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Die Antifeministen

Hedwig Dohm: Die Antifeministen - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie Antifeministen
publisherFerd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung
year1902
addressBerlin
sendernoname, hille@abc.de
created20030402
firstpub1902
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Ellen Key

Völlig anders geartet als Laura Marholm ist Ellen Key, die ein goldenes Herz hat und eine begeisterte Feder führt, und gerade darum die gefährlichste unserer Gegnerinnen ist.

Dem, der ihren Essay: »Mißbrauchte Frauenkraft« (in dem sie ihre Anschauungen über Frauenwesen niederlegt) aufmerksam liest, geht ein Mühlrad im Kopf herum. Ein tönendes Gewirr zärtlicher Molltöne; mit ihren unendlichen Wiederholungen, ihren Unklarheiten und Widersprüchen, ihrem vorsichtigen Einhalten, wenn sie glaubt, durch zu Rückschrittliches ihr geistiges Renommee zu kompromittieren, erregt sie – mir wenigstens – ein nervöses Übelbefinden, das sich bis zu geistiger Qual steigert. Es ist, als hätte sie in ihrer Schrift das Preisrätsel lösen wollen, wie man zugleich für und wider eine Sache schreiben könne. Einen wahren Eiertanz zwischen ja und Nein führt sie auf. Fast auf jeder Seite ist man versucht, auszurufen: Dilemma! Dilemma! Sie hat die aalhaft gewundene, sich schlängelnde Argumentationsart der Frau Laura Marholm. Will man sie bei einem recht handgreiflichen Irrtum packen, - schnell entschlüpft sie und beweist, daß der Biß eine Liebkosung war. Der Essay wirkt wie ein Wechselbad von kalt und warm. Erst warm, dann kalt, dann wieder warm und so fort ...

Selbst Frauen radikaler Denkart huldigen dieser Hohenpriesterin der Phrase. (Wohlgemerkt, ich spreche hier nur von der vorliegenden Broschüre.Von ihren übrigen Schriften kenne ich nur einen kurzen Auszug aus der Schrift »Das Jahrhundert des Kindes«, in der einige Ideen mir aus der Seele gesprochen sind. In einem zweiten Band des vorliegenden Buches »Das Kind« werde ich auf das schöne Werk Ellen Keys ausführlich zurückkommen. »Alles Gutgesagte wird geglaubt,« sagt Nietzsche, und da Goethe dasselbe fast mit denselben Worten sagt, wird es wohl wahr sein.

Ellen Key lanciert nicht gewöhnliche Phrasen, die nur durch schöne Klangwirkung blenden und bestechen. Ihre Phrasen kommen als Gedanken verkleidet, sie winken als Ethos aus der Höhe mit Palmen, sie haben Flügel, in Aether getauchte, oder in Sonnengold flimmernde. Sie kränzt sie wohl auch mit Rosen und flicht Passionsblumen hinein. Mit einem Wort: sie sehen ungeheuer nach etwas aus – nicht immer zwar. Und das ist das Bestechendste und Verwirrendste an der Verfasserin der »Mißbrauchten Frauenkraft«, daß sie hier und da in das süße Gebimmel flammende Leuchtkugeln wirft, echte Gedanken, Gedanken von kühnem Radikalismus, die, wenn auch nicht neu, doch durch ihre hymnische Form beinah als neu wirken. Und Leuchtkugeln haben es an sich, daß man vor ihrem Glanz des dämmernden Dunkels in der Umgegend nicht gewahr wird.

Das Motto ihrer Schrift heißt: »Des Weibes Geschichte ist Liebe.« Liebe für die ganze Menschheit? gewiß, das heißt mit Ausnahme der Frauenrechtlerinnen, die zu vernichten sie »den Eid Hannibals« geschworen hat.

Aus dem Sündenregister, das sie der gefährlichen Rotte der Unweiber vorhält, greife ich das wesentliche heraus.

S. 22. »Die Frauenrechtlerinnen wollen, die Frauen sollen männlicher, energischer erzogen werden, um ganz und gar in ihrer Arbeit aufgehen zu können.«

Haben die Radikalen wirklich diese Forderung gestellt, so möchte man sich gern an dem von Ellen Key geschworenen Eid Hannibals beteiligen.

