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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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VI

 

– – – und auf den Gesimsen
Die bettelhafte Reihe leerer Büchsen,
Die grünen Töpfchen, Blasen, taube Samen,
Bindfaden-Endchen, alte Rosenkuchen,
Das alles dünn verteilt, zur Schau zu dienen.

Shakespeare

 

Doktor Elnathan Todd, denn dies war der Name des Heilkünstlers, galt unter den Ansiedlern als ein Herr von hohen Geistesgaben, wie er denn auch, was die Körperhöhe anbelangte, von der Natur nicht spärlich bedacht war. Er maß genau sechs Fuß vier Zoll, und seine Hände, Füße und Knie entsprachen in jeder Hinsicht dieser seltenen Größe, obgleich die übrigen Teile seines Körpers für einen Mann von kleinerem Umfang berechnet zu sein schienen. Seine Schultern waren viereckig, aber so nahe beieinander, daß die langen schlotterigen Arme aus dem Rückgrat herauszuwachsen schienen. Sein Hals besaß in ausgezeichnetem Maße die der gemeldeten Höhe entsprechende Länge und stützte einen kleinen kugelrunden Kopf, dessen Hinterseite mit einem Busch borstiger, brauner Haare bedeckt war, während sich vorn ein kurzes bewegliches Gesicht zeigte, das sich alle Mühe zu geben schien, recht gelehrt auszusehen. Der Doktor war der jüngste Sohn eines Landwirts im westlichen Teil von Massachusetts, welcher sich in ziemlich wohlhabenden Verhältnissen befand und daher in der Lage war, diesen Spätling seiner Ehe zu der vorerwähnten Höhe aufschießen zu lassen, ohne dessen Wuchs durch Feldarbeit, Holzhacken und sonstige derartige Arbeiten, die seinen Brüdern zuteil wurden, zu hemmen. Er verdankte diese Befreiung von der Arbeit einigermaßen seinem außerordentlichen Wachstum, welches, indem es ihn blaß, leblos und träge machte, seine zärtliche Mutter zu der Erklärung veranlaßte, er sei ein kränklicher Junge, der zu keiner Arbeit tauge und sich einen leidlichen Unterhalt als Advokat, Geistlicher, Doktor oder durch ein sonstiges leichtes Gewerbe verdienen könne. Nun war aber die große Frage, für welchen dieser Berufe sich der Junge wohl am besten eigne. Da er unterdessen nichts zu tun hatte, so schlingelte er in der Nachbarschaft herum, aß unreife Äpfel und suchte Sauerampfer – ein Umstand, in welchem dasselbe scharfblickende Auge, das bereits seine verborgenen Talente ausgespürt hatte, einen Fingerzeig für seinen künftigen Pfad durch die Mühen des Erdenlebens erkannte. »Elnathan ist zu einem Doktor gemacht«, räsonierte die Mutter, »denn er sucht immer nach Kräutern und kostet alles, was in der Nachbarschaft wächst.« Dann hatte er auch eine natürliche Vorliebe für Arzneistoffe; denn als sie einmal abführende Pillen für ihren Mann zugerichtet und mit Ahornzucker bestreut hatte, kam Elnathan herein und verschluckte sie, als ob sie gar nichts wären, während Ichabod, ihr Gatte, »auch nicht eine einzige hinunterbringen konnte, ohne so verzweifelte Gesichter zu schneiden, daß man es nicht ohne Entsetzen mitansehen konnte«.

Diese Entdeckung gab den Ausschlag. Elnathan wurde, als er ungefähr fünfzehn Jahre alt war, ziemlich wie ein wildes Füllen eingefangen, herausgestriegelt und seine buschigen Haare geschnitten; dann erhielt er einen neuen, selbstgewirkten Anzug, der mit der Rinde der Butternuß gefärbt war, wurde mit einem Neuen Testament und Websters A-B-C-Buch ausgestattet und nach einer Schule geschickt. Da der Knabe nicht ohne natürliche Anlagen und schon in früherer Zeit bei ihm mit Lesen, Schreiben und Rechnen ein Grund gelegt worden war, so zeichnete er sich bald durch seine Fortschritte aus. Die glückliche Mutter hatte die Freude, aus dem Mund des Lehrers selbst zu hören, daß ihr Sohn »ein wahrer Wunderknabe sei und die übrigen Knaben seiner Klasse weit übertreffe«. Auch meinte der Pädagog, der Junge habe eine natürliche Anlage für die Arzneikunst; denn es sei ihm nicht entgangen, daß er die kleineren Kinder öfter vor zu reichlichem Essen warne, wie er denn auch einige Male bemerkt habe, daß Elnathan, wenn die unwissenden Rangen seinem Rat hartnäckigen Widerstand entgegensetzten, eigenmündig die Schulkörbe leerte, um sie vor den verderblichen Folgen einer Magenüberladung zu bewahren.

