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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XL

 

Ich verstumme.
Wart Ihr der Doktor, und ich kannt' Euch nicht?

Shakespeare

 

Während der fünf oder sechs Minuten, die vergingen, bis der Jüngling und der Major wieder erschienen, erstiegen der Richter Temple, der Sheriff und die meisten Freiwilligen die Terrasse, wo die letzteren sich in Vermutungen über das, was jetzt kommen könne, ergingen und ihre verschiedenen Kampfesleistungen zu erzählen begannen. Aber die Rückkehr der Friedensstifter aus der Höhle verschloß jedem den Mund. Sie brachten auf einem rohen, mit ungegerbten Hirschhäuten bedeckten Stuhl die Gestalt eines Greises zum Vorschein, den sie sorgfältig und achtungsvoll in der Versammlung niedersetzten. Sein Haupt war mit langen, weichen, silberweißen Locken bedeckt. Der ungemein saubere und reinliche Anzug bestand aus Stoffen, wie sie nur die wohlhabendsten Klassen zu tragen pflegen, obgleich er jetzt abgetragen und geflickt war, und seine Füße staken in einem Paar Mokassins, so schön, wie sie nur der indianische Kunstfleiß zu schaffen vermochte. Die Züge seines Antlitzes waren ernst und würdevoll, obgleich das ausdruckslose Auge, welches der Reihe nach die Gesichter der Umherstehenden betrachtete, nur zu deutlich bekundete, er habe das Alter erreicht, das die geistigen Schwächen der Kindheit wiederbringt.

Natty folgte den Trägern dieser unerwarteten Erscheinung, lehnte sich inmitten seiner Verfolger und etwas hinter dem Stuhl auf seine Büchse und legte dabei eine Furchtlosigkeit an den Tag, die zeigte, daß jetzt wichtigere Interessen als die ihn selbst berührenden zur Entscheidung kommen sollten. Major Hartmann stand mit unbedecktem Haupt an der Seite des alten Mannes, und in seinen Augen, die sonst nur von Fröhlichkeit und Heiterkeit strahlten, sprach sich jetzt die ganze Seele des Veteranen aus. Edwards ließ die eine Hand mit zärtlicher Vertraulichkeit auf dem Stuhl ruhen, während sein Herz von Bewegungen schwoll, die er nicht auszusprechen vermochte.

Die gespannteste Erwartung beherrschte die stummen Zuschauer. Endlich versuchte der greise Fremde, nachdem er die Anwesenden mit leeren Blicken betrachtet, von seinem Sitze aufzustehen, und ein schwaches Lächeln – der Ausdruck der Höflichkeit – flog über seine verfallenen Züge, als er mit hohler, bebender Stimme sprach:

»Ist es gefällig, Platz zu nehmen, meine Herren? Der Kriegsrat wird sogleich beginnen. Jeder, der den guten und tugendhaften König liebt, wünscht, daß diese Kolonien ihre Treue bewahren. Setzen Sie sich, setzen Sie sich – ich bitte, meine Herrn. Die Truppen brauchen für heute nicht weiterzumarschieren.«

»Das ist die Sprache des Irrsinns«, sagte Marmaduke. »Wer erklärt uns diese Szene?«

»Nicht doch, Sir«, entgegnete Edwards mit Festigkeit, »es ist nur die Hinfälligkeit der Natur, und uns bleibt allein noch übrig, zu zeigen, wer für diesen bedauernswürdigen Zustand verantwortlich ist.«

»Wollen die Herren mit uns speisen, mein Sohn?« fragte der alte Fremde, indem er sich der Stimme zuwandte, die er kannte und liebte. »Laß ein geeignetes Mahl für die Offiziere Seiner Majestät bereiten. Du weißt, es steht uns immer das beste Wildbret zu Gebot«

»Wer ist dieser Mann?« fragte Marmaduke hastig; denn mit dem Anteil, den er an dem Auftritt nahm, schien sich eine Ahnung der Wahrheit zu verbinden.

