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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
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XXXIX

 

Selictar! Laß des Häuptlings Schwert erblinken!
Tambourgi! Ruf zum Schlachtsignal die Zinken!
Ihr Berge, Zeugen unsres Landens hie,
Ihr seht uns siegreich wieder oder nie!

Byron

 

Die schweren Gewitterschauer, die den Tag über fielen, taten dem Fortschreiten der Flammen vollständig Einhalt, obgleich man auch in der Nacht noch an verschiedenen Stellen des Berges, wo besonders viel Brennmaterial aufgehäuft war, glimmende Feuer bemerken konnte. Am andern Morgen sah man die Wälder viele Meilen weit schwarz und rauchend und nirgends mehr auch nur eine Spur von Gebüsch oder abgestorbenem Holz; die Fichten und Tannen aber erhoben noch ihre stolzen Häupter auf den Bergen, und auch die kleineren Bäume des Forstes zeigten noch einige Merkmale von Leben und Vegetation.

Das tausendzüngige Gerücht war nach seiner Weise geschäftig gewesen, Elisabeths wunderbares Entkommen noch auszuschmücken, und es ging allgemein die Rede, daß Mohegan wirklich den Flammen zum Raub geworden sei. Man ließ sich diesen Glauben um so weniger nehmen, als sich zu gleicher Zeit die schreckliche Nachricht im Dorf verbreitete, Jotham Riddel, der Bergmann, sei in seinem Loch halb erstickt und derartig versengt gefunden worden, daß für sein Leben wenig zu hoffen sei.

Die Ereignisse der letzten paar Tage waren wohl geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit rege zu erhalten, um so mehr, als die verurteilten Falschmünzer sich den Wink Nattys zunutze gemacht, die Nacht nach dem Brand gleichfalls ihr Holzgefängnis durchbrochen und ihr Heil in den Wäldern gesucht hatten. Solche Neuigkeiten, im Verein mit Jothams Schicksal und den Übertreibungen, die man sich von dem, was sich auf dem Berg begeben, erzählte, waren wohl imstande, die öffentliche Meinung dafür zu stimmen, daß es zweckmäßig sein möchte, diejenigen Flüchtlinge, die noch zu erreichen wären, aufzugreifen. Man sprach von der Höhle als dem geheimen Aufenthaltsort der Schuldigen, und da man die wirren Gerüchte von Erzen und Metallen mit den Falschmünzern in Verbindung brachte, so wähnte die geschäftige Phantasie des Volkes dort den Inbegriff alles Verruchten, was den Frieden der Gesellschaft stören konnte, zu finden. Während sich der große Haufen in diesem Zustand der Aufregung befand, wurden auch Andeutungen laut, daß Edwards und Lederstrumpf den Wald in Brand gesteckt hätten und daß sie daher allein für den Schaden verantwortlich wären. Diese Beschuldigung, welche hauptsächlich durch Leute in Umlauf gesetzt wurde, die durch ihre eigene Unachtsamkeit das Unglück herbeigeführt hatten, fand bald allgemeinen Glauben, und es war nur eine Stimme, daß man versuchen müsse, die Verbrecher zur Strafe zu ziehen. Richard blieb nicht taub bei solchen Bewegungen, und noch desselben Nachmittags schickte er sich allen Ernstes an, sein Amt zu versehen.

Mehrere kräftige junge Männer wurden auserlesen und geheimnisvoll beiseite genommen, um, zwar angesichts der ganzen Dorfbevölkerung, aber außer dem Bereich von deren Ohren, die Aufträge des Sheriffs zu erhalten. Diensteifrig und mit einer Geschäftigkeit, als ob das Schicksal einer Welt von ihrer Tätigkeit abhinge, eilten diese Jünglinge in die Berge, indem sie zugleich so geheimnisvoll taten, als seien sie mit der allerwichtigsten Staatsangelegenheit betraut worden.

