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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XLI

 

Ja, weiter denn! – Wir wollen nicht
Ob Froher den, dem's Herze bricht,
Verlassen. Jene Flotte
Ist lustig toll, Gelächters voll –
        Doch bei dem Nachen hier
        Verweilt des Sängers Lied.

Der Herr der Inseln

 

Der Gang unserer Erzählung hat uns durch den Sommer geführt, und nachdem wir beinahe den Kreislauf eines Jahres durchgemacht haben, müssen wir unseren Bericht in dem herrlichen Monat Oktober schließen. Manche wichtige Ereignisse haben sich jedoch in der Zwischenzeit zugetragen, von denen wir einige nicht übergehen dürfen.

Die zwei Hauptbegebnisse waren die Vermählung Olivers mit Elisabeth und der Tod des Majors Effingham. Beide fanden in der ersten Hälfte des September statt, und das letztere war von dem ersteren nur durch ein paar Tage getrennt. Der alte Mann schwand dahin wie ein erlöschendes Licht, und obgleich sein Verscheiden die Familie in Trauer versetzte, so konnte es doch nach einem solchen Lebensabend keinen Anlaß zu einem nachhaltigen Schmerz geben.

Marmaduke ließ sich's vorzugsweise angelegen sein, seine Stellung als Obrigkeit mit seinen natürlichen Gefühlen gegen die Verbrechen in Einklang zu bringen, weshalb den Tag nach dem Brande Natty und Benjamin wieder in das Gefängnis wandern mußten, und dort verblieben sie gutwillig bei guter Kost und sonstiger Bequemlichkeit, bis ein Eilbote von Albany mit einem Pardon des Gouverneurs für Lederstrumpf zurückkehrte. In der Zwischenzeit wurden auch die geeigneten Mittel angewendet, um Hiram wegen des Angriffs auf seine Person zu beschwichtigen, und an dem gleichen Tag erschienen die beiden Kameraden wieder in der Gesellschaft, ohne daß man sie wegen ihrer Verhaftung scheel angesehen hätte.

Herr Doolittle begann zu entdecken, daß weder seine architektonischen noch seine Gesetzeskenntnisse länger dem wachsenden Reichtum und der zunehmenden Einsicht der Ansiedler entsprachen; nachdem er den letzten Heller, der sich auf dem Wege des Vergleichs erzielen ließ, eingezogen hatte, zog er, um uns des Provinzialausdrucks zu bedienen, ›seine Pfähle heraus‹, um sich weiter nach dem Westen zu begeben, wo er nun sein technisches und juridisches Wissen im Lande verbreitete, wie denn auch noch bis auf den heutigen Tag Spuren von beiden dort zu entdecken sind.

Der arme Jotham, der seine Torheit mit dem Leben büßen mußte, bekannte noch vor seinem Tode, daß die Gründe für seinen Glauben an eine Mine von den Lippen einer Wahrsagerin stammten, die mittels eines Zauberspiegels verborgene Schätze in der Erde entdecken zu können vorgab. Dieser Aberglaube war in den neuen Ansiedlungen häufig, und als die erste Überraschung vorüber war, geriet die Sache bei dem besseren Teile der Gemeinde bald in Vergessenheit. Während aber die Entwicklung der Dinge jeden noch vorhandenen Verdacht über das Tun und Treiben der drei Jäger aus Richards Brust verbannte, diente sie ihm zugleich als eine nachdrückliche Lehre, – ein Umstand, der für die Zukunft seinem Vetter sehr zustatten kam, indem sich Richard fortan hütete, ihn mit seinen abenteuerlichen Plänen allzusehr zu belästigen. Wir müssen dabei noch bemerken, daß Richard vor Austragung der Sache seinen damaligen Entwurf mit der größten Zuversicht als »einen keineswegs träumerischen« bezeichnet hatte, und das Entgegenhalten dieses einzigen Wortes genügte, ihm für die nächsten zehn Jahre bei jeder Gelegenheit die Lippen zu schließen. Monsieur Le Quoi, den wir unsern Lesern vorgeführt haben, weil ein Gemälde jenes Landes ohne die Darstellung eines solchen Charakters nicht treu sein würde, fand die Insel Martinique und seine sucre-plantage im Besitz der Engländer. Marmaduke und seine Familie wurden jedoch bald durch die Nachricht erfreut, daß er in sein Büro nach Paris zurückgekehrt sei, von wo aus später jährliche Bulletins über das Glück des Franzosen, nebst Versicherungen fortwährender Dankbarkeit seinen Freunden gegenüber in Amerika einliefen.

