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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XXXVII

 

Die Liebe herrscht ob Hof und Feld und Hain.

Lied des letzten Minstrels

 

»Es wäre in der Tat traurig gewesen, dich auf eine solche Weise zu verlieren, mein alter Freund«, rief Oliver, sobald er so weit zu Atem gekommen war, um sprechen zu können. »Auf und fort! Vielleicht ist es jetzt schon zu spät. Die Flammen ziehen sich im Kreis um die Felsenspitze, und wenn wir hier nicht durch können, bleibt uns kein anderer Ausweg als über den Absturz hinunter. Auf! Auf! Schüttle deine Schlaffheit ab, John! Der Augenblick drängt!«

Mohegan deutete auf Elisabeth, welche, sobald sie die Töne von Edwards Stimme erkannt, die Gefahr vergessen und sich hinter einen Felsenvorsprung zurückgezogen hatte, und sprach mit neu erwachendem Leben:

»Rette sie – laß John sterben!«

»Sie? Wen meinst du?« rief der Jüngling, indem er sich rasch nach der von dem Indianer angedeuteten Stelle umwandte; – als er aber Elisabeths Gestalt sah, in deren Haltung sich sowohl der Schreck als auch ein Mißbehagen ausdrückte, mit dem jungen Mann an einem solchen Ort zusammenzutreffen, fühlte er sich vor Entsetzen fast der Sprache beraubt.

»Miss Temple!« rief er, als er wieder Worte fand. »Sie hier? Ach, daß Ihnen ein solcher Tod vorbehalten sein mußte!«

»Nein, nein, nein – kein Tod, hoffe ich, für irgend jemand von uns, Herr Edwards«, versetzte sie, indem sie sich bemühte, ruhig zu sprechen. »Es ist nur Ranch vorhanden, kein Feuer, das uns beschädigen könnte. Versuchen wir's zu fliehen!«

»Nehmen Sie meinen Arm«, entgegnete Edwards, »es muß irgendwo noch eine Lücke sein, um uns durchzuhelfen. Aber sind Sie auch der Anstrengung gewachsen?«

»Gewiß. Doch ich glaube nicht, daß die Gefahr so groß ist, Herr Edwards. Führen Sie mich nach der Richtung, wo Sie herkamen.«

»Ich will – ich will«, rief der Jüngling mit einer Art verzweifelter Entschlossenheit. »Ja, ja – dort ist keine Gefahr, ich habe Sie unnötig beunruhigt.«

»Aber sollen wir den Indianer verlassen? – Können wir ihn, wie er sagt, sterben lassen?«

Ein Ausdruck schmerzlicher Erregung flog über das Gesicht des jungen Mannes; er hielt an und warf einen wehmütigen Blick auf Mohegan zurück, ohne jedoch seine Gefährtin loszulassen, die er mit gewaltigen Schritten vorwärts zog, um in der Richtung, aus der er gekommen war, einen Weg durch den Flammenkreis zu suchen.

»Nehmen Sie keine Rücksicht auf ihn«, sprach er mit der Ruhe der Verzweiflung. »Er ist an die Wälder und an solche Szenen gewöhnt und entkommt vielleicht auf den Berg – über den Felsen – oder bleibt auch wohl, wo er ist, ohne daß seine Sicherheit gefährdet würde.«

»Sie waren eben erst noch anderer Ansicht, Edwards! – Lassen Sie ihn nicht dort, um eines solchen Todes zu sterben«, rief Elisabeth und heftete dabei auf das Antlitz des Jünglings einen Blick, der die Gesundheit der Sinne ihres Führers zu bezweifeln schien.

