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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XXXVII

 

Selbst aus dem Schattenreiche kehrt
Des Vaters schreckenvoll Gespenst.

Gertrude von Wyoming

 

Eine Stunde lang, nachdem Luise Grant von Miss Temple in der bereits erwähnten Lage verlassen worden war, harrte sie in fieberhafter Angst auf die Rückkehr ihrer Freundin. Als jedoch nach Ablauf dieser Zeit Elisabeth nicht wiedererschien, nahmen Luises Besorgnisse in einem Grade zu, der ihre aufgeregte Phantasie jede Gefahr, die der Wald bergen mochte – die wirkliche ausgenommen, – heraufbeschwören ließ. Der Himmel hatte sich allmählich umdüstert, und ungeheure Rauchwolken ergossen sich über das Tal; Luises Gedanken kehrten jedoch immer zu den wilden Tieren zurück, ohne daß sie sich etwas von der wahren Sachlage träumen ließ. Sie hatte sich am Saum der niedrigen Fichten und Kastanien an der Außenseite des Waldes und unmittelbar über dem Winkel aufgestellt, wo die Straße von der geraden Richtung nach dem Dorf abbog und sich seitwärts bergan zog. Sie konnte daher nicht nur das Tal, sondern auch den Weg unter sich überblicken. Die wenigen Vorübergehenden, deren sie ansichtig wurde, waren in ernste Gespräche vertieft und erhoben ihre Augen häufig nach dem Berg, bis sie endlich auch Leute ihre Höfe verlassen und gleichfalls in die Höhe schauen sah. Beunruhigt durch solche ungewöhnliche Bewegungen, zögerte sie, ihren Posten zu verlassen, obgleich sie sich auch zu bleiben fürchtete. Da wurde das Mädchen durch die dumpfen, knarrenden, aber vorsichtigen Tritte eines Mannes aufgeschreckt, der durch das Gebüsch herankam. Sie wollte eben fliehen, als Natty aus dem Versteck auftauchte und an ihre Seite trat. Der alte Mann lachte, während er ihr freundlich die vor Furcht bebende Hand schüttelte.

»Ich freue mich, Sie hier zu treffen, mein Kind«, begann er, »denn der Rücken des Berges steht in Flammen, und es würde gefährlich sein, jetzt hinaufzugehen, bis das Feuer darüber hinweggeleckt und das tote Holz aufgezehrt hat. Ich traf da oben einen einfältigen Mann – einen Kameraden von dem Schufte, welcher mich in all diese Ungelegenheiten gebracht hat –, der auf der Ostseite nach Erz gräbt Ich sagte ihm, die unachtsamen Wichte, die einen erfahrenen Jäger nach Einbruch der Dunkelheit in den Wäldern zu fangen gedachten, hätten ihre Holzfackeln ins Gebüsch geworfen, und es würde wie Werg aufbrennen; er solle daher den Berg verlassen. Er war jedoch so auf sein Geschäft erpicht, daß ihn keine Gewalt von der Stelle zu bringen vermochte. Wenn er nicht verbrannt ist und sich in der von ihm selbst aufgeworfenen Grube begraben hat, so muß er eine Salamandernatur haben. Ei der Tausend, was fehlt dem Kind! Sie gebärden sich ja so scheu, als ob Sie noch mehr Panther sähen! Ich wollte, es wären deren noch etliche vorhanden; ich könnte damit meine Schuld schneller abbezahlen als mit den Bibern. Aber wo ist das gute Kind eines schlimmen Vaters? Hat sie vergessen, was sie einem alten Mann versprochen?«

»Auf dem Berg! Auf dem Berg!« schrie Luise entsetzt. »Sie sucht Euch auf dem Berg!«

Natty bebte bei dieser unerwarteten Nachricht um etliche Schritt zurück.