»Dieser Mann?« erwiderte Edwards ruhig, obgleich sich seine Stimme im Verlauf der Rede steigerte, »dieser Mann, Sir, den Sie in Höhlen versteckt und alles dessen beraubt sehen, was das Leben wünschenswert machen kann, war einst der Gefährte und Ratgeber derjenigen, die dieses Land beherrschten. Der Mann, den Sie hier schwach und hilflos sehen, war einst ein so braver und furchtloser Krieger, daß selbst die unerschrockenen Eingeborenen ihm den Namen des Feueressers gaben. Der Mann, den Sie hier obdachlos sehen, war einst der Besitzer großer Reichtümer, – ja, Richter Temple, und noch dazu der rechtmäßige Eigentümer des Bodens, auf dem wir stehen. Dieser Mann war der Vater von –«

»So ist er also«, rief Marmaduke in heftiger Bewegung, »so ist er also der verloren geglaubte Major Effingham?«

»Jawohl, verloren«, entgegnete der Jüngling, einen durchbohrenden Blick auf den Richter heftend.

»Und Sie? Und Sie?« fuhr der Richter kaum verständlich fort. »Ich bin sein Enkel.«

Eine tiefe Pause folgte. Alle Augen hafteten an den Sprechern, und selbst der alte Deutsche schien den Ausgang in höchster Spannung zu erwarten. Aber der Augenblick der Erregung war bald vorüber. Marmaduke erhob sein Haupt, das – nicht aus Scham, sondern in demütigem Dank – auf die Brust gesunken war, und große Tränen fielen über sein schönes Gesicht, während er die Hand des Jünglings mit vieler Wärme ergriff und sprach:

»Oliver, ich vergebe dir all deine Härte – all deinen Argwohn. Ich vergebe dir alles, nur nicht, daß du diesen Greis an einem solchen Ort weilen ließest, während nicht bloß meine Wohnung, sondern mein ganzes Vermögen dir und ihm zu Gebote gestanden hätten.«

»Er ist treu wie Stahl!« rief Major Hartmann. »Hab' ich's dir nicht gesagt, Junge, daß Marmaduke Temple keiner von denen sei, die einen Freund zur Zeit der Not verlassen?«

»Es ist wahr, Richter Temple, daß meine Ansichten über Sie durch das, was mir dieser würdige Mann erzählt hat, zum Wanken gebracht worden sind. Da es mir unmöglich war, meinen Großvater dahin zurückzubringen, woher ihn die Liebe eines alten Mannes geführt hat, ohne eine Entdeckung befürchten zu müssen, so begab ich mich an den Mohawk, um einen seiner früheren Kameraden aufzusuchen, auf dessen Gerechtigkeitssinn ich vertraute. Er ist Ihr Freund, Richter Temple; wenn aber das, was er sagt, wahr ist, so haben mein Vater und ich Sie zu hart beurteilt.«

»Sie nennen Ihren Vater?« entgegnete Marmaduke gefühlvoll. »Ist er wirklich mit dem Paketboot verunglückt?«

»Ja. Er hatte mich nach mehrjährigen fruchtlosen Bewerbungen und in verhältnismäßiger Armut in Neuschottland zurückgelassen, – um eine Entschädigung für seine Verluste zu erwirken, die endlich auch von der britischen Krone bewilligt wurde. Nachdem er ein Jahr in England verbracht, kehrte er auf seinem Weg nach Westindien, wo er eine Statthalterstelle übernehmen sollte, nach Halifax zurück, um den Ort aufzusuchen, wo mein Großvater seit dem Kriege geweilt hatte – um uns beide mit sich zu nehmen.«

»Aber du?« versetzte Marmaduke mit warmer Teilnahme. »Ich glaubte, du wärest mit ihm umgekommen.«

Der junge Mann errötete, als er die verwunderten Gesichter der Umstehenden gewahr wurde, gab jedoch keine Antwort. Marmaduke wandte sich jetzt an Kapitän Hollister, der sich eben wieder seiner Mannschaft angeschlossen hatte, und sprach:

»Führe deine Soldaten wieder zurück und entlasse sie! Der Eifer des Sheriffs hat ihn über die Grenzen seiner amtlichen Wirksamkeit hinausgeführt. Doktor Todd, ich werde Euch Dank wissen, wenn Ihr nach der Beschädigung seht, welche Hiram Doolittle bei dieser unangenehmen Geschichte davongetragen hat. Richard, ich wäre dir dankbar, wenn du den Wagen heraufschicktest. Benjamin, Ihr kehrt zu Eurem Dienst in meiner Familie zurück!«

So ungelegen auch diese Befehle den meisten Anwesenden kamen, so bewirkten doch die Besorgnis, den heilsamen Zwang des Gesetzes zu weit getrieben zu haben, und die gewohnte Achtung vor den Geboten des Richters schleunigen Gehorsam. Als sie sich entfernt hatten und der Fels nur noch im Besitz derjenigen war, für welche die Entwicklung der Sache einen besonderen Wert hatte, deutete Marmaduke auf den alten Major Effingham und sagte zu dessen Enkel:

»Wäre es nicht besser, deinen Großvater von diesem zugigen Platz wegzubringen, bis mein Wagen ankommt?«

»Verzeihung, Sir, die Luft tut ihm gut, und er hat sich stets an ihr gelabt, sooft keine Entdeckung zu befürchten war. Ich weiß nicht, wie ich mich zu benehmen habe, Richter Temple; darf ich – kann ich zugeben, daß der Major Effingham in Ihr Haus zieht?«

»Das magst du selbst beurteilen«, entgegnete Marmaduke. »Dein Vater war mein Jugendfreund. Er vertraute mir sein Vermögen an. Als wir uns trennten, setzte er eine so große Zuversicht in mich, daß er weder Empfangsschein noch sonstige Sicherheit von mir nehmen wollte, selbst wenn ich Zeit oder Gelegenheit gehabt hätte, letztere zu leisten. – Du mußt hiervon wohl gehört haben?«

»Allerdings, Sir«, versetzte Edwards oder vielmehr Effingham, wie wir ihn jetzt nennen müssen.

»Wir hatten verschiedene politische Ansichten. Siegte die Sache Amerikas, so wußte niemand von unserer Übereinkunft, und deines Vaters Vertrauen war mir heilig; blieb aber die Herrschaft der Krone bestehen, so mußte es ein leichtes sein, einem so loyalen Untertanen, wie Oberst Effingham war, sein Eigentum zurückzuerstatten. – Ist dies nicht klar?«

»Die Einleitung ist gut, Sir«, entgegnete der Jüngling mit demselben ungläubigen Blick wie früher.

»Höre ihn vollends an, höre ihn vollends an, junger Mensch«, sagte der Deutsche. »Es ist kein Haar auf dem Kopf des Richters, das es nicht ehrlich meint.«

»Wir alle kennen den Ausgang des Kampfes«, fuhr Marmaduke fort, ohne die Worte der beiden zu beachten. »Dein Großvater blieb in Connecticut, wo ihn dein Vater mit den Mitteln versah, die für einen anständigen Unterhalt nötig waren. Ich weiß dies, obgleich ich selbst in unseren glücklichsten Tagen nie einen Verkehr mit ihm hatte. Dein Vater zog mit den Truppen ab, um seine Ansprüche an die Krone zu verfolgen. Jedenfalls muß sein Verlust groß gewesen sein, denn seine Liegenschaften wurden veräußert, und ich wurde ihr gesetzlicher Käufer. War es etwa ein unnatürlicher Wunsch, daß der rechtmäßigen Wiedererwerbung derselben von seiner Seite kein Hindernis im Wege stehen möchte?«

»Es war überhaupt keines vorhanden als die Schwierigkeit, so viele Ansprüche zu befriedigen.«

»Aber ein unüberwindlicher Riegel wäre vorgeschoben worden, wenn ich der Welt verkündigt hätte, daß ich diesen Grundbesitz, der durch die Zeit und meinen Fleiß um das Hundertfache in seinem Wert gestiegen ist, nur als ein mir anvertrautes Gut betrachte. Es kann dir nicht unbekannt sein, daß ich deinen Vater unmittelbar nach dem Krieg mit beträchtlichen Summen versah.«