Punkt zwölf Uhr wirbelte eine Trommel vor dem ›Kühnen Dragoner‹, und Richard erschien in der Begleitung des Kapitäns Hollister, der sich in seiner Uniform als Kommandant der Templetoner leichten Infanterie präsentierte, um von diesem im Interesse der Gesetzeswahrung ein Aufgebot des Landsturms zu verlangen. Es fehlt uns hier an Raum, um die Reden mitzuteilen, welche bei dieser Gelegenheit von den genannten beiden Ehrenmännern gehalten wurden; sie sind aber aufbewahrt in den Spalten der kleinen blauen Zeitung, die an Ort und Stelle zu finden ist, und sollen der Gesetzeskunde des einen und der militärischen Präzision des andern viel Ehre machen. Man hatte vorläufig bereits alles angeordnet, und da der rotröckige Tambour fortfuhr, seinen Wirbel zu schlagen, so traten bald ungefähr fünfundzwanzig Soldaten auf, die sich sofort in Schlachtordnung aufstellten.

Dieses Korps bestand aus Freiwilligen und war von einem Mann kommandiert, der die ersten fünfunddreißig Jahre seines Lebens in Feldlagern und Garnisonen zugebracht hatte; es galt daher als das non plus ultra militärischer Zucht auf viele Meilen im Umkreis, wie denn auch der einsichtsvollere Teil der Templetoner Gemeinde keinen Anstand nahm, es hinsichtlich seiner Tüchtigkeit allen Truppen in der bekannten Welt gleichzustellen, – was aber physische Begabung betraf, ihm hoch vor allen den Vorzug einzuräumen. Gegen diese Versicherung erhoben sich nur drei Stimmen und eine Meinung, welch letztere Marmaduke angehörte, der es jedoch nicht für nötig erachtete, sie zu veröffentlichen. Von den Stimmen ertönte eine – und zwar eine sehr laute – aus dem Munde der Gattin des Kommandeurs, die ihrem Gemahl oft Vorwürfe machte, daß er sich herablasse, eine solche unregelmäßige Soldatenbande anzuführen, nachdem er in den letzten Kriegsjahren die ehrenvolle Stellung eines Sergeantmajors in dem schmucken Korps der virginischen Reiterei innegehabt hatte.

Dann sprach sich der Geist des Widerspruchs, sooft die Kompanie Parade hielt, auch bei Meister Pump aus, und zwar stets in den bescheidenen Ausdrücken, wie sie ein Eingeborener der Insel unserer Vorfahren liebt, wenn er sich herabläßt, die Gewohnheiten und Charaktere ihrer unsteteren Nachkommen zu preisen.

»Möglich«, konnte er sagen, »daß sie etwas vom Laden und Abfeuern verstehen; aber was das Handhaben eines Schiffes betrifft – ei, eine Korporalswache der Boadishey-Matrosen würde sie auf eine Weise aus der Schanze schlagen, daß sie sich gefangengeben müßten, ehe das Stundenglas zur Hälfte abgelaufen wäre.« Da nun niemand vorhanden war, der diese Behauptung Lügen strafen konnte, so wurde den Matrosen der Boadicea von ihrem Wert nichts genommen.

Der dritte Ungläubige war Monsieur Le Quoi, der übrigens nur dem Sheriff ins Ohr flüsterte: das Korps sei eines der schönsten, welche er je gesehen habe – die Musketiere des Bon Louis ausgenommen.