»Ein Indianer und verbrennen! Wer hat je gehört, daß ein Indianer im Feuer gestorben wäre? Ein Indianer kann nicht verbrennen, der Gedanke ist lächerlich. Eilen Sie, eilen Sie, Miss Temple! – Der Rauch könnte Ihnen gefährlich werden.«

»Edwards! Ihr Blick, Ihr Auge erschreckt mich! Sagen Sie mir aufrichtig, ist die Gefahr größer, als sie scheint? Und wenn es das Äußerste wäre, – ich bin darauf gefaßt.«

»Wenn wir jene Felsenspitze erreichen können, ehe sich die Feuermasse ihrer bemächtigt, so sind wir geborgen, Miss Temple!« rief der junge Mann mit einer Stimme, die alle Schranken seiner erzwungenen Fassung niederbrach. »Fliehen Sie, was Sie können! – Es gilt Ihr Leben!«

Der Ort, wo Miss Temple den Indianer getroffen hatte, war, wie bereits gesagt, eine jener Felsenplattformen, die in den Gebirgen dieser Gegend eine Art von Terrassen mit hoher senkrechter Front bilden. Sie beschrieb einen fast regelmäßigen Kreisbogen, dessen Enden sich in weniger steilem Anstieg mit dem Gebirge vereinigten. Über eine derselben war Edwards herabgekommen, und ebendahin drängte er Elisabeth mit verzweifelter Hast zurück.

Ungeheure Wolken weißen Rauches umlagerten die Spitze des Berges und verbargen das Umsichgreifen des wütenden Elements; aber ein prasselnder Ton zog die Augen der an Edwards Seite vorwärts stürzenden Miss Temple nach der Grenze des Rauches, und sie sah bereits die wehenden Flammen dem Dunstgewölk voranschießen, bald hoch in die Luft auflodernd, bald wieder zur Erde sinkend, wo sie jeden Strunk und jedes Gesträuch, das ihrem glühenden Hauch nahe kam, zu verzehren schienen. Dieser Anblick trieb die beiden Flüchtlinge zu verdoppelter Kraftanstrengung, aber unglücklicherweise lag ein Haufen alter dürrer Baumwipfel quer über ihrem Weg, und in demselben Augenblick, als sie sich schon gerettet glaubten, warfen die warmen Luftströmungen eine doppelte Flammenzunge nach dem Holzstoß, der im Augenblick der Berührung auch Feuer fing, und als sie den Ort erreichten, fanden sie ihren Weg durch eine prasselnde Lohe, ähnlich der in einem Ofen hell auflodernden, versperrt. Sie bebten zurück und flüchteten nach einer Felsenspitze, von wo aus sie betäubt in die Flammen blickten, die rasch weitergriffen und bald die ganze Flanke des Berges in ein wogendes Feuermeer verwandelten. Elisabeths leichter und luftiger Anzug machte es sogar gefährlich, sich auch nur in die Nähe des wütenden Elements zu wagen, und dieselben fliegenden Gewänder, die ihrer Gestalt soviel Weichheit und Anmut verliehen, schienen nun bestimmt zu sein, ihre Vernichtung herbeizuführen.

Die Dorfbewohner pflegten auf diesem Berg ihr Brenn- und Bauholz zu holen, wobei sie jedoch immer nur die Stämme nahmen und Wipfel und Zweige zurückließen, um sie an Ort und Stelle verwittern zu lassen. Der Berg war daher mit Massen solchen leichten Brennstoffs bedeckt, der unter der sengenden Sonne der letzten zwei Monate bei der leichtesten Berührung mit Feuer entzündet werden konnte. In der Tat schien es auch in einzelnen Fällen der Berührung gar nicht zu bedürfen; denn es war, als ob die Flammen von Haufen zu Haufen schössen, wie das fabelhafte Feuer, welches die vernachlässigte Flamme des heidnischen Tempels wieder entzündete.

Der Anblick war ebenso schön wie schrecklich, und Edwards schaute, ebenso wie Elisabeth auf die fortschreitende Verheerung mit einem seltsamen Gemisch von Entsetzen und Teilnahme. Er erwachte jedoch bald wieder zu neuen Kraftanstrengungen und zog seine Gefährtin am Saum des Rauches entlang, wobei er oft, aber stets erfolglos, in den dichten Wolken einen Durchgang suchte. Sie hatten in dieser Weise einen Halbkreis um den oberen Teil der Terrasse beschrieben, bis sie, an deren anderem Ende angelangt, zu der schrecklichen Überzeugung kamen, daß sie vollständig vom Feuer umgeben seien. Solange noch irgendein auf- oder abwärts führender Durchlaß nicht erkundet war, durfte man doch noch hoffen; sobald aber jedes Entkommen durchaus unmöglich erschien, erfaßten Elisabeth die Schrecken ihrer Lage ebensosehr, wie sie bisher die Gefahr leicht zu nehmen geneigt gewesen war.