»Das taten Sie, bis – –«

»Meine Briefe ungeöffnet zurückkamen. Dein Vater hatte viel von deinem Charakter, Oliver. Er war bisweilen ungestüm und vorschnell.« Der Richter fuhr jetzt in dem Ton der Selbstrüge fort. »Vielleicht liegt der Fehler an mir, der ich zu viel rechnete und zu weit in die Zukunft blickte. Es war gewiß eine herbe Prüfung für mich, den Mann, den ich am meisten liebte, sieben Jahre übel von mir denken zu lassen, um mir zu gegebener Zeit eine ehrliche Rückerstattung möglich zu machen. Hätte er übrigens meine letzten Briefe geöffnet, so würdest du die ganze Wahrheit erfahren haben. Diejenigen, welche ich nach England schickte, hat er, wie mir mein Agent mitteilt, gelesen. Er hat vor seinem Tode noch alles erfahren und ist als mein Freund gestorben; ich glaubte jedoch, dich habe ein gleich trauriges Verhängnis ereilt.«

»Unsere Armut gestattete uns nicht, die Überfahrt für zwei Personen zu bezahlen«, versetzte der Jüngling mit jener ungewöhnlichen Bewegung, die er immer an den Tag legte, sooft er den herabgekommenen Zustand seiner Familie berühren mußte. »Ich blieb in der Provinz, um seine Rückkehr zu erwarten, und als die traurige Nachricht, daß er mir für immer entrissen sei, an mich gelangte, war ich fast von allen Geldmitteln entblößt.«

»Und wie brachtest du dich fort, Junge?« fragte Marmaduke mit bebender Stimme.

»Ich lenkte meinen Wanderstab hierher, um meinen Großvater aufzusuchen; denn ich wußte, daß mit dem halben Solde meines Vaters auch seine Hilfsquellen versiegt waren. Als ich seine Wohnung aufsuchte, erfuhr ich, daß er sie heimlich verlassen hatte, obgleich mir der Mietling, der um dieser Armut willen aus seinen Diensten getreten war, auf mein dringendes Flehen bedeutete, er glaube, ein alter Mann, der früher sein Diener gewesen, habe ihn mit sich fortgenommen. Das konnte niemand anders als Natty gewesen sein; denn mein Vater hat oft – –«

»War Natty ein Diener deines Großvaters?« rief der Richter.

»Wie? Das wußten Sie nicht?« entgegnete der Jüngling in augenscheinlicher Überraschung.

»Wie hätte ich es wissen sollen? Ich traf nie mit dem Major zusammen, und auch Bumppos Name wurde nie in meiner Gegenwart erwähnt. Ich kannte ihn nur als einen Jäger, der in den Wäldern lebte. Solche Leute kommen einem zu oft vor, als daß sie größere Aufmerksamkeit erregen sollten.«

»Er wurde in der Familie meines Großvaters erzogen, diente ihm viele Jahre in seinen Feldzügen im Westen, wo er eine Vorliebe für die Wälder faßte, und blieb dann hier als eine Art von locum tenens in dem Lande, welches auf Veranlassung des alten Mohegan meinem Großvater, der ihm einmal das Leben gerettet hatte, von den Delawaren überlassen worden war. Letztere hatten ihn auch als Ehrenmitglied in ihren Stamm aufgenommen.«

»Daher rührt also dein indianisches Blut?«

»Nicht anders«, erwiderte Edwards lächelnd. »Major Effingham wurde von Mohegan, der damals der größte Mann seiner Nation war, an Sohnes statt angenommen, und mein Vater, welcher diese Leute einmal in seiner Jugend besuchte, erhielt von ihnen den Namen des Adlers – um der Form seines Gesichtes willen, wie ich mir sagen ließ. Sie haben seinen Titel auch auf mich ausgedehnt. Ich habe keine anderen indianischen Ahnen, obgleich es in meinem Leben Stunden gegeben hat, Richter Temple, wo ich wünschte, meine Abstammung und Erziehung diesem Volk zu verdanken.«

»Fahre fort in deiner Erzählung«, sagte Marmaduke.

