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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
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IV

 

Was soll's? Wem fiel das Roß? Was gibt's denn?

Falstaff

 

Endlich zeigte sich durch das laublose Gehege an der Seite der Straße ein großer Sleigh, der von vier Pferden – zwei Grauschimmeln vorn und zwei pechschwarzen Rossen an der Deichsel – gezogen wurde. Zahllose Schellen waren, so dicht sie nur Platz finden konnten, an den Geschirren angebracht, und die rasche Bewegung des Gespanns trotz der jähen Steigung zeigte, daß es dem Lenker vorzugsweise um die lustige Musik seines Geläutes zu tun war. Der erste Blick auf diese einzigartige Ausstattung ließ den Richter die im Sleigh sitzende Gesellschaft von vier Männern erkennen. Einer jener Stühle, die man gewöhnlich vor Schreibpulten braucht, war fest an die Vorderseite des Schlittens gebunden, und auf der Höhe dieses improvisierten Bocks saß ein kleiner Mann, der in einen großen mit Pelzwerk verbrämten Mantel gehüllt war und von seiner Gestalt weiter nichts als ein gleichmäßig rotes Gesicht blicken ließ. Die Augen dieses Herrn waren gewohnheitsmäßig aufwärts gerichtet, als sei ihr Besitzer unzufrieden mit der Nachbarschaft der Erde, während seine Züge den Ausdruck emsiger Geschäftigkeit trugen. Er war der Lenker des Gespanns und trieb die feurigen Tiere mit furchtlosem Auge und sicherer Hand den Absturz entlang. Unmittelbar hinter ihm, das Gesicht den beiden anderen zugekehrt, befand sich eine hohe Gestalt, der nicht einmal der mit einem doppelten Kragen versehene Mantel und eine darüber geworfene Pferdedecke den Anschein von Beleibtheit zu verleihen vermochte. Sein Gesicht sprang unter einer wollenen Nachtmütze hervor und schien, als er es bei der Begegnung der beiden Sleighs Marmaduke zuwandte, von der Natur so geformt zu sein, daß es die Atmosphäre mit möglichst geringem Widerstand durchschnitt. Nur die Augen mußten dabei ein wenig hinderlich sein, da sie auf beiden Seiten als lichtblaue, glasige Kugeln hervorragten. Blässe war zu sehr die Leibfarbe des Mannes, als daß sein Antlitz selbst durch die in Mark und Bein einschneidende Kälte des Abends hätte eine Veränderung erleiden können. Diesem Herrn gegenüber saß eine kleine, gedrungene, viereckige Gestalt, von der sich gleichfalls nur das Gesicht unterscheiden ließ, in welchem die funkelnden, schwarzen Augen die übrigen ernsten Züge Lügen zu strafen schienen. Eine zierliche Perücke begrenzte die Umrisse eines angenehmen, runden Antlitzes, während – wie bei den anderen Herrn – eine Mardermütze die Kopfbedeckung bildete. Das vierte Glied dieser Gesellschaft war ein Mann mit einem langen, sanften Gesicht, der sich keines anderen Schutzes gegen die Kälte erfreute als eines schwarzen, ziemlich fadenscheinigen und etwas ins Rötliche spielenden Überrocks von nicht sehr modernem Schnitt. Er trug einen Hut von sehr anständiger Form, dessen Haare allerdings durch vieles Bürsten ausgegangen waren. Sein blasses Antlitz hatte einen nachdenklichen, etwas melancholischen Ausdruck und war für den Augenblick infolge der Kälte leicht gerötet, wie man es wohl bei Fieberanfällen sieht. Der kummervolle Ausdruck in seinen Zügen bildete einen besonders schroffen Gegensatz zu der launigen Heiterkeit seines Nachbarn vorn, des Rossebändigers. Dieser war dem anderen Sleigh kaum nahe genug gekommen, um verstanden werden zu können, als er mit lauter Stimme ausrief:

»Stelle dich auf in dem Steinbruch – stelle dich auf, du König der Griechen! Fahre in den Steinbruch, Agamemnon, oder ich werde nicht imstande sein, an dir vorbeizukommen. Willkommen in der Heimat, Vetter Duke – willkommen, willkommen, schwarzäugige Beß. Du siehst, Marmaduke, daß ich dir zu Ehren mit einer ausgesuchten Ladung ins Feld rücke. Monsieur Le Quoi hat nur eine einzige Mütze mitgenommen, der alte Fritz ließ die Flasche halbgeleert stehen, und Herr Grant mußte es vorderhand beim Studium des ›ersten Teils‹ seiner Predigt bewenden lassen. Auch die Pferde mußten samt und sonders mit – Apropos, Richter, die Schwarzen kann ich nicht mehr behalten, ich werde sie dir nächstens verkaufen; denn sie tun nebeneinander nicht gut. Ich löse vielleicht –«

»Verkaufe meinetwegen, was du willst, Dick«, unterbrach ihn die frohe Stimme des Richters, »wenn du mir nur meine Tochter und meine Ländereien läßt. Ah, Fritz, du alter Freund, ich weiß die Ehre zu schätzen, wenn du, ein Siebziger, einem Fünfundvierziger entgegengehst. Monsieur Le Quoi, Ihr gehorsamster Diener. Herr Grant« – er lüftete dabei seine Mütze – »ich fühle mich Ihnen sehr verbunden für Ihre Aufmerksamkeit. Meine Herren, ich habe die Ehre, ihnen meine Tochter vorzustellen. Ihre Namen sind ihr bereits hinreichend bekannt.«

»Willkommen, willkommen, Richter«, sagte der Älteste der Gesellschaft mit auffallend deutschem Akzent. »Miss Betty wird mir doch einen Kuß erlauben?«

»Mit tausend Freuden, mein guter Sir«, rief die weiche Stimme des Mädchens, die in der reinen Luft der Berge trotz Richards lautem Schreien wie ein Silberglöckchen tönte. »Ich habe immer einen Kuß für meinen alten Freund, Major Hartmann.«

Inzwischen hatte sich der Herr auf dem Vordersitz, der von Marmaduke als Monsieur Le Quoi angeredet worden war, nicht ohne Mühe und unter Beihilfe des Bocks, auf den er seine Hand stützte, samt seiner Masse von Unterkleidern in dem Sleigh aufgerichtet und lüftete nun mit einer höflichen Verbeugung gegen den Richter und einer tiefen gegen Elisabeth die Mütze.

»Bedecke deinen Schädel, Franzmann, bedecke deinen Schädel«, rief der Rossebändiger, der niemand anders als Herr Richard Jones war, »bedecke deinen Schädel, sonst erfrieren dir die paar Locken, die noch darauf vegetieren. Wäre Absaloms Kopf so dünn mit Haaren besät gewesen wie der deinige, so könnte er heutigentags noch leben.«

Richards Scherze verfehlten nie, ein Gelächter zu veranlassen; denn gewöhnlich erwies er schon in eigener Person seinem Witz diese Ehre, und auch diesmal begleitete er seine Worte mit einem herzlichen Lachen, während Monsieur Le Quoi mit einer höflichen Erwiderung dieses Heiterkeitsausbruches seinen früheren Platz einnahm. Der Geistliche – denn ein solcher war das als Herr Grant bezeichnete Glied der Gesellschaft – begrüßte die Ankömmlinge gleichfalls, zwar bescheiden, aber herzlich, und Richard schickte sich nun an, die Köpfe seiner Pferde der Heimat zuzuwenden.

Nur der Steinbruch setzte ihn instand, diese Bewegung auszuführen, ohne daß er ganz den Berg hinauffahren mußte. Eine sehr beträchtliche Vertiefung, die an jenem Teil des Berges lag, wo Richard die Gespanne hatte haltmachen lassen, und von wo aus die Bauten des Dorfes gewöhnlich mit dem nötigen Gestein versehen wurden, diente zur Ausführung dieses Versuchs, welcher jedoch nicht ganz leicht und des engen Pfades wegen mit einiger Gefahr verbunden war, um so mehr, da Richard mit vieren umzuwenden hatte. Der Neger bot seine Dienste an, um die Vorderpferde auszuspannen, – eine Maßregel, die von dem Richter sehr ernstlich angeraten, von Richard aber mit großer Verachtung abgelehnt wurde.

