprossene Büschel, mit Grand und Mergel gemengt, vor ihm sprühte des Todes schnaubender Atem; zu spießendem Stoße starr ausgelegt stand hart das herrische Gehörn. Doch es pfiff, von erfahrener Hand geschleudert, die Schlinge des Ham. Sem rannte herzu; sie zogen und zerrten – und schwer warf des Riesen schwellender Arm den Schwarzen nieder. Es dröhnte derb von des mächtigen Viehs übermannter Masse, die wuchtig und gewaltgewillt sich wälzte. Dann schlangen die sehnigen Männer sichere Schlingen um das, was aus der Masse herauszustoßen dort strampelte und Nahendes niederzutreten sich mühte, und legten mit Keuchen und Lachen einen verläßlich geknoteten Strick dem stürmisch Heulenden um Stirn und Gehörn. Sem aber schlug hohl in die schallenden Hände und schleppte und schleifte die gefesselte Wut stallwärts zur Pforte.

Die Frauen standen und staunten, furchtsam hinter Japhets Rücken gedrängt. Ada entsanken die Gebinde blühender Binsen, die sie gehäuft in Händen trug, und ganz von ihrem gelösten Schwall umgeben, stand sie wie eine kleine Nymphe da, voll Stolz und voll Bangen.

Sem schaute das reizende Bild mit halbem Blick; breit lachend rief er: »Verdammt undankbares Vieh! Schwer macht es der Rasende uns, sein russig schwarzes Fell ihm vor der Flut zu retten!«

Immer noch widersetzte sich ihm der Stolz des ungebärdigen Stieres. Die kleinen bösen Augen funkelten Blut, die Flanken flogen, schweißten und schwangen in rachsüchtig ringendem, raschem Rhythmus, die Adern schwollen, schwer peitschte der Schweif, die Fäuste des grausamen Feßlers furchtbar geißelnd, sobald sie seiner Kraft zu nahe kamen. Doch nichts half dem Niedergeworfenen sein Wüten und Schlagen; das schlingende Tau auf schleifender Schulter, riß unerbittlich der Riese den breiten Rücken ihm über den Rasen der Arche zu. Noah trat der nahenden Gruppe in stolzer Achtung zur Seite, den Hieben und Stößen des wuttrunkenen Tieres weislich ausweichend. Nur den vorgesehenen Platz bezeichnete der Alte mit ausgestrecktem Stabe; und von dort erscholl bald das Grollen und Grunzen des empörten Bewältigten, vor dem die Schreie der keifenden Papageien ängstlich verstummten.

Sem stand mit gewölbter Brust, in deren starker blonder Behaarung der Schweiß in heißen Perlen hing, und wischte mit dem Rücken der Hand die blau geäderte Stirn, indes ihn von der Seite ein bewundernder Blick aus Zillahs grünlichen Augensternen traf. »Er bezwingt den Wisent«, dachte das Weib, »und beugt sich in die Hand des zartesten Kindes.«

 

Und wieder trat Ham zu dem Alten, gelassen und fest, und Sem war mit ihm und bestätigte des Bruders ruhiges Wort:

»Des Werkes Vollendung, Vater, ist nicht möglich. Wir kennen nicht alles Getier der Erde, noch können wir es herbeischaffen und es zu Paaren in den Kasten zwingen. Wir haben geschafft nach unseren Kräften, der Riese und ich, und noch ist der größte Teil der Stallungen leer, und wir wissen nicht, wie sie füllen nach dem Worte der Vorschrift.«

»Nein,« sagte der Älteste bescheiden, doch überzeugt gleich dem andern, »wir wissen es nicht. Unsere Kräfte versagen, und die Stallungen füllen sich nicht nach deinem Wunsch.«

Da stand der Alte in Sinnen und fand dem Wort der Söhne keine Erwiderung.