»Dieser Berg ist zu meinem Verderben bestimmt«, flüsterte sie, »wir werden hier unser Grab finden!«

»Sprechen Sie nicht so, Miss Temple; noch ist die Hoffnung nicht verloren«, entgegnete der Jüngling in dem gleichen Ton, obgleich der starre Ausdruck seines Auges diesen Worten widersprach. »Wir wollen zu der Spitze des Felsens zurückkehren; dort ist, – dort muß noch eine Stelle sein, wo wir hinabsteigen können.«

»So führen Sie mich hin«, rief Elisabeth. »Wir wollen nichts unversucht lassen.«

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern flog dem Rand des Absturzes zu, während sie in unterdrücktem, krampfhaftem Schluchzen vor sich hinmurmelte: »Mein Vater! mein armer, mein unglücklicher Vater!«

Edwards war im Augenblick an ihrer Seite und sah sich in den Spalten der Klippen fast die Augen aus nach einer Öffnung, welche die Flucht hätte ermöglichen können. Aber schon die obere Fläche des Felsens war so glatt, daß sie dem Fuß kaum sicher aufzutreten gestattete; wieviel weniger war nun daran zu denken, sich der schwachen Vorsprünge zu bedienen, um etwa hundert Fuß hinabzusteigen! Edwards sah bald ein, daß auch hier nichts zu hoffen war, und mit einer Art von fieberhafter Verzweiflung, die ihn zu erneuter Tätigkeit drängte, schritt er zu einem weiteren Versuch.

»Es bleibt uns nichts übrig, Miss Temple«, sagte er, »als Sie von hier aus auf den unten liegenden Felsen hinabzulassen. Wenn Natty hier wäre, oder wenn nur dieser Indianer aus seiner Erstarrung aufgeweckt werden könnte, so würden ihr Scharfsinn und ihre lange Erfahrung wohl Wege finden; ich bin jedoch für den gegenwärtigen Augenblick in allem anderen, nur nicht in meinem Mut, wie ein Kind. Wo finde ich einen Ausweg? Mein Anzug ist so leicht und ungenügend, – doch Mohegans Decke! Wir müssen es versuchen, – wir müssen es versuchen, – was es auch sei, alles ist besser, als Sie das Opfer eines solchen Todes werden zu sehen!«

»Und was soll aus Ihnen werden?« versetzte Elisabeth. »Nein, weder Sie noch John sollen meiner Rettung zum Opfer fallen!«

Er hörte sie nicht, sondern war bereits an Mohegans Seite, der sich ohne Widerrede die Decke nehmen ließ, indem er dabei mit indianischer Würde und Fassung seinen Sitz beibehielt, obgleich seine eigene Lage gefährlicher als die der anderen war. Die Decke wurde in Streifen geschnitten, und die Bruchstücke aneinander geknüpft, wobei auch noch die Linnenjacke des Jünglings und Elisabeths leichter Musselinschal Beihilfe leisten mußten. Die Leine wurde mit Blitzesschnelle über den Felsen hinabgeworfen, aber sie reichte nicht zur Hälfte aus, um den Boden zu erreichen.

»Es geht nicht, – es geht nicht!« rief Elisabeth. »Für mich ist keine Hoffnung! Das Feuer greift zwar langsam, aber sicher um sich. Sehen Sie, es verzehrt sogar den Boden vor sich her.«

Hätten sich die Flammen an dieser Stelle nur halb so schnell verbreitet, wie es an andern Teilen des Berges der Fall war, wo sie von Busch zu Baum lecken konnten, so wäre unser trauriger Bericht bereits zu Ende, da die Eingeschlossenen ihnen schon längst hätten zum Raub werden müssen. Aber die Eigentümlichkeit ihrer Lage gewährte Elisabeth und ihren Gefährten soviel Aufschub, daß sie die erwähnten Versuche noch machen konnten.