Da jedoch Frau Hollister glaubte, es habe nunmehr so ziemlich das Ansehen eines wirklichen Dienstes, weshalb sie sich emsig mit gewissen Vorbereitungen beschäftigte, um selbst auch ihr Schäflein zu scheren, – da ferner Benjamin abwesend und Monsieur Le Quoi zu glücklich war, um an irgend etwas einen Mangel zu finden, so entging das Korps an diesem wichtigen Tage, wo es gewiß des Selbstvertrauens mehr als bei irgendeiner Gelegenheit bedurfte, der Tadelsucht sowohl als der Vergleichung. Marmaduke hatte sich dem Vernehmen nach wieder mit Herrn Van der School eingeschlossen, und so erlitten die Truppenbewegungen von dieser Seite aus keine Unterbrechung. Punkt zwei Uhr schulterte das Korps die Gewehre, – eine Bewegung, die auf dem rechten Flügel zunächst dem Veteranen ihren Anfang nahm und sich so mit großer Regelmäßigkeit nach dem linken fortpflanzte. Sobald jeder seine Muskete in die geeignete Lage gebracht hatte, erschallten die Kommandoworte »Links um« und »Vorwärts Marsch«. Da dieses Manöver ungeübte Truppen mit einem Male dem Feind entgegenführen sollte, so kann man sich denken, daß es nicht mit der gehörigen Genauigkeit ausgeführt wurde; sobald aber die Musik den begeisternden Yankee-doodle zu spielen anfing und Richard, von Herrn Doolittle begleitet, kühn die Straße hinab den Truppen voranging, setzte sich auch der Zug in Bewegung, mit Kapitän Hollister an der Spitze, der den mit einem niedrigen Eckenhut versehenen Kopf noch einmal so hoch trug und einen schrecklichen Dragonersäbel vor sich ausstreckte, während eine ungeheure stählerne Scheide kriegerisch genug hinter seinen Fersen nachklirrte. Es war ein etwas schwieriges Geschäft, alle Rotten (es waren ihrer sechs) dahin zu bringen, daß sie in die gleiche Richtung blickten; doch befanden sich die Truppen, als sie endlich die Brücke erreichten, in ziemlich guter Ordnung. In dieser Weise marschierten sie den Berg hinan, und es fand keine weitere Veränderung in der Verteilung der Streitkräfte statt, als daß der Sheriff und der Friedensrichter, denen ob der Anstrengung der Atem ausgehen wollte, allmählich hinter den Nachtrab gerieten. Wir halten es für unnötig, die weiteren Bewegungen im einzelnen zu beschreiben, und begnügen uns mit der Angabe, daß die zurückkehrenden Kundschafter die Meldung brachten, die Flüchtlinge hätten Wind von dem Angriff erhalten; aber weit entfernt, sich zurückzuziehen, wie man doch hätte vermuten sollen, seien sie augenscheinlich im Begriff, sich zu einem verzweifelten Widerstand zu befestigen. Diese Nachricht brachte einen wesentlichen Wechsel nicht nur in die Pläne der Führer, sondern auch in die Gesichter des Soldateska. Die Krieger warfen sich gegenseitig bedenkliche Blicke zu, und Richard fing an, sich abseits mit Hiram zu beraten.

So standen die Dinge, als Billy Kirby, die Axt unter seinem Arm und seinem Gespann ebensoweit voraus, wie dies bei Kapitän Hollister seinen Truppen gegenüber der Fall war, auf der Straße daherkam. Der Holzfäller war über die militärische Parade nicht wenig verwundert, aber der Sheriff ließ ihn nicht lange im unklaren, indem er ihn, eingedenk, wie vorteilhaft eine solche Verstärkung sein dürfte, zum Beistand in Vollstreckung des Gesetzes aufforderte. Billy hatte vor Herrn Jones zu große Achtung, um etwas dagegen einzuwenden, und es wurde sofort beschlossen, daß er, ehe man zum Äußersten schritte, die Garnison zur Übergabe auffordern solle. Die Truppen teilten sich jetzt, indem die eine Hälfte unter der Anführung des Kapitäns über den Visionsberg marschierte, um sich der Höhle von der linken Seite zu nähern, während die andere unter dem Befehl des Leutnants von rechts gegen den feindlichen Posten vorrückte. Herr Jones und Doktor Todd – denn natürlich gehörte auch der Wundarzt dazu – wählten ihren Standpunkt auf der Felsenplattform unmittelbar über den Häuptern der Belagerten, jedoch so, daß sie von diesen nicht gesehen werden konnten. Hiram hielt eine solche Nähe für gefährlich und begleitete daher Billy Kirby an der Seite des Berges hin, aber nur bis auf eine sichere Entfernung von der Festung, wo er hinter einem Baum Schutz suchte. Wunderbar war es, welch einen richtigen Blick die meisten Soldaten bei dieser Gelegenheit entfalteten, indem sie gar geschickt irgendeinen Gegenstand in die Linie zwischen sich und dem Feinde zu bringen wußten; denn die zwei einzigen Belagerer, die sich den Augen der Gegner preisgaben, waren Kapitän Hollister auf der einen und der Holzfäller auf der anderen Seite. Der Veteran stand kühn und beharrlich, den schweren Säbel erhoben, im Vordergrund und faßte den Feind kühn ins Auge, während die ungeheure Gestalt Billys in größter Gelassenheit, die Hände in seinen Brusttaschen und die Axt unter seinem rechten Arm, im Stehen ausruhte wie seine Ochsen. Bis jetzt war noch kein Wort zwischen den kriegführenden Mächten gewechselt worden. Die Belagerten hatten einen Haufen schwarzer Holzstämme und Baumzweige zusammengetragen und daraus eine Art Bollwerk gebildet, in welchem vor dem Eingang der Höhle ein kleiner zirkelförmiger Verhau angebracht war. Da der Boden in jeder Richtung um den Platz steil, abschüssig und schlüpfrig, und auf der einen Seite hinter den Werken Benjamin, auf der andern Natty aufgestellt war, so konnte man diese Verteidigungsmaßregeln durchaus nicht verächtlich nennen, namentlich da die Vorderseite durch ihre schwer zugängliche Lage schon hinreichenden Schutz hatte. Kirby hatte inzwischen seine Befehle erhalten; er klomm ganz ruhig und mit einer Nachlässigkeit, als gehe er seinem gewöhnlichen Geschäft nach, den Berg hinauf. Als er sich den Werken ungefähr bis auf hundert Fuß genähert hatte, sah er Lederstrumpfs gefürchtete lange Büchse über der Böschung zum Vorschein kommen und hörte ihn laut rufen:

»Zurück, Billy Kirby, zurück! Ich möchte Euch nicht gerne ein Leid tun; wenn aber einer von Euren Leuten nur um einen Schritt näher kommt, so fließt Blut zwischen uns. Gott möge dem verzeihen, der uns zuerst dazu nötigt, aber es muß sein.«

»Pah, alter Knabe«, versetzte Billy gutmütig, »seid nicht rappelköpfig, sondern hört, was man Euch zu sagen hat. Ich habe bei der Sache nichts zu schaffen und will nur sehen, daß es ehrlich dabei zugehe; auch kümmere ich mich keinen Zimmerspan darum, wer den Sieg davonträgt; aber Squire Doolittle, der hinter jener Buche steht, hat mich ersucht mitzugehen und Euch aufzufordern, daß Ihr Euch dem Gesetz fügen sollt – das ist alles.«

»Ich sehe das Gewürm! Ich sehe seine Kleider«, rief der entrüstete Natty, »und wenn er nur so viel Fleisch zeigt, daß ich eine Büchsenkugel, dreißig aufs Pfund, darin begraben kann, so soll er meine Hand fühlen. Packt Euch fort, Billy, sage ich Euch; Ihr wißt, wie ich ziele, und ich habe keinen Groll gegen Euch.«

»Ihr überschätzt Eure Geschicklichkeit«, entgegnete der andere, indem er hinter eine in der Nähe stehende Fichte trat, »wenn Ihr glaubt, einen Mann durch einen drei Fuß dicken Baum treffen zu können. Ich bin imstande, Euch diesen Stamm in weniger als zehn Minuten auf den Kopf zu stürzen; deshalb seid höflich, – ich will nichts weiter, als was recht ist.«

Nattys Züge waren umwölkt, und man konnte wohl sehen, daß es ihm mit der Sache Ernst war; doch konnte man ebensowenig verkennen, daß er nur ungern Menschenblut vergoß. Er antwortete daher auf die Prahlerei des Holzfällers:

»Ich weiß, daß Ihr diesen Baum hinfallen lassen könnt, wohin Ihr wollt, Billy Kirby; wenn Ihr aber bei solch einem Geschäft eine Hand oder einen Arm zeigt, so wird es Knochen einzurichten und Blut zu stillen geben. Wenn Ihr bloß in die Höhle wollt, so wartet noch zwei Stunden, und es soll Euch kein Hindernis in den Weg gelegt werden, aber jetzt darf es durchaus nicht geschehen. Es liegt bereits eine Leiche auf diesem kalten Felsen, und da ist noch ein anderer, von dem man kaum sagen kann, wie lange es mit ihm dauern wird; wollt Ihr jedoch hereinkommen, so wird es Tote innen und außen geben.«

Der Holzfäller trat furchtlos aus seinem Versteck hervor und rief:

