Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hedwig Dohm >

Die Antifeministen

Hedwig Dohm: Die Antifeministen - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDie Antifeministen
publisherFerd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung
year1902
addressBerlin
sendernoname, hille@abc.de
created20030402
firstpub1902
Schließen

Navigation:

Weib contra Weib.

Ich komme zu einem betrübenden Abschnitt meiner Verteidigungsschrift, zu dem Abschnitt: »Weib gegen Weib.« Die drei Frauen, gegen die ich mich wende, sind starke Individualitäten. Sie vertreten nicht wie die Ärzte Meinungsgruppen. Sie stehen für sich allein. Darum muß ich sie mit Namen nennen.

Wie gegen Nietzsche, so verteidige ich mich gegen diese halb oder ganz antifeministischen Frauen mit Gewissensskrupeln, denn auch sie sind auserlesenen Geistes. Die eine ist von einer glänzenden, originellen schriftstellerischen Begabung, die andere hat ein Engelherz und führt eine begeisterte Feder, die dritte ist von feinster Geistigkeit und süßer Vornehmheit. Und doch – je höher diese Frauen stehen, je verhängnißvoller muß ihr Einfluß sein, ihn zu brechen, soweit wir es vermögen, ist unabweisbare Pflicht.

Wenn Frauen, die als Mütter, Gattinnen und Hausfrauen ein volles Genügen finden, von ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen ausgehend, sich den Frauenbestrebungen gegenüber feindlich verhalten, so haben sie, eben vermöge ihrer Persönlichkeit, eine gewisse Berechtigung für ihren Standpunkt, wir können ihn verstehen.

Wenn aber freidenkende Schriftstellerinnen, die selbst der Enge des Hausfrauentums entschlüpft, im goldenen Licht der Freiheit atmen, sich gegen die Frauen wenden, so machen sie sich einer Undankbarkeit schuldig, da sie doch schon die Früchte ernten von dem, was jene gesäet.

Die Angriffe unserer Widersacherinnen richten sich zumeist gegen die Frauenrechtlerinnen, die man willkürlich von anderen Frauengruppen absondert, selbst wenn letztere in ihren Grundanschauungen und Endzielen mit ihnen übereinstimmen.

Fast scheint es, als spräche bei dieser Antipathie das Wort »Frauenrechtlerin« mit. Es schmeichelt sich nicht gerade ins Ohr. Warum beseitigen wir nicht ein schlechtklingendes Wort, das noch dazu von unseren Gegnern ersonnen ist, und das einen etwas ironischen, nörglerischen Beigeschmack hat!

Die Bezeichnung »Radikale oder äußerste Linke« dürfte genügen. Radikal heißt wurzelhaft und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.

Viele Denkträge aber sind zufrieden, wenn sie mit einem Wort einen Begriff unter Dach und Fach gebracht haben. Der Begriff ist hier ein Frauentypus von abstoßender äußerer und innerer Vermännlichung.

Was die äußere Vermännlichung betrifft, so muß ich allerdings zugeben, daß zwei bis drei unter den Berliner Radikalen kurzgeschorenes Haar tragen, aber aufrichtig gesagt, ich habe diese Frisur mehr auf weibliche Koketterie (sie steht ihnen sehr nett) zurückgeführt, als auf den Drang, Männer werden zu wollen. Als die Männer früherer Jahrhunderte ihre Haare lang trugen, dachte man nicht daran, sie um dessentwillen der Weibischkeit zu zeihen. Und soll man ihnen ihre Jakets, Kravatten, Chemisettes männlichen Schnittes als Schuld anrechnen? Aber sie folgen damit einfach der Mode, an der alle anderen Damen, auch die von der Frauenfrage gänzlich Unangekränkelten, participieren. Ja, die eleganten Weltdamen sind ihnen in der Vermännlichung der Tracht noch um eine Nasenlänge voraus, indem sie sich der Spazierstöcke bedienen, die ich bei den Frauenrechtlerinnen noch nicht wahrgenommen habe. Altmodische Gegner fügen wohl zur Vervollständigung des Bildes noch Ältlichkeit, ein Organ, das zum Kreischen neigt, einen Kneifer und eine spitze, schnüfflige Nase hinzu.

Und der Radikalen Seelenabnormität, ihre innere Vermännlichung? Draufgängerischen Tatendrang sagt man ihnen nach, geistiges Akrobatentum, viel Ellenbogen, Haare auf den Zähnen.