Bald nach dieser tröstlichen Erklärung von Seiten des Schulmonarchen wurde der Junge in das Haus eines Dorfchirurgen verpflanzt, der so ziemlich mit unserem Helden die gleiche Schule durchgemacht hatte. Hier sah man ihn bisweilen ein Pferd zur Tränke führen oder andere Tränke, blaue, gelbe und rote anfertigen; dann saß er auch hin und wieder mit Ruddimans lateinischer Grammatik in der Hand oder einem Teil von Denmans Hebammenkunst in der Tasche unter einem Apfelbaum; denn sein Lehrer hielt es für abgeschmackt, seinen Zögling die Patienten regelrecht aus der Welt befördern zu lehren, ehe er wußte, wie der Mensch in die Welt gebracht werde.

So verlebte er ungefähr ein Jahr, als er plötzlich in einem sehr langen schwarzen Rock, dessen Stoff in der Heimat gewebt war, und in kleinen Schnürstiefeln, die in Ermangelung von rotem Maroquin ungefärbte kalbslederne Riemen hatten, vor den Leuten erschien.

Bald nachher wurde er mit einem stumpfen Rasiermesser aufs Rasieren ausgeschickt, und ehe noch weitere drei oder vier Monate verflossen, sahen ihn mehrere ältliche Damen nach dem Hause einer armen Frau im Dorf eilen, während andere Personen augenscheinlich in großer Bestürzung ab und zu gingen. Einige Knaben wurden auf sattellose Pferde gesetzt und in aller Hast nach verschiedenen Richtungen ausgeschickt. Man stellte verschiedene indirekte Fragen, wo der Wundarzt zuletzt gesehen worden sei, aber alles war umsonst, und endlich sah man Elnathan mit einer ungemein gravitätischen Miene aus der Türe treten, während ein kleiner flachsköpfiger Knabe atemlos vor ihm hertrabte. Des anderen Tages zeigte er sich im Dorf, und sämtliche Bewohner waren höchlich erbaut von seiner nun so würdevollen Miene. Dieselbe Woche kaufte er ein neues Rasiermesser, und am darauf folgenden Sonntag betrat er mit einem rotseidenen Taschentuch in der Hand und einem ungemein gesetzten Gesicht die Kirche. Am Abend machte er bei einem jungen Frauenzimmer aus der niederen Volksklasse, denn andere waren keine vorhanden, einen Besuch, und nachdem er sich eine Weile allein mit der Schönen unterhalten hatte, nannte ihn die kluge Mutter derselben zum erstenmal Doktor Todd. Jetzt war das Eis mit einem Male gebrochen, und von nun an wurde Elnathan aus jedem Munde nur noch mit diesem Titel begrüßt.

Er brachte noch ein Jahr unter der Leitung desselben Lehrherrn zu, während welcher Zeit der junge Heilkünstler in dem Rufe stand, daß er immer »mit dem alten Doktor die Kranken besuchen müsse«, obgleich man beide stets verschiedene Wege einschlagen sah. Nach Ablauf dieser Periode hatte Doktor Todd das Alter der Mündigkeit erreicht. Er machte nun einen Ausflug nach Boston, um Arzneien einzukaufen und, wie einige wissen wollten, das Spital zu besuchen. Wir wissen nicht, wie es sich mit dem letzteren verhielt, da uns nur soviel bekannt ist, daß dieser Besuch ein sehr kurzer gewesen sein muß; denn er kam schon nach vierzehn Tagen wieder zurück und brachte eine verdächtig aussehende Büchse mit, die gewaltig nach Schwefel roch.

Sonntags darauf ließ er sich trauen, und am folgenden Morgen bestieg er mit seiner jungen Gattin einen einspännigen Schlitten, der zugleich mit der vorerwähnten Büchse, einer Kiste voll selbstgefertigter Leinwand, einem mit Papier beklebten Koffer, einem darangebundenen roten Regenschirm, einem Paar ganz neuer Sattelranzen und einem Verbandzeug bepackt war. Die nächste Nachricht, die seine Freunde von dem neuen Ehepaar erhielten, lautete, daß sich Doktor Todd in der Absicht, seine Kunst auszuüben, zu Templeton, im Gebiet von Neuyork niedergelassen habe.