»Und gelänge es uns, die Tiere herbeizuschaffen und sie im Kasten zu verwahren,« fuhr noch der Jäger fort, »gelänge es wirklich: Wie ihrer warten und sie pflegen? Wohl sprach dein ehrwürdiger Mund zu uns das Wort: ›Der HErr wird sie zahm machen zur Zeit der Flut, und werden ablassen vom Fraße des Fleisches, einander zu vertilgen in den Wochen und Monden, da Gott der HErr die Kreatur vertilgt; und werden Pflanzen und Kräuter fressen wie die Tiere in unseren Stallungen.‹ Wo aber wachsen jene Kräuter und Pflanzen, derer sie bedürfen? Alles Getier der Erde! Das muß wohl eine bunte Vielfalt geben, – Vielfalt der Erscheinungen und der Gewohnheiten, Vielfalt der Mäuler und der Rachen und der Schnäbel, der Lippen und der Gaumen und der Zungen! Wie sie befriedigen? Wo wächst das Kraut, wo blüht die Staude und wo reift die Frucht, deren jedes bedarf, sein Leben zu erhalten in den Wochen der Flut? Es dünkt unmöglich, Vater; in Ehrfurcht sei es gesagt: Es ist unmöglich.«

Des Alten Blick flammte wallend auf, und von dem Arbeiten seines Kiefers begann ihm der Bart zu erzittern.

Und Sem sprach schlicht begütigend: »Wir taten, Vater, was möglich war, der Bruder und ich. – Doch laß uns fortfahren, Jäger, in unserem Werk und weiter nicht sorgen. Wir schufen viel und werden mehr noch schaffen. Unmögliches aber wird Jahwe nicht begehren.«

Hier war's, daß es aus Noah hart hervorfuhr: »Unmögliches, du Kind, kennt Jahwe nicht. Ihm wird zu helfen nicht unmöglich sein. Bleibt am Werke, geht, forscht nach den Tieren; jagt, fangt, lockt; habet Geduld und Kraft und tretet nicht abermals mit Murren wider den Plan, auf daß der HErr unser Gott uns nicht verderbe.«

Da nahm Ham den Bogen und wandte sich gelassenen Schrittes waldwärts. Sem suchte sein junges Weib bei der Arbeit, an ihrem Anblick sich zu stärken. Der Alte aber stand allein und hob die flachen Hände himmelwärts und sprach in seinem Herzen: »Sei bei uns, HErr! Schon schwinden dem Riesen die Kräfte, und den Jäger übermannt ein trotziger Sinn. Hilf Du das Werk vollenden, das Du befahlst: Sei bei uns mit der Fülle Deiner Wunder und mit dem ewigen Reichtum Deiner Gnade!«

Und da er gebetet hatte, wuchs ihm das Herz von neuer Kraft und Zuversicht.

In der Nacht aber, die diesem abendlichen Gespräche folgte, erhellte sich die Hütte vor Noäh schlafendem Blick und war ein weites, lichtes Weideland voll süßesten Klees, über dessen schwellenden Boden unendlich gut und leicht zu schreiten war. Bienen schwirrten mit goldnem Gesumm von Kelche zu Kelche; in Bäumen, die zierlich schleiernde Kronen auf silberweißen Stämmen wiegten, bargen sich kleine schlanke graue Vögel, die mit geblähten Kehlen selig schluchzten. Die Wolken waren rein beglückte Segler in einem ewig stillen blauen Meer, sanft hingetragen zu unsichtbaren Küsten der Errettung. Und es war ein Singen und ein Klingen in der Luft, als vernähme man Hymnen der Engel: »Gegrüßt der Erwählte des HErrn! Er wandelt über das Land, und es wird blühende Weide. Er blickt empor zum Himmel, und golden wölben sich die Pforten der Ewigkeit. Der HErr hat ihn ausersehen zu seinem Werkzeug: In seinem Samen ruht das Heil der Welt, und auf seinen Stab werden sich stützen die fernsten Geschlechter eines erwählten Volkes. – Gruß Dir, Noah, Vater der Zukünftigen! Noah Menahem, sei gegrüßt!«

Er blickte auf – und sah einen alten Hirten, der eine unabsehbare Herde lichtweißer wolliger Schafe führte. Seine Gestalt war hoch und ragend; lang wallte ihm der Bart zur Brust gleich Noah, und gleich Noah trug er einen Stab in der Rechten, dessen sichernder Stütze aber auch er nicht bedurfte, denn er wandelte fest und stark, und fest und stark war auch der dunkle Blick seiner weiß umbuschten Augen.