Die dünne Erdrinde, die den Felsen bedeckte, barg nur einige welke Kräuter, und die meisten Bäume, die in den Spalten Wurzel gefaßt hatten, waren infolge der großen Hitze in den vorangehenden Sommern bereits abgestorben. Einige trugen noch ein paar welke Blätter als letzte Spuren des Lebens, die übrigen waren nur tote Stümpfe von Fichten, Eichen und Ahornbäumen. Ein besseres Material zur Nahrung für das Feuer hätte nicht gefunden werden können, wenn es mit den Flammen in Berührung gekommen wäre; der Boden entbehrte jedoch ganz und gar des Gebüsches, durch welches das zerstörende Element, einem Waldstrom gleich, den übrigen Berg entlang fortgepflanzt wurde. Zu diesem Mangel an Brennstoff kam noch hinzu, daß eine der großen Quellen, von denen es in diesem Bezirk wimmelt, über dem Abhang entsprang und, nachdem sie eine Weile träge auf ebener Fläche fortgeflossen, die Moosdecke des Felsens befeuchtete und um die Basis des kleinen Kegels rann, der die Spitze des Berges bildete; sie rieselte unter dem Rauchgewölk nahe bei dem einen Ende der Terrasse vorbei und fand ihren Weg nach dem See durch die geheimen Kanäle der Erde, ohne von Fels zu Fels zu stürzen. In nassen Jahreszeiten bildete sie wohl hin und wieder ein Bächlein, aber in trockenen Sommern ließ sie sich nur an dem moosigen, sumpfigen Grunde erkennen, der die Nähe von Wasser anzeigt. Als das Feuer diese Barriere erreichte, mußte es innehalten, bis eine Konzentration der Hitze die Feuchtigkeit überwand, einer Armee gleich, die nur das Heranrücken ihres Nachtrabs erwartet, um den Weg der Zerstörung weiterzugehen.

Der verhängnisvolle Augenblick schien nun gekommen zu sein; denn die zischenden Dämpfe der Quelle waren beinahe erschöpft, und das Moos der Felsen kräuselte sich bereits unter der sengenden Hitze, während die Rindenreste, die noch an den toten Bäumen hingen, sich von ihren Stämmen zu trennen begannen und als gerollte Massen zur Erde fielen. Die Luft schien unter den Hitzestrahlen zu beben und mit den vertrockneten Zweigen ihr Spiel zu treiben. Hin und wieder fegten dunkle Rauchwolken über die kleine Terrasse weg und erhöhten, während sie das Auge trübten, die Empfänglichkeit der übrigen Sinne für die Schrecken der Szene. In solchen Augenblicken vereinigte sich das Rauschen der Flammen, das Prasseln des wütenden Elements mit dem Knistern der fallenden Zweige, auch hin und wieder mit dem donnernden Widerhall irgendeines gestürzten Baumes, um die Angst der dem Tode Verfallenen zu steigern. Von den dreien war jedoch der Jüngling augenscheinlich der Aufgeregteste. Elisabeth hatte die Hoffnung auf Entkommen ganz aufgegeben und sah dem Ausgang mit jener gefaßten Ruhe entgegen, die man nicht selten sogar bei den Zartesten ihres Geschlechtes in der Lage eines unabwendbaren Übels antrifft, während Mohegan, der sich der Gefahr am nächsten befand, mit der durch nichts zu erschütternden Resignation eines indianischen Kriegers seinen Sitz beibehielt. Ein- oder zweimal wandte sich das Auge des betagten Häuptlings, das gewöhnlich in der Richtung der fernen Berge starrte, nach dem jungen Paar, das zu einem so frühen Tod verurteilt zu sein schien, und ein leichter Zug von Mitleid durchlief seine gefaßten Züge; dann aber kehrte er wieder zu seinen Bergen zurück, als blicke er bereits in den Schoß der Zukunft. Meist sang er dabei eine Art von Totenlied in der Sprache der Delawaren und in den tiefen eigentümlichen Kehllauten seines Volkes.