»Man hört von ihnen (man? wer? ich nicht) die Äußerung, das Cölibat sei der würdigste Zustand für die Frau ... es sei ein Rest von niedrigen Instinkten, wenn sie es nicht vorzieht, sich zu einem Intelligenzwesen zu entwickeln, statt zu einem Geschlechtswesen, falls sich nicht beides vereinen läßt.«

Ja, da eben liegt der Hase im Pfeffer. Diese Emanzipierten glauben nämlich, daß sich beides vereinen läßt.

Und was ist denn das: ein Nurintelligenzwesen? gibt es das? werden bei geistigen Arbeiten die Empfindungsnerven ausgeschaltet, wird den Gefühlen ein Riegel vorgeschoben, und das Gehirn funktioniert maschinenartig? Ein Hegel, ein Schelling, ein Fichte und andere große Denker, ob sie ihre Ideen nicht in entzückten Schauern empfangen, in Schmerz und Lust geboren, mit ihrem Herzblut genährt haben? und mit einem so begeisterten Gemütsanteil, daß die instinktive Mutterliebe grob daneben erscheint?

Es ist überhaupt eine Taktik unserer Gegner, den Lesern oder Hörern zu suggerieren, daß die Trägerinnen der Frauenbewegung diese oder jene Absurdität, ästhetische oder ethische Plumpheit propagieren.

So sollen die Radikalen jede psychische und geistige Verschiedenheit zwischen Frau und Mann leugnen.

Und da kämpfen nun die Antifeministen wie die Löwen für die Ungleichheit der Geschlechter, die noch niemand – auch nicht die blutroteste Emanzipations-Jakobinerin bestritten hat.

Freilich nehmen die Feministen nicht wie ihre Widersacher Gegensätze an, wo nur Verschiedenheiten sind, Verschiedenheiten, die, ihrer Ansicht nach, die Frauenfrage kaum berühren.

Sie lehnen die beliebte schroffe Scheidung zwischen Kopf und Herz ab. (Der Kopf – dem Mann, das Herz – der Frau.)

Hat nicht im Grunde diese geistige Kasteneinteilung eine Verwandtschaft mit der staatlichen Kasteneinteilung halb barbarischer Völker? Im alten Indien stand Todesstrafe darauf, wenn die niedere Kaste in die Tätigkeitssphäre der höheren eingriff, wenn z.B. ein Sudra es wagte, ein heiliges Buch zu lesen.

So grausam straft man das nach verbotenem Wissen lüsterne Weib heut nicht mehr. Man begnügt sich mit milden Hinrichtungen durch wilde Broschüren.

Die Radikalen – heißt es – befürworten eine schrankenlose Erotik.

Wo steht das?

Die Frauenrechtlerinnen wollen, daß das Weib sich der Mutterpflicht entziehe.

Warum nicht gar. Das steht wohl im Schöppenstädter Anzeiger.

Die Emanzipierten stellen das weibliche Geschlecht über das männliche.

Wo denn? wer denn? Namen nennen!

Möchte der Antifeminist doch bei der Stange der Wahrheit bleiben, und sich hübsch der Gänsefüßchen bedienen, wenn er blödsinnige Lehren des Reformweibes geißelt.

Sollten indessen einzelne Frauen dem verwerflichen Glauben an die Überlegenheit des Weibes huldigen, so wäre das ihre Privatansicht, die mit den Grundsätzen der Radikalen nichts gemein hat.

Übrigens – könnte man es den Frauen verargen, wenn in gewissen Momenten ihr Glaube an die Überlegenheit des Mannes ins Wanken geriete? in dem Augenblick z.B., als im Reichstag (vor 2-3 Jahren geschah es) ein leibhaftiger Minister – wahrscheinlich zur Verwunderung des Stenographen – verjährteste Gemeinplätze zur Abwehr der Mädchengymnasien vorbrachte, die, wenn eine Frau sie gesprochen, Wasser auf der Mühle derjenigen Antifeministen gewesen wären, die für die Inferiorität des Weibes schwärmen.

Vergessen wir auch nicht den erheiternden Augenblick, den uns ein hochgeschätzter Professor der Theologie bereitete, der die Frauenbewegung energisch ablehnte, weil die Frauen »das schwächere sittliche Gefüß wären«, und der im Hinblick auf den etwaigen priesterlichen Beruf der Frau ausrief: »Wie würde die Frau im Talar aussehen.«

Aber Herr Theologie-Professor, seitdem die gesundheitlich nicht genug zu preisende Reformkleidung aufgekommen ist, geht ja heut schon eine beträchtliche Anzahl von Frauen Tag ein Tag aus in Gewändern umher, die dem Talar zum Verwechseln ähnlich sehen.