Nach dieser kurzen Abschweifung müssen wir zum Gang unserer Erzählung zurückkehren.

Der Leser denke sich einen unserer mildesten Oktobermorgen – freilich setze ich dabei einen amerikanischen Leser voraus –, wenn die Sonne wie ein Ball von silberglänzendem Feuer am Himmel steht und die beschwingende Herbstluft dem Atmenden Kraft und Leben in alle Gefäße gießt; – dabei ein Wetter, weder zu warm noch zu kalt, sondern von jener glücklichen Temperatur, die das Blut in rascheren Strömen kreisen läßt, ohne die Erschlaffung des Frühlings mit sich zu führen.

An einem solchen Morgen, ungefähr um die Mitte des Monats, war es, als Oliver in die Halle trat, wo Elisabeth ihre gewöhnlichen Anordnungen für den Tag gab, um seine Frau zu bitten, ihn auf einem kurzen Spaziergang nach dem Seeufer zu begleiten. Die zarte Schwermut in dem Benehmen ihres Gatten fiel Elisabeth auf; sie verließ daher sogleich ihre häuslichen Geschäfte, warf einen leichten Schal über ihre Schulter, verbarg ihre rabenschwarzen Locken unter einem Strohhut, nahm seinen Ann und überließ sich, ohne eine Frage zu stellen, seiner Führung. Sie gingen über die Brücken und waren bereits von der Landstraße ab nach dem See eingebogen, ehe ein Wort gewechselt wurde. Elisabeth erkannte aus den eingeschlagenen Richtungen den Zweck des Spaziergangs und achtete die Gefühle ihres Gatten zu sehr, um eine unzeitige Unterhaltung einleiten zu wollen. Als sie jedoch in den offenen Feldern anlangten und ihr Auge über den lieblichen See streifte, wo bereits die wilden Zugvögel von den großen nördlichen Gewässern Abschied nahmen, um eine wärmere Sonne zu suchen, aber noch verweilten, um in dem spiegelklaren Wasser des Otsego und an den Hängen des Gebirges zu spielen, die sich, als geschähe es dem jungen Ehepaar zu Ehren, in die tausend heiteren Farben des Herbstes gekleidet hatten, da ging der jungen Gattin das Herz über.

»Das ist keine Zeit zum Schweigen, Oliver«, sagte sie, indem sie sich zärtlicher an seinen Arm anschmiegte. »Jede Kreatur scheint sich zum Preise des Schöpfers zu erheben; warum sollten wir, die wir für so vieles dankbar sein dürfen, stumm bleiben?«

»So sprich!« entgegnete ihr Gatte lächelnd, »ich liebe den Ton deiner Stimme. Du wirst dir denken können, weshalb ich dich hierher führe; denn ich habe dir meine Pläne mitgeteilt: wie gefallen sie dir?«

»Ich muß mich zuvor durch den Augenschein überzeugen«, versetzte die junge Frau. »Ich habe mich jedoch ebenfalls mit Entwürfen getragen, und ich glaube, es ist jetzt Zeit, damit hervorzutreten.«

»Du? Ah, vermutlich etwas im Interesse meines alten Freunde Natty?«

»Für Natty wird allerdings gesorgt werden; aber wir haben noch andere Freunde außer Lederstrumpf, die unserer Dienste bedürfen. Hast du Luise und ihren Vater vergessen?«

»Nicht doch; habe ich dem guten Geistlichen nicht eine der besten Meiereien des Bezirks gegeben? Was Luise anbelangt, so möchte ich, daß du sie immer in unserer Nähe behältst.«

»Wirklich?« erwiderte Elisabeth, ihre Lippen leicht zusammendrückend. »Aber die arme Luise hat wohl andere Absichten; sie wünscht vielleicht, meinem Beispiel zu folgen und zu heiraten.«