»In einem solchen Augenblick, Herr Edwards, hat aller Erdenunterschied ein Ende«, flüsterte Elisabeth. »Überreden Sie John, näherzukommen, damit wir zusammen sterben können.«

»Unmöglich, – er wird sich nicht von der Stelle bewegen«, versetzte der Jüngling in den gleichen, grausig leisen Tönen. »Er betrachtet dies als den glücklichsten Augenblick seines Lebens. Siebzig Winter sind über ihn hingegangen, und in der letzten Zeit hat er schnell abgenommen; auch erhielt er bei der Verfolgung des Unglückstieres auf dem See eine Verletzung. Ach, Miss Temple! das war in der Tat eine unglückliche Jagd; sie hat; wie ich fürchte, auch diese entsetzliche Szene herbeigeführt.«

Auf Elisabeths Antlitz strahlte ein Himmelslächeln, während sie sprach:

»Warum erwähnen Sie jetzt diese Kleinigkeit? In solchen Augenblicken ist das Herz tot für alle irdischen Gefühle.«

»Wenn etwas dem Menschen mit einem solchen Tod versöhnen kann«, rief der Jüngling, »so ist es der Gedanke, ihn in solcher Gemeinschaft zu erleiden!«

»Reden Sie nicht so, Edwards, reden Sie nicht so«, unterbrach ihn Miss Temple. »Ich kenne meinen Unwert, und Sie selbst tun sich unrecht. Wir müssen sterben, ja, – ja, – wir müssen sterben, – es ist der Wille Gottes und deshalb unsere Pflicht, uns ihm wie gehorsame Kinder zu unterwerfen.«

»Sterben!« rief der Jüngling verzweifelt. »Nein – nein – es muß noch Hoffnung da sein, – Sie wenigstens sollen, – dürfen nicht sterben.«

»Wie wäre es zu ändern?« fragte Elisabeth, indem sie mit einer himmlischen Ruhe auf das Feuer zeigte. »Sehen Sie! Die Flamme überschreitet die Grenzlinie des feuchten Grundes; sie kommt langsam, aber sicher näher. Ah! dort! Der Baum! Der Baum lodert bereits auf!«

Sie hatte nur zu wahr gesprochen. Die sengende Hitze war endlich Herr geworden über die widerstrebende Quelle, und das Feuer stahl sich langsam auf dem halbtrockenen Moose fort, während eine abgestorbene Fichte bei der Berührung mit einer Flammenzunge, die sich nur einen Moment um den Stamm des Baumes schlängelte, unter dem Einfluß des Windes hoch aufloderte. All dies war das Werk eines Augenblicks. Die Flammen tanzten an dem vertrockneten Stamm entlang wie rasch sich folgende Blitze, und unmittelbar darauf wütete eine lebende Feuersäule auf der Terrasse. Sie schoß von Baum zu Baum, und die Szene näherte sich ihrem Ende. Der Stamm, auf welchem Mohegan saß, brannte bereits an seinem äußersten Ende, und der Indianer schien ganz von Feuer umgeben. Er bewegte sich nicht. Sein schutzloser Körper mochte wohl schwer leiden, aber die Seelenstärke des Mannes überwand allen Schmerz. Man konnte sogar mitten in diesem Graus seine Stimme noch hören.

Elisabeth wandte das Auge von dem schrecklichen Anblick ab und sah nach dem Tal hinunter. Die Hitze erzeugte wütende Wirbelwinde, und in dem nämlichen Augenblick fegten sie die über dem Tal hängende Rauchwolke weg, um das friedliche Dorf zu ihren Füßen sichtbar zu machen.

»Mein Vater! – Mein Vater!« schrie Elisabeth. »Ach, – warum konnte mir dies nicht erspart werden! – Doch ich ergebe mich.«

Die Entfernung war nicht so weit, um nicht die Gestalt des Richters Temple unterscheiden zu lassen, der auf einem seiner Güter stand, augenscheinlich nichts von der Gefahr seines Kindes ahnte und den brennenden Berg betrachtete. Dieser Anblick war noch schmerzlicher als die so nahe Gefahr, und Elisabeth wandte sich wieder nach dem Berg um.