Ich meine, mit viel mehr Recht dürften wir ausrufen – wenn die Gewohnheit unser Auge nicht abgestumpft hätte: »Wie würde ein Mann im Talar aussehen!« was wir ja allerdings schon wissen.

Es ist derselbe Professor, der die Mädchenerziehung folgendermaßen aufzubessern wünscht: »Ein tüchtiger Klaps, (hüpft bei diesem Klaps nicht unter seiner weißen Weste Örtels Herz?) die Schnorr’sche Bilderbibel, nicht zu viel aufgestrichen beim Frühstück, und nicht zu häufig in Konzerten herumräkeln.«

Der reine Petrucchio, dieser Professor von Nathusius, der durch Hunger und Mißhandlung die bösen Emanzipations-Kätchen zähmen will. Und ob der fromme, vornehme Theologe so inferiore Lokale, wo junge Mädchen sich herumräkeln, (warum sind sie auch das schwache Gefüß) wohl jemals besucht hat?

Derartige männliche Denkentgleisungen dürften geeignet sein, den Respekt der Frau vor dem männlichen Geist auf ein Minimum herabzudrücken, wenn ihre Verständigkeit sie nicht davor bewahrte, die Redefrevel Einzelner an die Rockschöße des ganzen Geschlechts zu hängen.

Es sind die Studien, die wissenschaftlichen Betätigungen, - zu denen die Radikalen das Weibsvolk so gefährlich anstiften sollen – die Ellen Key ein Dorn im Auge sind.

»Quält sie sich ab, die Höhe des Mannes zu erreichen, muß sie als Weib zu Grunde gehen.«

Nie wenn ich ein Buch schrieb, habe ich daran gedacht (und das gilt wohl auch von allen anderen Schriftstellerinnen, Künstlerinnen u.s.w.) die höchste Höhe des Mannes erreichen zu wollen. Ich dachte nicht einmal daran, die höchste Höhe der Frau erreichen zu wollen, etwa eine George Sand oder George Elliot. Und war ich je von einem Ehrgeiz besessen, so war es der, meine eigene höchste Höhe erreichen zu wollen.

Ellen Key hat aber nun einmal die fixe Idee, berufsmäßig arbeitende Frauen für Ikarusse zu halten, die ihre Wachsflügel an männlichen Sonnen zu schmelzen bestimmt sind.

Ihr selbst ist eine wissenschaftliche Ausbildung in reichem Maß vergönnt gewesen. Hat sie persönlich erfahren, daß die Anstrengung eine so unerhörte und eine so unfruchtbare war? Und die Seligkeit des Erkennens ist ihr nicht aufgegangen? Und ist sie es, woher nimmt sie die beispiellose Lieblosigkeit, ihre Geschlechtsgenossinnen von diesem nie versiegenden Quell reinster, höchster Freuden (Spinoza fühlte sich als Erkennender göttlich) ausschließen zu wollen!

Die Verfeinerung des Familienlebens soll ihre Kulturaufgabe sein. Ja, gibt es denn etwas, das den Menschen mehr humanisiert, mehr verfeinert als wissenschaftliches Erkennen, als Reife und Geübtheit des Denkens? Und was uns selbst am meisten humanisiert, wird mit zwingender Notwendigkeit auf unsere Familie zurückwirken. Die Kinder sind die Erben ihrer Mütter.

»Um der Studien willen wurde das unendlich wichtige Studium des Lebens der Frauen als Geschlechtswesen vernachlässigt.« Und was ist denn das für ein Studium des Frauenlebens als Geschlechtswesen, das sie den Frauen anempfiehlt, aber nicht näher definiert? Physiologie, Psychologie, Anatomie?

Sollte nicht die Natur auf diesem Gebiet eine ausreichende Lehrmeisterin sein, wenn man sie nur freier walten ließe!

Das geschlechtliche Moment, die erotischen Gefühle nicht berücksichtigt zu haben, klagt sie, gerade wie Laura Marholm – die Frauenrechtlerinnen an.