»Herr, Gott im Himmel, sei ihr gnädig! Sie ist auf dem Visionsberg, der im gegenwärtigen Augenblicke nur ein Flammenmeer bildet. Kind, wenn Sie die Arme lieben und einen Freund zu finden hoffen, wenn er Ihnen am meisten nottut, so eilen Sie in das Dorf und machen Sie Lärm! Eine gehörige Anzahl Menschen vermag das Feuer vielleicht zu bekämpfen, und so bleibt doch noch eine Hoffnung. Fliegen Sie! Ich bitte, fliegen Sie! Sie dürfen sich nicht einmal Zeit lassen, Atem zu schöpfen.«

Lederstrumpf hatte kaum diese Einschärfung erlassen, als er im Gebüsch verschwand, und Luise sah ihn letztmals, wie er den Berg hinaneilte, und zwar mit einer Hast, wie sie nur Männern zu Gebote steht, die an derartige Anstrengungen gewöhnt sind.

»Hab' ich Sie gefunden?« rief der alte Mann, als er sich durch den Rauch Bahn gebrochen. »Gott sei gelobt, daß ich Sie gefunden habe! Doch folgen Sie mir; jetzt ist keine Zeit zum Schwatzen.«

»Aber mein Kleid!« entgegnete Elisabeth. »Ich darf mich darin der Flamme nicht weiter nähern.«

»Ich dachte wohl an diese luftigen Dinger«, rief Natty, indem er die Falten einer hirschledernen Decke löste, die er um den Arm geschlungen trug, und das Mädchen auf eine Weise darin einhüllte, daß ihr ganzer Körper geschützt war. »Jetzt folgen Sie mir, unser aller Leben steht auf dem Spiel!«

»Aber John! Was soll aus John werden?« rief Edwards. »Können wir den alten Krieger dem sicheren Tode preisgeben?«

Die Augen Nattys folgten der Richtung von Edwards Finger und erblickten den Indianer, der noch immer wie früher dasaß, obwohl sich bereits die Erde unter seinen Füßen im Feuer verzehrte. Der Jäger näherte sich unverzüglich der Stelle und sagte in der Sprache der Delawaren:

»Auf und fort, Chingachgook! Willst du hier bleiben und verbrennen wie ein Mingo am Pfahl? Die Mährischen Brüder haben dich hoffentlich etwas Besseres gelehrt. Gott steh mir bei, das Pulver ist zwischen seinen Beinen losgegangen und hat die Haut seines Rückens geröstet. Willst du kommen, frage ich? Willst du folgen?«

»Warum sollte Mohegan gehen?« erwiderte der Indianer düster. »Er hat die Tage eines Adlers gelebt, und sein Auge wird trübe. Er sieht in das Tal, er sieht auf das Wasser, er sieht in die Jagdgründe, – aber er sieht keinen Delawaren. Jeder hat eine weiße Haut. Meine Väter rufen aus dem fernen Lande: ›Komm!‹ Meine Weiber, meine jungen Krieger, mein Stamm, – alles ruft: ›Komm!‹ Der Große Geist sagt: ›Komm!‹ Laßt Mohegan sterben.«

»Aber du vergißt deinen Freund«, rief Edwards.

»Es ist nutzlos, zu einem Indianer zu sprechen, wenn er den Tod vor Augen hat, Junge«, unterbrach ihn Natty, indem er die Streifen der Decke ergriff und mit wunderbarer Gewandtheit den leidenden Häuptling auf seinen eigenen Rücken band. Dann wandte er sich um, und mit einer Kraft, die nicht allein seinen Jahren, sondern auch seiner Bürde Trotz zu bieten schien, ging er in derselben Richtung, aus welcher er gekommen war, voran. Kaum hatten sie die Terrasse verlassen, als einer der abgestorbenen Bäume, der schon seit einer Minute gewankt, auf die Stelle, wo sie eben gestanden hatten, stürzte und die Luft mit seinen Funken erfüllte.

Ein solches Ereignis war dazu angetan, die Schritte der Entweichenden zu beschleunigen, die jetzt Lederstrumpf mit einer Hast, wie sie der Augenblick erforderte, folgten.

»Tretet auf den weichen Grund«, rief er, als sie von dem Gewölk so umhüllt waren, daß ihnen der Gesichtssinn nur wenig half, »und haltet euch in dem weißen Rauch! Schling dies Fell fest um sie, Junge; sie ist ein Schatz, wie so leicht nicht wieder einer gefunden wird.«

Der Anweisung des Jägers gehorsam, folgten die beiden seinen Tritten, und obgleich der enge Pfad, der die Windungen der Quelle andeutete, durch brennende Stämme und fallende Zweige führte, so fanden sie doch glücklich einen Ausweg. Nur ein durch lange Gewohnheit mit den Wäldern vertrauter Mann konnte diese Richtung durch einen Rauch auffinden, in dem kaum zu atmen und fast nichts zu sehen war. Nattys Erfahrung brachte sie jedoch zu einer Öffnung in dem Felsen, wo sie mit geringer Mühe zu einer andern Terrasse gelangten und in einer leidlich reinen Atmosphäre wieder auftauchten.