»Ich habe nicht mehr viel mitzuteilen, Sir. Ich verfügte mich nach dem See, wo Natty, wie ich oft gehört hatte, wohnte, und fand, daß dieser insgeheim für seinen alten Herrn Sorge trug; denn nicht einmal er konnte es ertragen, einen Mann, auf den ehedem ein ganzes Volk mit Achtung geblickt, der Welt in seiner Armut und Geistesschwäche zu zeigen.«

»Und was begannst du?«

»Ich? Nun ja, ich gab mein letztes Geld aus, um eine Büchse zu kaufen, hüllte mich in ein grobes Gewand und bildete mich an Lederstrumpfs Seite zum Jäger aus. Das übrige ist Ihnen bekannt, Richter Temple.«

»Und warum wollte man nichts von dem alten Fritz Hartmann?« sprach der Deutsche vorwurfsvoll. »Hast du nie den Namen des alten Fritz Hartmann aus dem Munde deines Vaters gehört, Junge?«

»Ich mag wohl unrecht getan haben, meine Herren«, entgegnete der Jüngling, »aber ich besaß zuviel Stolz, um unser Unglück zur Schau zu stellen, das auch am heutigen Tage gegen meinen Willen ans Licht gefördert wurde. Ich hatte Pläne, die vielleicht träumerisch waren; ich gedachte aber immer, meinen Großvater, wenn er den Herbst erleben sollte, nach Neuyork mitzunehmen, wo noch einige entfernte Verwandte leben, die wohl im Lauf der Zeit vergessen haben müssen, daß er Tory war. Aber er schwindet rasch dahin«, fuhr er wehmütig fort, »und wird bald an der Seite des alten Mohegan ausruhen.«

Die Luft war rein, der Tag schön, und so blieb die Gesellschaft auf dem Felsen, bis man die Räder von Richter Temples Wagen an der Seite des Berges heraufrasseln hörte. Die Unterhaltung wurde in der Zwischenzeit mit lebhaftem Interesse fortgeführt, und jeder Augenblick warf auf irgendeine zweideutige Handlung ein günstigeres Licht, so daß der Widerwille des Jünglings gegen Marmaduke sichtlich schwächer wurde. Er hatte nicht länger etwas gegen die Entfernung seines Großvaters einzuwenden, der eine kindische Freude an den Tag legte, als er sich wieder einmal in einem Wagen sitzen sah. In der weiten Halle des Herrenhauses angelangt, ließ der Greis seine Augen langsam über die Ausstattung des Raumes hingleiten, und bei dem peinlichen Irrereden, womit er den Umstehenden ohne Unterlaß irgendeine nutzlose Höflichkeit anbot, schien für Momente ein und der andere Lichtblick des Geistes seine Züge zu überfliegen. Die Anstrengung und die Veränderung seiner Lage hatten bald eine solche Erschöpfung zur Folge, daß man ihn zu Bett bringen mußte, wo er viele Stunden liegen blieb, zwar erfreut über die neue Bequemlichkeit, die sich ihm jetzt darbot, aber auch ein schmerzliches Bild der menschlichen Natur, in dem sich deutlich aussprach, daß die tierischen Neigungen fortwähren, selbst wenn der edlere Teil unseres Wesens entschwunden ist.

Effingham verließ seinen Großvater nicht, bis er zur Ruhe gebracht war, worauf Natty an seiner Seite Platz nahm. Dann erst entsprach er den Aufforderungen des Richters, ihm in das Bibliothekszimmer zu folgen, wo dieser nebst Major Hartmann seiner harrte.

»Lies dieses Papier, Oliver«, begann Marmaduke, als der Jüngling eingetreten war, »und du wirst finden, daß es mir nicht entfernt in den Sinn kam, deiner Familie bei meinen Lebzeiten unrecht zu tun, da ich mir's im Gegenteil zur Aufgabe machte, Sorge zu tragen, daß ihr auch nach meinem Tode noch Gerechtigkeit widerfahre.«

Der Jüngling nahm das Blatt, und der erste Blick sagte ihm, daß es das Testament des Richters sei. Trotz seiner Aufregung entging es ihm doch nicht, daß das Datum genau mit der Zeit zusammentraf, da er an Marmaduke jene ungewöhnliche Niedergeschlagenheit wahrgenommen hatte. Während des Lesens begannen seine Augen feucht zu werden, und die Hand, die das Dokument hielt, zitterte heftig.