Daß einzelne prononzierte Persönlichkeiten in der Agitation für Frauenrechte Antipathien erregen, ist sicher, aber völlig gleichgültig. Die Frauenfrage ist doch keine Personenfrage. Und warum sollen denn gerade diese Ruferinnen im Streit vorzugsweise Sylphiden, Madonnen, Aeolsharfen sein? Wer mauerfeste Vorurteile stürzen will, bläst nicht Schalmeien, wenn es auch nicht gerade Posaunen zu sein brauchen! Wohl möglich, daß der frischgärende Most der jungen Freiheit einigen Heißspornen zu Kopfe steigt und ihnen etwas Geharnischtes gibt.

Auch unter den Nurhausfrauen kommen – und zwar recht häufig – Exemplare ausbündiger Kraftmeierei vor. Mancher Eheherr weiß ein Lied davon zu singen.

Ich kenne unter den Kämpferinnen für Frauenrechte auch Frauen von holdester weiblicher Anmut. Und alle Mittelstufen gibt’s auch. Zahme und wilde gibt’s, die Zahmen aber herrschen vor, noch viel zu sehr.

Hauptsächlich ist es das Vereinswesen, das den Antipathien gegen die Frauenrechtlerinnen zu Grunde liegt, es sind die gelegentlichen geistigen Raufereien in den Vereinen, die persönlichen Disharmonien, die ab und zu wie Hagelschauer, oder sonst ein Schauer, unter ihnen niedergehen.

Erst seit so kurzer Zeit sind Frauen in der öffentlichen Agitation thätig. Ist es zu verwundern, daß es ihnen hin und wieder noch an Disziplin und Selbstbeherrschung, an strenger Sachlichkeit und Unpersönlichkeit fehlt? Daß sie an einander zu wenig oder zu viel Kritik üben und noch ab und zu an Stich- und Schlagworten hängen bleiben?

Haben die Sozialisten im Reichstag nicht auch Jahre gebraucht, ehe sie sich der sentimentalen und drohenden Apostrophierungen, der Stich- und Schlagwörter enthielten?

Warum ist man denn so geärgert, überrascht, daß die Frauen sich nicht vorteilhafter von den Männern abheben, daß sie in denselben Situationen dieselben allzumenschlichen Qualitäten bekunden? Wäre es nicht ein Geschlechtsgrößenwahn, wenn die Frauen vermeinten, als Sterne am Himmel der Menschheit die Männer überstrahlen zu können!

Das heftige, heiße Gebahren steht aber den Frauen nicht zu Gesicht?

Ach, den Männern steht es auch nicht zu Gesicht. Wir sind nur an ihre Rauf- und Kampflust gewöhnt.

Können im Ernst unsere Gegnerinnen glauben, daß die in der Öffentlichkeit agitierenden Frauen, die von der Tribüne herab, die mit Petitionen und Resolutionen, Propaganda für die Frauenrechte machen, nicht nur überflüssig sind, sondern sogar eine Gefahr für die Förderung der Frauenbewegung bedeuten? daß bei dieser Frage von unermeßlicher Tragweite, wo es sich darum handelt, Denkgewohnheiten von Jahrtausenden zu beseitigen, die zahme Propaganda durch ästhetische oder ethische Teekränzchen, durch Saloncauferien oder poetisierende und ethisierende Essays genügten? Daß sie es im Ernst glauben, werden wir später sehen.

 

Die drei Hauptrepräsentantinnen der Rückwärts-Bewegung sind: Laura Marholm, Ellen Key, Lou Andreas-Salomé. Daß sie ausgezeichnete Schriftstellerinnen sind – müßte dieser Umstand nicht selbst die Feministen stutzig machen? Nein. Denn jede dieser Frauen stellt ein Weibideal auf, das von dem ihrer Gesinnungsgenossinnen völlig verschieden ist.

Die Quintessenz ihrer Anschauungen vom Frauentum läßt sich in wenige Worte zusammenfassen. Bei Laura Marholm ist der Daseinszweck des Weibes der Mann; bei Ellen Key ist er das Kind; bei Lou Andreas-Salomé ist das Weib etwas Selbsteigenes, das nur seine eigene Entwickelung sucht. Da nun in jedem dieser Köpfe das Frauentum sich anders spiegelt, so dürfen wir wohl annehmen, daß keiner von den dreien der Träger einer ewigen Wahrheit ist.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.