Edwards und Elisabeths Empfindungen, als sie diesen Ort erreichten, kann man sich vielleicht vorstellen, aber nicht so leicht beschreiben. Niemand schien jedoch entzückter als ihr Führer, der – immer noch mit Mohegan auf dem Rücken – sich umwandte und mit seinem eigentümlichen Lachen sprach:

»Ich wußte, daß es des Franzosen Pulver war, Mädchen; denn es ging alles mit einemmal los, während das grobe Korn wohl eine Minute lang sprüht. Die Irokesen hatten nicht das beste Pulver, als ich unter Sir William gegen die Kanadastämme zu Felde zog. Hab' ich Euch die Geschichte schon erzählt, Junge? – Ich meine das Scharmützel mit – –«

»Um Gottes willen, erzählt mir jetzt nichts, Natty, bis wir ganz in Sicherheit sind. Wo gehen wir zunächst hin?«

»Ei, wohin sonst, als auf die Felsenplattform über der Höhle; Ihr werdet dort sicher genug sein. Oder wenn Ihr allenfalls Lust habt, so können wir auch hineingehen.«

Der junge Mann fuhr zusammen, und eine heftige Bewegung schien sein Inneres zu durchkreuzen; dann sah er sich ängstlich um und fragte rasch:

»Droht uns auf dem Felsen keine Gefahr? Kann uns das Feuer dort nicht erreichen?«

»Kann der Junge nicht sehen?« versetzte Natty mit der Ruhe eines Mannes, der an Gefahren, wie die eben bestandene, gewöhnt war. »Hättet ihr noch zehn Minuten oben gezögert, so wäret ihr beide jetzt zu Asche gebrannt; aber hier könnt ihr bleiben bis an den Jüngsten Tag, ohne daß euch das Feuer etwas anhaben wird, es sei denn, daß die Felsen ebensogut Feuer fingen wie das Holz.«

Nach dieser augenfällig wahren Versicherung begaben sie sich nach der Stelle, wo Natty seine Last ablegte, indem er den Indianer auf den Boden setzte und mit dem Rücken an ein Felsstück lehnte. Elisabeth sank zusammen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, während ihr Herz unter einem Drang widerstreitender Gefühle schwoll.

»Lassen Sie sich bewegen, Miss Temple, etwas Stärkendes zu sich zu nehmen«, begann Edwards achtungsvoll. »Sie möchten sonst erliegen.«

»Oh, lassen Sie mich«, entgegnete sie, die strahlenden Augen für einen Moment zu dem jungen Mann erhebend, »ich empfinde zu viel, um es in Worten ausdrücken zu können! Mein Herz ist voll Danks, Oliver, für diese wunderbare Rettung, zuvörderst gegen Gott, dann gegen Sie.«

Edwards trat an den Rand des Felsens und rief: »Benjamin! wo seid Ihr, Benjamin?«

Eine heisere Stimme, die aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien, erwiderte:

»Hier, Meister, und zwar in dieses Stück Höhle gestaut, wo es so heiß ist wie in des Kochs Kessel. Ich bin dieser Koje herzlich müde, sehen Sie, und wenn jener Lederstrumpf noch viel zu überholen hat, ehe er nach besagten Bibern aussegelt, so will ich lieber in mein Dock zurückkehren und meine Quarantäne aushalten, bis dem Gesetz sein Recht geschehen und der Rest meiner Spanier alle ist.«

»Bringt ein Glas Quellwasser herauf«, fuhr Edwards fort, »und mischt etwas Wein darunter! Aber ich bitte, beeilt Euch!«