»Das nenne ich ehrlich, und was ehrlich ist, ist recht. Er verlangt, daß Ihr noch zwei Standen zuwartet, und das ist nichts Unbilliges. Ist einer im Unrecht, so mag er allenfalls nachgeben, wenn man ihm nur nicht zu stark zusetzt; tut man aber dies, so geht's wie mit einem störrischen Ochsen – je mehr man darauf losschlägt, desto weniger ist mit ihm auszurichten.«

Die etwas schroffen Begriffe von Unabhängigkeit, die Billy hierdurch an den Tag legte, paßten weder für das Dringliche des Falles noch sagten sie der Ungeduld des Sheriffs zu, der vor Begierde brannte, die Geheimnisse der Höhle zu erforschen. Er unterbrach daher diese freundliche Zwiesprache durch seine eigene Stimme.

»Ich befehle Euch, Nathanael Bumppo, Eure Person dem Gesetze zu übergeben. Und ich befehle Euch, meine Herren, mir in Ausübung meiner Pflicht Beihilfe zu leisten. Benjamin Penguillan, ich arretiere Euch und gebiete Euch kraft dieses Verhaftbefehls, mir in das Gefängnis des Bezirks zu folgen.«

»Ich würde Ihnen folgen, Squire Dickens«, versetzte Benjamin, die Pfeife aus seinem Mund nehmend (denn während des ganzen Auftritts hatte der Exmajordomo in größter Ruhe fortgeraucht), »ja, ich würde hinter Eurem Kielwasser dreinsegeln bis an das Ende der Welt, wenn es ein solches gäbe, was aber nicht der Fall ist wegen ihrer Rundung. Vielleicht, Meister Hollister, wißt Ihr das nicht, weil Ihr Euer ganzes Leben auf dem Lande zugebracht habt; seht also – –«

»Ergebt Euch!« unterbrach ihn der Veteran mit einer Stimme, ob der jeder Hörer erschrak und die auch in der Tat zur Folge hatte, daß seine eigenen Truppen um einige Schritte zurückbebten, »ergebt Euch, Benjamin Penquillum, oder erwartet keinen Pardon.«

»Zum Teufel mit Eurem Pardon!« entgegnete Benjamin, indem er von dem Holzblock, auf dem er saß, aufstand und über den Lauf der Feldschlange wegschielte, die in der Nacht auf den Berg gebracht und nun ihm zur Bedienung anvertraut worden war, um mit ihr die Werke zu verteidigen. »Seht Euch vor, Herr oder Kapitän. Es ist mir zwar zweifelhaft, ob Ihr den Namen eines anderen Taues kennt als dessen, an dem Ihr einst hängen werdet, trotzdem habt Ihr aber durchaus nicht nötig, so zu schreien, als ob Ihr einen tauben Mann auf einer Toppsegelrahe anpreitet. Ihr mögt vielleicht glauben, meinen wahren Namen auf Eurem Schafsfell zu haben; aber welcher britische Matrose, der in diesen Seen segelt, würde sich nicht die Mühe nehmen, für den Notfall eine falsche Flagge an seinem Stern aufzustecken? Wenn Ihr mich Penquillan heißt, so nennt Ihr mich bei dem Namen des Mannes, auf dessen Grund und Boden ich das Tageslicht erblickte. Dieser Mann war ein Gentleman, und das ist mehr, als je mein ärgster Feind einem von der Familie des Benjamin Stubbs nachsagen wird.«

»Gebt mir den Haftbefehl herüber, und ich will ein alias beisetzen«, rief Hiram aus seinem Versteck heraus.

»Setzt ein Aas bei, und Ihr habt Euch selbst darin abkonterfeit, Meister Tu-nur-wenig«, brüllte Benjamin, indem er mit großer Beharrlichkeit über das kleine Eisenrohr wegschielte.