»Gruß dir, Noah!«

»Gegrüßt, o Herr und Hirt!«

Und Noah beugte unwillkürlich das Knie; denn die Stimme des Mannes war von unwiderstehlicher Gewalt, seine Geste war groß und erhaben wie eines Herrschenden, und von seinem Gewande kam ein Geleucht, als sei es aus den Strahlen der Sonne gewirkt.

Und da Noah sich beugte, lächelte der Hirt und sprach: »Du bist Noah Menahem, ausersehen zur Errettung der Seinen aus der vernichtenden Flut, die kommen wird. Du trägst viel Stolz und Trotz in dir, Menahem, und trachtest nach dem Verderben der Menschheit; aber um die Errettung des paarigen Viehs ist dein Herz in Sorge.«

»Hirte, die Welt ist verderbt; und darum hat der HErr beschlossen, sie zu zerstören. Denn Er ist voll Zorn über ihren Unglauben und Sein Sinn voll Finsternis wider ihre Abtrünnigkeit und ihren Frevel.«

»So ist es, Menahem,« erwiderte der Hirt, und seine Züge waren hart und streng geworden; seine Stirn flammte wie Blitzes Geleucht, und in seinem Bart war ein Knistern wie von Funken. Da warf sich Noah unruhevoll zur Seite auf seinem Lager, denn er meinte eines Donners grollendes Drohen vernommen zu haben.

Der Hirt aber tat einen raschen, unheilkündenden Blick über die Herde seiner Schafe; und Noah erstaunte; denn er sah nur schwarze Widder mit starken zottigen Fließen und bösen Augen, die voll Tücke waren.

Da sprach der alte Hirt: »Sei du, Menahem, ohne Furcht. Du bist erwählt mit den Deinen, und deiner Tiere Heil ist wohl erwogen. Nun merke gut auf und handle nach meinem Wort. Japhet nehme von der Erde eurer Scholle und streue sie aus über die Planken des mittleren Geschosses der Arche, daß sie braun seien wie frisch gebrochenes Ackerland. Und also mache er auch den Boden des Obergeschosses zum fruchtbaren Acker: dein Werk, Menahem, vorzubereiten. Dann aber gehe du selbst hinein, und keiner der anderen sei bei dir. Und diesen Samen, der für dich gesammelt ist nach meiner Weisheit und Güte, wirf aus über die lockere Krume und denke des HErrn deines Gottes in Dankbarkeit und Demut; so wird dir geholfen werden und dein Vieh wird leben in den finsteren Zeiten der Vernichtung.«

Noah schwand hin, da jener das Wort ›Vernichtung‹ sprach; denn er sprach es mit einer fürchterlichen, grausamen Härte. Zugleich aber fühlte er, wie der Hirt ein großes grünes Blatt ihm in die Hand legte; das war zusammengerollt und mit langen schmiegsamen Halmen eines lichten Grases sorglich verhüllend umwunden: Wohl mochte eine gewählte Fülle der seltensten und erlesensten Samen darin geborgen sein. Noah fand kaum die Fassung, einen Dank zu stammeln; da zuckte ein Blitz durch des Erzvaters schlafbefangene Hütte, und ein Donner erschütterte sie; und die schwarzen Widder flammten auf wie lose Bündel Wolle. Hoch in der Flamme aber wallte in klarstem Silber des alten Hirten heiliger Bart und rauschte wie ein feuriger Regen.

Und da Noah am Morgen erwachte und das Haupt von seinem Arme erhob, hielt er in fest umschließender Hand ein großes zusammengerolltes grünes Blatt, umschnürt mit langen schmiegsamen Grases lichter Rispe.

 

Jenseits von Wald und Ackerland und Weide lag hinter einem großen Strome ›die Stadt‹. Dort – wußten sie alle – begann das Gebiet der fluchbeladenen Menschen, die nach dem Zorn des HErrn des Todes sterben sollten. Nie war auch nur einer von der erwählten Familie bis dort hinüber gekommen: Der Strom hatte sie von jenem unbekannten Leben geschieden, von dem nur selten unter ihnen die Rede ging und das in ihren Sinnen war wie ein bunter, wundersamer und fast erschreckender Traum. Nur karge Worte hatte der Alte an manchen Abenden über jene Menschen gesprochen, die, wie er sagte, Gott verlassen hätten; und Jiska hatte vor Zeiten den Kindern mancherlei Geheimnisvolles geraunt, sie zu zerstreuen oder auch sie einzuschüchtern; und alles das klang nur wie ferne Sage in ihrem Herzen nach.