»Ich verstehe mich wenig auf Euer schwaches Getränk, Herr Oliver«, erwiderte der Hausmeister, dessen Stimme gerade aus der Höhle heraufkam, »und der Jamaika hielt nicht länger aus als bis zum Abschiedskuß von Billy Kirby, wie er mich in der letzten Nacht, da ich mich eurer Jagd anschloß, längs der Landstraße vor Anker legte. Aber hier ist etwas Rotes, das vielleicht einem schwachen Magen aufhilft Jener Meister Kirby gehört zwar nicht unter die Besten, wenn sich's um die Führung eines Boots handelt, aber er laviert seinen Karren so gut durch die Baumstümpfe wie ein Londoner Lotse die Kohlenschiffe durch den Pool.«

Der Hausmeister war während dieser Worte herangestiegen und zeigte sich bald auf dem Felsen mit der gewünschten Herzstärkung; in seinem Äußeren ließen sich jedoch die Spuren seiner Zecherei nicht verkennen.

Elisabeth nahm aus Edwards' Hand den angebotenen Trank, worauf sie ihm durch einen Wink bedeutete, er möchte sie wieder allein lassen.

Der Jüngling entsprach ihrem Wunsch, und als er sich von ihr abwandte, bemerkte er, wie liebevoll Natty ohne Unterlaß um Mohegans Person beschäftigt war. Der Blick des alten Jägers begegnete dem seinigen.

»Seine Zeit ist gekommen. Junge«, sprach er bekümmert; »ich sehe es in seinen Augen. Wenn ein Indianer den Blick immer auf eine Stelle heftet, so will er damit sagen, daß er in dieser Richtung zu gehen gedenkt; und was sich diese eigensinnigen Menschen in den Kopf setzen, das führen sie auch sicherlich aus.«

Rasch näher kommende Schritte verhinderten eine Antwort, und zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft sah man Herrn Grant den Berg hinanklimmen, eifrig bemüht, den Ort zu erreichen, wo sie standen. Oliver sprang ihm bei, und durch ihre vereinten Anstrengungen gelang es bald, dem würdigen Geistlichen wohlbehalten in ihre Mitte zu helfen.

»Wie kommt es, daß wir Sie hier sehen?« rief Edwards. »Ist das jetzt wohl eine Zeit, den Berg zu besuchen?«

Die hastigen und frommen Dankgebete des Geistlichen waren bald beendet und als es ihm gelungen war, seine verwirrten Sinne zu sammeln, versetzte er:

»Ich hörte, daß man mein Kind am Gebirge gesehen habe, und als das Feuer auf dem Gipfel ausbrach, trieb mich meine Unruhe ins Freie, wo ich Luise in Todesängsten um Miss Temple fand. Ich bin an diesen gefährlichen Ort gekommen, um sie aufzusuchen, und ich glaube, ohne den Schutz Gottes und ohne Nattys Hunde wäre ich wohl in den Flammen umgekommen.«

»Ja, den Hunden darf man nachgehen; denn wenn irgendwo noch eine Öffnung da ist, so werden sie diese sicher auswittern«, entgegnete Natty. »Dem Hund ist die Nase, was dem Menschen die Vernunft ist.«

»Ich machte es so, und sie führten mich an diese Stelle; aber Gott sei gelobt, daß ich euch alle wohl und sicher sehe!«

»Ei nein«, erwiderte der Jäger, »wir sind zwar sicher, aber was das Wohlsein betrifft, so läßt sich das auf John nicht anwenden, wenn Sie nicht allenfalls einen Abschied vom Irdischen darunter verstehen.«

»Der Mann hat recht«, sagte der Geistliche mit der heiligen Würde, mit der er sich Sterbenden zu nähern pflegte, – »ich bin schon zu oft an Sterbebetten gewesen, um nicht zu sehen, daß der große Sieger über das Leben Hand an diesen alten Krieger gelegt hat. Oh, wie tröstlich ist es, zu wissen, daß er den liebenden Arm der Gnade nicht zurückgewiesen hat in der Stunde der Kraft und der weltlichen Versuchung! Der Abkömmling eines heidnischen Stammes ist in Wahrheit wie ein Brand aus dem Feuer gerettet worden.«