Wie ein Londoner Student der Rechte Marmadukes Befähigung zum Richteramt belächelt haben würde, so dürfte es wohl ein Graduierter von Leyden oder Edinburg ebenso belustigend finden, wenn er diese wahrhaftige Geschichte von Elnathans Dienst im Tempel Äskulaps hört. Aber der Richter und der Aderlasser konnten sich damit trösten, daß Doktor Todd mit seinen im Lande ansässigen Kunstgenossen ebensowohl auf gleicher Höhe stand wie Marmaduke mit seinen Brüdern auf der Gerichtsbank.

Zeit und Erfahrung übten Wunder an dem Heilkünstler. Er war von Natur menschenfreundlich, was indes seinem moralischen Mut durchaus keinen Eintrag tat, oder mit andern Worten: er hielt das Leben seiner Patienten wert und machte keine unnötigen Versuche an solchen Gliedern der Gesellschaft, die man als nützlich betrachtete; wenn ihm aber hin und wieder ein unglücklicher Landstreicher unter die Hände kam, so war er nicht abgeneigt, die Wirkung jeder Flasche seiner Sattelranzen an der Konstitution des Patienten zu erproben. Glücklicherweise waren jedoch seine Vorräte klein und meist ziemlich unschuldiger Natur. Mit Hilfe derselben hatte sich Elnathan ziemliche Erfahrung in den Wechselfiebern erworben und konnte mit vieler Gelehrtheit von intermittens, remittens, Tertiana, Quotidiana usw. sprechen. In gewissen Hautkrankheiten, die in den neuen Ansiedlungen vorherrschend sind, galt er als unfehlbar, und das weibliche Geschlecht in dem Patent hätte eher daran gedacht, ohne Gatten Mutter als ohne Doktor Todds Beistand entbunden zu werden. Mit einem Wort, er strebte auf so sandigem Grunde himmelan wie ein Gebäude, das die Erfahrung zum Bindemittel hat, obgleich es auch hier hin und wieder etwas brüchig aussah. Gelegentlich griff er auch wieder zu seinen Elementarstudien, und mit der Fassungsgabe eines erleuchteten Kopfes wußte er leicht seine Praxis seiner Theorie anzupassen.

Da er in der Chirurgie am wenigsten Erfahrung hatte und diese auch ein Geschäft war, über dessen Erfolg der Augenschein allein belehren konnte, so wagte er es nicht, in dieser Beziehung seine Kräfte allzuhoch anzuschlagen; er behandelte jedoch Brandwunden mit Ölen und Salben, riß schadhafte Zähne mit der Wurzel aus und hatte die Hiebwunden zahlloser Holzfäller mit beträchtlichem Eklat wieder zusammengenäht, bis einmal einem unglücklichen Jobber So heißen Leute, die Land urbar machen und nach dem Acker oder ›Job‹ (zugeteiltem Stück) bezahlt werden. durch einen stürzenden Baum ein Bein zerbrochen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurden die Nerven und das moralische Gefühl unseres Helden in einer Weise heimgesucht, wie er es vorher nie erlebt hatte. In der Stunde der Not ließ er sich jedoch nie vergeblich suchen. Die meisten Amputationen, die in diesen neuen Niederlassungen gerade nicht zu den Seltenheiten gehören, wurden durch einen Praktiker vorgenommen, der sich von Anfang an eines großen Rufes erfreute und diesem Umstand eine Summe von Erfahrungen zu danken hatte, die es ihm möglich machten, seinen Ruhm zu verdienen. Elnathan war bei einer oder zweien dieser Operationen zugegen gewesen. Da nun bei dem gegenwärtigen Anlaß der erfahrenere Wundarzt nicht zu haben war, so fiel dieses Geschäft natürlich dem Doktor Todd anheim. Er ging dabei mit einer Art von blinder Verzweiflung ans Werk, obgleich er es nicht unterließ, in seinem Äußeren wenigstens die Würde des geschickten Arztes zu bewahren. Der Name des Patienten war Milligan, derselbe, den wir bereits Richard nennen hörten, als er des Beistands erwähnte, den er bei Gelegenheit einer Amputation dem Doktor durch Halten des Beines geleistet hatte. Das Glied wurde auch wirklich abgetrennt, und der Kranke überlebte die Operation. Zwei oder drei Jahre fuhr aber der arme Milligan fort, sich zu beklagen, daß man sein abgenommenes Bein in einem zu engen Behälter begraben habe, so daß es eingezwängt werde; denn er fühle deutlich den Schmerz aus dem begrabenen Bruchstück nach den gesunden Gliedern hinaufschießen. Marmaduke meinte, der Grund werde in den Arterien und Nerven liegen; aber Richard, der die Amputation teilweise für sein eigenes Werk hielt, bestritt diese Ansicht lebhaft, indem er zugleich erklärte, er habe schon oft von Leuten gehört, die aus dem Gefühl in den Zehen ihrer abgenommenen Glieder einen kommenden Regen prophezeien konnten. Nach zwei oder drei Jahren wurde daher, ungeachtet sich Milligans Klagen allmählich verminderten, das Bein ausgegraben und in einem größeren Sarg wieder eingescharrt, und von jener Stunde an hörte man nie wieder eine Klage aus dem Mund des Amputierten. Dieser Umstand vermehrte das öffentliche Vertrauen zu dem Doktor Todd, dessen Ruf mit jeder Stunde wuchs, während sich zum Glück für seine Patienten auch seine Erfahrung erweiterte.