Am Abend jenes Tages aber, da die Schwäher den Wisent überwältigt hatten und das Herz des lauschenden Weibes erbebt war von dem dumpfen Röhren des Tieres, schlich Zillah allein waldeinwärts, getrieben von dunkler Sehnsucht nach den Bereichen jenseit des großen Stromes. Leuchtend und lockend erwuchs in ihren Sinnen ›die Stadt‹ und das Geschlecht der Erlauchten, die sie nach herrlichem Plane hatten erstehen lassen. Dort haben Hände von übermenschlicher Gewalt der alten Mutter Erde die marmorblanken Rippen aus dem Leibe gerissen und sie behauen und geformt und sie getürmt zu unsagbar schönen Bauwerken, gewaltig wie die Cedern des Libanon, und doch von Stein gebildet; und die Dächer sind leuchtend wie die Kuppel des Himmels, die sie mit neidischem Gleißen überspannt, und auch sie sind von ewig dauerndem Gestein. Und göttlich wie seine Werke ist auch das Geschlecht, das sie erschaffen hat. Die Männer sind groß und ragend und von unerschöpflicher Kraft der Leiber, die Frauen aber schreiten einher in rauschend reichem Schmuck und Putz der Glieder; die Haare strahlen über den Häuptern wie flammende Sonnen, so reich sind sie mit Goldstaub überschüttet; ihre Gewänder leuchten grün wie der junge Rasen im Morgen, und wie Tau funkeln ihnen die buntesten Edelsteine darin. Und keine Schulter drückt die Mühsal zerstörender Arbeit: Durch Jahre hindurch – so meinte sie sich der alten Erzählungen zu erinnern – ward dort der Boden nicht urbar gemacht, ward nicht gerodet, gehackt, gesäet und gepflanzt; denn das Land ist von einer unbegreiflich schwellenden Fruchtbarkeit, und die Ähren des Weizens stehen gereiht wie ganze Bäume goldbehangener Wälder. Und selbst die Himmlischen sind verführt von den Reizen dieses Landes: Gottes Söhne waren herabgestiegen zu den Töchtern der Menschen, bei ihnen zu liegen in weltenschwangeren Räuschen; und Scharen von Engeln waren gekommen, um die Umarmungen der ragenden Männer in jenem Reiche zu genießen. – Und indes sie hinschritt durch den dämmernden Wald, wuchsen ihr die Hügel der Brüste und sie hielt sie mit runden Händen, und ihre grünen Augen weiteten sich, um einen farbenreichen Glanz zu trinken.

Da stockte ihr Fuß, und ein wildes Erschrecken schnürte ihr die Kehle. Aus dem Waldesdickicht äugte ein nie geschautes Tier sie an: das war glatt und nackt wie eine Echse oder wie ein unsagbar großer Frosch. Sein Hals war gebläht und die Kiefern wie gepanzert; das Haupt verlief in einen wehrhaft gezackten Putz. Entsetzlich aber waren die Augen des Tieres: hervorgewölbt wie zwei gewaltige Kugeln; und ihr Blick war von einer furchtbaren Blindheit und doch wieder mit all seinem weißlichen Geleucht voll und feindlich auf das Weib gerichtet.

Sie trat heftig zurück und blickte um sich, als suche sie Hilfe, und mußte doch wieder das nie geschaute Tier anstarren – und abermals war sie entsetzt, denn das eben noch grün im Blattwerk gelauert hatte, war nun von violettroter Färbung, die im Panzer der Haut in häßlichem Spiele wechselte.

Da wandte das Weib wie eine Schuldige den Schritt und eilte heimwärts, schaudernd gestreift von dem Schweigen des Waldes. In Scham ob ihres langen einsamen Verweilens raffte sie, als sie am Weiher vorüberkam, viel hohe Binsen zusammen, die sie im Arme hielt und, heimgekehrt, der Schwäherin brachte. Dann blieb sie wortlos und wagte nicht von dem Erlebten zu berichten. Früh lag sie neben Japhet auf dem schlichten, harten Lager und horchte, der ruhigen Atemzüge des Schlummernden nicht achtend, hinaus in des Waldes tiefes, undurchdringliches Dunkel.

 

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