»Ich gebe Euch nur noch einen Augenblick Bedenkzeit«, rief Richard. »Benjamin! Benjamin! Einen solchen Dank hätte ich von Euch nicht erwartet.«

»Ich sage Ihnen, Richard Jones«, entgegnete Natty, der des Sheriffs Einfluß auf seinen Kameraden fürchtete, »daß wir Pulver genug in der Höhle haben, um den Fels, auf dem Sie stehen, in die Luft zu sprengen, wenngleich die Büchse, die das Mädchen brachte, verlorenging. Ich will mein Dach abdecken, wenn Sie uns nicht in Frieden lassen.«

»Es ist unter der Würde meines Amtes, weiter mit den Gefangenen zu parlamentieren«, bemerkte der Sheriff zu seinem Gefährten, worauf beide sich mit so großer Hast zurückzogen, daß Kapitän Hollister dies irrigerweise für das Zeichen zum Angriff hielt.

»Das Bajonett gefällt!« brüllte der Veteran. »Marsch!«

Obgleich ein solches Signal zu erwarten stand, so überraschte es doch die Belagerten ein wenig, und der Veteran näherte sich den Verschanzungen mit dem Ruf: »Mut, meine braven Jungen! Gebt keinen Pardon, wenn sie sich nicht ergeben!« Dabei führte er einen wütenden Hieb mit seinem Säbel, der notwendig den Hausmeister in zwei Hälften geteilt haben müßte, wenn nicht zum Glück die Mündung der Feldschlange diesem Äußersten vorgebeugt hätte. Diese ging in demselben Augenblick, als Benjamin mit seiner Pfeife in die Nähe des Zündlochs kam, los und schleuderte fünf oder sechs Dutzend Büchsenkugeln fast senkrecht in die Luft. Die Physik lehrt, daß die Atmosphäre kein Blei zu tragen imstande ist, weshalb zwei Pfund dieses Metalls in der Form von Kugeln, dreißig aufs Pfund, nach einer in der Luft beschriebenen Parabel wieder zur Erde zurückkehrten und die Baumzweige unmittelbar über den Häuptern der Truppen, die hinter ihrem Kapitän Posto gefaßt hatten, durchrasselten. Für den Erfolg eines Angriffs, der von unregelmäßigen Soldaten gemacht wird, hängt viel von der Richtung ab, die man ihrer ersten Bewegung gibt. Im gegenwärtigen Falle war es eine rückläufige, und das Bellen der Feldschlange war kaum eine Minute unter den Felsen und Grotten verhallt, als die ganze Angriffskraft des linken Flügels auf den tapferen Arm des Veteranen beschränkt war. Benjamin hatte von dem Zurückprallen seines Geschützes eine schwere Kontusion erhalten, infolge deren der Exhausmeister eine Weile besinnungslos auf der Erde lag. Kapitän Hollister benutzte diesen Umstand, um über die Böschung zu klimmen und auf der Bastei festen Fuß zu fassen, – denn so mochte man allenfalls die mit der Höhle verbundenen Festungsteile benennen. Sobald der Veteran sich innerhalb der feindlichen Werke befand, trat er an deren Rand, schwang seinen Säbel über dem Kopf und brüllte: »Viktoria! Heran, meine braven Jungen! Die Werke sind unser.«

All dies war vollkommen militärisch, und als tapferer Offizier war er gewissermaßen verpflichtet, seiner Mannschaft ein solches Beispiel zu geben; aber eben dieser Ruf war die unglückliche Ursache, die den Befehlshaber von der Glanzhöhe seines Triumphes stürzte. Natty, der bisher ein wachsames Auge auf den Holzfäller und den unmittelbar vor ihm stehenden Feind gehabt, wandte sich bei dem Lärm um und erschrak nicht wenig, als er seinen Kameraden auf der Erde liegen und den Veteranen innerhalb des Bollwerkes stehen sah, der fort und fort Viktoria rief. Die Mündung der langen Büchse wandte sich augenblicklich nach dem Kapitän. Es war ein Augenblick, in dem das Leben des alten Kriegers in großer Gefahr stand; aber das Ziel war für Lederstrumpf sowohl zu groß als auch zu nahe, weshalb er, statt den Drücker zu berühren, den Kolben seines Gewehres gegen den Feind brauchte und diesen mit einem mächtigen Ruck weit schneller aus den Werken hinaus spedierte, als er hereingekommen war. Kapitän Hollister langte ganz vorn wieder auf dem Boden an, und die steile und schlüpfrige Seite des Berges schien unter seinen Füßen nachzugeben. Es erfolgte daher jetzt eine äußerst schnelle und unregelmäßige Bewegung, die wohl imstande war, den alten Soldaten ganz außer Fassung zu bringen. In ihrem Verlauf kam es ihm vor, als sitze er zu Pferde und sprenge durch die feindlichen Reihen. Dabei erschienen ihm natürlich die Bäume als feindliche Infanterie, weshalb er nach jedem, dem er begegnete, einen Hieb führte, und als er eben eine halbverbrannte Fichte wie der heilige Georg erlegen wollte, langte er auf dem Fahrweg und zu seinem nicht geringen Erstaunen unmittelbar vor den Füßen seiner eigenen Ehehälfte an. Sobald Frau Hollister, die sich im Geleit von wenigstens zwanzig neugierigen Knaben mit ihrem gewöhnlichen Gehstab in der einen und einem leeren Sack in der anderen Hand den Berg heraufgearbeitet hatte, diese Heldentat ihres Gatten gewahrte, gewann der Unwille nicht allein über ihre Frömmigkeit, sondern auch über ihre Philosophie die Oberhand.