Aber trotz seiner vielseitigen Praxis und des glücklichen Falles mit dem Bein war Herr Todd nicht wenig beängstigt, als er in die Halle des Landhauses trat. Sie war taghell erleuchtet, und alles sah, im Vergleich mit den hastig gebauten und sparsam möblierten Stuben, in welche ihn sein Beruf gewöhnlich führte, so gar prächtig und imponierend aus; auch waren so viele wohlgekleidete Personen mit ängstlichen Gesichtern zugegen, daß seine sonst kräftigen Nerven etwas in Verwirrung gerieten. Er hatte den Bedienten, der ihn in das Landhaus berief, von einer Schußwunde sprechen hören, weshalb er seine Sattelranzen auf dem Rücken durch den Schnee einherschleppte und auf dem ganzen Herweg nur an zerrissene Arterien, verletzte Lungen und beschädigte Eingeweide dachte, als ginge er unmittelbar nach dem Walplatz einer blutigen Schlacht und nicht nach Richter Temples friedlicher Wohnung.

Der erste Gegenstand, der beim Eintritt in die Halle seinem Auge begegnete, war Elisabeth in ihrem reich mit goldenen Schnüren besetzten Reitkleid, die ihm mit dem Ausdruck tiefer Besorgnis in ihren Zügen entgegenging. Die grobknochigen Knie des Arztes schlugen hörbar zusammen; denn in seiner Verwirrung glaubte er in der Dame einen von Kugeln durchlöcherten Stabsoffizier zu sehen, der vom Schlachtfeld weggeeilt sei, um seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Täuschung war jedoch nur momentan, und sein Auge schweifte rasch nach dem ernsten und würdevollen Angesicht des Vaters, sodann nach dem umherstolzierenden Richard, der, um seinen Unmut über die Zurückweisung des Jägers abzukühlen, mit langen Schritten in der Halle hin und her ging und mit seiner Peitsche knallte; von diesem auf den Franzosen, der seit mehreren Minuten, mit einem Stuhl für die Dame in der Hand, unbeachtet dastand; dann auf den Major Hartmann, der ganz kaltblütig eine drei Fuß lange Pfeife an der Kerze eines Kronleuchters anzündete; dann auf Herrn Grant, der bei einem der Seitenlichter in das Lesen eines Manuskripts vertieft war; dann auf Remarkable, die mit gekreuzten Armen dastand und mit einem Blick voll Bewunderung und Neid den Anzug und die Schönheit der jungen Dame musterte; dann auf Benjamin, der mit in die Seite gestemmten Armen seinen viereckigen kleinen Körper auf den gespreizten Beinen balancierte und dabei die Gleichgültigkeit eines Mannes an den Tag legte, der mit Wunden und Blutvergießen vertraut ist. Aber alle Personen schienen unverletzt, und der Operateur begann wieder frei zu atmen. Ehe er jedoch seine Musterung zum zweiten Male vornehmen konnte, trat der Richter auf ihn zu, schüttelte ihm freundlich die Hand und sprach:

»Du bist willkommen, lieber Doktor, in der Tat sehr willkommen. Hier ist ein Jüngling, der deines Beistandes bedarf, weil ich so unglücklich war, ihn heute abend zu verwunden, als ich nach einem Hirsch geschossen.«