»Das glaube ich kaum«, erwiderte Effingham nach einem kurzer Nachdenken. »Ich wüßte in der Tat nicht, wer in dieser Gegend für sie passen könnte.«

»Vielleicht in dieser Gegend nicht; es gibt aber noch andere Ort und andere Kirchen als die neue Sankt-Pauls-Kirche.«

»Kirchen, Elisabeth? Unmöglich kannst du Herrn Grant zu verlieren wünschen; denn ungeachtet seiner Einfachheit ist er ein vortrefflicher Mann: ich werde nie einen zweiten finden, der nur halbsoviel Achtung vor meiner Rechtgläubigkeit hätte. Du würdest mich von einem Heiligen zu einem gewöhnlichen Sünder erniedrigen.«

»Es muß sein, mein Lieber«, entgegnete die Dame mit einem halb unterdrückten Lächeln, »und solltest du dabei von einem Engel zu einem gewöhnlichen Menschen herabsinken.«

»Aber du vergißt die Meierei.«

»Er kann sie nach dem Beispiel anderer verpachten. Außerdem – wäre es wirklich dein Wunsch, daß sich ein Geistlicher mit Feldarbeit abgäbe?«

»Und wohin sollte er gehen? Du vergißt Luise.«

»Nein, ich vergesse Luise nicht«, versetzte Elisabeth, abermals ihre schönen Lippen zusammendrückend. »Du weißt, Effingham, daß mein Vater dir sagte, ich hätte ihn beherrscht, und ich würde auch dich beherrschen. Ich bin nun im Begriff, von meiner Gewalt Gebrauch zu machen.«

»Du sollst ganz deinen Willen haben, liebe Elisabeth, nur nicht da, wo es auf unser aller Unkosten und auf Unkosten deiner Freundin geschieht.«

»Wie kannst du wissen, daß ich meine Freundin dadurch zu beeinträchtigen wünsche?« sprach die Dame, indem sie ihre Augen mit einem spähenden Blick auf das Antlitz ihres Gatten heftete, ohne jedoch etwas anderes als den unverdächtigen Ausdruck des Bedauerns darin zu finden.

»Wie ich das wissen kann? Nun, ist es nicht natürlich, daß sie uns sehr vermissen würde?«

»Es ist unsere Pflicht, gegen unsere natürlichen Gefühle anzukämpfen«, erwiderte die Dame, »auch glaube ich, daß wenig Ursache vorhanden ist zu besorgen, Luises Geist werde sich nicht darein zu finden wissen.«

»Nun, und dein Plan?«

»Hör zu, du sollst alles erfahren. Mein Vater hat für Herrn Grant eine Stelle in einer der Städte am Hudson erwirkt, wo er ein leichteres Leben haben wird und nicht durch diese Wälder zu wandern braucht; wo er imstande ist, den Abend seines Lebens in Ruhe und Bequemlichkeit zu verbringen, und wo vielleicht seine Tochter Gesellschaft und Verbindungen trifft, die für ihre Jahre und ihren Charakter passen.«

»Beß, du setzt mich in Erstaunen! Ich hätte solche Schritte von dir nicht erwartet.«

»Oh, meine Schritte gehen weiter, als du dir denken magst«, sagte Elisabeth mit einem schalkhaften Lächeln. »Es ist aber einmal mein Wille, und so kommt es dir zu, dich zu unterwerfen, – vorderhand wenigstens.«

Effingham lachte; als sie sich aber dem Ende ihres Spaziergangs näherten, brachen sie dieses Gespräch ab.

Der Ort, an dem sie jetzt anlangten, war der kleine ebene Grund, wo Lederstrumpfs Hütte so lange gestanden hatte. Elisabeth fand den Schutt weggeräumt und durch schönen Rasen ersetzt, der unter dem Einfluß der häufigen Regenschauer so schön wie die ganze umliegende Gegend ergrünte, fast als hätte ein neuer Frühling das ganze Land heimgesucht. Der Platz war mit einer kreisförmigen Mauer umgeben, in der sich eine kleine Tür befand; in der Nähe der letzteren lehnte zur großen Überraschung des jungen Paares Nattys Büchse. Hektor und die Slut ruhten zu ihrer Seite im Grase, als wüßten sie trotz der Veränderungen, daß sie sich an einem Ort befänden, mit dem sie vertraut waren. Der Jäger selbst lag auf der Erde hingestreckt vor einem Grabstein von weißem Marmor und strich mit seinen Händen das lange Gras beiseite, das an der Basis aus dem üppigen Boden aufgeschossen war, augenscheinlich, um die Inschrift freizumachen. An der Seite dieses Steines, der nur aus einer einfachen Platte bestand, befand sich ein reiches, mit einem Aschenkrug geziertes Denkmal mit eingehauenen Ornamenten.