»Zum Henker, Sergeant! Du fliehst?« rief sie. »Muß ich's erleben, einen meiner Männer dem Feind und noch obendrein einem solchen Feind den Rücken kehren zu sehen? Ich erzähle eben den Jungen da, die mich begleiten, von der Belagerung der Stadt York, wie du dabei verwundet wurdest, und wie du dich damals so wacker gehalten; und nun muß ich Zeuge sein, wie du schon nach dem ersten Schuß Reißaus nimmst. Ja, da darf ich wohl meinen Sack wegwerfen; denn wenn's ans Plündern geht, so kommt es natürlich nicht an das Weib eines solchen Kerls, wie du bist. Man sagt noch obendrein, es sei mächtig viel Gold und Silber an dem Platz – der Herr vergebe mir, daß ich mein Herz an so weltliche Dinge hänge, aber was man in der Schlacht abfangen kann, ist nach dem Ausspruch der Schrift das gerechte Eigentum des Siegers.«

»Ich hätte Reißaus genommen?« rief der verwunderte Veteran. »Wo ist mein Pferd? Es ist unter mir erschossen worden. Ich – –«

»Ist der Mensch toll?« unterbrach ihn sein Weib. »Der Teufel mag wohl dein Gaul gewesen sein, Sergeant, denn du bist ja nichts als ein schäbiger Kapitän der Miliz. Ja, wenn der rechte Kapitän hier wäre! Da hättest du einen andern Weg reiten müssen, wenn du's nämlich deinem Führer nachgetan hättest!«

Während sich das würdige Ehepaar in dieser Weise über die Ereignisse verbreitete, begann die Schlacht über ihnen heftiger als je zu wüten. Sobald Lederstrumpf sah, daß sein Feind, wie Benjamin sich ausgedrückt haben würde, mit vollen Segeln davonsteuerte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den rechten Flügel der Belagerer. Es wäre für Kirbys kräftigen Körper ein leichtes gewesen, die Gelegenheit zur Ersteigung der Bastei zu benutzen, und seine Riesenkräfte hätten wohl die beiden Verteidiger dem Veteranen nachschicken können: Feindseligkeit schien jedoch eine Leidenschaft zu sein, die dem Holzfäller im gegenwärtigen Augenblick am allerwenigsten in den Sinn kam; denn er jauchzte mit einer Stimme, die sogar der fliehende linke Flügel hörte:

»Hurra! Hurra! Brav gehalten, Kapitän! Nur fortgemacht! Wie er seinen Buschhaken handhabt! Er macht sich nichts aus einem Schößling!«