Ja, durften denn die Frauen in den Zeitaltern vor den Emanzipationsbestrebungen (die erst seit wenigen Jahrzehnten datieren) ihrer Geschlechtlichkeit freien Lauf lassen?

Das Dilemma, in das Ellen Key bei der Ehefrage gerät, wäre ja recht amüsant, wenn ihre flimmernde Art, der es so ganz an geistiger Sauberkeit fehlt, nicht Logik und Wahrheitssinn beleidigten. »Wenn allmählich – sagt sie, die echt weiblichen Wesensbestimmungen (Mütterlichkeit und Heim) durch die äußeren Arbeitsinteressen abgeschwächt werden sollten, so kann das schicksalsschwer inbezug auf das Glück der Ehe werden.«

Auf derselben Seite aber glaubt sie an eine Zukunft, in der kein einziges Mitglied der Gesellschaft sich der Arbeitspflicht mehr entziehen darf, »die Frau bedarf der Arbeit zu ihrer allseitig intellektuellen und ethischen Entwicklung« ... S. 23: »Die zur Arbeit untaugliche Frau gerät immer in irgend ein erniedrigendes Abhängigkeitsverhältnis, und das erniedrigendste ist die Ehe aufgefaßt als Versorgung. Dank der Möglichkeit, ihr Brot selbst zu verdienen, sündigen sie jetzt seltener dadurch, daß sie eine Ehe gegen ihr innerstes Wesen eingehen. Auf der anderen Seite freilich treten sie dann oft mit einer durch das Brotstudium unterdrückten Weiblichkeit in die Ehe, und sie kann doch nur durch die Ganzheit und Fülle ihrer Hingabe – das Glück der Ehe schaffen.«

Da haben die Frauen nun die Qual der Wahl: Entweder – sie schreiten, um der Versorgung willen – gegen ihr innerstes Wesen – beruflos, aber mit völliger Konservierung ihrer Weiblichkeit zur Ehe, oder – sie verscherzen durch Berufsarbeit die Ganzheit und Fülle der Hingabe – das Glück der Ehe. Ein circolo vizioso, eine Spiegelfechterei, mit einem Wort: »ein ungeheueres Dilemma.«

Das Sündenregister der Radikalen ist noch lange nicht erschöpft. Immer düsterer ballt es sich über dem von den Frauenrechtlerinnen bedrohten Weibe zusammen: Sogar »das Intelligenz-Niveau sinkt unter ihrer Herrschaft.« (Auf einer anderen Seite war sie der Meinung, daß mit der Steigerung des Intelligenzlebens das Gefühlsniveau der Frau sänke. Gedächtnis schwach.)

S. 54 geht sogar unter dem Einfluß der Radikalen der weibliche Körper in die Brüche: »Daß bei intensiven Studien und Sport der Frauenkörper seinen eigenen Charakter verliert und einen männlichen annimmt – wäre dann die Regel.«

Ob sie diese Idee vielleicht dem Aristoteles verdankt, der in seiner Schrift » De animalibus« erzählt, daß eine Henne einen Hahn besiegte und ihr aus der Vorstellung dieses Sieges Kamm und Sporn eines Hahnes gewachsen seien?

Übrigens, mit der von Ellen Key gefürchteten Umwandlung der weiblichen Körperformen würde sich ja das Weib dem modernsten Frauenideal nähern, indem die größtmögliche – alle Rundungen ausschließende – jünglingshafte Schlankheit der – wie Laura Marholm sagen würde – dernier cri du chic ist.

Ellen Key erinnert warnend an die totale Entartung des Familienlebens während der römischen Kaiserzeit.

Ja, hätten die alten Römerinnen einem tüchtigen Beruf obgelegen, so würde es mit der sittlichen Entartung gute Wege gehabt haben. Die Entartung entsprang ja im Gegenteil der übermächtig gewordenen Erotik, und es ist gerade die Bekämpfung der erotischen Gefühle, die sie den Radikalen zum Vorwurf macht. –

Und siehe – schon zuckt der Blitz der Rache nieder, mit dem die Natur die Unnatur dieser – sie murmelt etwas von Hermaphroditen – tötlich trifft. Das Menschengeschlecht stirbt aus – Erduntergang. Nämlich, wenn diese Emanzipierten ihr Ziel – die intellektuelle Ebenbürtigkeit mit dem Manne erreichten, so – »fordert die Logik dieses Zugeständnisses, daß das Aussterben die schließliche Folge sein würde.«