Oliver und Elisabeth näherten sich mit leichten Tritten den Gräbern, so daß sie von dem alten Jäger nicht gehört wurden, dessen sonnverbrannte Züge Spuren innerer Aufregung zeigten und dessen Augen blinzelten, als ob irgend etwas die Schärfe ihrer Sehkraft hemme. Nach einer Weile erhob sich Natty langsam vom Boden und sprach laut:

»Nun, nun, ich denke wohl, daß alles recht ist! Es muß doch nicht Übles ums Lesen sein; so aber weiß ich mir nichts aus der Sache zu machen, obgleich die Pfeife, der Tomahawk und die Mokassins nicht übel – gar nicht übel sind, um so mehr, da der Mann, welcher sie ausmeißelte, diese Gegenstände wahrscheinlich nie gesehen hat. Ach da liegen sie Seite an Seite, und ihnen ist wohl! Aber wer wird einst da sein, um meine Gebeine in die Erde zu legen, wenn meine Zeit kommt?«

»Wenn diese unglückliche Stunde eintritt, Natty, so wird es Euch an Freunden nicht fehlen, die Euch diesen letzten Dienst leisten« sprach Oliver, etwas ergriffen von dem Selbstgespräch des Jägers.

Der alte Mann wandte sich um, ohne eine Überraschung an den Tag zu legen; denn er hatte sich in dieser Beziehung ganz nach der Gewohnheiten der Indianer gebildet, und während er mit der Hand unter seiner Nase wegfuhr, schien er zugleich jede Spur von Kummer wegzuwischen.

»Ihr seid gekommen, um die Gräber zu besuchen, Kinder, nicht wahr?« sagte er. »Nun, nun, es ist ein heilsamer Anblick für alt und jung.«

»Ich hoffe, sie sind nach Eurem Geschmack«, versetzte Effingham. »Niemand hat ein besseres Recht, darüber zu urteilen, als Ihr.«

»Nun ja, da ich nicht sonderlich an den Anblick schöner Gräber gewöhnt bin«, entgegnete der alte Mann, »so kommt mein Geschmack wenig in Betracht. Sie haben doch den Kopf des Majors nach Westen und den Mohegans nach Osten legen lassen?«

»Es ist Eurem Wunsch gemäß so gehalten worden.«

»Dann ist's recht«, erwiderte der Jäger. »Sie meinten, sie hätten verschiedene Wege zu gehen, Kinder, obgleich es einen gibt, der über allen steht, der zu seiner Zeit die Gerechten zusammenbringen wird, der auch die Haut des Mohren bleichen und ihn auf eine Höhe mit Fürsten stellen kann.«

»Es gibt keinen Grund, das zu bezweifeln«, versetzte Elisabeth, deren entschiedener Ton in einen weichen, wehmütigen verwandelt war. »Ich lebe der zuversichtlichen Hoffnung, daß wir uns alle wiedersehen und glücklich sein werden.«

»Werden wir das, werden wir das, Kind?« rief der Jäger mit ungewöhnlicher Wärme. »Ja, es liegt ein Trost in diesem Gedanken. Doch ehe ich gehe, möchte ich wohl wissen, was diese Grabsteine den Leuten, die wie die Tauben im Frühjahr dieses Land bedecken, vor dem alten Delawaren und von dem wackersten weißen Manne, der je diese Berge betreten hat, erzählen.«

Effingham und Elisabeth waren von der ungewöhnlichen Feierlichkeit in Lederstrumpfs Benehmen überrascht; da sie jedoch deren Grund nur in dem Anblick der Grabstätte suchten, so trat der junge Mann alsbald an das Denkmal und las laut:

»Dem Andenken Oliver Effinghams
vormaligen Majors im Sechzigsten Infanterie-Regiment
Seiner Majestät des Königs von Großbritannien.