»Warum und weswegen, Vetter Duke?« rief er etwas unmutig. »Die Pferde sind so sanft wie die Lämmer. Du weißt ja, daß ich die vorderen selbst eingefahren habe, und die an der Deichsel sind meiner Peitsche zu nahe, um nicht bewältigt werden zu können. Frage nur den Monsieur Le Quoi, der doch etwas vom Kutschieren verstehen muß, weil er so oft mit mir gefahren ist; er soll sagen, ob auch nur die mindeste Gefahr besteht.«

Es lag nicht in der Natur des Franzosen, so zuversichtlich ausgesprochene Erwartungen zu täuschen, obgleich er, als Richard mit den Grauschimmeln nach dem Steinbruch einlenkte, mit ein Paar Augen, welche ihm wie die eines Hummers aus dem Gesichte hervorstanden, in den vor ihm liegenden Abgrund hinunterblickte. Die Gesichtsmuskeln des Deutschen blieben ruhig, aber sein rascher Blick bewachte jede Bewegung. Herr Grant stemmte seine Hände an die Wände des Sleighs, um sich für den Sprung bereitzuhalten, aber seine natürliche Schüchternheit hielt ihn von der Ausführung ab, obgleich ihn die Angst stark dazu drängte.

Inzwischen war es Richard durch eine plötzliche Anwendung der Peitsche gelungen, die Vorderpferde nach dem Schneedamm zu drängen, der den Steinbruch bedeckte; sobald aber die ungeduldigen Tiere fühlten, daß sie bei jedem Schritt tiefer einsanken, weigerten sie sich entschieden, in dieser Richtung auch nur einen Zoll weiter vorwärts zu gehen, indem sie sich im Gegenteil, durch das verdoppelte Rufen und Drauflosschlagen ihres Treibers in Verwirrung gebracht, gegen die Deichselpferde zurückbäumten, die ihrerseits den Sleigh rückwärts drängten. Nur ein einziger Holzbalken lag gegen das Tal hin als Schranke an dem Weg und war jetzt im Schnee begraben. Der Sleigh wurde leicht über ein so schwaches Hindernis weggeschoben, und noch ehe Richard sich der Gefahr bewußt wurde, ragte bereits die Hälfte des Schlittenkastens über einem Abgrund, der mehr als hundert Fuß senkrecht abfiel. Der Franzose, der vom Rücksitz aus die volle Gefahr des drohenden Sturzes vor Augen hatte, schob unwillkürlich seinen Körper so weit wie möglich vor und rief:

» Ah, mon cher Monsieur Dihk! mon Dieu! que faites-vous!«

»Donner und Blitz, Richard«, rief der deutsche Veteran in ungewöhnlicher Bewegung über die Seite des Sleighs hinaussehend; »wollen Sie denn den Schlitten samt den Pferden in den Abgrund werfen?«

»Lieber Herr Jones«, sagte der Geistliche, »seien Sie doch klug – nehmen Sie sich in acht.«

»Vorwärts, ihr störrischen Teufel!« rief Richard, der sich aus der Vogelperspektive von der ganzen Gefahr seiner Lage überzeugte und, in ungeduldiger Hast, vorwärts zu kommen, mit den Füßen gegen den Bock, auf dem er saß, trommelte, »vorwärts, sag' ich – Vetter Duke, ich werde die Grauschimmel auch verkaufen müssen; sie sind die am schlechtesten eingefahrenen Pferde, die mir je vorgekommen. Monsieur Le Quaw« – Richard war zu aufgeregt, um es mit der Aussprache genau zu nehmen, auf die er sich sonst ein bißchen zugute tat – »Monsieur Le Quaw, ich bitte, lassen Sie mein Bein los; wenn Sie es so fest anfassen, so ist es kein Wunder, daß die Pferde zurückgehen.«

»Barmherziger Himmel!« rief der Richter, »sie sind alle verloren.«

Elisabeth stieß einen durchdringenden Schrei aus, und der Schwarze, der die Pferde des andern Sleighs lenkte, veränderte seine Farbe zu einem schmutzigen Weiß.