»Nein, nein«, versetzte Natty, der allein mit ihm an der Seite des sterbenden Kriegers stand, »das Feuer ist's nicht, was ihm zu Herzen ging, denn um dessentwillen rührt sich ein Indianer nicht, es müßte denn das Feuer sein, was die bösen Gedanken von beinahe achtzig Jahren verzehren soll; aber seine Natur erliegt einer Jagd, die schon zu lange gedauert hat. Nieder mit dir, Hektor! Nieder mit dir! sage ich. – Fleisch ist nicht Eisen, daß ein Mensch ewig leben kann, zumal wenn er sieht, daß all die Seinigen in ein fernes Land getrieben worden sind und er allein zurückgeblieben ist, um zu klagen, ohne daß ihm jemand Gesellschaft leistete.«

»John«, sprach der Geistliche mit Zartgefühl, »hörst du mich? Wünschst du, in diesem Augenblick der Prüfung die vorgeschriebenen Kirchengebete zu hören?«

Der Indianer wandte das gespenstische Antlitz dem Sprecher zu und heftete seine dunklen Augen fest, aber mit leerem Ausdruck auf ihn. Er schien ihn nicht zu erkennen; dann bewegte er sein Haupt langsam wieder nach dem Tal und begann in den tiefen Kehllauten der Delawaren zu singen, wobei sich im Verlauf seines Liedes die Worte immer bestimmter und bestimmter vernehmen ließen:

»Ich will kommen! Ich will kommen! Ins Land der Gerechten will ich kommen! Ich hab' die Maquas erschlagen! Ich habe die Maquas erschlagen, und der Große Geist ruft seinem Sohn. Ich will kommen! Ich will kommen! Ins Land der Gerechten will ich kommen!«

»Was sagt er, Lederstrumpf?« fragte der Geistliche mit warmer Teilnahme. »Singt er das Lob des Erlösers?«

»Nein, nein, – er spricht jetzt von seinem eigenen Ruhm«, antwortete Natty, indem er sich trauernd von jenem sterbenden Freund abwandte, »und er hat ein Recht dazu; denn ich weiß, daß jedes seiner Worte wahr ist.«

»Möge Gott eine solche Selbstgerechtigkeit ferne von seinem Herzen halten! Demut und Reue besiegeln den Bund der Christenheit, und wenn diese Gefühle nicht tief in der Seele wurzeln, so ist alle Hoffnung eitel. Wie kann er sich selbst rühmen, wenn Seele und Leib sich vereinigen sollen, den Schöpfer zu preisen? John, du hast den Segen des Evangeliums erfahren und bist aus einer Menge von Sündern und Heiden berufen worden, wie ich nicht zweifle, zu weisen und gnädigen Zwecken. Fühlst du jetzt, was es ist, gerechtfertigt zu sein durch den Tod unseres Heilandes: fühlst du, wie sehr uns die Zuversicht auf gute Werke im Stich läßt, die aus dem Stolz und dem eitlen Ruhm des Menschen entspringt?«

Der Indianer antwortete nicht auf die Worte des Fragers und sprach mit leiser, aber deutlicher Stimme:

»Wer kann sagen, daß die Maquas Mohegans Rücken gesehen haben? Welcher Feind, der Vertrauen in ihn setzte, hat nicht den Morgen wiedergesehen? Welcher Mingo, dem er nachsetzte, sang je das Siegeslied? Hat Mohegan je gelogen? Nein, die Wahrheit lebte in ihm, und nichts anderes konnte aus seinem Munde kommen. In seiner Jugend war er ein Krieger, und seine Mokassins trieften von Blut. In seinem Alter war er weise; seine Worte am Beratungsfeuer wurden nicht vom Winde verweht«

»Ach, er hat nun in seinem Gesang die eitlen Überreste des Heidentums aufgegeben!« rief der gute Geistliche. »Was spricht er jetzt? Erkennt er seinen verlorenen Zustand?«

