Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
Schließen

Navigation:

III

 

Was ringsum ist, hat die Natur geschaffen:
Die Felsen, hebend ihre moos'gen Häupter
Gleich Schlosseszinnen einer alten Zeit!
Die stolzen Stämme, deren breite Äste
Der Winterstürme Wut durchschüttert!
Das eis'ge Feld, das in der Sonne Strahl
Die Weiße einer Marmorbrust verspottet!
Doch wie der Jungfrau Ruf bekleckt die Schmähsucht
Also dies Bild des Menschen Ungeschmack.

Duo

 

Es verging eine Weile, ehe Marmaduke Temple sich von seiner Bestürzung so weit erholt hatte, daß er seinen neuen Begleiter näher betrachten konnte. Jetzt aber bemerkte er, daß derselbe ein Jüngling von ungefähr zwei- oder dreiundzwanzig Jahren und etwas mehr als mittlerer Größe war. Weiter ließ sich durch den groben Mantel, welcher, gleich dem des alten Jägers, durch einen Gürtel von Wollzeug zusammengehalten wurde, nichts erkennen. Der Richter erhob seine Augen, nachdem sie einen Moment auf der ganzen Gestalt des jungen Mannes geruht hatten, prüfend zu dessen Antlitz, in dem sich, als der Fremde den Sleigh bestieg, ein Zug von Widerwillen ausgesprochen hatte, der nicht nur Elisabeths Aufmerksamkeit, sondern auch ihre geheime Neugierde nach der Ursache erregte. Am lebhaftesten erschien seine Verlegenheit, als er seinem alten Begleiter Verschwiegenheit einschärfte, und selbst nachdem er sich entschlossen, – oder vielmehr: sich hatte drängen lassen –, den Reisenden nach dem Dorf zu folgen, zeigte sich in seinen Blicken nicht gerade Selbstzufriedenheit über diesen Schritt. Doch wurden die Linien seines ungewöhnlich ansprechenden Gesichts allmählich ruhig, und jetzt saß er schweigend, in tiefes Nachsinnen versunken, da. Der Richter blickte ihn eine Weile ernst an und begann dann mit einem Lächeln, das wohl seiner Vergeßlichkeit gelten mochte:

»Ich glaube, mein junger Freund, daß der Schrecken mich Euern Namen vergessen ließ. – Euer Gesicht ist mir bekannt, aber ich kann mich Eures Namens nicht entsinnen, und wenn ich mir dadurch ein ganzes Schock Hirschschwänze auf die Mütze verdienen könnte.«

»Ich bin erst seit drei Wochen in dieser Gegend«, versetzte der Jüngling kalt, »und dem Vernehmen nach sind Sie wohl zweimal so lange abwesend gewesen.«

»Morgen werden's fünf Wochen. Aber doch muß ich Euer Gesicht schon gesehen haben, obgleich es mich nach dem ausgestandenen Schrecken nicht wundernehmen würde, wenn Ihr mir heute nacht im Traume vorkämet und in Leintücher gehüllt an meinem Bett auf und ab spaziertet. Was sagst du, Beß? Bin ich compos mentis oder nicht? – Hältst du mich für geeignet, in einer großen Jury den Vorsitz zu führen oder – was im gegenwärtigen Augenblick noch dringlicher ist – diesen Abend die Weihnachtshonneurs in der Halle von Templeton zu machen?«

»Für beides weit geeigneter, lieber Vater«, erwiderte eine neckische Stimme aus der Umhüllung des Kapuzenmantels, »als einen Hirsch mit der Vogelflinte zu erlegen.«

Es folgte nun eine kleine Pause, nach welcher dieselbe Stimme, jedoch mit ganz verschiedenem Akzent, fortfuhr:

»Wir haben heute allen Grund, aus mehr als einer Rücksicht Gott dankbar zu sein.«

Die Pferde hatten bald eine Stelle erreicht, wo ihnen der Instinkt zu sagen schien, daß die Reise nun fast beendet war. Sie bissen daher in die Zügel, warfen die Köpfe in die Höhe, jagten mit dem Sleigh über den ebenen Grund auf der Höhe des Berges und gelangten rasch zu dem Punkt, wo der Weg zwar plötzlich, aber in weiten Windungen talabwärts führte.