In diesem bedenklichen Augenblick sprang der Jäger, der während der gegenseitigen Begrüßungen in stummem Schweigen dagesessen, aus Marmadukes Schlitten und eilte zu den widerspenstigen Grauschimmeln. Die Pferde, auf welche Richard noch immer unbarmherzig und unverständig lospeitschte, drängten noch immer zurück und drohten, der Quälerei ein schleuniges und schreckliches Ende zu machen. Der Jüngling versetzte denselben einen kräftigen Schlag vor den Kopf, daß sie zur Seite prallten und wieder in den früheren Weg einbogen. Der Sleigh wurde dadurch zwar seiner gefährlichen Lage entrissen, schlug aber nichtsdestoweniger um, so daß der Deutsche und der Geistliche ohne viele Umstände, jedoch auch ohne Gefährdung ihrer Knochen, auf die Landstraße geworfen wurden. Richard beschrieb ein Kreissegment durch die Luft, von dem die Zügel die Radien bildeten, und langte in einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Fuß mit in die Höhe gestreckten Beinen auf demselben Schneedamme an, vor dem die Pferde gescheut hatten. Da er bei dieser Luftfahrt, wie Ertrinkende den Strohhalm, instinktiv die Zügel festgehalten hatte, so wirkte er auf bewunderungswürdige Weise wie ein Anker. Der Franzose, der sich in dem Schlitten sprungfertig gemacht hatte, kam fast in der Stellung der Knaben, wenn sie Laubfrosch spielen, gleichfalls zum Fliegen, geriet in die Tangente zur Bogenlinie seiner Flugbahn und fuhr mit seinem Kopf in den Schneedamm, wo er liegenblieb und seine dünnen Beine wie eine im Kornfeld stehende Vogelscheuche in die Höhe reckte. Major Hartmann, der während des ganzen Vorganges seine Geistesgegenwart auf eine bewundernswürdige Weise bewahrt hatte, war der erste in der Gesellschaft, der wieder auf seine Beine und zum Gebrauch seiner Stimme kam.

»Den Teufel, Richard!« rief er in halb ernstem, halb komischem Ton, »Ihr habt da eine saubere Methode, Euern Schlitten auszuladen!«

Es ist zweifelhaft, ob die Lage, in welcher Herr Grant einen Augenblick nach seinem Umsturz verblieb, eine Folge des stattgehabten Unfalls oder eine freiwillig angenommene war, um sich vor der Macht, die er verehrte, zu beugen und ihr für seine Rettung zu danken. Als er sich aber von seinen Knien erhob, begann er ängstlich und am ganzen Leibe bebend, um sich zu blicken, um sich von dem Zustand seiner Gefährten zu überzeugen. Auch Herrn Jones' Geistesvermögen war in einiger Verwirrung; als sich aber der Nebel vor seinen Blicken allmählich klärte und er gewahr wurde, daß niemand Schaden genommen hatte, rief er mit großer Selbstzufriedenheit aus:

»Nun, wir sind doch ordentlich davongekommen. Es war ein glücklicher Gedanke von mir, die Zügel nicht fahren zu lassen, sonst wären die wilden Teufel schon lange den Berg hinuntergerumpelt. Habe ich mich nicht wacker gehalten, Duke? Im nächsten Augenblicke wäre es zu spät gewesen; aber ich wußte wohl den rechten Fleck, wo ich die Vorderpferde treffen mußte. Der Schlag in die rechte Seite und der plötzliche Ruck an den Zügeln brachte sie schnell wieder in Ordnung; das wird mir niemand streitig machen.« Seit undenklichen Zeiten haben die Zuschauer beim Umschlagen eines Schlittens das Recht zu lachen, – ein Recht, dessen sich der Richter in seinem vollen Umfang bediente, sobald er sah, daß niemand zu Schaden gekommen war.

»Es hat sich was mit deinem Ruck und deinem Wackerhalten, Dick«, sagte der Richter. »Ohne jenen wackeren Jungen dort wäre weder von dir noch von deinen – oder vielmehr von meinen Pferden ein Stück ganz geblieben. Aber wo ist Monsieur Le Quoi?«

» Oh! mon cher juge! Mon ami!« rief eine erstickte Stimme, »gottlob! ich leb'; well' Sie, liebster Agamemnon, so gefällig sein, su komm ici und su helf mir auf die Bein?«

Der Geistliche und der Neger ergriffen den mit Schnee bedeckten Gallier an den Füßen und zogen ihn aus dem drei Fuß tiefen Damm heraus, aus dem seine Stimme wie aus einem Grabe hervorgequollen war. Herrn Le Quois Gedanken unmittelbar nach seiner Befreiung waren nicht sehr gesammelt, und als er wieder ans Licht gelangte, schlug er zuerst seine Augen auf, um die Länge seines Fluges zu bemessen; seine gute Laune kehrte jedoch mit der Überzeugung, nicht beschädigt worden zu sein, zurück, obgleich es einige Zeit dauerte, ehe er darüber ins klare kam.