»Du nach einem Hirsch geschossen, Duke?« unterbrach ihn Richard – »ha, ha! nach einem Hirsch geschossen! Meinst du, man könne etwas verordnen, ohne daß man den ganzen Tatbestand weiß? Aber so geht es immer mit gewissen Leuten; sie meinen, man könne einen Arzt ebenso ungestraft hintergehen wie einen anderen Menschen.«

»Allerdings habe ich nach dem Hirsch geschossen«, entgegnete der Richter lächelnd, »und es ist keineswegs ausgemacht, ob ich bei seiner Erlegung nicht Beihilfe leistete. Sei dem aber, wie ihm wolle, der junge Mann wurde durch meine Hand verletzt, und es ist nun deine Sache, ihn zu kurieren, und die meiner Tasche, dich für deine Bemühung zu belohnen.«

»Swei Sach, auf die man sich kann verlaß sehr gut«, bemerkte Monsieur Le Quoi mit einer höflichen Verbeugung gegen den Richter und den Praktiker.

»Danke, Monsieur«, entgegnete der Richter, »aber wir halten den jungen Mann unnötig auf. Remarkable, du wirst so gut sein, für Leinwand und Scharpie zu sorgen.«

Diese Bemerkung bewirkte eine Beendigung der Komplimente und veranlaßte den Arzt, einen spähenden Blick nach seinem Patienten zu werfen. Der junge Jäger hatte während des eben berührten Gesprächs seinen Mantel abgeworfen und stand nun in einem einfachen Anzug von dem hellfarbigen selbstgewirkten Zeug der Gegend da, der augenscheinlich noch ganz neu war. Er hatte bereits die Hand an den Kragen seines Rocks gelegt, um auch dieses Kleidungsstück abzulegen, als er plötzlich wieder innehielt; denn sein Blick fiel auf die bekümmerte Elisabeth, die unbeweglich und zu sehr von Angst überwältigt dastand, um seine Bewegungen zu gewahren. Ein leichtes Rot färbte die Stirn des Jünglings.

»Der Anblick von Blut könnte die Dame beunruhigen. Gehen wir daher lieber, bis die Wunde verbunden ist, in ein anderes Zimmer!«

»Nicht doch«, sagte Doktor Todd, dessen ganze Keckheit wiedergekommen war, sobald er bemerkte, daß sein Patient kein Mann von Bedeutung sei, »die helle Beleuchtung des Saales ist der Operation günstig, – ein Vorteil, den wir um so weniger aus dem Auge lassen wollen, da man sich desselben so selten zu erfreuen hat.«

Während Elnathan so sprach, steckte er eine große eiserne Brille in sein Gesicht, die langjähriger Gewohnheit zufolge auf der äußersten Spitze seiner Mopsnase sitzenblieb und, wenn sie den Augen auch keinen wesentlichen Dienst leistete, doch auch kein Hindernis für das Sehen bildete; denn seine kleinen grauen Beobachtungsorgane funkelten wie zwei Sterne, die aus einer neidischen Wolkenhülle hervorblicken, über das optische Instrument weg. Diese Bewegung blieb von allen unbeachtet, Remarkable ausgenommen, welche gegen Benjamin bemerkte:

»Herr Todd ist ein recht hübscher Mann, der seine Worte gut zu setzen weiß. Wie prächtig ihm nur seine Brille steht! So ein Ding gibt einem doch gleich ein großartigeres Aussehen; ich habe gute Lust, mir selber auch eine anzuschaffen«

Die Worte des Fremden hatten Miss Temple wieder zur Besinnung gebracht. Sie fuhr wie aus einer tiefen Zerstreuung auf, errötete hoch, winkte einer jungen Weibsperson, die ihr als Kammermädchen diente, und entfernte sich mit der Miene weiblicher Zurückhaltung.

Das Feld blieb nun dem Arzt und seinem Patienten überlassen, während die übrigen noch anwesenden Personen sich mit Gesichtern, welche die verschiedenen Grade ihres Anteils ausdrückten, um den letzteren sammelten. Major Hartmann war der einzige, der auf seinem Sitz blieb, indem er fortfuhr, große Rauchwolken von sich zu stoßen, und bald die Augen nach der Decke gleiten ließ, als stelle er Betrachtungen über die Ungewißheit des menschlichen Lebens an, bald mit einem Ausdruck, der einiges Bewußtsein von der Lage des jungen Mannes verriet, nach dem Fremden hinblickte.