»Ach Gott, Mann«, entgegnete Natty, »er weiß so gut wie Sie oder ich, daß sein Ende nahe ist; aber weit entfernt, seinen Zustand für einen verlorenen zu halten, glaubt er vielmehr, dadurch viel zu gewinnen. Er ist alt und steif, und Ihr habt das Wild so selten und scheu gemacht, daß sogar bessere Schützen als er es schwer finden, ihr Leben zu fristen. Er hofft jetzt, an einen Ort zu gehen, wo es immer gute Jagdgründe gibt, wo kein schlechter oder ungerechter Indianer hinkommt, und wo er seinen ganzen Stamm wieder antrifft. Ein Mann, dessen Hände kaum noch Körbe flechten können, verliert nichts durch den Tod, und wenn von einem Verlust die Rede ist, so ist er auf meiner Seite. Ach, wenn er heimgegangen ist, wird mir wenig mehr übrig bleiben, als ihm zu folgen.« »Sein Beispiel und Ende, das, wie ich demütig hoffe, noch herrlich sein wird«, erwiderte Herr Grant, »sollte Euren Geist auf die Betrachtung eines anderen Lebens führen. Ich fühle jedoch, daß es meine Pflicht ist, dem hinscheidenden Geist den Weg zu ebnen. – Der Augenblick ist da, John, wo der Rückblick auf deine Hingabe an die Vermittlung deines Erlösers Balsam in deine Seele bringen muß. Verlaß dich nicht auf die Wirkungen deines früheren Lebens, sondern lege die Last deiner Sünden zu Seinen Füßen nieder, um dir die segensvolle Gewißheit zu erkaufen, daß er dich, seiner Verheißung gemäß, nicht verlassen werde.«

»Was Sie da sagen, ist wohl wahr und auf Worte des Evangeliums gegründet«, versetzte Natty. »Sie werden aber nichts mit dem Indianer anfangen können. Er hat seit dem Krieg keinen Mährischen Priester mehr gesehen, und es ist schwer, einen Indianer abzuhalten, auf seinen ursprünglichen Weg zurückzukehren. Es wird daher besser sein, den alten Mann in Frieden hinscheiden zu lassen. Er ist jetzt glücklich, ich lese es in seinem Auge; das ist mehr, als sich von dem Häuptling sagen ließ, seit die Delawaren von den Quellen ihres Flusses aufbrachen und nach Westen zogen. Ach! das ist eine schmerzlich lange Zeit, und wir haben seitdem viele trübe Tage miteinander gesehen.«

»Hawk-eye!« sprach Mohegan, die letzten Lebensreste zusammenfassend. »Hawk-eye, höre auf die Worte deines Bruders!«

»Ja, John«, versetzte der Jäger in englischer Sprache, indem er sich, tief ergriffen von diesem Ausruf, über ihn niederbeugte, »wir sind Brüder gewesen, Brüder in einem engeren Sinne, als es die Sprache der Indianer gewöhnlich versteht. Was willst du von mir, Chingachgook?«

»Hawk-eye! Meine Väter rufen mich in die glücklichen Jagdgründe. Der Pfad ist offen, und die Augen Mohegans werden wieder jung. Ich blicke umher, – aber ich sehe keine weißen Häute; dort sind nur gerechte und brave Indianer. Leb wohl, Hawk-eye! – Du wirst mit dem Feueresser und dem jungen Adler in den Himmel der Weißen gehen; mich aber zieht es zu meinen Vätern. Laß den Bogen, den Tomahawk, die Pfeife und den Gürtel Mohegans in sein Grab legen; denn er wird wie ein Krieger auf dem Kriegspfad zur Nachtzeit aufbrechen und darf sich dann nicht aufhalten, um sie zu suchen.«

»Was sagt er, Nathanael?« rief Herr Grant angelegentlich und mit augenscheinlicher Beklemmung. »Beruft er sich auf die Verheißungen unseres göttlichen Mittlers? Und sucht er sein Heil in dem Felsen der Zeiten?«

Obgleich der Glaube des Jägers keineswegs ein klarer war, so waren die Früchte seines früheren Unterrichts doch in der Wildnis nicht ganz verlorengegangen. Er glaubte an einen einzigen Gott und einen einzigen Himmel, und sobald ihm das überwältigende Gefühl, das ihn beim Abschied von seinem alten Freund ergriff und sich in jeder Muskel seines verwitterten Gesichtes ausdrückte, zu reden gestattete, versetzte er:

»Nein, – nein, – er vertraut nur auf den Großen Geist der Wilden und auf seine eigenen guten Handlungen. Er glaubt wie alle seines Volkes, daß er nun wieder jung werde und jage und glücklich sei, bis an das Ende der Ewigkeit. Es ist fast das gleiche wie bei den Leuten von anderen Farben, Pfarrer. Ich kann mir zwar nicht denken, daß ich diese Hunde und mein Gewehr in einer anderen Welt wiedertreffen werde, aber doch überwältigen mich hin und wieder bei dem Gedanken, sie für immer verlassen zu müssen, bittere Gefühle, und ich klammere mich deshalb begieriger an das Leben an, als es sich wohl für einen Siebziger ziemen mag.«

»Möge Gottes Barmherzigkeit einen solchen Tod von denjenigen abwenden, welche mit dem Zeichen des Kreuzes besiegelt sind!« rief der Geistliche in heiligem Eifer. »John –«

Die Macht der Elemente gebot ihm jedoch innezuhalten. Während das eben Mitgeteilte stattfand, hatten sich ohne Unterlaß schwere düstere Wolken am Horizont aufgetürmt, und die ehrfurchtgebietende Stille, die jetzt in der Luft herrschte, verkündigte eine Krisis im Zustand der Atmosphäre. Die Flammen, die noch immer an der Flanke des Berges fortwüteten, wirbelten nicht länger in den selbsterzeugten, wechselnden Luftströmungen, sondern loderten hoch und stetig gen Himmel. Es lag sogar in den Verheerungen des feindseligen Elementes eine Ruhe, als sehe es voraus, daß eine Hand, größer als seine eigene verderbenbringende Gewalt, im Begriff sei, seinen Fortschritt zu hemmen. Die Rauchmassen, die über dem Tal lagen, begannen aufzusteigen und sich rasch zu zerstreuen, und Blitze durchzuckten die über den westlichen Bergen hängenden Wolken. Während Herr Grant noch sprach, fuhr ein leuchtender Strahl durch das Dunkel, den ganzen gegenüberliegenden Horizont beleuchtend, und unmittelbar darauf folgte ein lautes Donnergetöse, das schwer über die Berge hinrollte und die Erde in ihren Grundfesten zu erschüttern schien. Mohegan richtete sich auf, als nehme er dies für ein zu seinem Abscheiden gegebenes Zeichen, und streckte seine abgemagerten Arme gen Westen. Auf seinem dunklen Gesicht leuchtete ein Blick der Freude, der sich jedoch allmählich in eine ausdruckslose Starrheit auflöste; seine Muskeln erschlafften, als er seine ruhende Stellung wieder einnahm – ein leichtes Zucken spielte leise um seine Lippen, und sein Arm sank langsam an der Seite nieder. Der Körper des toten Kriegers lag an den Felsen gelehnt, die gläsernen Augen weit offen und auf die fernen Berge geheftet, als ob die verlassene Hülle dem Flug des Geistes nach seinem neuen Aufenthalt nachschaue. Herr Grant war mit stummem Entsetzen Zeuge dieser Szene; als aber der letzte Widerhall des Donners dahinstarb, schlug er mit frommem Eifer seine Hände zusammen und sprach in den vollen, reichen Tönen eines überzeugten Glaubens:

»Oh, Herr! wie unerforschlich sind deine Gerichte und wie unergründlich deine Wege! Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und daß er wiederkommen wird am Tage des Gerichtes. Mögen auch die Würmer diesen Körper zerstören, so werde ich doch in meinem Fleische Gott schauen: ja, diese meine Augen werden ihn sehen, der meine Zuversicht hienieden war.«

Als der Geistliche sein Gebet geschlossen, ließ er das Haupt demütig auf die Brust sinken, und in seinem ganzen Wesen sprach sich das ergebungsvolle Vertrauen aus, dem seine Begeisterung Worte geliehen hatte.