»Wie, Monsieur?« sagte Richard, der dem Neger emsig beim Abspannen der Vorderpferde an die Hand ging, »sind Sie da? Ich dachte, ich hätte Sie eben gegen die Bergspitze hinauffliegen sehen.«

»Gott Dank! daß ich nicht hinuntergeflog' in der See«, entgegnete der Franzose mit einem Gesicht, in welchem sich ein Gemisch von Schmerz, veranlaßt durch ein paar schwere Schrammen, die sein Kopf beim Durchschlagen der Schneekruste erhalten, mit dem Ausdruck der Höflichkeit, die seinen schmiegsamen Zügen natürlich schien, aussprach: » Ah, mon cher Mister Dihk, was woll Sie anfang sunächst? Es ist nichts, was Sie nicht versuch.«

»Das nächste, ich stehe dafür, wird sein, daß er fahren lernt«, erwiderte der Richter, indem er den Hirsch nebst mehreren Artikeln seines Gepäcks aus dem eigenen Sleigh in den Schnee warf. »Da sind Sitze für euch alle, meine Herren. Der Abend wird schneidend kalt, und die Stunde rückt heran, wo Herr Grant durch sein Amt in Anspruch genommen wird. Wir wollen es unserem Freund Jones überlassen, unter Agamemnons Beistand den Schaden wieder gutzumachen, und dem warmen Feuer zueilen. Da, Dick, ist einiges von Elisabeths Siebensachen, die du auf deinen Schlitten werfen kannst, wenn du ihn wieder in den gehörigen Stand gesetzt hast; auch werde ich es dir Dank wissen, wenn du diesen Hirsch, den ich geschossen, mitbringst. – Aggy! vergiß nicht, daß heute abend der Santaclaus Die periodischen Besuche des heiligen Nikolaus oder Santaclaus blieben bei den Bewohnern Neuyorks im Schwange, bis die Einwanderungen aus Neu-England auch die Sitten und Ansichten der Puritaner in diese Gegenden verpflanzten. Er kommt wie der bon homme de Noël jeden Weihnachtsabend. einkehrt.«

Der Schwarze grinste bei der Erwähnung des Lohnes, der ihm für sein Schweigen über den eigentlichen Erleger des Tieres in Aussicht gestellt wurde, während Richard, ohne im mindesten den Schluß von den Worten seines Vetters abzuwarten, seine Erwiderung begann:

»Fahren lernen, sagst du, Vetter? Gibt es einen Menschen, der sich besser auf die Leitung der Pferde versteht als ich? Wer ritt das Fohlen zu, das niemand zu besteigen wagte? Dein Kutscher ist zwar anmaßend genug zu behaupten, er habe es vorher gezähmt, ehe ich es unter die Hände bekam; aber alle Welt konnte sehen, daß es erlogen war, denn wer kennt nicht Johns Lügenzunge? Was ist das – ein Hirsch?« – Richard verließ die Pferde und eilte zu der Stelle, wo Marmaduke das Tier abgeworfen hatte. »Wahrhaftig, ein Hirsch! Ja, da sind zwei Löcher; er hat zwei Läufe abgefeuert und ihn jedesmal getroffen. Tausend aller Welt, wie wird jetzt Marmaduke dicktun! Er zieht bei geringeren Anlässen schon die große Glocke – wie nicht erst jetzt, da er noch vor Weihnachten einen ausgewachsenen Bock geschossen! Nun ist vollends gar kein Auskommen mehr mit ihm. Es sind indessen ein paar schlechte Schüsse – reiner Zufall, reiner Zufall. Ich habe in meinem Leben nie zweimal nach einem Spalthüfler geschossen – entweder getroffen oder gefehlt – tot oder durchgebrannt. Ja, wenn es noch ein Bär oder eine wilde Katze gewesen wäre; da mag man wohl beide Läufe in Anwendung bringen. He, Aggy! wie weit stand der Richter ab, als er diesen Bock schoß?«

»Ei, Massa Richard, mag sein gewesen zehn Ruten«, rief der Schwarze, indem er sich unter die Pferde beugte, als wolle er dort eine Schnalle befestigen, in der Tat aber, um das Grinsen zu verbergen, das ihm den Mund von einem Ohr bis zum andern verzog.