Schauderhafte Perspektive! Bei Männern ist es natürlich ganz anders, - was wieder ein grelles Licht auf die Verschiedenheit der Geschlechter wirft – die bleiben – wahrscheinlich kraft eines Naturgesetzes – auch wenn sie immerzu Werke ersten Ranges schaffen, in der Anteilnahme an den Freuden des Lebens sehr mobil und hüten sich, zu denen zu gehören, die »ohne Weib, Wein, Gesang Narren bleiben lebenslang.« Da hätten wir ja gleich den Luther selbst als Beispiel.

So ganz anders als Ellen Key denkt, ist es aber doch bei den Frauen nicht.

Wir Hausfrauen erfahren es zu unserem Leidwesen alle Tage, wie unsere Köchinnen, Kinderfräuleins – letztere bei den nervenanstrengendsten, erstere bei den zeitraubendsten Berufsarbeiten, - unentwegt hinter der Erotik her sind. Ich kenne Telephonistinnen, Lehrerinnen, Buchhalterinnen – eine Verkümmerung ihres Liebeslebens habe ich bei keiner einzigen wahrgenommen. Wie? und gerade ernste Studien sollten einen so gefühlsmörderischen Einfluß üben und Asketen züchten!

Ob aber nicht doch in der Tiefe dieser paradoxen Anschauung ein Körnchen Wahrheit sich verbirgt?

Wäre die Möglichkeit ausgeschlossen, daß in den hohen, reinen Äther sublimiertester Geistigkeit, dem – nach Buddha, Schopenhauer, Tolstoi – die Menschen entgegenstreben, der Zeugungstrieb ausstirbt? Dann, in der Tat, würde die Emanzipation der Frau – ihr geistiger Aufstieg – einen Schritt vorwärts bedeuten zu dieser Geistigkeit, zu dem universellen Nirvana der Menschheit.

Ellen Key glaubt selbst nicht recht an das Aussterben des Menschengeschlechts, aber nur deshalb nicht, weil die Frauenrechtlerinnen ihr Ziel nicht erreichen werden. Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe (Ellen Key sitzt zu seiner Rechten und hilft mit) am nächsten. Das Düster lichtet sich, und Seite 55 spannt sie den Regenbogen über die weibliche Menschheit aus. »Diese Intelligenzperiode wird vorübergehen, und ein Frauenideal wird zur Geltung kommen, gleich der kuhäugigen Hera des Homers, mit ganz niedriger Stirn, aber mit der Nahrung eines Herakles in ihrem schwellenden Busen.«

Wer wird denn nun aber in diesem seligen Zeitalter der so sehr nahrhaften Mutter den kleinen Herakles schenken? Der Mann mit den von der Geistesarbeit entkräfteten Muskeln? Oder sind zur Gebärung des Herakles die durch keines Gedankens Blässe angekränkelten zärtlichen Gefühle des Weibes ausreichend?

Gelt! Ellen Key ist eine begeisterte Antifrauenrechtlerin!

I wo! Ich trete den Beweis dafür an, daß sie – ihren Hannibal-Eid auf die leichte Achsel nehmend – gelegentlich mit Pauken und Trompeten ins Lager ihrer Feindinnen abschwenkt.

Seite 1 lesen wir schwarz auf weiß: »Kein denkender Mensch zweifelt daran, daß um die Wende des nächsten Jahrhunderts alles errungen sein wird, was die Vorkämpfer der Frauensache fordern«, (Na, also!) nämlich: das Recht der vollen individuellen Entwicklung, der vollen gesetzlichen Gleichstellung mit dem Manne, die volle Erwerbsfreiheit u.s.w. (Hört! hört! Und das sagt, ohne mit der Wimper zu zucken, dieselbe Frau, die – auf einer anderen Seite natürlich – der Meinung ist, daß Berufstätigkeit das Weib in der Frau ersticke.)

Und Seite 64: »Sie muß dieselbe Möglichkeit haben wie der Mann, sich mit Leidenschaft und Erfolg jedem Angriff auf ihre besondere Gestaltungsart zu widersetzen.« Aber Ellen Key! Ellen Key! Sie hat doch gerade zu begründen versucht – natürlich auf einer anderen Seite – daß die Natur mit allen Frauen dasselbe beabsichtigt, indem sie ihnen die Fürsorge für die Kinder und ihre Erziehung als Lebensaufgabe schon in die Wiege legte.