Inzwischen begann Elnathan, dem eine Schußwunde etwas Nagelneues war, seine Vorbereitungen mit einer Sorgfalt und Feierlichkeit, wie sie des Anlasses würdig waren. Benjamin hatte ihm ein altes Hemd eingehändigt, welches er mit einer Miene, die sowohl seine Geschicklichkeit als auch die Wichtigkeit der Operation bezeichnete, in mehrere lange Streifen riß.

Als diese Vorbereitung getroffen war, wählte sich Herr Todd mit großer Sorgfalt einen der Streifen aus und händigte ihn Herrn Jones ein, indem er mit größter Kaltblütigkeit sagte:

»Da, Squire Jones, Sie verstehen sich auf derartige Dinge und sind wohl so gefällig, die Scharpie zu zupfen. Sie muß fein und weich sein, wie Sie ja selber wissen, mein lieber Sir! Nehmen Sie sich aber in acht, daß Sie keine Baumwolle hineinbringen; sie möchte sonst die Wunde vergiften. Nur der Zettel ist Leinwand, Sie können daher beides leicht sondern.«

Richard übernahm diesen Dienst mit einem Nicken gegen seinen Vetter, in welchem deutlich zu lesen war: »Du siehst, der Kamerad kann nichts ohne mich ausrichten«, und begann, mit großer Emsigkeit auf seinem Knie Scharpie zu zupfen.

Ein Tisch wurde nun mit Arzneiflaschen, Salbtöpfen und verschiedenen chirurgischen Instrumenten belegt. Sooft der Doktor eines davon aus seinem roten Maroquinfutteral hervorlangte, hielt er es gegen das lebhafte Licht des Kronleuchters, in dessen Nähe er stand, und untersuchte es mit der pedantischsten Sorgfalt. Dabei fuhr er oft mit einem rotseidenen Taschentuch über den blanken Stahl, als wolle er auch das mindeste Hindernis, das einer so delikaten Operation im Wege stehen könnte, von der polierten Oberfläche entfernen. Nachdem das ziemlich spärlich ausgestattete Futteral geleert war, öffnete der Doktor seine Sattelranzen und brachte verschiedene Phiolen zum Vorschein, die mit Flüssigkeiten von den verschiedensten Farben gefüllt waren, stellte sie in gebührender Ordnung an der Seite der mörderischen Sägen, Scheren und Messer auf, nahm dann eine ganz aufrechte Stellung ein, wobei er die Hand auf den Rücken legte, als wolle er die Bedeutsamkeit seiner Attitüde dadurch verstärken, und blickte umher, was für einen Eindruck diese Zurschaustellung seines Kunstapparates auf die Zuschauer übte.

»Auf mein Wort«, bemerkte Major Hartmann mit einem schelmischen Rollen seiner kleinen schwarzen Augen, während jeder übrige Zug seines Gesichtes vollkommen ruhig blieb; »Ihr habt da einen schönen Vorrat von Werkzeugen, und Eure Medikamente glänzen, als wären sie besser für die Augen als für die Gedärme.«

Elnathan ließ ein Hem vernehmen, – man hätte es vielleicht ebensogut für das Räuspern eines Verzagten, der sich dadurch Mut zusprechen will, wie für einen natürlichen Versuch, die Kehle zu klären, halten können; wenn indes das letztere der Fall war, so entsprach es vollkommen seiner Absicht, denn der Doktor wandte sich jetzt an den deutschen Veteran mit den Worten:

»Sehr wahr, Herr Major, sehr wahr; ein kluger Mann gibt sich immer Mühe, seine Heilmittel dem Auge angenehm zu machen, obgleich sie hin und wieder dem Magen nicht sonderlich zusagen mögen. Es gehört indes wesentlich mit zu unserer Kunst, Sir« – und nun sprach er mit der Zuversicht eines Mannes, der über seinen Gegenstand vollkommen im klaren ist – »den Kranken mit dem, was zu seinem eigenen Besten dient, zu versöhnen, wenn sich auch der Gaumen etwa dagegen sträuben sollte.«

»Gewiß, Doktor Todd hat recht«, sagte Remarkable, »denn die Bibel erzählt uns von Dingen, die, wie süß sie auch dem Munde sein mögen, im Bauche grimmen.«

»Mag sein, mag sein«, fiel der Richter etwas ungeduldig ein, »aber hier ist ein Jüngling, der nicht nötig hat, sich in seinem eigenen Interesse täuschen zu lassen! Ich entnehme aus seinem Auge, daß ihm nichts mehr zuwider ist als Verzögerung.«