»Zehn Ruten?« erwiderte der andere. »Aggy, der Hirsch, den ich letzten Winter schoß, war zwanzig – ja, eher dreißig als zwanzig entfernt. Ich möchte kein Tier schießen, das nur zehn Ruten von mir absteht; – außerdem, du weißt, Aggy, daß ich nur einmal feuerte.«

»Ja, Massa Richard, weiß noch. Natty Bumppo feuern das andere Gewehr. Ihr wissen, Sir, alle Leute sagen, Natty ihn haben geschossen.«

»Die Leute lügen, du schwarzer Schlingel«, rief Richard aufgebracht. »Ich habe in diesen vier Jahren nicht einmal ein graues Eichhörnchen schießen können, ohne daß dieser alte Schuft oder ein anderer für ihn Anspruch auf die Ehre gemacht hätte. Verwünschte neidische Welt, in der wir leben! Immer wollen die Leute von dem Ruhm, den einer verdient, etwas abfangen, damit er in ihre gemeine Sphäre herabgezogen werde. Da tragen sie sich im Patent Die Überlassungen von Land geschahen sowohl von seiten der Krone als auch von Seiten der Vereinigten Staaten durch mit großen Siegeln versehene Urkunden, die Patente hießen, – ein Name, der denn auch den in dieser Weise abgetretenen größeren Distrikten beigelegt wurde. Zur Zeit der englischen Oberherrschaft hafteten an der Erwerbung von Grund auch Manorial- (grundherrliche) Rechte, weshalb in den alten Landen noch häufig der Ausdruck Manor (Rittergut) gebraucht wird. So gibt es zum Beispiel in Neuyork viele Manors, obgleich alle politischen Gerichtsbarkeitsrechte aufgehört haben. mit einer Geschichte, daß Hiram Doolittle mir zu dem Plan des St. Pauls-Kirchturmes geholfen habe, obgleich Hiram weiß, daß es nicht wahr ist. Ich gebe zwar zu, daß ich den Riß des Paulsturms in London dabei benutzte, aber im wesentlichen ist er doch nur das Ergebnis meines eigenen Erfindungsgeistes.«

»Ich nicht wissen, wo er herkommen«, sagte der Schwarze, indem er jeden Zug von Heiterkeit in einen Ausdruck von Bewunderung umwandelte. »Aber jedermann sagen, er wunderbar schön sein.«

»Das darf man auch, Aggy«, rief Richard, indem er von dem Hirsch wegtrat und mit der Miene eines Mannes, in dem ein neues Interesse geweckt worden ist, auf den Neger zuging. »Ich denke, ich darf ohne Ruhmredigkeit sagen, daß es die schönste und am wissenschaftlichsten konstruierte Provinzialkirche in Amerika ist. Die Ansiedler von Connecticut sprechen zwar viel von ihrem Versammlungshaus in Wethersfield, aber ich glaube ihnen kaum die Hälfte davon; denn sie sind heillose Prahlhänse. Kaum hat man etwas zustande gebracht, dessen Wert sie anerkennen müssen, so kommen sie gleich mit etwas dazwischen; und dann ist zehn gegen eins zu wetten, daß sie sich die Hälfte, wo nicht gar das Ganze des Ruhms zueignen. Du erinnerst dich noch, Aggy, wie ich das Schild des kühnen Dragoners für den Kapitän Hollister malte; da kam denn ein Kerl, der im Dorf die Häuser mit Rötel anstrich, eines Tages zu mir und erbot sich, mir das Haarschwarz, das ich so nenne, weil es gerade wie Roßhaar aussieht, für den Schwanz und die Mähne zu mischen. Hinterdrein geht er hin und erzählt aller Welt, daß das Schild von ihm und Squire Jones gemalt worden sei. Wenn Marmaduke diesen Schuft nicht aus dem Patent jagt, so kann er meinetwegen in Zukunft sein Dorf mit eigenen Händen ausschmücken.«