Der Richter wurde aus seinen Betrachtungen geweckt, als er die vier Rauchsäulen gewahrte, die über seinen eigenen Schornsteinen aufstiegen. Er war kaum seines Landhauses im Tal ansichtig geworden, als er seiner Tochter freudig zurief:

»Sieh, Beß, dort ist dein Ruheplätzchen fürs ganze Leben – und auch das deinige, junger Mann, wenn du bei uns wohnen willst.«

Die Augen seiner Zuhörer begegneten sich unwillkürlich, und wenn das hohe Rot, das Elisabeths Antlitz umflog, im Widerspruch mit dem kalten Ausdruck ihrer Augen stand, so schien nicht minder das zweideutige Lächeln, das wieder um den Mund des Fremden spielte, die Wahrscheinlichkeit seiner Einwilligung, einen Teil des Familienkreises zu bilden, in Abrede zu stellen. Die Szene, welche sich vor dem Auge auftat, war übrigens großartig genug, um sogar ein weniger menschenfreundliches Herz als das des alten Marmaduke Temple zu erwärmen.

Die Seite des Berges, an der unsere Reisenden hinunterfuhren, war – wenn auch nicht gerade senkrecht – doch steil genug, um große Sorgfalt nötig zu machen, wenn man auf dem rauhen und engen Pfad, der sich an dem Absturz hinwand, nicht verunglücken sollte. Der Neger zügelte seine ungeduldigen Rosse, und Elisabeth erhielt dadurch Zeit, eine Landschaft näher zu betrachten, die sich unter den rührigen Händen der Menschen so schnell verwandelt hatte, daß das Mädchen nur an den allgemeinen Umrissen den Schauplatz ihrer Kinderjahre wiedererkannte, dessen Bild sie sich so oft mit Entzücken vergegenwärtigt hatte. Unmittelbar unter ihnen lag eine weiße Ebene, scheinbar ununterbrochen und ganz von Bergen umschlossen. Diese waren hauptsächlich gegen den Talgrund hin abschüssig und mit Wald bedeckt. Lange Einschnitte in das Gebirge unterbrachen hin und wieder die Gleichförmigkeit der Umrisse, während an anderen Stellen Vorsprünge in das lange und weite Schneefeld hereinragten, welches ohne Haus, Baum oder einen sonstigen augenfälligen Gegenstand einer fleckenlosen Wolke ähnelte, die über der Erde lagerte. Nur einige dunkle bewegliche Punkte ließen sich auf der ebenen Fläche unterscheiden, die Elisabeths scharfes Auge als ebenso viele Schlitten erkannte, welche zu dem Dorfe hin- oder von ihm fortfuhren. An dem westlichen Rand des Talgrundes war das Gebirge – obschon gleich hoch – doch weniger schroff und hatte unregelmäßige Taleinschnitte, Terrassenbildungen und Vertiefungen, die anbaufähig waren. Obgleich das Immergrün der Nadelhölzer noch auf vielen der Berge, die sich auf dieser Seite des Tales erhoben, vorherrschend war, so boten doch die wellenförmigen Umrisse des mit Buchen- und Ahornwäldern bedeckten ferneren Gebirges dem Auge einen angenehmen Wechsel und ließen einen milderen Boden vermuten. Hin und wieder waren mitten in den Forsten der gegenüberliegenden Berge weiße Stellen zu sehen, welche durch den Rauch, der über den Spitzen der Bäume emporwirbelte, kundtaten, daß dort Menschen wohnten und der Feldbau seinen Anfang nähme. Diese Stellen waren bisweilen durch gemeinsame Arbeit erweitert und zu einem Umfang gediehen, den man eine Ansiedlung zu nennen pflegt; wie denn überhaupt der Wechsel, den die ausdauernde Anstrengung von Menschen hervorbrachte, die sich von dem Erfolg ihres Unternehmens ihr ganzes Glück versprachen, so überraschend schnell weiter griff, daß es Elisabeths Einbildungskraft nicht schwer wurde, sich vorzustellen, die Veränderungen, welche die kurze Frist von einigen Jahren in dem Aussehen dieses Landstriches geschaffen, nähmen unter ihren Augen zu, während sie dieselben mit stummer Verwunderung betrachtete. Die Grenzvorsprünge auf der Westseite der merkwürdigen