Er war ein Krieger von erprobter Tapferkeit, der mit ritterlicher Treue an seinem König hing, ein Mann von dem biedersten Charakter und ein wahrer Christ. Den Morgen seines Lebens verbrachte er in Ehre, Reichtum und Macht; aber der Abend wurde durch Armut, Mangel und Krankheit getrübt, die ihm nur durch die zarte Sorgfalt seines alten treuen, aufrichtigen Freundes und Dieners, des Nathanael Bumppo, erträglich gemacht wurden. Um die Tugenden des Herrn zu ehren und ihren Dank gegen den Diener bleibend auszudrücken, errichteten dieses Denkmal

Die Hinterbliebenen.«

Lederstrumpf fuhr zusammen, als er seinen eigenen Namen nennen hörte, und ein freudiges Lächeln überflog seine runzligen Züge.

»Und das steht wirklich hier, Junge?« fragte er. »Ihr habt also den Namen des alten Mannes an der Seite seines Herrn in den Stein gegraben? Gott segne euch, meine Kinder! Es war ein freundlicher Gedanke, und er tut dem Herzen um so wohler, je näher die letzte Stunde rückt.«

Elisabeth wandte sich von den Sprechern ab, und Effingham begann mit erstickter Stimme:

»Er steht hier in einfachem Marmor; er sollte aber mit goldener Schrift eingegraben sein!«

»Zeigt mir den Namen, Junge«, versetzte Natty mit kindischer Neugierde, »laßt mich sehen, wo meinem Namen solche Ehre widerfahren ist. Es ist ein edelmütiges Geschenk für einen Mann, der keinen seines Namens und seiner Familie zurückläßt in einem Lande, wo er so lange geweilt hat.«

Effingham führte seine Finger an die Stelle, und Natty folgte mit tiefem Interesse bis ans Ende, worauf er sich von dem Grab erhob und sprach:

»Es wird wohl recht sein, und jedenfalls ist's ein freundlicher Gedanke! Doch was habt Ihr über die Rothaut schreiben lassen?«

»Ihr sollt es hören:

Dieser Stein gilt dem Gedächtnis eines Indianerhäuptlings aus dem Stamme der Delawaren, bekannt unter den verschiedenen Namen John Mohegan; Mohican – –«

»Moheecan, Junge, so sprechen sie es selbst aus! – heecan.«

»Mohican und Chingagook –«

»Gach, Junge; – gachgook; Chingachgook, was in unserer Sprache Große Schlange bedeutet. Der Name muß richtig da hin; denn ein indianischer Name trägt immer eine Bedeutung in sich.«

»Es soll geändert werden.

 

Er war der letzte seines Volkes, der fortfuhr, dieses Land zu bewohnen; und man kann von ihm sagen, daß seine Fehler die eines Indianers und seine Tugenden die eines Menschen waren.«

 

»Ihr habt nie ein wahreres Wort gesprochen, Herr Oliver. Ach wenn Ihr ihn gekannt hättet, wenn Ihr ihn, wie ich, in seiner Jugend und zur Zeit jener Schlacht gekannt hättet, als der alte Herr, der an seiner Seite ruht, ihm das Leben rettete, nachdem die Diebe, die Irokesen, ihn bereits an den Pfahl gebunden hatten, so würdet Ihr dasselbe und noch mehr sagen. Ich schnitt mit eigener Hand seine Riemen durch und gab ihm mein Messer und meinen Tomahawk; denn die Büchse war von jeher meine Lieblingswaffe. Nun schlug er wieder um sich wie ein Mann. Als er von diesem Zug heimkehrte, traf ich ihn mit elf Mingoskalpen an seinem Gürtel. Sie brauchen nicht zu schaudern, Madame Effingham; denn sie kamen alle von geschorenen Köpfen und von Kriegern. Wenn ich aber jetzt diese Berge betrachte, wo ich sonst hin und wieder zwanzig Rauchsäulen von den Lagern der Delawaren über den Baumwipfeln aufsteigen sah, so erfüllt es mein Herz mit Trauer, denken zu müssen, daß von ihnen allen auch nicht eine Rothaut übriggeblieben ist. Höchstens trifft man noch einen betrunkenen Landstreicher von den Oneidas oder etliche von den Yankee-Indianern, die dem Vernehmen nach von der Meeresküste heraufkommen und die, wie mir scheint, eigentlich nicht zu Gottes Geschöpfen gehören, da sie weder Fleisch noch Fisch sind weder Weiße noch Wilde. Doch sei's drum. Die Zeit ist endlich gekommen, und ich muß gehen.«