Richard hielt einen Augenblick inne und klärte seine Kehle durch ein lautes Hem, während der Neger, der die ganze Zeit über mit der Zurichtung des Schlittens beschäftigt gewesen war, sein Geschäft mit respektvollem Schweigen fortsetzte. Entsprechend den religiösen Bedenklichkeiten des Richters war Aggy nur Richards zeitweiliger Sklave, Die Freilassung der Sklaven in Neuyork ging nur allmählich vor sich. Sobald sich die öffentliche Meinung für dieselbe erklärte, wurde es üblich, die Dienste eines Sklaven auf acht oder zehn Jahre unter der Bedingung zu erkaufen, daß er nach Ablauf dieser Periode in Freiheit gesetzt werde. Dann traf das Gesetz die Verfügung, daß alle auf dem amerikanischen Kontinent geborenen Neger nach einer bestimmten Frist – die Männer im achtundzwanzigsten, die Weiber im dreiundzwanzigsten Jahre – frei sein sollten. Der Eigentümer mußte sie später lesen und schreiben lernen lassen, ehe sie das achtzehnte Jahr erreicht hatten, und endlich wurden alle noch vorhandenen Sklaven durch eine im Jahr 1826 erlassene Akte – also erst nach Veröffentlichung der gegenwärtigen Erzählung – für Freie erklärt. Bei Leuten, die mehr oder weniger mit Quäkern, bei denen das Sklavensystem schon viel früher abgeschafft war, in Berührung kamen, war die erste von diesen Methoden die üblichste. weshalb indes der Gebieter natürlich mit Recht die Achtung des jungen Negers beanspruchen konnte. Doch wenn irgendein Streit zwischen seinem gesetzlichen und seinem eigentlichen Herrn vorfiel, so fühlte der Schwarze zuviel Verehrung für beide, um einer eigenen Meinung Worte zu leihen. Inzwischen fuhr Richard fort, den Neger zu beobachten, wie dieser eine Schnalle nach der andern anzog, bis er mit einem Blick nach seinem Gehilfen, in dem sich einiges Schuldbewußtsein aussprach, fortfuhr:

»Nun, wenn der junge Mann, der in jenem Sleigh war, ein echter Ansiedler aus Connecticut ist, so wird er jedermann erzählen, daß er meine Pferde gerettet habe, obgleich ich sie mit der Peitsche und dem Zügel weit besser vorwärts gebracht hätte, und zwar, ohne umzuwerfen, wenn er mich nur noch eine halbe Minute hätte gewähren lassen; denn ein Pferd hat's nicht gerne, wenn man ihm eins auf den Kopf gibt. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn mir durch diesen Schlag der ganze Zug so verdorben wäre, daß ich die Rosse samt und sonders verkaufen müßte.«

Richard hielt inne und hustete abermals; denn sein Gewissen schlug ihm stärker wegen des Tadels über einen Mann, der ihm eben das Leben gerettet hatte.

»Wer ist der junge Mensch, Aggy?« fügte er bei. »Ich kann mich nicht erinnern, ihn je vorher gesehen zu haben.«

Der Schwarze gedachte der Hindeutung auf den Santaclaus und erstattete einen kurzen Bericht, wie sie die fragliche Person auf dem Gipfel des Berges getroffen, wobei er es aber vermied, die zufällige Verwundung zu erwähnen, und nur beifügte, daß er glaube, der Jüngling sei ein Fremder. Richard war mit dieser Erklärung völlig zufrieden; denn es kam oft vor, daß Leute von hohem Rang Fremde, die sie im Schnee hinwaten sahen, in ihre Schlitten nahmen. Er hörte Aggy mit großer Aufmerksamkeit an und bemerkte dann:

»Nun, wenn der junge Mensch nicht durch die Leute in Templeton verdorben worden ist, so läßt er sich vielleicht bescheiden an, und da seine Absicht ohne Zweifel eine gute war, so will ich einige Notiz von ihm nehmen. Vielleicht ist er ein Landjäger, Aggy – meinst du nicht?«

»Ei, ja, Massa Richard«, entgegnete der Schwarze ein wenig verwirrt; denn ihm schwebte bereits die Peitsche seines Gebieters vor, die einen nicht geringen Schrecken in ihm weckte: – »ja, Sir, ich glaube, er so sein.«

»Hatte er einen Rucksack und eine Axt?«

»Nein, Sir, nur eine Büchse.«

»Büchse?« rief Richard, als er die zum Entsetzen sich steigernde Verwunderung des Schwarzen gewahrte. »Beim Jupiter, so hat er den Hirsch erlegt! Ich wußte ja, daß Marmaduke keinen Bock im Sprung schießen kann. Wie war es Aggy? Erzähle mir alles! Wie ich meinen Vetter aufziehen will! Heraus damit, Aggy – nicht wahr, der junge Mensch hat den Bock geschossen und der Richter ihn gekauft? Ha, ha, ha! Nicht wahr? – und jetzt nimmt er ihn mit hinunter, um ihm das Geld auszuzahlen?«