Fläche, auf der keine Pflanze Wurzel gefaßt hatte, waren weit größer und zahlreicher als die im Osten, und besonders einer davon schob sich in einer Weise vor, daß er auf jeder Seite schöne, gekrümmte Schneebuchten bildete. An seinem äußersten Ende breitete eine herrliche Eiche ihre Zweige aus, als wolle sie mit ihrer Krone eine Stelle überschatten, aus der ihre Wurzeln keine Nahrung holen durften. Sie stand frei und von dem Joch gesondert da, das ein Nachwuchs von Jahrhunderten den Ästen der benachbarten Bäume aufgelegt, und streckte ihre knorrigen Arme phantastisch hinaus in die wilde Freiheit. Nur ein dunkler Fleck – wenige Morgen im Umfang – am südlichen Ende dieser schönen Ebene, der unmittelbar unter den Füßen unserer Reisenden lag, zeigte durch seine gekräuselte Oberfläche und die Dünste, welche davon ausgingen, daß das, was anfangs als ebener Grund erschienen, einer von den Bergseen in seinem Wintergewande war. Ein schmaler Strom brach an der erwähnten offenen Stelle hervor und ließ sich meilenweit in seinem Lauf nach Süden durch den eigentlichen Talgrund an den Schierlingstannen und Fichten, die seine Ufer umsäumten, wie auch an den feuchten Dünsten erkennen, die sich von seiner wärmeren Oberfläche in die kältere Atmosphäre der Berge erhoben. Die Ufer dieses einsamen Beckens waren an dem Ausfluß des Stroms oder an seinem südlichen Ende zwar abschüssig, aber nicht hoch, und in derselben Richtung fort, soweit das Auge reichen konnte, bildete der Boden ein schmales, anmutiges Tal, in dem die Ansiedler ihre bescheidenen Wohnungen in einer Anzahl aufgeschlagen hatten, die am besten für die Vortrefflichkeit des Grundes und für die verhältnismäßige Leichtigkeit des Verkehrs Zeugnis ablegte. Hart an dem Ufer des Sees und seines Dammes lag das Dorf Templeton. Es bestand im ganzen aus ungefähr fünfzig, meist aus Holz gebauten Häusern, deren Architektur keinen besonders gewählten Geschmack verriet, sondern im Gegenteil schon durch das unvollendete Äußere der Wohnungen die Raschheit bekundete, womit sie aufgeführt worden waren. Dem Auge bot sich bei dieser Gelegenheit eine große Mannigfaltigkeit der Farben dar. Einige der Häuser waren vorn und hinten weiß angestrichen, andere aber trugen diese kostspielige Farbe nur an der Vorderseite, indem ihre weniger ehrgeizigen, aber sparsameren Besitzer die übrigen mit einem schmutzigen Rot übertüncht hatten. Ein paar hatten allmählich das Nußbraune des Alters angenommen; aber die unbeworfenen Balken, die sich durch die zerbrochenen Fenster in den Gelassen des zweiten Stockes blicken ließen, bewiesen, daß entweder der Geschmack oder die Eitelkeit ihre Eigentümer zu einem Unternehmen veranlaßt hatte, das sie nicht zu vollenden imstande waren. Die Gruppierung des Ganzen war eine Nachäffung der Straßen einer Stadt, wobei man augenscheinlich die Anleitung eines Mannes befolgt hatte, dem es mehr um die Bedürfnisse der Nachkommen als um die Bequemlichkeit der gegenwärtigen Generation zu tun gewesen war. Drei oder vier bessere Gebäude mit einem gleichförmigen Anstrich waren mit grünen Jalousien versehen, welche, in dieser Jahreszeit wenigstens, seltsam gegen den frostigen Anblick des Sees, der Berge, der Wälder und des weiten Schneegefildes abstachen. Vor den Türen dieser anspruchsvolleren Wohnungen standen einige junge Bäume, die – entweder zweiglos oder doch nur mit den schwachen Schößlingen einiger Sommer – wie ebenso viele Grenadiere aussahen, die an dem Portal eines Fürstenbaus Wache stehen. In der Tat waren diese Gebäude auch der Sitz des Adels von Templeton, dessen König Marmaduke war. Es wohnten da zwei rechtskundige junge