Auch das Stimmrecht fordert sie für die Frauen, und Seite 64 steigert sie sich sogar zu einem begeisterten Aufruf im Nietzschestil zu Gunsten der radikalsten Forderungen. Willkommen sind ihr im Frauentum die »glühenden Flammen der großen Leidenschaft, die alle konventionelle Form zu Asche verbrennt. - - Große leuchtende Verzückungen ... Wir brauchen den dionysischen Rausch und die apollinische Klarheit (als spräche Nietzsche), die dämonische Kraft, die eins ist mit der Schöpferkraft, (Herr Gott, da dürfen sie mit einem Mal die Schöpferkraft kriegen, die sie ihnen vorher – auf einer anderen Seite natürlich – gänzlich abgesprochen hat) ... wir brauchen die große Rücksichtslosigkeit mit ihren Rauchwolken und ihrer Sturmglocke ... Wir brauchen den großen Glauben und den großen Zweifel, die große Liebe und den großen Haß« ... Wie? auch der Haß des Weibes wird gebraucht, und das in einer Schrift mit dem Motto: »Des Weibes Geschichte ist Liebe«?

Und Seite 41 verfällt sie gar einem roten Radikalismus in der Frauenfrage. Sie wirft dem Weibe vor, daß es nicht seinen eigenen wilden Weg gegangen, den Weg der Revolte gegen all das Böse in der Gesellschaft (warum muß denn das ein wilder Weg sein?). Staunend lesen wir, daß die Welt sich bisher gleich geblieben ist (ist sie das wirklich?), weil die Frauen sich als Nullen hinter einer männlichen Ziffer aufreihten.

Wie? und darum ist die Welt sich gleich geblieben, trotz all der großen Ideen, Entdeckungen, Erfindungen, die einzig und allein vom Manne ausgingen! und trotzdem das Weib, wie sie meint, auf geistigem Gebiet nur die Handlangerin des Mannes sein kann?

»Mögen die Frauen jetzt also vereint (während die Frauenrechtlerinnen zur Strafe in der Ecke stehen müssen) gegen den Seelenmord der Schule, gegen den Massenmord, gegen die Menschenopfer des jetzigen Produktionssystems revoltieren!«

Was? revoltieren? wo denn? wie denn? in der Kinderstube? Wo bleiben denn die Kinder – deren Pflege und Erziehung Daseinszweck des Weibes sein soll – während ihre Mütter den wilden Weg der Revolte gehen?

Seite 70 ist nach ihrer tiefen Überzeugung das einzige (das einzige! hört!), dessen die Frauensache bedarf, um aus allen Schiefheiten herauszuwachsen, der neue Gedanke, daß man ganz einfach »den Schwerpunkt seiner Beweisführung (sie verlegt öfter ihre Schwerpunkte) auf das verlegt, was die Frauen schon für die Kultur getan haben« ...

»Dann nämlich gewinnen wir die für unser Selbstgefühl erlösende Gewißheit: daß wir in der Tat ganz ebenso große Werte in die Kultur eingesetzt haben wie der Mann, wenn auch von anderer Art. Und aus diesem Selbstgefühl wird eine strahlende Siegesgewißheit, eine unbezwingliche Freimütigkeit (sonderbar diese unbezwingliche Freimütigkeit) hervorgehen. Dann werden die Frauen mit stolzer Zuversicht dem Manne sagen: »Unser Einsatz in die Kulturarbeit ist die Humanisierung des Gefühls gewesen.«

Wenn der Mann es nur glaubt, daß die Humanisierung, trotz Christus und anderer großer Ethiker, Frauenmonopol gewesen ist.

Neu mag dieser Gedanke von der rückwärts schauenden strahlenden Siegesgewißheit sein; daß er alle Schiefheiten in der Frauensache beseitigen wird, glaube ich nicht.

»Die Frau – frohlockt sie – ist glücklicherweise ein unendlich viel Tieferes, Reicheres, Herrlicheres und Furchtbareres (Na – die Selbstbehauptung durch Selbsthingabe – ihr Daseinszweck nach Ellen Key – ist doch nicht gar so furchtbar), als die Frauenrechtlerinnen es ahnen.«

Darum » écrasez l’infame« – das Frauenrechtlertum – das sich des Weibes »furchtbarer« Herrlichkeit widersetzt.