Der Fremde hatte ohne weiteren Beistand seine Schulter entblößt, in der ein kleines Loch, verursacht durch das Eindringen des Hirschpostens, deutlich sichtbar war. Die starke Kälte des Abends hatte die Blutung gehemmt, und Doktor Todd, der einen verstohlenen Blick auf die Wunde warf, begann nun zu glauben, daß er es keineswegs mit einem so schrecklichen Fall zu tun bekomme, wie er gefürchtet hatte. So ermutigt, näherte er sich seinem Patienten und ließ seine Absicht merken, den Gang, welchen das Blei genommen hatte, zu sondieren.

Remarkable nahm in späteren Tagen oft Anlaß, diese berühmte Operation mit allen Einzelheiten zu erzählen, und wenn sie im Laufe der Geschichte bei jenem Punkt anlangte, so pflegte sie folgendermaßen fortzufahren:

»Und dann nahm der Doktor ein langes Ding, wie eine Stricknadel, an dessen Ende sich ein Knopf befand, aus seinem Futteral; und dann schob er es in die Wunde, und dann machte der junge Mann ein schreckliches Gesicht; und dann meinte ich, in Ohnmacht sinken zu müssen, so griff mich die Sache an; und dann stieß es der Doktor gerade durch seine Schulter und schob die Kugel auf der andern Seite heraus, und so kurierte der Doktor Todd den jungen Mann von einer Kugel, die ihm der Richter in den Leib geschossen hatte – in der Tat so leicht, wie wenn ich einen Splitter mit der Nähnadel herausnehme.«

Dies war der Eindruck, den der ganze Vorgang auf Remarkable und ohne Zweifel auf alle diejenigen gemacht hatte, welche sich gedrungen fühlten, Elnathans Geschicklichkeit mit einer religiösen Verwunderung zu betrachten; die Sache verhielt sich indes anders.

Als der Arzt versuchte, das von Remarkable beschriebene Instrument einzuführen, wurde dies von dem Fremden mit Entschiedenheit, ja sogar mit einer kleinen Beimischung von Verachtung abgelehnt.

»Ich glaube, Herr, daß kein Sondieren nötig ist«, sagte er. »Die Kugel hat keinen Knochen verletzt und ist gerade durchs Fleisch gegangen; sie steckt auf der andern Seite unmittelbar unter der Haut, und ich dächte, sie ließe sich da leicht herausschneiden.«

»Der Herr muß das am besten wissen«, entgegnete Doktor Todd, indem er die Sonde mit der Miene eines Mannes, der sie nur der Form wegen zu Hilfe genommen hat, beiseite legte. Dann wandte er sich an Richard und befühlte die Scharpie mit großer Bedachtsamkeit.

»Prächtig gezupft, Squire Jones, – so ziemlich die beste, die ich je gesehen habe. Jetzt aber bedarf ich Ihres Beistands, mein guter Sir: wollen Sie den Arm des Patienten halten, während ich den Einschnitt mache. Tut mir zwar leid, daß ich Sie unterbrechen muß; denn es ist niemand im Zimmer, der Scharpie so gut zu zupfen verstände als Squire Jones.«

»So etwas vererbt sich in den Familien«, bemerkte Richard, der rasch aufstand, um die gewünschte Handreichung zu tun. »Mein Vater und schon mein Großvater waren wegen ihrer chirurgischen Kenntnisse berühmt; sie hatten sich nicht mit solchen Zufälligkeiten zu brüsten, wie Marmaduke in jenem Falle, als er dem Mann, der vom Pferd gestürzt war, sein Hüftgelenk wieder zurechtbrachte. Das war indes, ehe Ihr in die Ansiedlung kamt, Doktor. Ja, ja, meine Vorfahren waren Männer, die alles regelmäßig anzugreifen gelernt hatten und ihr halbes Leben auf das Studium solcher kleinen Fertigkeiten verwendeten; zudem war mein Großvater ein an einer medizinischen Schule gebildeter Arzt und der beste in der Kolonie – das heißt in der ganzen Nachbarschaft.«