Männer, eine gleiche Anzahl von Krämern, die unter dem Titel von Kaufleuten für die Bedürfnisse der Gemeinde sorgten, und ein Schüler des Äskulap, der sich des seltenen Glücks erfreute, mehr Menschen in die Welt als aus der Welt befördert zu haben. In der Mitte dieser wunderlichen Häusergruppe erhob sich der Wohnsitz des Richters, alle seine Nachbarn bei weitem überragend und von einem mehrere Morgen großen eingezäunten Obstgarten umgeben. Dessen Bäume stammten noch zum Teil von den Indianern her und bildeten deshalb in ihrer Hinfälligkeit und mit ihren moosbewachsenen Rinden einen merkwürdigen Gegensatz zu den jugendlichen Anpflanzungen, die im Dorf fast über jeden Pfahlzaun blickten. Neben dieser Zurschaustellung von Kultur säumten zwei Reihen junger lombardischer Pappeln (einer erst neuerdings in Amerika eingeführten Baumart) die Seiten eines Fußpfads, der von der Straßentür des Gutes zu der Vordertür des Wohnhauses führte. Das letztere war ganz unter der Leitung eines gewissen Richard Jones gebaut worden – eines Mannes, den wir bereits erwähnten. Er verdankte seiner Gewandtheit in den kleineren Angelegenheiten des Haushalts, wie auch der Bereitwilligkeit, womit er seine Talente in Anspruch nehmen ließ, und schließlich dem Umstand, daß er Geschwisterkind Marmaduke Temples war, das Amt der Aufsicht über die untergeordneten Zweige in seines Vetters Hauswesen. Richard sprach gerne von diesem Kind seines erfinderischen Geistes und meinte, es habe wie eine Predigt seine zwei Teile, deren einen er im ersten Jahr ihres dortigen Aufenthalts in der Form eines hohen, schmalen, mit dem Giebel nach der Straße blickenden Blockhauses ausgeführt habe. Unter diesem Obdach – denn anders konnte man es nicht nennen – hauste die Familie drei Jahre, nach deren Ablauf Richard mit seinem zweiten Teil zustande gekommen war. Er hatte bei diesem schwierigen Unterfangen die Erfahrungen eines wandernden europäischen Zimmergesellen benutzt, der ihm ein paar besudelte architektonische Zeichnungen aus England vorgelegt und so gelehrt von Friesen, Getäfeln und zumal von der zusammengesetzten Ordnung gesprochen hatte, daß er einen sehr ungebührlichen Einfluß auf Richards Geschmack in allem, was zu diesem Zweig der bildenden Künste gehört, geübt hatte. Zwar gab sich Herr Jones den Anschein, als betrachte er Hiram Doolittle als einen bloßen Empiriker in seiner Kunst, indem er dessen Abhandlungen über Architektur nur mit einer Art nachsichtigen Lächelns Gehör schenkte; gleichwohl unterwarf er sich stets, sei es, weil er seinem Gehilfen nichts Stichhaltiges aus dem Bereich seines eigenen Wissens entgegenzustellen wußte, oder weil er den Mann im stillen bewunderte, dessen Ansichten und Gründen. So hatten sie gemeinschaftlich nicht nur eine Wohnung für Marmaduke Temple errichtet, sondern auch den Ton für den Baustil der ganzen Umgegend angegeben. Herrn Doolittles zusammengesetzte Ordnung war ein Gemisch von vielen andern und wurde bald für die nützlichste von allen gehalten, weil sie alle Veränderungen gestattete, die aus Gründen der Bequemlichkeit oder durch sonstige Umstände gefordert wurden. Solchen Ansichten gab Richard natürlich seine Zustimmung; wenn wetteifernde Genies, die sich nicht nur auf die Anerkennung, sondern auch auf das Geld ihrer Umgebung ein Monopol sichern wollen, eines Sinnes sind, so sieht man sie nicht selten auch in ernsteren Dingen den Ton angeben. Im gegenwärtigen Falle wurde das Schloß, wie man Richter Temples Wohnung gewöhnlich nannte, in der einen oder der anderen seiner zahlreichen Vollkommenheiten ein Modell für jedes anständigere Gebäude auf zwanzig Meilen im Umkreis.