Mit solchen und anderen ermutigenden Ausrufen begleitete er den fliegenden Veteranen, bis er sich endlich, ganz hingenommen von seiner Heiterkeit, auf den Boden setzte, vor Freude mit den Füßen auf die Erde stampfte und ein schallendes Gelächter nach dem andern ausstieß. Natty stand diese ganze Zeit über in drohender Haltung, die Büchse auf der Bastei aufgelegt, da und bewachte mit raschem und vorsichtigem Auge jede, auch die geringste Bewegung der Angreifenden. Unglücklicherweise führten Kirbys Rufe Hirams unüberwindliche Neugierde in Versuchung, hinter dem Versteck hervorzusehen, um die Kampflage zu betrachten. Er vollzog dieses Manöver zwar mit großer Behutsamkeit; indem er aber seine Front deckte, gab er wie mancher bessere Befehlshaber die hintere Seite den Angriffen des Feindes preis. Herr Doolittle gehörte physisch zu jener Klasse seiner Landsleute, denen die Bildungskraft der Natur alle gekrümmten Linien versagt hat. Alles an ihm war entweder gerade oder eckig. Aber sein Schneider war eine Frau, die wie ein Regimentslieferant nach Regeln arbeitete, denen zufolge sie bei der ganzen menschlichen Spezies die gleiche Formation annahm. Als sich daher Herr Doolittle in der erwähnten Weise vorwärts beugte, kam ein Stückchen losen Zeugs hinter dem Baum zum Vorschein, auf welches sich Nattys Büchse mit Blitzesschnelle richtete. Ein weniger erfahrener Mann würde auf das leere Gewand gezielt haben, das wie eine Girlande halb zur Erde hinunterhing; Lederstrumpf kannte jedoch sowohl den Mann als auch dessen weiblichen Schneider zu gut, und als sich der rasche Knall der Büchse vernehmen ließ, sah Kirby, der das ganze Manöver in atemloser Erwartung beobachtet hatte, die Rinde von der Buche fliegen und zu gleicher Zeit das Kleid etwas oberhalb der losen Falten sich bewegen. Nie wurde eine Batterie schneller demaskiert, als Hiram nach dieser Begrüßung aus seinem Versteck hervortrat.

Er bewegte sich mit großer Bestimmtheit zwei oder drei Schritte vorwärts, legte eine Hand auf den verletzten Teil, streckte die andere mit drohender Gebärde gegen Natty aus und rief laut:

»Der Teufel gesegne es Euch! Das soll Euch nicht so leicht hingehen. Ich will gegen Euch klagbar werden durch alle Instanzen.«

Eine solch herzbrechende Verwünschung aus dem Munde eines Beamten, wie Squire Doolittle, zusammen mit der Furchtlosigkeit, womit der Mann hervorgetreten, und vielleicht auch mit der Zuversicht, daß Nattys Büchse noch nicht wieder geladen sein konnte, ermutigte die hinten stehenden Truppen, die jetzt laut zu schreien begannen und eine volle Salve nach den Baumwipfeln entsandten, wo zuvor der Inhalt der Feldschlange niedergegangen war. Durch ihr eigenes Geschrei angefeuert, stürmte die Mannschaft bald allen Ernstes vorwärts, und Billy Kirby, der denken mochte, der Spaß, so gut er auch sei, führe doch zu weit, war eben im Begriff, die Werke zu ersteigen, als Richter Temple von der anderen Seite erschien und rief:

»Ruhe und Frieden! Warum wollt Ihr hier Blut vergießen? Ist das Gesetz nicht in der Lage, sich selbst zu schützen, daß man, wie in Krieg und Aufruhr, Bewaffnete versammelt, um die Gerechtigkeit durchzusetzen?«

»Es ist der Landsturm«, schrie der Sheriff von einem fernen Felsen, »der – –«

»Sag lieber ein Teufelssturm. Ich gebiete Frieden!«

»Halt! Kein Blutvergießen!« rief eine Stimme von der Spitze des Visionsberges herab. »Um Gottes willen. – Halt! schießt nicht mehr! Wir geben nach! Ihr könnt in die Höhle gehen!«

Das Erstaunen brachte jetzt die gewünschte Wirkung hervor. Natty, der sein Gewehr wieder geladen hatte, setzte sich ruhig auf die Baumstämme und ließ den Kopf auf seine Hand sinken, während die leichte Infanterie ihre militärischen Bewegungen einstellte und in größter Spannung den Ausgang erwartete.

In weniger als einer Minute stürzte Edwards den Berg herunter, und Major Hartmann folgte ihm mit einer für seine Jahre überraschenden Schnelligkeit. Sie hatten bald die Terrasse erreicht, von wo aus der Jüngling in die Höhle voranging, während die Außenstehenden stumm und verwundert nachblickten.

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