Das Testament begann mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten, die durch den Scharfsinn des Herrn Van der School noch weitläufig ausgesponnen waren; nach der Einleitung ließ sich jedoch Marmadukes Stil nicht verkennen. Er berichtete in klarer, bestimmter, männlicher und sogar beredter Sprache seine Verbindlichkeiten gegen Oberst Effingham, die Natur ihrer Verbindung und die Umstände, durch welche sie getrennt worden waren. Er ging sodann auf die Gründe seines langen Schweigens ein, ohne dabei die großen Summen zu vergessen, die er seinem Freund zugeschickt, aber in den uneröffneten Briefen wieder zurückerhalten hatte. Ferner sprach er von seinen Bemühungen, den Großvater, der auf eine rätselhafte Weise verschwunden war, aufzusuchen, und von seinen Besorgnissen, der nächste Erbe der ihm anvertrauten Güter möchte mit seinem Vater in den Wellen des Ozeans umgekommen sein.

Nach einer kurzen deutlichen Nebeneinanderstellung der Ereignisse, deren Zusammenhang der Leser jetzt herausfinden wird, waren die Summen aufgeführt, die Oberst Effingham seinem Freund anvertraut hatte. Dann kam eine Teilung von Marmadukes ganzem Besitztum in zwei gleiche Hälften, deren Vollziehung an bestimmte verantwortliche Kuratoren verwiesen war. Vermöge derselben sollte der eine Teil an seine Tochter, der andere an Oliver Effingham, früher Major in der britischen Armee, seinen Sohn Eduard Effingham und den Sohn dieses letzteren oder deren Nachkommen fallen. Dieses Testament sollte bis 1810 in Kraft bleiben: wenn in dieser Frist niemand erschien oder nach hinreichender Veröffentlichung aufgefunden werden könne, um genannte Hälfte in rechtmäßigen Anspruch zu nehmen, so sollte eine gewisse Summe im Betrag der Kapital- und Zinsenschuld an den gesetzlichen Erben der Effinghamschen Familie ausbezahlt werden und die Gesamtmasse des Grundbesitzes seiner Tochter oder ihren Erben verbleiben.

Tränen entfielen den Augen des jungen Mannes, während er dieses unzweifelhafte Zeugnis von Marmadukes Redlichkeit las, und sein wirrer Blick haftete noch immer auf dem Papier, als eine Stimme, bei deren Tönen jeder Nerv in ihm bebte, in seiner Nähe sprach:

»Zweifeln Sie noch immer an uns, Oliver?«

»An Ihnen habe ich nie gezweifelt«, rief der Jüngling, indem er sich aufraffte und auf Elisabeth zueilte, um ihre Hand zu ergreifen. »Nein, mein Glaube an Sie hat keinen Augenblick gewankt.«

»Und mein Vater –«

»Gottes Segen über ihn!«

»Ich danke dir, mein Sohn«, versetzte der Richter, indem er den warmen Händedruck des Jünglings erwiderte. »Wir waren jedoch beide auf einem Irrweg: du bist zu hastig gewesen, und ich war zu langsam. Die eine Hälfte meines Besitztums ist dein Eigentum, sobald es auf dich übertragen werden kann, und wenn mich meine Ahnungen nicht trügen, so vermute ich, daß ihr die andere wohl auch bald folgen wird.«

Er nahm die Hand, die er noch immer festhielt, und vereinigte sie mit der seiner Tochter, worauf er dem Major nach der Tür winkte.