Die Freude über diese Entdeckung versetzte Richard in eine so gute Laune, daß die Furcht des Negers einigermaßen verschwand und er sich wieder an die Strümpfe des Santaclaus erinnern konnte. Nach einigem Würgen schickte er sich zu der Erwiderung an:

»Ihr vergeßt, daß zwei Schuß da sein, Sir.«

»Lüge nicht, du schwarzer Schlingel!« rief Richard, indem er auf den Schneedamm stieg, um den Rücken des Negers mit seiner Peitsche erreichen zu können. »Sprich die Wahrheit, oder du sollst mir's büßen.«

Mit diesen Worten erhob Richards Rechte langsam den Peitschenstock, und er wichste die Schnur mit der Linken, wie es der Profoß macht, ehe er die ›Katze‹ wissenschaftlich appliziert, worauf Agamemnon, nachdem er jede Seite seines Körpers seinem Herrn zugewendet, aber nicht für rätlich gefunden hatte, eine derselben der beabsichtigten Züchtigung auszusetzen, nachgab. Er bekannte in wenigen Worten den wahren Sachverhalt, indem er zugleich Richard dringend beschwor, ihn gegen den Unwillen des Richters in Schutz zu nehmen.

»Das will ich, Junge – das will ich«, rief der andere, sich entzückt die Hände reibend. »Sage nichts und überlasse es mir, meinen Vetter zu bearbeiten. Ich hätte gute Lust, den Hirsch hier liegenzulassen und den alten Knaben selbst heraufzuschicken, um ihn abzuholen. Doch nein, Marmaduke soll mir zuvor ein bißchen dicktun, ehe ich über ihn her will. Beeile dich, Aggy, ich muß den jungen Mann verbinden helfen. Dieser Yankeedoktor Der Ausdruck ›Yankee‹ hat in Amerika bloß eine lokale Bedeutung und mag wohl aus der Art, wie die Indianer in Neu-England das Wort English oder Yengeese aussprechen, seine Entstehung ableiten. Da Neuyork ursprünglich eine holländische Provinz war, so kannte man ihn dort natürlich nicht, und weiter im Süden haben wahrscheinlich die verschiedenen Dialekte unter den Eingeborenen selbst eine verschiedene Aussprache veranlaßt. Marmaduke und sein Vetter, als eingeborene Pennsylvanier, waren keine Yankees in der amerikanischen Bedeutung des Wortes. versteht nichts von der Chirurgie, – habe ich doch auch des alten Milligans Bein halten müssen, während er es amputierte.«

Richard setzte sich nun wieder auf den Bock, der Schwarze nahm den Hintersitz ein, und die Pferde trabten der Heimat zu. Während sie so den Berg hinunterfuhren, wandte der Rossebändiger sein Gesicht von Zeit zu Zeit nach dem Schwarzen zurück und fuhr fort zu sprechen; denn ungeachtet ihres kürzlichen Zerwürfnisses herrschte doch jetzt wieder die vollkommenste Eintracht zwischen Herr und Diener.

»Ein neuer Beweis, daß ich mit meinen Zügeln die Pferde in das rechte Geleise brachte; denn ein Mensch, der in seinen rechten Arm geschossen ist, hat unmöglich Kraft genug, solche störrische Teufel herumzubringen. Ich wußte es gleich anfangs, aber ich wollte gegen Marmaduke nicht so viele Worte darüber verlieren. – Was, du willst beißen, Bestie? – Hü! Und noch der alte Natty dazu, das ist das beste an der ganzen Geschichte! – Nun, nun – Duke soll mir nur wieder etwas von meinem Hirsch sagen! Feuert er da beide Läufe ab, ohne etwas anderes zu treffen als einen armen Jungen, der hinter einer Tanne steht, und hinterdrein muß ich dem Quacksalber die Rehposten herausnehmen helfen.«

In dieser Weise langte Richard im Tal an. Die Schellen klingelten, und Herrn Jones' Zunge schwatzte, bis sie das Dorf erreichten, wo der Rossebändiger seine ganze Aufmerksamkeit auf eine gehörige Entfaltung seiner Kutscherkünste verwendete, um die Bewunderung aller gaffenden Weiber und Kinder auf sich zu ziehen, die sich an die Fenster gedrängt hatten, um Zeugen der Ankunft des Richters und seiner Tochter zu sein.

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