»Gehen?« wiederholte Edwards. »Und wohin wolltet Ihr gehen?« Lederstrumpf, der, ohne es zu wissen, vieles von den Eigenschaften der Indianer angenommen hatte, obgleich er sich den Delawaren gegenüber stets als ein zivilisierteres Wesen betrachtete, wandte sein Gesicht ab, um die Bewegung seiner Muskeln zu verbergen, indem er sich zugleich bückte, um ein großes Bündel hinter dem Grab hervorzuholen, das er ganz bedächtig auf seine Schultern legte.

»Gehen?« rief Elisabeth, indem sie ihm rasch an die Seite trat. »Ihr solltet Euch als einzelner Mann nicht mehr so weit in die Wälder wagen; es ist in der Tat nicht klug. Er hat wohl im Sinn, Effingham, irgendeinen weiten Jagdzug zu machen?«

»Was meine Frau Euch sagt, ist wahr, Lederstrumpf«, sprach Edwards. »Ihr habt's ja durchaus nicht nötig, Euch jetzt noch solchen Mühseligkeiten auszusetzen. Werft daher Euer Bündel ab und beschränkt Eure Jagd auf die Berge in unserer Nähe, wenn Ihr schon nicht zu Hause bleiben mögt.«

»Mühseligkeiten? Es ist eine Lust, Kinder, und die größte die mir noch diesseits des Grabes blüht.«

»Nein, nein; Ihr dürft nicht so weit fort«, rief Elisabeth, ihre zarte, weiße Hand auf sein hirschledernes Gepäck legend. – »Es ist, wie ich sagte! Ich fühle seinen Feldkessel und seine Pulverbüchse. Wir dürfen nicht zugeben, daß er so weit von uns fortzieht, Oliver; bedenke, wie schnell Mohegan dahinstarb!«

»Ich wußte wohl, daß das Scheiden schwer werden würde, Kinder, ich wußte es wohl«, entgegnete Natty. »Ich wollte daher nur noch nach den Gräbern sehen und dachte, wenn ich euch das Andenken zurückließe, das mir der Major gab, als wir uns das erstemal in den Wäldern trennten, so würdet ihr mir es nicht übelnehmen; denn ihr wißt ja, daß das Herz des alten Mannes bei euch zurückbleibt, mag auch sein Körper hingehen, wohin er will.«

»Dem liegt etwas Ungewöhnliches zugrunde!« rief der Jüngling. »Wohin gedenkt Ihr zu gehen, Natty?«

Der Jäger trat ihm zutraulich und mit einer Miene näher, als denke er, Gründe vorzubringen, die jeden weiteren Einwurf beschwichtigen müßten, indem er antwortete:

»Ei nun, Junge, ich habe gehört, daß es an den Großen Seen die beste und ausgedehnteste Jagd gibt, ohne daß man auf einen andern Weißen als auf meinesgleichen träfe. Ich bin's müde, in Lichtungen zu leben, wo der Hammer von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang in meinen Ohren tönt. Ich hänge zwar sehr an euch, Kinder – wenn's nicht wahr wäre, so würde ich's nicht sagen –, ich sehne mich aber, wieder in die Wälder zu gehen.«

»In die Wälder?« wiederholte Elisabeth im Übermaß ihres Gefühls. »Nennt Ihr diese endlosen Forsten keine Wälder?«