»Ich will dir was sagen, Mädel!« sprach jetzt der alte Deutsche gutgelaunt. »Wenn ich noch wäre, was ich war, als ich mit seinem Großvater an den Seen Dienst leistete, so sollte mir der träge Hund da den Preis nicht so mir nichts dir nichts vor der Nase wegschnappen.«

»Komm, komm, alter Fritz«, sagte der Richter; »du bist siebzig, nicht siebzehn. Richard hat für uns in der Halle ein Bowle Eierpunsch parat.«

»Richard? Ei, der Teufel!« rief der andere, aus dem Zimmer eilend, »der macht seinen Punsch für die Pferde. Ich muß es dem Sheriff eigenhändig zeigen. Zum Teufel, er wäre imstande, ihn mit Yankeesirup zu zuckern!«

Marmaduke lächelte, nickte dem jungen Paar freundlich zu und schloß die Türe hinter sich; wenn indes der geneigte Leser glaubt, daß wir, ihm zu Gefallen, sie wieder öffnen werden, so ist er im Irrtum.

Das tête-à-tête währte eine geraume Zeit: wie lange, können wir nicht sagen; denn es ist uns nur bekannt, daß es um sechs Uhr abends durch die Ankunft Monsieur Le Quois unterbrochen wurde, welcher, der Übereinkunft des vorangehenden Tages zufolge, sich bei Miss Temple eine Audienz erbat. Er wurde vorgelassen und trug sofort der Dame in den zierlichsten Ausdrücken seine Hand an, wobei er es nicht unterließ, auf seine einflußreichen amis, seinen père, seine mère und seine sucre-plantage aufmerksam zu machen. Elisabeth mußte wohl bereits irgendeine bindende Verpflichtung gegen Oliver eingegangen sein; denn sie lehnte das zarte Anerbieten zwar in höflichen, aber doch vielleicht in entschiedeneren Ausdrücken ab, als es gestellt worden war.

Der Franzose begab sich nun zu dem Deutschen und dem Sheriff in die Halle, wo er eingeladen wurde, am Tisch Platz zu nehmen, und mit Hilfe des Weins und Eierpunsches hatte man dem gefälligen Monsieur Le Quoi den Zweck seines Besuches bald entlockt. Es war augenscheinlich, daß er seinen Antrag nur als ein Kompliment betrachtet hatte, das ein Mann von Erziehung einer Dame an einem so abgelegenen Ort vor seiner Abreise gleichsam schuldig war, und daß seine Gefühle nur wenig oder gar nicht dabei ins Spiel kamen. Nach etlichen Libationen überredete das neckische Paar den heiteren Franzosen, daß es eine nicht zu entschuldigende Parteilichkeit wäre, wenn er diese Höflichkeit nur der einen Dame erweise und sie nicht auch auf die andere ausdehne, weshalb Monsieur Le Quoi sich auch um neun Uhr nach der Rektorei verfügte, um Miss Grant ein ähnliches Anerbieten zu machen, welches jedoch keinen besseren Erfolg als das erste hatte.

Als er um zehn Uhr nach dem Herrenhaus zurückkehrte, saßen der Major und Richard noch immer am Tisch. Sie suchten nun den Gallier, wie ihn der Sheriff nannte, zu bewegen, daß er den Versuch bei Remarkable Pettibone machen solle. Aber trotz der Weinlaune des also Bedrängten waren doch die zwei Stunden, welche die losen Vögel auf ihre Demonstrationen verwandten, verlorene Zeit; denn er lehnte ihren Rat mit einer Hartnäckigkeit ab, die für einen so höflichen Mann wahrhaft erstaunlich war. Als Benjamin Monsieur Le Quoi nach der Tür leuchtete, sagte er beim Scheiden:

» Mon schür, wenn Sie neben Mistreß Prettibones beigelegt hätten, wie Squire Dickens Sie zu bereden suchte, so müßte Sie, nach meiner Ansicht, der Teufel geritten haben; denn sehen Sie, Sie würden Mühe gehabt haben, wieder klar von ihr abzukommen. Freilich Miss Lizzy und des Pfarrers Töchterlein sind ein paar zierliche Schifflein, die man wohl im Wind neben sich herlaufen lassen kann, aber Mistreß Remarkable hat so etwas von einer Galeere an sich; wenn Sie diese einmal ins Schlepptau nehmen, so wird sie sich nicht so leicht wieder abschütteln lassen.«

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