Das Haus selbst oder der beste Teil von Richards so betitelter Predigt war aus Stein, groß, im Geviert gebaut und sehr bequem – vier Erfordernisse, auf denen Marmaduke mit etwas mehr als gewöhnlicher Hartnäckigkeit bestanden hatte; alles andere blieb gutwillig Vetter Richard und seinem Gehilfen überlassen. Die beiden Künstler fanden freilich das Material ein wenig zu fest für die Werkzeuge ihrer Zimmerleute, die kaum an die Bearbeitung anderer Substanzen als der Weißtanne von den nahen Bergen gewöhnt waren, eines Holzes, das – wie das Sprichwort sagt – so weich ist, daß es die Jäger gewöhnlich als Kopfkissen brauchen; ohne diesen ärgerlichen Umstand hätte uns der hochstrebende Geschmack der beiden Baumeister sicherlich noch weit mehr Stoff zum Beschreiben gegeben. Da sich aber an den harten Steinmauern nichts von Verschönerungen anbringen ließ, so nahm ihr ästhetischer Sinn seine Zuflucht zu dem Portal und zum Dach. Das erstere sollte entschieden klassisch ausfallen, und das letztere ein Musterbild der Vorzüge der zusammengesetzten Ordnung abgeben.

»Das Dach«, räsonierte Richard, »ist ein Teil des Gebäudes, den die Alten gewöhnlich zu verbergen pflegten, weil er in der Architektonik ein Auswuchs ist, den man nur seines Nutzens wegen bestehen läßt. Außerdem«, fügte er scharfsinnig bei, »ist es ein Hauptverdienst für ein Gebäude, wenn es eine Front bietet, von welcher Seite aus man es auch ansehen mag. Da ferner das gegenwärtige nach allen Himmelsgegenden dem Auge zugänglich ist, so dürfen die Seiten nicht schmal sein, um der neidischen Tadelsucht der Nachbarn keinen Stoff zu bieten.« Es wurde daher entschieden, daß das Dach eine Plattform und vier Fassaden haben müsse. Dagegen hatte freilich Marmaduke einzuwenden, daß der Schnee, welcher die Erde nicht selten in einer Höhe von drei bis vier Fuß bedecke und monatelang liegen bleibe, durch seine Schwere nachteilig einwirken dürfe. Die Leichtigkeit, womit sich jedoch die zusammengesetzte Ordnung in alles zu fügen wußte, führte zu einem Vergleich, demgemäß die Dachränder verlängert wurden, um eine schiefe Ebene hervorzubringen, mittels derer das erstarrte Element in einiger Entfernung vom Hause abfallen könne. Unglücklicherweise war jedoch bei der Bemessung dieses wesentlichen Teils ein Mißgriff vorgekommen, dessen Wirkung man, da Hirams größter Vorzug in seiner Fähigkeit, das Winkelmaß zu handhaben, bestand, erst entdeckte, als das schwere Gebälk auf die vier Mauern des Gebäudes aufgesetzt wurde, wobei denn freilich alle Welt sah, daß jeder Regel zum Trotz das Dach bei weitem der augenfälligste Teil des ganzen Gebäudes geworden war. Richard und sein Gehilfe trösteten sich mit der Hoffnung, dieser Übelstand werde durch die Bedeckung versteckt werden; aber jede Schindel vermehrte das Unangenehme des Anblicks. Richard versuchte nun, durch Malerei den Schaden zu heilen, und legte eigenhändig vier verschiedene Farben auf. Die erste war himmelblau, wodurch man vergeblich das Auge täuschen und zu dem Glauben veranlassen wollte, der Himmel selbst hänge so ausdrucksvoll über Marmadukes Wohnung; dann wurde der Versuch mit einer sogenannten Wolkenfarbe gemacht, die indes nichts weiter als eine Nachahmung des Rauchs war; die dritte war eine Mischung, welche Richard als unsichtbares Grün bezeichnete – ein Experiment, das wegen des Hintergrundes der Wolken nicht gelang. So wurde denn die Hoffnung, die Sache zu bemänteln, aufgegeben, und die beiden Architekten boten nun ihren ganzen Erfindungsgeist auf, das, was sich nicht verbergen ließ, zu verschönern. Nach reiflicher Erwägung und einigen Versuchen bei Mondschein beendigte Richard die Angelegenheit durch eine kühne Bedeckung des Ganzen mit einer Farbe, die er ›Sonnenschein‹ taufte, eine wohlfeile Methode, wie er seinem Vetter, dem Richter, versicherte, immer schönes Wetter über dem Kopf zu haben. Die Plattform sowohl als die Dachrinnen wurden mit lustig bemalten Geländern umgeben, und Hirams hoher Geist übte sich in Anfertigung verschiedener Urnen und Simse, die reichlich an diesem Teil ihrer Arbeit angebracht wurden. Richard hatte gleich anfangs den schlauen Einfall gehabt, die Schornsteine so niedrig zu halten und so geschickt zu verteilen, daß sie zu den Ornamenten der Balustraden zu gehören schienen; aber die Bequemlichkeit forderte, daß sie sich mit dem Dach erhöhten, um gegen den Rauch sichern zu können, wodurch sie denn zu weithin in die Augen fallenden Türmchen angewachsen waren.