»Ach, Kind! Das ist nichts für einen Mann, der an die Wildnis gewöhnt ist. Ich habe keine behagliche Stunde mehr gehabt, seit Ihr Vater seine Ansiedler hierher führte; ich konnte aber nicht weit gehen, solange noch Leben in dem Körper war, der hier unter dem Rasen liegt. Doch jetzt ist er heimgegangen; auch Chingachgook ist dahin, und ihr beide seid jung und glücklich. Ja, den vergangenen Monat hat Heiterkeit in dem großen Hause geherrscht, und ich dächte, es wäre jetzt Zeit, auch mir für den Rest meiner Tage zu einem bißchen Behaglichkeit zu verhelfen. Jawohl da, Wälder! Wie kann ich das Wälder nennen, Madame Effingham, wo ich mich jeden Tag meines Lebens in den Lichtungen verliere?«

»Wenn Euch noch etwas zu Eurer Bequemlichkeit fehlt, so nennt es, Lederstrumpf; wenn es herbeizuschaffen ist, so sollt Ihr es haben.«

»Ich weiß, daß Ihr es gut mit mir meint, Junge, und auch von Ihnen bin ich's überzeugt, Madame; aber eure Wege sind nicht meine Wege. Es geht uns da ganz wie den Toten hier, die zu ihren Lebzeiten glaubten, der eine müsse nach Osten, der andere nach Westen gehen, um seinen Himmel zu finden; am Ende treffen sie aber doch wieder zusammen, und so wird es auch bei uns gehen, Kinder. Ja macht fort, wie ihr angefangen habt, und wir werden uns endlich in dem Land der Gerechten wiedersehen.«

»Das kommt so neu, so unerwartet«, sagte Elisabeth in fast atemloser Aufregung. »Ich dachte, Ihr hättet im Sinn, bei uns zu leben und zu sterben, Natty!«

»Worte verfangen hier nicht«, rief Effingham. »Vierzigjährige Gewohnheiten lassen sich nicht durch die Bande eines Tages umwandeln. Ich kenne Euch zu gut, um weiter in Euch zu dringen, Natty, wollt Ihr uns aber nicht gestatten, daß wir Euch auf einem der fernen Berge eine Hütte bauen lassen, wo wir Euch hin und wieder besuchen und erfahren können, ob Euch nichts abgeht?«

»Habt keine Sorge um Lederstrumpf, Kinder! Ich bin in Gottes Hand, der mich wohl zu einem glücklichen Ende führen wird. Ich verkenne eure gute Absicht nicht, doch unsere Weisen passen nicht zusammen. Ich liebe die Wälder, und ihr habt Freude an der Gesellschaft der Menschen; ich esse und trinke, wenn mich hungert oder dürstet, und ihr habt dafür bestimmte Stunden und Regeln. Ja, ja, Junge, Ihr überfüttert aus purem Wohlmeinen sogar die Hunde, und ein Jagdhund muß mager sein, wenn er gut laufen soll. Das geringste von Gottes Geschöpfen hat eine Bestimmung, und ich bin für die Wildnis geschaffen; wenn Ihr mich also liebt, so laßt mich hinziehen, wohin meine Seele verlangt!«

Diese Aussprache war entscheidend, und kein Wort der Bitte wurde mehr gesprochen, um ihn zum Bleiben zu veranlassen. Elisabeth senkte zwar ihr Haupt auf die Brust, während ihr Gatte einige Tränen in seinem Auge zerdrückte und mit Händen, die ihm fast den Dienst versagten, sein Taschenbuch hervorzog, aus dem er ein Päckchen Banknoten nahm und sie dem Jäger überreichte.

»So nehmt dies«, sagte er, »so nehmt wenigstens dies! Verwahrt sie wohl auf Eurem Körper, sie werden Euch in der Stunde der Not gute Dienste tun.«

Der alte Mann nahm das Papier und betrachtete es mit neugierigen Augen.

»Das ist also von dem neumodischen Geld, das sie in Albany aus Papier machen? Aber dem, der es nicht zu lesen versteht, kann es von keinem sonderlichen Wert sein. Nein, nein, Junge, – steckt es nur wieder zu Euch; denn mir würde es nichts nützen. Ehe der Franzose abreiste, hab' ich seinen Pulvervorrat an mich gebracht, und wo ich hingehe, soll dem Vernehmen nach das Blei wachsen; ich brauche daher nichts weiter als Kugelpflaster, und dazu habe ich von jeher Leder genommen. Madame Effingham, lassen Sie einen alten Mann Ihre Hand küssen! Gottes bester Segen möge Sie und die Ihrigen begleiten!«