Wie erlangt nun aber das weibliche Geschlecht ohne diese streitbaren Frauen all die Rechte, die auch Ellen Key fordert? Sehr einfach. Sie sagt es uns: »Es gilt zuerst bei der Frauenfrage das durch das innerste Gesetz des Wesens Notwendige zu suchen, dann kommt all das andere (Freiheit und Rechte) später von selber hinzu« ... »Mit inniger Überzeugung und beharrlicher Ausdauer« soll die Frau dem Manne ihre Wünsche vortragen, und er wird ihr Gehör schenken, und »sie wird schließlich alles gewinnen, was sie wünscht.«

Glaube ich nicht. Zum Liebhaben dieser Kinderglaube, daß einem die gebratenen Tauben von selbst in den Mund fliegen werden.

Das durch das innerste Gesetz ihres Wesens Notwendige – nach Ellen Key Mütterlichkeit und Familienleben – ist ja schon seit Jahrtausenden gefunden worden, und nichts ist anders geworden und von selbst gekommen; und erst als die Vorkämpferinnen der Frauenfrage, diese, angeblich innersten Gesetze nicht anerkennend, die alten Satzungen durchbrechend, außerhalb des Familienkreises ihre Stimmen erhoben, ist manches anders geworden, aber noch lange nicht anders genug. Sie sind es, die den Frauen die Universitäten, Werkstätten, Akademien, Bureaus erstritten haben, oder zu erstreiten im Begriff sind. Sie sind am Werk, ihnen das Stimmrecht zu erobern. Und erst wenn alle diese erstrebten Rechte Tatsache geworden sind, wird alles andere sich von selbst ergeben.

Ich fasse kurz zusammen, worin sich die Radikalen von den Gegnerinnen à la Ellen Key und Lou Salomé unterscheiden. Beide Frauengruppen fordern dieselben Bildungsmöglichkeiten, dieselben Rechte und Freiheiten, wie sie das Gesetz dem Manne gewährleistet. Die Repräsentantinnen der Reaktion verlangen diese Rechte aber nur – entweder zur privaten Daseinslust der Frau, oder in so weit sie ihrer Mütterlichkeit zu gute kommen. Und sie knüpfen daran die Bedingung, daß der Gebrauch der Freiheit ihre weiblichen Eigentümlichkeiten nicht schädige, welche Schädigung bei einem Broterwerb zu fürchten sei.

Die Radikalen fordern alle Freiheiten und Rechte unbedingt und uneingeschränkt, in der Meinung, daß aus lauter Bischens (ein bischen Freiheit, ein bischen Beruf) doch nur etwas An- und Zusammengeflicktes wird, und ihr Hauptgesichtspunkt dabei ist die ökonomische Selbständigkeit der Frau, ohne welche ihrer Meinung nach (es ist auch die meine) alle übrigen Rechte illusorisch sind.

Die Frauenwelt ist zu ihrer Versorgung auf die Ehe oder den eigenen Broterwerb angewiesen. Was soll z.B. der Frau die Freiheit, eine unglückliche Ehe ohne jede Schwierigkeit lösen zu dürfen, wenn sie nach der Scheidung verhungern kann und nebenbei noch ihrer sozialen Stellung verlustig geht? Was nützt ihr die Freiheit, zu studieren, wenn sie ihre Studien für ihre Existenz nicht verwerten kann! Für ihr Seelenleben mögen sie ja auch ohne Anstellung von höchstem Wert sein. Der Mensch lebt zwar nicht von Brot allein, aber ohne Brot geht es auch nicht.

Für die Fernseherin Key ist »der bedeutungsvolle Zug am Schluß des Jahrhunderts: die Rückkehr zum eigenen (weiblichen) Ich, zur Urnatur, zu dem Großen, Geheimnisvollen, das unsere Lebensquelle ist.«

Ob dieser schöne Satz zu den Leuchtkugeln gehört? oder – nicht?

Darauf, wie Ellen Key ihren Eid Hannibals, den sie zur Vernichtung der Frauenrechtlerinnen geschworen hat, einlösen wird, dürfen wir gespannt sein.

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