Da dieses Dach das erste wichtige architektonische Werk war, das Herr Jones je unternommen, so hatte dessen Mißlingen auch einen entsprechenden Grad von Verdruß zur Folge. Anfangs flüsterte er seinen Bekannten ins Ohr, der Grund liege in dem Umstand, daß Hiram mit dem Winkelmaß nicht umzugehen wisse; aber als sich sein Auge allmählich an den Anblick seines Werkes gewöhnte, da gefiel es ihm immer besser, und statt dessen Mängel zu entschuldigen, begann er die Schönheiten des Landhauses zu rühmen. Er gewann bald Anhänger, und da Reichtum und Wohlstand zu allen Zeiten Anbeter finden, so wurde das Schloß, wie bereits gesagt, ein Modell für Nachahmungen im kleinen. Ja, es dauerte kaum zwei Jahre, so hatte Ehren Richard das Vergnügen, von der hohen Plattform aus auf drei demütige Abbilder seines Meisterstücks hinunterzusehen. – So geht es immer mit der Mode, die sogar den Mängeln und Fehlern der vornehmen Welt Bewunderung verschafft.

Marmaduke ertrug die Mißgestalt seiner Wohnung mit großem Gleichmut und suchte ihr durch eigene Verbesserungen ein behagliches und den Rang ihres Besitzers bekundendes Äußere zu verschaffen. Gleichwohl fehlte es allenthalben an der gehörigen Harmonie; denn obgleich zur Verzierung der Wiesengründe Pappeln aus Europa bestellt worden waren und allmählich in der Nähe des Schlosses Weiden neben noch anderen Bäumen emporschossen, so deutete doch noch mancher Schneehaufen auf das Vorhandensein eines Tannenstumpfes, während hin und wieder die schwarzgebrannten Überreste der Bäume, dunklen Säulen gleich, zwanzig bis dreißig Fuß über das blendende Weiß des Schnees emporragten. An solchen Gegenständen, die man in der dortigen Gegend ›Stubben‹ nennt, wimmelte es auf den freien Feldern in der Umgebung des Dorfes, auf denen nur hin und wieder eine ihrer Reize beraubte Fichte oder Schierlingstanne eine Abwechslung bot, deren erstorbene Äste – Gerippe ihrer vormaligen Herrlichkeit – dürr im Winde rasselten. Aber diese und noch viele andere störende Beigaben der Szenerie wurden von der entzückten Elisabeth ganz übersehen, die während ihrer Fahrt an der Seite des Berges nach dem Tal hinunter für nichts ein Auge hatte als für die Häusergruppen, welche wie ein Teppich unter ihren Füßen lagen; für die Menge von Rauchsäulen, die aus dem Tal zu den Wolken aufstiegen; für den übereisten See, der zwischen immergrünen Bergen eingebettet und dessen weiße Oberfläche von den in der Abendsonne sich verlängernden Schatten riesiger Tannen anmutig umdunkelt war; für das dunkle Wasserband, das sich gegen die Mündung des Sees hinzog und sich nach dem fernen Chesapeake seinen gewundenen Weg bahnte – mit einem Wort: für die veränderten, aber doch noch wohlbekannten Tummelplätze ihrer Kinderjahre.

Fünf Jahre hatten größere Wandlungen hervorgebracht, als man in einem Land, wo Zeit und Mühe den Werken der Menschen Dauer verleihen, in einem Jahrhundert sieht. Für den jungen Jäger und den Richter hatte die Szene weniger Neues, obgleich wohl niemand aus den düsteren Forsten des Gebirges auftauchen und mit einem Male die herrliche Szenerie des Tales überschauen konnte, ohne ein inneres Entzücken zu fühlen. Der erstere ließ seinen Blick bewundernd von Norden nach Süden gleiten und senkte sein Antlitz wieder in die Falten seines Mantels, während der letztere mit philanthropischer Lust die Fortschritte des Wohlstands, die um ihn her sichtbar wurden, betrachtete. War doch alles die Folge seines Unternehmungsgeistes und viel davon die Frucht seines eigenen Fleißes.

Das lustige Klingeln von Schlittengeläute lockte jedoch plötzlich die Aufmerksamkeit der Reisenden an, und sein lebhafter Ton ließ auf einen rasch sich nähernden Sleigh schließen, dessen man übrigens des Gebüsches wegen, das die Straße säumte, erst ansichtig wurde, als beide Gespanne ganz nahe beieinander waren.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.