»Laßt mich Euch noch einmal bitten, hierzubleiben!« rief Elisabeth. »Geht nicht fort, Lederstrumpf; bringt mich nicht in Sorge wegen des Mannes, der mir zweimal das Leben rettete, und der denen, die ich liebe, so treue Dienste geleistet hat. Wenn Ihr's nicht um Euretwillen tun wollt, so bleibt wenigstens um meinetwillen! Die schrecklichen Träume, die noch immer meine Nächte beunruhigen, werden Euch mir zeigen, sterbend in Kummer und Armut, an der Seite der schrecklichen Tiere, die Ihr getötet habt. Meine Einbildungskraft wird mir hinsichtlich Eures Schicksals alle Übel, die Krankheit, Mangel und Einsamkeit möglicherweise begleiten können, heraufbeschwören. Bleibt bei uns, alter Mann – wenn nicht um Eurer selbst, so doch um unsertwillen!«

»Solche Gedanken und so bittere Träume, Madame Effingham«, erwiderte der Jäger feierlich, »werden eine unschuldige Person nicht lange beunruhigen und mit Gottes Beistand bald verschwinden. Kommt Euch noch allenfalls so eine Pantherkatze im Schlaf vor Augen, so geschieht es nicht meinetwegen, sondern deshalb, um Sie auf die Macht zu verweisen, die es mir möglich machte, Sie zu retten. Vertrauen Sie auf Gott, Madame, und auf Ihren braven Gatten, so können die Gedanken an einen alten Mann, wie ich bin, weder lange währen noch schmerzlich sein. Ich will beten, daß der Herr Ihrer gedenke – der Herr, der über den Lichtungen wie über der Wildnis waltet – und Sie und alles, was zu Ihnen gehört, segne, von nun an bis zu dem großen Tag, da sich weiße und rote Häute vor seinem Richterstuhl treffen und das Gesetz der Gerechtigkeit, nicht das der Gewalt gilt.«

Elisabeth erhob das Haupt und bot ihm ihre farblose Wange zum Kuß, die er auch mit abgenommener Mütze achtungsvoll berührte. Dann ergriff der Jüngling mit krampfhafter Glut seine Hand, ohne daß er zu sprechen vermochte. Der Jäger zog seinen Gürtel fester an und traf seine Vorbereitungen zur Abreise, obgleich man nicht verkennen konnte, daß auch ihm der Abschied schwer wurde. Ein- oder zweimal versuchte er zu sprechen, aber die Laute blieben ihm in der Kehle stecken. Endlich warf er seine Büchse auf die Schulter und rief mit lauter Jägerstimme, die weithin durch die Wälder hallte: »Hierher, hierher – los, los, Hunde! – Ihr werdet müde Füße kriegen, ehe ihr am Ziel unserer Reise anlangt!«

Die Hunde sprangen bei diesem Ruf von der Erde auf, beschnupperten die Gräber und das schweigende Paar, als wüßten sie, was ihnen nunmehr bevorstehe, und folgten dann gehorsam ihrem Herrn auf der Ferse. Eine kurze Pause war eingetreten, während welcher sogar der Jüngling sein Gesicht an dem Grabstein seines Großvaters verbarg. Sobald jedoch der Stolz des Mannes die Gefühle der Natur bewältigt hatte, wandte er sich, um seine Bitten zu erneuern, bemerkte aber alsbald, daß er und seine Gattin allein an der Grabesstätte waren.

»Er ist fort«, rief Effingham.

Elisabeth erhob ihr Antlitz und sah den alten Jäger am Rand des Waldes stehen, wie er noch einen Moment zurückblickte. Sobald er wahrnahm, daß man ihm nachschaute, fuhr er sich mit der rauhen Hand hastig über die Augen und winkte ein Lebewohl, worauf er aufs neue seine Hunde rief, sie sich an seine Füße schmiegten, und im Forst verschwand.

Es war das letztemal, daß sie Lederstrumpf sahen, obgleich Richter Temple nach ihm spähen ließ und sogar in eigener Person an den Nachforschungen teilnahm. Er war weiter nach Westen gezogen, – der erste in der Schar der Ansiedler, welche der Volkswanderung den Weg quer durch unser Festland zeigten.

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