Sobald Herr Grant von der Leiche zurückgetreten war, näherte sich der Jäger seinem verblichenen Freund, ergriff dessen welke Hand und sah ihm eine Weile stumm und nachdrücklich in das erstarrte Gesicht; dann machte er seinen Gefühlen Luft, indem er mit der wehmütigen Stimme eines tief ergriffenen also begann:

»Rote Haut oder weiße, – es ist jetzt alles vorüber! Er wird einen gerechten Richter finden, der sich nicht an Gesetze bindet, welche die Menschen gemacht haben. Nun, jetzt braucht nur noch einer zu sterben, und die Welt bleibt mir und meinen Hunden überlassen. Freilich muß der Mensch harren, bis es Gott gefällt, aber ich fange an, des Lebens müde zu werden. Die Bäume, die ich kenne, werden niedergeschlagen, und es wird mir schwer, ein Gesicht zu finden, mit dem ich in jüngeren Tagen vertraut war.«

Jetzt begannen große Tropfen Regen zu fallen und den trockenen Fels zu befeuchten, während das Gewitter rasch näher kam. Die Leiche des Indianers wurde hastig nach der Höhle hinuntergeschafft, und die Hunde folgten winselnd; denn sie vermißten den Blick, mit dem der Häuptling stets ihre Begrüßungen hingenommen hatte.

Edwards entschuldigte sich hastig und verwirrt, daß er Elisabeth nicht an denselben Ort, der jetzt vorn vollständig mit Holzpflöcken und Baumrinden geschlossen war, mitnehmen könne, indem er unverständlich etwas von dessen Dunkelheit und von der Unannehmlichkeit, sich mit einer Leiche in demselben Raum zu befinden, sprach. Miss Temple fand jedoch unter dem Felsenvorsprung einen zureichenden Schutz gegen die Regengüsse. Aber lange, ehe das Gewitter vorüber war, ließen sich von unten Stimmen hören, die laut nach Elisabeth riefen, und bald erschienen Männer, welche die noch glimmende Asche des Gebüsches niederschlugen, während sie sich vorsichtig durch die fast erloschenen Brandstellen arbeiteten.

Sobald der Regen nachließ, führte Oliver Elisabeth nach der Straße, wo er sich von ihr trennte. Ehe sie jedoch schieden, ergriff er die Gelegenheit, mit einer Wärme, die das Mädchen jetzt recht wohl zu deuten wußte, zu sprechen:

»Die Zeit des Geheimnisses ist vorüber, Miss Temple. Morgen um diese Zeit werde ich einen Schleier entfernen, den ich so lange um mich und meine Angelegenheiten zu hüllen schwach genug war. Doch wer hat nicht in seiner Jugend, wenn Leidenschaften in seinem Innern wühlen, seine romanhaften und törichten Schwächen? Gott behüte Sie! Ich höre die Stimme Ihres Vaters; er kommt den Weg herauf, und ich möchte jetzt nicht aufgehalten werden. Gott sei Dank, daß Sie gerettet sind! Dieser Gedanke allein wälzt die Last einer Welt von meiner Seele.«

Er wartete nicht auf Antwort, sondern enteilte in den Wald. Obgleich Elisabeth die Stimme ihres Vaters rufen hörte, so blieb sie doch stehen, bis der junge Mann unter den rauchenden Bäumen verborgen war; dann wandte sie sich um, und im Nu lag sie in den Armen ihres vor Angst halb wahnsinnigen Vaters.

Man hatte auf den Ruf, daß die Verlorene gefunden sei, einen Wagen herbeigeschafft, von dem Miss Temple alsbald Gebrauch machte, und die Leute kehrten nach dem Dorf zurück, zwar naß und schmutzig, aber neu belebt durch den Gedanken, daß die Tochter ihres Grundherrn einem so frühen und schrecklichen Ende entronnen sei. Die Wahrscheinlichkeit eines Waldbrandes, wie der hier beschriebene, ist in Zweifel gezogen worden. Der Verfasser weiß hierauf nichts zu erwidern, als daß er einmal in einem anderen Teil von Neuyork ein solches Feuer mitansah, welches einen Mann zwang, seinen Wagen und seine Pferde auf der Straße stehen zu lassen, wo diese auch ihren Untergang fanden. Um über die Möglichkeit eines solchen Ereignisses ein richtiges Urteil zu fällen, muß man die Wirkungen einer langen Dürre in diesem Klima und die Menge toten Holzes mit in Rechnung bringen, die sich in einem Wald wie dem hier erwähnten vorfand. Die Waldbrände in Amerika sind oft so wütend, daß ihr Einfluß auf die Luftströmung fünfzig Meilen weit fühlbar wird, und gewöhnlich werden ihnen auch Häuser, Scheunen und Zäune, die sie in ihrem Lauf berühren, zum Raube.

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