»So geht es in der Welt, Squire«, rief Benjamin, »wenn man mit Ehren und mit regelmäßig gebauten Schwabbern auf seinen Schultern einen ehrenvollen Spaziergang über das Achterdeck zu machen denkt, so darf man nicht glauben, daß es da nur geschwind durch die Kajütenfenster gehe. Es gibt außer dem Soldatengatt zwei Wege auf das Mars zu kommen, und am ehesten kommt man rückwärts, wenn man gleich vorwärts anfängt. Jedermann muß von unten auf dienen, wie aus meiner eigenen bescheidenen Laufbahn erhellt. Anfangs war ich nur Handlanger bei den Bramsegeln, dann kam ich an den Klüver, bis mir endlich des Kapitäns Schlüssel übertragen wurden.«

»Benjamin hat ganz recht«, fuhr Richard fort. »Ich darf wohl sagen, daß er auf den verschiedenen Schiffen, auf denen er diente, manche Kugel hat ausziehen sehen. Ich denke, wir können ihn das Becken halten lassen; denn er muß wohl an den Anblick des Bluts gewöhnt sein.«

»Das bin ich auch, Squire, das bin ich auch«, fiel der vormalige Schlüsselbewahrer ein. »Ich habe die Doktors an mancher schönen Schußwunde sich abarbeiten sehen. So war ich einmal in einem Boot neben dem Schiff, wo sie dem Kapitän des Foody-Rong, einem von Munschür Ler Quaws Landsleuten, einen Zwölfpfünder aus dem Schenkel schnitten.« Möglich, daß der Leser ob dieser Erklärung Benjamins erstaunt; aber wer sich eine Zeitlang in den neuen Ansiedlungen Amerikas aufgehalten hat, ist zu sehr daran gewöhnt, von solchen europäischen Kraftstückchen zu hören, um sie zu bezweifeln.

»Einen Zwölfpfünder aus dem Schenkel eines menschlichen Wesens?« rief Herr Grant mit vieler Einfalt, indem er die Predigt, die er eben studierte, sinken ließ und seine Brille gegen die Stirn zurückschob.

»Ja, einen Zwölfpfünder!« wiederholte Benjamin mit kecker Miene umhersehend. »Doch, was will das heißen? Man kann ebenso leicht einen Vierundzwanzigpfünder aus einem menschlichen Leib herausschneiden, wenn's der Doktor nur anzugreifen weiß. Da ist Squire Jones. Fragen Sie ihn, Sir; er liest Bücher genug – fragen Sie ihn, ob ihm nie eine Stelle vorgekommen, wo über solche Dinge Bericht erstattet wird.«

»Gewiß, man trifft da oft auf so merkwürdige Operationen, daß sie unmöglich ausgeführt worden sein können«, bemerkte Richard. »Die Enzyklopädie erwähnt noch weit unglaublichere Fälle, wie Euch sicher bekannt sein wird, Doktor Todd.«

»Allerdings! Es steht manches Unglaubliche in den Enzyklopädien«, entgegnete Elnathan, »obgleich ich nicht sagen kann, daß ich je etwas Größeres als eine Musketenkugel ausschneiden sah.«

Während dieses Gesprächs hatte der Wundarzt an der Schulter des jungen Jägers einen Einschnitt in die Haut gemacht und das Blei bloßgelegt. Er nahm nun eine glänzende Zange und war im Begriff, sie an die Wunde zu führen, als eine plötzliche Bewegung des Patienten Anlaß gab, daß die Kugel von selbst herausfiel. Der lange Arm und die lange Hand des Operateurs kamen ihm nun sehr zustatten; denn die letztere breitete sich rasch aus und faßte das Blei, während eine geschickte Bewegung des ersteren die Umstehenden in Zweifel ließ, inwieweit Elnathan bei der Entfernung der Kogel selbst tätig gewesen. Richard bereinigte indessen die Sache, indem er rief:

»Prächtig, Doktor! Ich habe nie eine Kugel so schön herausnehmen sehen. Und Ihr, Benjamin, werdet das gleiche sagen müssen.«

»Ja, was das anbelangt, so muß ich sagen«, entgegnete Benjamin, »daß er sich wie ein echter Schiffsdoktor benommen hat. Jetzt braucht er nichts mehr zu tun, als die Löcher mit ein paar Pfropfen zuzustöpseln, und der junge Mann kann hinsegeln, wohin ihn der Wind in diesen Bergen bläst.«

»Ich danke Euch, Sir, für die geleisteten Dienste«, sagte der Jüngling mit einigem Stolze, »aber hier ist ein Mann, der mich in seine Pflege nehmen und Ihnen, meine Herren, jede weitere Unruhe um meinetwillen ersparen wird.«

Die ganze Gruppe wandte sich jetzt überrascht um und erblickte an der Tür der Halle die Person des Indianers John.

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