»Meine ungezügelte Hitze ist an all diesem schuld«, rief Edwards verzweifelt. »Hätte ich nur die Hälfte Ihrer himmlischen Ergebung besessen, Miss Temple, so wäre vielleicht noch alles gut gegangen.«

»Nichts mehr davon, – nichts mehr davon!« versetzte sie. »Wozu soll es nützen? Wir müssen sterben, Edwards, wir müssen sterben, – und so wollen wir es denn als Christen tun. Doch – nein – Sie können vielleicht noch entkommen. Ihre Kleidung ist Ihnen nicht so hinderlich wie mir die meinige. Fliehen Sie! Verlassen Sie mich, – doch halt! Sie werden meinen Vater sehen, meinen armen kinderlosen Vater! Sagen Sie ihm dann, Edwards, – sagen Sie ihm alles, was seinen Kummer beschwichtigen kann. Erzählen Sie ihm, daß ich glücklich und gefaßt starb, daß ich zu meiner lieben Mutter gegangen bin, daß die Stunden des Erdenlebens nichts sind, wenn sie in die Waagschale der Ewigkeit fallen. Sagen Sie ihm, daß wir uns wiedersehen werden. Und sagen Sie ihm«, fuhr sie fort, indem sie ihre Stimme, die sich mit ihren Gefühlen gesteigert hatte, dämpfte, als sei sie sich ihrer irdischen Schwäche bewußt, »wie innig, wie unaussprechlich innig meine Liebe zu ihm gewesen sei, – zu innig vielleicht, um nicht meiner Liebe zu Gott Eintrag zu tun!«

Der Jüngling horchte auf die rührenden Laute, jedoch ohne sich von der Stelle zu bewegen. Endlich fand er selbst die Sprache wieder und entgegnete: »Sie wollen mir gebieten, Sie zu verlassen, – Sie am Rand des Grabes zu verlassen? Ach, Miss Temple! wie wenig haben Sie mich gekannt!«

Er sank jetzt vor ihr auf die Knie nieder und umfaßte ihr fliegendes Gewand mit seinen Armen, als wolle er es gegen die Gier der Flammen schützen.

»Ich wurde voll Verzweiflung in die Wälder getrieben, aber Ihre Gesellschaft hat den Löwen in mir gezähmt. Wenn ich meine Zeit in einer entwürdigenden Stellung verbrachte, so war es der Zauber Ihrer Person, der mich dazu veranlaßte. Wenn ich meines Namens und meiner Familie vergaß, so trat Ihre Gestalt an die Stelle der Erinnerung; wenn ich den Rückblick auf erlittenes Unrecht aus meiner Seele bannte, so waren Sie es, die mich Vergebung lehrte. Nein – nein – teuerste Elisabeth, ich kann mit Ihnen sterben, aber nimmermehr Sie verlassen!«

Elisabeth antwortete nicht und stand regungslos. Es war klar, daß ihre Gedanken nicht mehr auf der Erde weilten. Die Erinnerung an ihren Vater und der Schmerz des Scheidens waren durch ein heiliges Gefühl gemildert, das sie über die Erdendinge erhob, und die Schwäche ihres Geschlechtes schwand hin vor dem Blick in die nahe Ewigkeit. Noch einmal wurde sie jedoch Weib, als sie diese Worte hörte. Sie kämpfte gegen ihre Gefühle und lächelte; denn sie glaubte jetzt den letzten Rest zeitlicher Fesseln abgestreift zu haben, als plötzlich die Welt mit all ihren Reizen aufs neue in den durchbohrenden Tönen einer menschlichen Stimme zu ihrem Herzen drang.

»Mädchen, wo bist du, Mädchen? Erfreue das Herz eines alten Mannes, wenn du noch den Lebenden angehörst!«

»Horch!« sagte Elisabeth; »das ist Lederstrumpf! Er sucht mich!«

»Es ist Natty!« jauchzte Edwards. »Wir können vielleicht noch gerettet werden!«

Eine weite, im Kreise umher aufblitzende Flamme überstrahlte für einen Augenblick sogar das Feuer der Wälder, und ein lauter Knall folgte.

»Das ist die Büchse! Das ist das Pulver!« rief dieselbe Stimme, augenscheinlich in größerer Nähe. »Ach, es ist die Büchse, und das kostbare Kind ist verloren!«

Im nächsten Augenblick tauchte Natty aus den Dämpfen der Quelle auf und wurde auf der Terrasse sichtbar: er hatte keine Mütze, das Haar seines Hauptes war versengt, sein gewürfeltes Hemd schwarz und voll Löcher, – und sein rotes Gesicht erschien infolge der Hitze dunkler als je.

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